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Politik

Vom „hybriden Krieg“ zum Wutbürger mit Selbstbau-Rakete

15 Kommentare 5. September 2026 5 Minuten Lesezeit von Jochen Mitschka

Zwei Meldungen dieser Tage lohnen den direkten Vergleich – nicht weil sie denselben Fall betreffen, sondern weil sie zeigen, wie unterschiedlich schnell Politik und Medien bei „mysteriösen“ Vorfällen mit dem Wort Russland bei der Hand sind.

Fall eins: Der Saboteur, der keiner Ideologie zugerechnet werden wollte. In Nordrhein-Westfalen und Brandenburg wurden in den vergangenen Wochen mehrere Umspannwerke mit selbstgebauten Raketen angegriffen – in Jänschwalde, Bergheim und Dormagen. Nach Recherchen der taz handelt es sich nun aber nicht um einen hybriden Krieg, sondern um einen studierten Mediziner aus Gevelsberg, der sich in handschriftlichen Bekennerschreiben zu den Taten bekannte. Sein Motiv: Ablehnung der fossilen Energieerzeugung, die er als Verbrechen bezeichnete. Bemerkenswert ist ein Detail, das in der ersten Berichterstattung unterging – der Mann bestand ausdrücklich darauf, dass die Anschläge nicht der „linken Szene“ zugeschrieben werden. Er wusste offenbar genau, in welche Schublade man ihn sonst stecken würde.

Fall zwei: Die Drohne, das Konsulat und die schnelle Schuldzuweisung

Ganz anders verlief die Reaktion auf den Vorfall am Flughafen Leipzig/Halle in der Nacht auf den 5. August: Eine mit Sprengstoff bestückte Drohne näherte sich einer ukrainischen Antonow An-124. Bereits am 1. September verkündeten Innenminister Dobrindt und Außenminister Wadephul öffentlich, Russland stecke dahinter – laut Berichten gestützt auf eine DNA-Spur, die allerdings nach Litauen und nicht direkt nach Russland führte, sowie auf technische Ähnlichkeiten zu bekannten russischen aber auch ukrainischen Drohnentypen. Die Folgen kamen postwendend: Schließung des russischen Generalkonsulats in Bonn, Ende des Kulturinstituts „Russisches Haus„, verschärfte Einreisekontrollen. Von der Leyen sicherte Kanzler Merz „volle Solidarität“ zu, NATO-Chef Rutte sprach von russischen Einschüchterungsversuchen. Moskau bestritt die Vorwürfe als „absurd“ – Putin wiederum warf Berlin vor, die Bedrohung durch ein „aggressives Russland“ zu konstruieren, um von innenpolitischen Problemen abzulenken.

Diese beiden Fälle haben nichts direkt miteinander zu tun. Unterschiedliche Tatmittel, unterschiedliche Ziele, unterschiedliche Täterprofile. Wer sie zu einer Geschichte verschmilzt, konstruiert einen Zusammenhang, den die Faktenlage nicht hergibt. Aber genau das wurde in der Vergangenheit immer wieder gemacht, um von einer „hybriden russischen Bedrohung“ zu reden.

Der eigentliche Punkt: das wiederkehrende Reflexmuster

Deshalb ist der Instinkt, misstrauisch zu werden, nicht unbegründet. Die Leipzig-Drohne war kein Einzelfall, sondern Teil einer Welle mysteriöser Drohnensichtungen, die seit September 2025 halb Europa in Atem hält: Kopenhagen und Oslo, mehrfach München, Berlin-Brandenburg, Bremen, belgische Militärbasen, das Atomkraftwerk Doel, sogar der Marinestützpunkt Île Longue mit Frankreichs U-Boot-Flotte. In fast allen Fällen: keine identifizierten Täter, keine abgeschossene Drohne, keine belastbare Zuordnung. Dänische Behörden sprachen von einem „fähigen Akteur„, ohne zu sagen, welchem. Dennoch wurde von Anfang an der Begriff „hybrider Krieg“ bemüht, und die politische Reaktion – Botschafter einbestellen, NATO-Präsenz erhöhen, Sanktionen androhen – folgte oft, bevor überhaupt eine Ermittlung abgeschlossen war.

Die Geschichte erinnert Analysten aber auch fatal an jene mysteriösen U-Boot-Sichtungen in Schweden, die Russland in der Ostsee zugeschrieben wurden, sich später aber fast immer als Fehlalarme herausstellten, die Kritikern zufolge zur Rechtfertigung von Rüstungsausgaben instrumentalisiert wurden.

Der Fall Daniel V. liefert dafür die Gegenprobe im Kleinen: Als es noch keinen Namen gab, war „linke Klimaszene“ die naheliegende Zuschreibung – und der Täter selbst wehrte sich ausdrücklich dagegen, in dieses Raster gepresst zu werden. Bei den Drohnenvorfällen ist das Raster ein anderes, aber die Mechanik dieselbe: Ein ungeklärtes Ereignis, ein politisch passender Verdächtiger, eine schnelle öffentliche Festlegung – und Monate später oft immer noch keine gerichtsfeste Aufklärung.

