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Politik

Comedian, Rapper, Drehbuch: Wie Farbrevolutionen tatsächlich finanziert werden

6 Kommentare 26. September 2026 6 Minuten Lesezeit von Jochen Mitschka

Anlässlich einer Rede des neuen Regierungschefs von Nepal in der UN-Generalversammlung kam im Internet eine Diskussion auf, wie erfolgreich immer noch RegimeChange zugunsten der US-Außenpolitik mit Hilfe von Farbrevolutionen sei. Als Beispiel wurden Selenskyj in der Ukraine und eben einen Rapper in Nepal genannt.

Der virale Vergleich – Selenskyj in Kiew, Balen Shah in Kathmandu, „ein Werkzeugkasten“ – trifft einen wahren Kern: Es gibt ein dokumentiertes Ökosystem aus US-Institutionen, das seit Jahrzehnten Jugend- und Zivilgesellschaftsnetzwerke in strategisch wichtigen Ländern finanziert, und es gibt eine wiederkehrende Methodik, mit der aus Straßenprotest ein Machtwechsel wird. Aber die beiden Fälle sind nicht gleich gut belegt, und wer sie unterschiedslos gleichsetzt, macht es den Verteidigern des Status quo leicht, die berechtigten Fragen als Verschwörungstheorie abzutun. Im Folgenden die Mechanik, die Zahlen und die Unterschiede.

Der Werkzeugkasten: NED, USAID, IRI/NDI, CEPPS

Das zentrale Instrument ist der National Endowment for Democracy (NED), 1983 vom US-Kongress als scheinbar private Stiftung gegründet, tatsächlich aber vollständig aus dem Bundeshaushalt finanziert. Der Zweck der Umwandlung von verdeckter in offene Einflussnahme wurde von NED-Mitgründer Allen Weinstein selbst 1991 benannt: Vieles von dem, was die Organisation heute tue, sei „25 Jahre zuvor verdeckt von der CIA gemacht worden“ – ein Zitat, das seither in praktisch jeder kritischen Analyse der NED auftaucht.

NED finanziert nicht direkt, sondern über vier „Kernstiftungen“, darunter das International Republican Institute (IRI) und das National Democratic Institute (NDI), sowie über das Konsortium CEPPS (Consortium for Elections and Political Process Strengthening), einen Zusammenschluss von IRI, NDI und IFES, der Wahlbeobachtung, Parteienaufbau und „Führungskräfte“-Trainings in Zielländern durchführt. Ergänzt wird das durch USAID-Programme zu „Good Governance“ und „Civil Society Strengthening“ – offiziell Entwicklungshilfe, in der Praxis oft Trägerin derselben Netzwerke.

Die methodische Blaupause liefert der 2018 verstorbene Politikwissenschaftler Gene Sharp mit seinem Handbuch „From Dictatorship to Democracy“, das über sein Albert Einstein Institution verbreitet wurde – einer Organisation, die selbst NED-Gelder erhielt. Die serbische Jugendbewegung Otpor, die im Jahr 2000 Slobodan Milošević stürzte, arbeitete direkt nach Sharps Katalog von 198 Methoden gewaltlosen Handelns; ihre Gründer Srđa Popović und Slobodan Đinović exportierten das Modell danach über ihre Organisation CANVAS in mehr als 30 Länder – darunter Georgiens Kmara (Rosenrevolution 2003) und die ukrainische Jugendbewegung Pora (Orange Revolution 2004), deren Aktivisten in Interviews offen bestätigten, Sharps Buch als „Bibel“ genutzt zu haben.

Fallbeispiel Ukraine: gut belegt für 2004 und 2014 – schwach belegt für Selenskyj selbst

Für die Maidan-Proteste 2013/14 ist die Finanzierungsspur relativ offen dokumentiert. Laut NEDs eigenem Jahresbericht flossen zwischen 2011 und 2014 rund 14 Millionen US-Dollar an ukrainische Nichtregierungsorganisationen; das US Government Accountability Office bezifferte die USAID-Ausgaben allein bis November 2014 auf etwa 373 Millionen Dollar, eingebettet in ein Gesamtvolumen von gut 1 Milliarde Dollar an „Ukraine-Projekten“. Bei der Orangen Revolution 2004 finanzierte USAID unter anderem das Wahlbeobachtungsnetzwerk Komitee der Wähler der Ukraine, das die Legitimität der damaligen Wahl anzweifelte.

