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Politik

Werden die Philippinen zum nächsten „Ukraine-Fall“?

0 Kommentare 19. September 2026 8 Minuten Lesezeit von Jochen Mitschka

Ein neues Video aus dem Südchinesischen Meer verändert die erste Erzählung über einen Zwischenfall zwischen China und den Philippinen. Es zeigt nicht einfach einen chinesischen Küstenwachverband, der ein philippinisches Versorgungsschiff rammt – sondern zwei Schiffe, die sich innerhalb weniger Minuten zweimal gefährlich kreuzen. Aber der Vorfall ist nur die Eisbergspitze eines sich abzeichnenden Konfliktes.

Am Freitag, dem 18. September, kollidierten nahe Xianbin Jiao – international meist Sabina oder Escoda Shoal genannt – das chinesische Küstenwachschiff CCG-21585 und das philippinische BFAR-Schiff BRP Datu Magat Salamat. Der Ort liegt rund 54 Seemeilen vor Palawan und damit innerhalb der von Manila beanspruchten ausschließlichen Wirtschaftszone. Beide Seiten präsentierten anschließend diametral entgegengesetzte Versionen des Geschehens. Aber eine Seite legt die Beweise vor.


Der zweite Blick auf die Kollision bei Xianbin Jiao

Die philippinische Küstenwache erklärte, das chinesische Schiff habe zunächst gegen 11:04 Uhr das Heck des philippinischen Schiffes in nur etwa zehn Metern Abstand gekreuzt. Neun Minuten später habe es dasselbe Manöver wiederholt und dabei die Datu Magat Salamat getroffen. Das philippinische Schiff war nach offizieller Darstellung unterwegs, um Fischern Treibstoffhilfe zu bringen.

Das von chinesischer Seite veröffentlichte und von chinesischen Medien verbreitete Frontkameravideo legt allerdings eine andere Perspektive nahe. Darin ist zu sehen, wie das philippinische Schiff zweimal vor dem Bug des chinesischen Schiffes kreuzt; beim zweiten Manöver kommt es zur Kollision. Nach Angaben der Global Times liegen zwischen den beiden Begegnungen weniger als zehn Minuten.

China behauptet deshalb, das philippinische Schiff habe wiederholte Warnungen ignoriert, seinen Kurs geändert und plötzlich beschleunigt, um vor dem chinesischen Schiff vorbeizuziehen. Die chinesische Küstenwache bezeichnete die Kollision als alleinige Verantwortung des philippinischen Schiffes.

Das bedeutet nicht automatisch, dass damit jede chinesische Darstellung bewiesen wäre. Ein einzelnes Kamerabild zeigt einen Ausschnitt des Geschehens und beantwortet nicht jede Frage nach Funkverkehr, vorherigen Kursänderungen oder den jeweiligen Navigationsentscheidungen. Aber es widerlegt zumindest die einfache Darstellung eines Vorgangs, bei dem ein philippinisches Schiff lediglich auf seinem Kurs fuhr und von einem chinesischen Schiff überraschend gerammt wurde.

Und genau deshalb ist das Video politisch interessanter als die Beschädigung am Schiff.

Vom Treibstofftransport zum geopolitischen Ereignis

Der Treibstoff ist real. Die Datu Magat Salamat gehört zum philippinischen Bureau of Fisheries and Aquatic Resources und befand sich nach Angaben Manilas tatsächlich auf einer Mission zur Unterstützung von Fischern. Beschädigt wurden unter anderem Relingteile und Deckstrukturen; Verletzte wurden nicht gemeldet. Doch aus einem Versorgungseinsatz wird im Informationskrieg sehr schnell etwas Größeres.

Manila spricht von einem Angriff auf ein ziviles Regierungsschiff auf einer humanitären und wirtschaftlichen Mission. Peking spricht von einer philippinischen Provokation und einem gefährlichen Manöver. Beide Regierungen versuchen damit nicht nur zu erklären, was passiert ist, sondern auch, welcher Rahmen zur Interpretation des Ereignisses gelten soll.

Das ist inzwischen ein bekanntes Muster im Südchinesischen Meer: Konfrontation, Video, Pressemitteilung, diplomatische Proteste – und anschließend die Berufung auf internationales Recht.

Die Philippinen als Frontstaat

Der strategische Hintergrund ist tatsächlich größer als ein einzelnes Fischereifahrzeug.

Seit dem Amtsantritt des rechtsgerichteten Präsidenten Ferdinand Marcos Jr. haben Manila und Washington ihre militärische Zusammenarbeit erheblich ausgeweitet. 2023 wurden im Rahmen des Enhanced Defense Cooperation Agreement (EDCA) vier zusätzliche Standorte vereinbart – darunter Balabac in Palawan sowie Einrichtungen in Cagayan und Isabela. Damit stieg die Zahl der EDCA-Standorte auf neun. Washington erklärte ausdrücklich, die Erweiterung solle unter anderem die Interoperabilität verbessern und gemeinsame Reaktionen auf sicherheitspolitische Herausforderungen ermöglichen.

Auch gemeinsame Übungen und maritime Aktivitäten wurden ausgebaut. Die USA haben zugleich klargestellt, dass der amerikanisch-philippinische Verteidigungsvertrag nach ihrer Auslegung bewaffnete Angriffe auf philippinische Streitkräfte, öffentliche Schiffe und Flugzeuge – einschließlich der Küstenwache – im Südchinesischen Meer erfassen kann.