Die Gegenseite nicht verschweigen

Redlich bleibt nur, wer auch das Gegenargument nennt: Im Leipzig-Fall berufen sich die Behörden auf konkrete forensische Spuren (DNA, Bauteil-Ähnlichkeiten), nicht nur auf Vermutung – das unterscheidet diesen Fall von den meist täterlosen Sichtungen des Vorjahres. Wobei hier wenn es um „konkrete Spuren“ gaht auch Skepsis angesagt ist, wie man aus der Nawalny-Verschwörungstheorie weiß, welche auch schon zu Beschuldigungen, manche sagen „Dämonisierung“ Russland geführt hatten.

Nun behaupten westliche Experten, Russland habe im Ukraine-Krieg nachweislich Interesse daran, westliche Waffenlieferungen zu stören; ein Angriff auf ein Schwerguttransportflugzeug wäre kein abwegiges Motiv. Wer voreilige Verurteilung kritisiert, sollte nicht seinerseits in eine spiegelbildliche Vorverurteilung verfallen und jede Zuschreibung pauschal als Lüge abtun. Natürlich ist das möglich, und die Frage käme sogar auf, ob es nicht auch legitim wäre, schließlich hat die Ukraine auch mindestens ein iranisches Schiff angegriffen, weil der Iran angeblich Russland Waffen geliefert habe, und das Deutschland nicht unbedingt gestört hatte.

Was bleibt, ist die berechtigte Forderung: Zwischen einer forensisch gestützten Anschuldigung und einem politisch bequemen Reflex sollte sauberer unterschieden werden – von Politik wie von Medien.

Bild: Screenshot von Video über den Vorfall

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15 Kommentare

  1. Jurgen
    Antworten

    Da scheint selbst die Hisbollah effizienter zu sein, als diese Farce am Leipziger Flughafen… Der Faux-Pas des Kanzlers gehört ausgemerzt.

  2. Der Zivilist
    Antworten

    Wollt Ihr den totalen Krieg ?

    ‚unsere Demokratie‘ will ihn.

    Für ‚Sender Gleiwitz‘ zahlen wir heute Gladio

    Und der ’studierte Mediziner‘ attackiert Stromleitungen, weil er fossile Energie nicht mag, interessante Denke.

  3. Pusteblume
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    Dieser Arzt, der mit Raketen auf die Stromversorgungsanlagen zielen wollte, hat sicherlich dasselbe persönlichen psychische Problem, wie diejenigen das gehabt haben, die sich über Jahre hinweg an den Asphalt angeklebt oder Anschläge auf Flughafengelände getätigt hatten.

    Doch finde ich diesen Mann vergleichsweise harmlos zu den Kriegstreibern, die Krawatte tragen und über einen Sieg über Russland an Universitäten vor Publikum dozieren und für ihre Hetze noch staatlich finanziell alimentiert und Beamte sind.

  4. Pusteblume
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    „… Fall zwei: Die Drohne, das Konsulat und die schnelle Schuldzuweisung …“
    Hierzu ein Hetz-„Kommentar“ eines Ex-Bundeskriegsarmeegenerals, der aktuell als Dozent an der SPD-getränkten Universität Potsdam im Fach „Zeitgeschichte“ lehrt, in der Berliner Zeitung (online) vom 06. September 2026;
    siehe https://www.berliner-zeitung.de/article/schattenflotte-taurus-konten-putin-gegenueber-ganz-andere-seiten-aufziehen-10360599

    1. Andreas_Sch.
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      Nun, dieser „Brigadegeneral a.D.“ schreibt als würde es sich bei der BRD um einen richtigen Staat mit legitimen Interessen, innerhalb eines Verteidigungsbündnisses namens „NATO“ handeln. Aus dieser Sicht, sind die vorgebrachten „Argumente“ durchaus schlüssig. Nur fällt es mir schwer ihm diese Naivität abzukaufen. Zunächst war der russische Angriff auf dieses korrupte Staatsgebilde namens „Ukraine“ keine Reaktion auf die Osterweiterung des, ach so friedlichen, „Verteidigungsbündnisses“ sondern darauf, dass dieser „Staat“ seine eigenen Bürger, Zivilisten im Übrigen, militärisch terrorisiert hat … Ein Staat namens „USA“ hat schon wegen wesentlich weniger angeblich ach so souveräne Staaten überfallen. Dann kritisiert er „Whataboutism“, wenn man auf Trump rekurriert. Die USA gehören also nicht zu diesem friedlichen „Verteidigungsbündnis“, welches niemals nicht und auf keinen Fall für irgendjemanden eine Bedrohung darstellen könnte. Dass die Russen auch nicht die herzensguten und über jeden Zweifel erhabenen Retter der Galaxis sind, wie es manche gerne hätten – geschenkt! Aber, wenn auch dieser Autor nicht damit rechnen sollte, dass man ihm diese naive Kleinmädchensichtweise abnimmt, muss man bedenken, dass es genug Leute gibt, die die Welt genauso sehen, schon weil sie gar keine andere Möglichkeit haben.