Was die eingangs zitierte Erzählung jedoch überdehnt: Wolodymyr Selenskyj selbst wurde nicht über dieses NGO-Netzwerk aufgebaut. Seine politische Karriere verdankt sich in erster Linie dem Oligarchen Ihor Kolomojskyj, dessen Sender 1+1 die Satireserie „Diener des Volkes“ produzierte und ausstrahlte, mit der Selenskyj ab 2015 zur landesweiten Symbolfigur wurde. Die Partei „Diener des Volkes“ entstand 2018 aus dieser Fernsehmarke, nicht aus einer NED-finanzierten Zivilgesellschaftsstruktur. Das heißt nicht, dass die post-Maidan-Institutionenlandschaft irrelevant für sein Umfeld war – aber die Behauptung, er sei „aus denselben NED/USAID/IRI-Netzwerken hervorgegangen“ wie Balen Shah, lässt sich anhand der öffentlich bekannten Faktenlage für seine Person nicht in gleicher Schärfe belegen wie für Nepal.

Allerdings: Selenskyj wäre niemals Präsident geworden, wenn es nicht den gewaltsamen Putsch im Jahr 2014 auf dem Maidan gegeben hätte, dessen Finanzierung maßgeblich durch die USA und einige, später davon profitierenden Oligarchen gesichert worden wäre. Wer erinnert sich nicht an die Worte von Victoria Nuland, dass die USA fünf Milliarden US-Dollar ausgegeben hatten. Und darin enthalten waren nicht die Zahlungen von US-Oligarchen wie Soros und deren „Stiftungen“. Gewählt worden war Selenskyj hauptsächlich weil er versprach, den durch den Putsch entstandenen Bürgerkrieg zu beenden. Später tat er das Gegenteil, nicht zuletzt unter dem Druck von extremistischen Nationalisten einerseits und westlichen Kriegsförderern andererseits. Also hatte eine Farbrevolution Selenskyj indirekt an die Macht gebracht.

Fallbeispiel Nepal: die bislang konkreteste Beleglage

Der Fall Nepal ist tatsächlich der besser dokumentierte von beiden. Recherchen von The Grayzone auf Basis geleakter interner Unterlagen zeigen, dass IRI zwischen 2021 und 2022 rund 350.000 US-Dollar in ein Programm namens „Yuva Netritwa: Paradarshi Niti“ (Jugendführung: Transparente Politik) investierte. Das Curriculum umfasste laut den Dokumenten explizit Schulungen in „Strategien und Fähigkeiten zur Organisation von Protesten und Demonstrationen“ sowie digitale Mobilisierungstechniken – vorbereitend, wie IRI selbst notierte, auf die Fortsetzung der „Enough is Enough“-Proteste von 2020.


Dazu kommen laut NEDs eigenen, öffentlich einsehbaren Förderlisten für das Haushaltsjahr 2024 ein Zuschuss von 65.000 Dollar für „Promoting Youth Civic Engagement and Movement Building“ sowie eine im Mai 2022 geschlossene USAID-Rahmenvereinbarung über 402,7 Millionen Dollar, von der 158 Millionen Dollar für „Governance“ und Zivilgesellschaftsarbeit bis Anfang 2025 vorgesehen waren – Zahlen, die unter anderem von Republic World aus denselben Leaks zusammengetragen wurden.

