
Vom „hybriden Krieg“ zum Wutbürger mit Selbstbau-Rakete
Zwei Meldungen dieser Tage lohnen den direkten Vergleich – nicht weil sie denselben Fall betreffen, sondern weil sie zeigen, wie unterschiedlich schnell Politik und Medien bei „mysteriösen“ Vorfällen mit dem Wort Russland bei der Hand sind.
Fall eins: Der Saboteur, der keiner Ideologie zugerechnet werden wollte. In Nordrhein-Westfalen und Brandenburg wurden in den vergangenen Wochen mehrere Umspannwerke mit selbstgebauten Raketen angegriffen – in Jänschwalde, Bergheim und Dormagen. Nach Recherchen der taz handelt es sich nun aber nicht um einen hybriden Krieg, sondern um einen studierten Mediziner aus Gevelsberg, der sich in handschriftlichen Bekennerschreiben zu den Taten bekannte. Sein Motiv: Ablehnung der fossilen Energieerzeugung, die er als Verbrechen bezeichnete. Bemerkenswert ist ein Detail, das in der ersten Berichterstattung unterging – der Mann bestand ausdrücklich darauf, dass die Anschläge nicht der „linken Szene“ zugeschrieben werden. Er wusste offenbar genau, in welche Schublade man ihn sonst stecken würde.
Fall zwei: Die Drohne, das Konsulat und die schnelle Schuldzuweisung
Ganz anders verlief die Reaktion auf den Vorfall am Flughafen Leipzig/Halle in der Nacht auf den 5. August: Eine mit Sprengstoff bestückte Drohne näherte sich einer ukrainischen Antonow An-124. Bereits am 1. September verkündeten Innenminister Dobrindt und Außenminister Wadephul öffentlich, Russland stecke dahinter – laut Berichten gestützt auf eine DNA-Spur, die allerdings nach Litauen und nicht direkt nach Russland führte, sowie auf technische Ähnlichkeiten zu bekannten russischen aber auch ukrainischen Drohnentypen. Die Folgen kamen postwendend: Schließung des russischen Generalkonsulats in Bonn, Ende des Kulturinstituts „Russisches Haus„, verschärfte Einreisekontrollen. Von der Leyen sicherte Kanzler Merz „volle Solidarität“ zu, NATO-Chef Rutte sprach von russischen Einschüchterungsversuchen. Moskau bestritt die Vorwürfe als „absurd“ – Putin wiederum warf Berlin vor, die Bedrohung durch ein „aggressives Russland“ zu konstruieren, um von innenpolitischen Problemen abzulenken.
Diese beiden Fälle haben nichts direkt miteinander zu tun. Unterschiedliche Tatmittel, unterschiedliche Ziele, unterschiedliche Täterprofile. Wer sie zu einer Geschichte verschmilzt, konstruiert einen Zusammenhang, den die Faktenlage nicht hergibt. Aber genau das wurde in der Vergangenheit immer wieder gemacht, um von einer „hybriden russischen Bedrohung“ zu reden.
Der eigentliche Punkt: das wiederkehrende Reflexmuster
Deshalb ist der Instinkt, misstrauisch zu werden, nicht unbegründet. Die Leipzig-Drohne war kein Einzelfall, sondern Teil einer Welle mysteriöser Drohnensichtungen, die seit September 2025 halb Europa in Atem hält: Kopenhagen und Oslo, mehrfach München, Berlin-Brandenburg, Bremen, belgische Militärbasen, das Atomkraftwerk Doel, sogar der Marinestützpunkt Île Longue mit Frankreichs U-Boot-Flotte. In fast allen Fällen: keine identifizierten Täter, keine abgeschossene Drohne, keine belastbare Zuordnung. Dänische Behörden sprachen von einem „fähigen Akteur„, ohne zu sagen, welchem. Dennoch wurde von Anfang an der Begriff „hybrider Krieg“ bemüht, und die politische Reaktion – Botschafter einbestellen, NATO-Präsenz erhöhen, Sanktionen androhen – folgte oft, bevor überhaupt eine Ermittlung abgeschlossen war.
Die Geschichte erinnert Analysten aber auch fatal an jene mysteriösen U-Boot-Sichtungen in Schweden, die Russland in der Ostsee zugeschrieben wurden, sich später aber fast immer als Fehlalarme herausstellten, die Kritikern zufolge zur Rechtfertigung von Rüstungsausgaben instrumentalisiert wurden.
Der Fall Daniel V. liefert dafür die Gegenprobe im Kleinen: Als es noch keinen Namen gab, war „linke Klimaszene“ die naheliegende Zuschreibung – und der Täter selbst wehrte sich ausdrücklich dagegen, in dieses Raster gepresst zu werden. Bei den Drohnenvorfällen ist das Raster ein anderes, aber die Mechanik dieselbe: Ein ungeklärtes Ereignis, ein politisch passender Verdächtiger, eine schnelle öffentliche Festlegung – und Monate später oft immer noch keine gerichtsfeste Aufklärung.
Die Gegenseite nicht verschweigen
Redlich bleibt nur, wer auch das Gegenargument nennt: Im Leipzig-Fall berufen sich die Behörden auf konkrete forensische Spuren (DNA, Bauteil-Ähnlichkeiten), nicht nur auf Vermutung – das unterscheidet diesen Fall von den meist täterlosen Sichtungen des Vorjahres. Wobei hier wenn es um „konkrete Spuren“ gaht auch Skepsis angesagt ist, wie man aus der Nawalny-Verschwörungstheorie weiß, welche auch schon zu Beschuldigungen, manche sagen „Dämonisierung“ Russland geführt hatten.
Nun behaupten westliche Experten, Russland habe im Ukraine-Krieg nachweislich Interesse daran, westliche Waffenlieferungen zu stören; ein Angriff auf ein Schwerguttransportflugzeug wäre kein abwegiges Motiv. Wer voreilige Verurteilung kritisiert, sollte nicht seinerseits in eine spiegelbildliche Vorverurteilung verfallen und jede Zuschreibung pauschal als Lüge abtun. Natürlich ist das möglich, und die Frage käme sogar auf, ob es nicht auch legitim wäre, schließlich hat die Ukraine auch mindestens ein iranisches Schiff angegriffen, weil der Iran angeblich Russland Waffen geliefert habe, und das Deutschland nicht unbedingt gestört hatte.
Was bleibt, ist die berechtigte Forderung: Zwischen einer forensisch gestützten Anschuldigung und einem politisch bequemen Reflex sollte sauberer unterschieden werden – von Politik wie von Medien.
Bild: Screenshot von Video über den Vorfall
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