  5. 1150
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    der hybride krieg deutschlands gegen russland begann schon mit merkels ersten sanktionen,
    mit dem ziel, russland wirtschaftlich ernsthaft zu schwächen und die regierung putin zu stürzen.
    wehe, wenn die falken in moskau ans ruder kommen sollten ……..

    1. Pusteblume
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      Putin finde ich, war naiv, sich auf Gespräche mit den USSA-Amerikanern (Falken) aus dem Tiefen Staat einzulassen.

      1. Jurgen

        Ich denke, man muss unbedingt immer diplomatisch dranbleiben, um später nicht im Dunkeln zu stehen. Wer mauert (wie die EU) hat schon im Vorfeld verloren…

  6. Varus
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    Aber genau das wurde in der Vergangenheit immer wieder gemacht, um von einer „hybriden russischen Bedrohung“ zu reden.

    Frau Flak-Rheinmetall erzählt sogar, Putin stehe hinter der Invasion Ceutas – obwohl Marokko gar nicht mit Russland, sondern mit USrael verbündet ist.

  7. therMOnukular
    Antworten

    Ich habe mir die Gelegenheit natürlich nicht nehmen lassen, den ORF daran zu erinnern, dass er sich Tags zuvor noch ganz sicher war „der Russe“…..;))

    Es ist schon wirklich befremdlich, wie viel Feindbild-Propaganda unseren „Qualitätsjournalisten“ von der Feder rinnt – und wie unbeschwert.
    Vollkommen Scham-befreit.

  8. Wolliku
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    Dilletantische Drohnenangriffe auf die Antonows in Leipzig in den hybriden Krieg der Russen einzuordnen, ist quasi abenteuerlich. So unfähig sollen diese Wegwerf-Agenten der Russen wirklich agieren? Oder haben nicht Ukrainer oder Litauer ein viel größeres Interesse mit diesen lächerlichen false flag Aktivitäten (mit gespielter Leichtigkeit – grins) die russophoben Paniker der Nato für ihre Zwecke zu mobilisieren? Wir kennen doch die Pappenheimer des Propagandakriegs allesamt bestens, schließlich gibt es produktiven Staatsterror (aus befreundeten Staaten) der nicht aufgeklärt werden darf (s. Nordstream pipelines) oder fake-Massaker wie in Raçak im Kosovo, das Event für die Deutschen (unter Kanzler Schröder/Außenminister Fischer) völkerrechtswidrig Natobomben auf Serbien zu werfen und von Butscha in der Ukraine will sowieso keine unabhängige Instanz irgendetwas wirklich Fundiertes sagen. Zu lukrativ ist es, die Öffentlichkeit propagandistisch hinter die Fichte zu führen. Die Deutschen allerdings wissen es mittlerweise: ihre zig- über zig- Milliarden an Steuergeldern zum Ballern in die Ukraine geschickt, werden unsere Freiheit nicht stärken, sondern bringen uns allenfalls den dritten Weltkrieg. Gut das nicht Donald Trump im Kreml sitzt, sondern Putin. Sonst würden wir aus meiner Sicht hier längs mit strahlenden Gesichtern über die Machenschaften des aggressivsten Militärbündnis nach dem Zweiten Weltkrieg diskutieren. Das ist die Nato. Wir Deutsche sollten uns schämen als Vasallen der Amerikaner und Briten in den Bruderzwist der Ostslawen Partei ergriffen zu haben. Wir haben uns politisch für die Nazis in Kiew entschieden, vergessen wurden dabei unsere Schandtaten des millionenfachen Mordens in Russland und von Dankbarkeit für eine friedliche Wiedervereinigung unseres Landes für ’nen Appel und ’nen Ei kann überhaupt keine Rede mehr sein. Wenn wir für unsere Missetaten in naher Zukunft eine Rechnung bekommen, es würde mich nicht erstaunen.

    1. palman
      Antworten

      @Werter Wolliku et al. – sorry – evtl. mal mehr „lese-freundliche“ Absätze „einfügen“ !?! – ist eigtl. eine unverschä…. Zumutung – so eine „Pfeffer- und Salz-TeppichFliese“ ;-)))

  9. VerarmterAdel
    Antworten

    Interessantes YT-Video von Jörn Berninger: „Letzte Ausfahrt Spannungsfall – Jetzt kommt der Wehrdienst“

    1. Pusteblume
      Antworten

      Sehr aufschlussreich und interessant, was der Blogger zu sagen hat.

  10. Waldgaengerin
    Antworten

    Na ja ….
    beim Wort „Wutbürger“ mußte ich eher an Andreas Breivik denken.

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