Am konkretesten wird der Vorwurf einer gezielten Personalauswahl in einer zweiten Grayzone-Recherche vom September 2026: Sie beschreibt, dass sowohl Balen Shah als auch der spätere Innenminister Rabi Lamichhane über CEPPS-Programme geschult und in ihrer politischen Karriere gefördert worden seien, bevor die „gewaltlosen“ Proteste vom September 2025 – bei denen laut Zählungen 76 Menschen starben und das Parlamentsgebäude in Flammen aufging – die damalige Regierung von Premierminister K. P. Sharma Oli stürzten. Nach der Übergangsregierung unter der früheren Chefrichterin Sushila Karki gewann Shahs Partei Rastriya Swatantra Party im März 2026 die Wahl deutlich; er wurde am 27. März 2026 als Premierminister vereidigt.

Der geopolitische Hintergrund

IRI selbst rahmte sein Engagement in Nepal laut den geleakten Unterlagen offen geostrategisch: Ziel sei, Nepal als Teil einer Eindämmungsstrategie gegenüber China und einer Ausbalancierung Indiens zu positionieren. Diese Lesart deckt sich mit der Beobachtung, dass die Regierung nach dem Umbruch chinesische Belt-and-Road-Projekte in Nepal spürbar verlangsamt hat, während US-Programme sichtbarer wurden – kurz nach den Kürzungen bei USAID unter der Trump-Administration versuchten laut Fortune private, US-nahe Initiativen bereits, in die entstandene Lücke zu stoßen.

Fazit

Der „Werkzeugkasten“ existiert nachweislich: eine seit 1983 institutionalisierte Architektur aus NED, IRI, NDI, CEPPS und USAID, ergänzt durch eine von Gene Sharp und CANVAS verbreitete Protestmethodik. Für Nepal 2025 liegen dazu inzwischen konkrete, mit Dollarbeträgen und Programmnamen versehene Belege vor.


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6 Kommentare

  1. cwsuisse
    Antworten

    In punkto Selenskyj bin ich etwas anderer Meinung. Bekanntlich herrschten zur Zeit des Maidan-Putsches in der Ukraine ein Dutzend Grossfürsten aka Oligarchen von denen jeweils die Hälfte zum Russen- und EU-Lager gehörte. Kolomojskyj schlug sich ins EU-Lager. Später zahlte (bestach) er den Nichtsnutz Selenskyj mit 40 Mio. USD für die Bereitschaft den Präsidenten zu mimen. Das ist gut dokumentiert und öffentlich geworden durch den Skandal um die karibische Briefkastengesellschaft bei der zahlreiche Persönlichkeiten aus der internationalen Bestechungsszene eingemietet waren.

  2. Dr. Rolf Lindner
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    Kurios – das westliche System geht seinem Untergang entgegen und versucht gleizeitig dieses System Ländern aufzudrücken, die bisher davon verschont geblieben waren. Was für Kreaturen müssen das sein, die sich diesem System andienen?

    1. cwsuisse
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      I could’nt agree more! Es geht darum den Systemvergleich unmöglich zu machen. Deswegen wurde ja auch die russische Presse in der EU verboten. Es soll nicht bekannt werden, dass in Russland vieles besser ist als in Europa (bessere Bedingungen für Unternehmer, minimale Verschuldung auf allen Ebenen, kein grüner Irrsinn, keine Massenimmigration der Unqualifizierten, kein ausufernder Sozialstaat, bessere Opernhäuser etc. etc.)

  3. Peter-Schmidt-News
    Antworten

    Nicht vergessen, die „privaten“ Investoren/Akteure des Tiefen Staats, allen voran George Soros mit seiner „Open Society Foundations“ und „International Renaissance Foundation (IRF)“, mit denen er zahlreiche ukrainische Nichtregierungsorganisationen, Gemeindegruppen und Einrichtungen, sowie Verlage mit Millionengeldern förderte.

    1. cwsuisse
      Antworten

      Soros ist Investor und er fördert nicht, sondern er investiert und hat sich in der Ukraine sehr gross eingekauft. Ein Fall von Altersirrsinn. Aber da hat er sich verkalkuliert. Die Wertberichtigungen lauern bereits hinter der nächsten Ecke.

  4. Andreas_Sch.
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    Diese Strukturen sind gut vernetzt und vor allem: Entschlossen!

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