Das ist ein wesentlicher Punkt: Jeder Zwischenfall mit einem philippinischen Regierungsschiff findet heute in einem Umfeld statt, in dem ein amerikanischer Bündnispartner sehr viel stärker involviert ist als noch vor einigen Jahren.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Washington jeden Zusammenstoß automatisch als bewaffneten Angriff behandeln müsste. Der konkrete Umfang der Beistandsverpflichtung hängt von den Umständen und der rechtlichen Einordnung eines Ereignisses ab.

Die Vorstellung, die Philippinen würden von Washington „als Ukraine“ eingesetzt, ist daher noch eine politische Interpretation – keine feststehende Tatsache. Was sich beobachten lässt, ist etwas Präziseres: Manila baut seine militärischen Beziehungen zu den USA aus, während Washington seine Präsenz und Interoperabilität im westlichen Pazifik stärkt. Gleichzeitig versucht China, seine Kontrolle und seinen Einfluss in den umstrittenen Gewässern aufrechtzuerhalten.

So wie die Osterweiterung der NATO den USA dienten, um Russlands Einfluss „einzudämmen“, so arbeiten die US-Regierungen daran, asiatische Partner zur „Eindämmung“ Chinas zu instrumentalisieren.

Die „zivilen Missionen“

Interessant ist dabei die Rolle philippinischer ziviler beziehungsweise zivilgesellschaftlicher Gruppen.

Die Atin Ito Coalition organisiert tatsächlich Fahrten in die West Philippine Sea, darunter Versorgungsmissionen nach Pag-asa Island. Bei der vierten Mission im April/Mai 2026 wurden nach eigenen Angaben unter anderem Lebensmittel und Treibstoff transportiert; außerdem gab es kulturelle Aktionen und eine symbolische Jetski-Fahrt mit philippinischer Flagge.

Die politische Dimension ist dabei kein Geheimnis. Atin Ito wird unter anderem von Akbayan-Politikern und Aktivisten getragen und beschreibt seine Missionen ausdrücklich als Aktionen zur Verteidigung philippinischer Rechte in der „West Philippine Sea“. Das soll einen anderen Eindruck erzeugen als der Vorwurf, es handle sich um eine von ausländischen Regierungen gesteuerte Inszenierung.

Auch das Stanford-nahe SeaLight/Gordian Knot Center beschäftigt sich mit der philippinischen Strategie der sogenannten „assertive transparency“ – also damit, chinesische Aktivitäten öffentlich zu dokumentieren und damit den Informationsraum zu beeinflussen. Der Projektleiter Ray Powell ist zufällig ein ehemaliger US-Air-Force-Offizier.

Und dann ist da noch Huangyan

Nur knapp vier Wochen vor der Kollision kam es zu einem weiteren Vorfall.

Am 21. August erklärte das chinesische Militär, drei kleine philippinische Flugzeuge – ein Islander, eine C-208 und eine PA-31T – seien ohne chinesische Genehmigung in den Luftraum über Huangyan Dao, also Scarborough Shoal, eingedrungen. Chinesische Luft- und Seestreitkräfte hätten sie verfolgt und gewarnt. Reuters berichtete über die chinesische Darstellung; eine unmittelbare Stellungnahme der philippinischen Botschaft lag Reuters zu diesem Zeitpunkt nicht vor.

Auch hier sollte man vorsichtig mit der Sprache sein. Ob man von einem „Eindringen in chinesischen Luftraum“ oder von einem Flug über ein umstrittenes Gebiet spricht, hängt bereits von der zugrunde gelegten Rechtsposition ab.

Das Muster ist dennoch bemerkenswert: See und Luft werden zunehmend zu Schauplätzen einer Politik, in der jede physische Präsenz zugleich eine Botschaft ist.

Was das neue Video tatsächlich zeigt

Die vielleicht wichtigste Lehre des aktuellen Vorfalls ist deshalb nicht, dass China „unschuldig“ oder die Philippinen „schuld“ seien. Sie lautet: Die erste Version eines Zwischenfalls ist nicht zwangsläufig die belastbarste. Eine Regel, die man in allen Konflikten beherzigen sollte.

Und je stärker zivile Schiffe, Fischereifahrzeuge, Flugzeuge, Küstenwachen und militärische Bündnisse miteinander verschränkt werden, desto kleiner kann der ursprüngliche Anlass sein, während die möglichen politischen Folgen immer größer werden.

Zusammenfassung

Nicht jeder Treibstofftransport ist eine geopolitische Operation. Aber auch nicht jeder „kleine Zwischenfall“ bleibt ein kleiner Zwischenfall. Die Philippinen müssen aufpassen, nicht wie die Ukraine in einem Stellvertreterkrieg verheizt zu werden.

Der letzte Präsident, der sich für eine friedliche Kooperation mit China ausgesprochen hatte, steht nun vor Gericht in Den Haag, auf Betreiben der USA-Regierung, welche in anderen Fällen Richter des Gerichts sanktionierte, und das Gericht für irrelevant erklärt hatte. Der Vorwurf: Menschenrechtsverbrechen bei der Bekämpfung des Drogenhandels. Der Vorwurf kommt von einer Regierung, die selbst dutzende von angeblichen Drogenbooten versenkte und hunderte von Menschen bei der Entführung eines Präsidenten, der angeblich Drogenhändler sei, tötete und anschließend die Kontrolle über das Land übernahm. Und dann stolz erklärte, dass das Öl des Landes nun den USA „gehöre„.

Bild: Screenshot von Video über den Konflikt

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