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Politik

Die USA als Kolonialmacht: Warum Washington gegen eine korrekte Weltkarte stimmte

0 Kommentare 12. September 2026 6 Minuten Lesezeit von Dr. Peter F. Mayer

Die USA sind eine Kolonialmacht und haben die früheren europäischen Kolonien zu einem großen Teil übernommen. Sie verteidigen ihre Position etwa in Westasien mit Klauen und Zähnen. Das zeigt sich kürzlich, als sie gegen 164 andere Nationen stimmten – allein, isoliert, und mit einer Begründung, die selbst den abgebrühtesten Beobachter stutzen lässt.

Gegenstand der Abstimmung war keine Waffenlieferung, keine Sanktion, kein geopolitischer Schachzug im engeren Sinne. Es ging um etwas scheinbar Banales: eine Weltkarte, die die Größenordnungen richtig darstellt. Wie TKP berichtete, ist die Mercator-Projektion bislang die Standarddarstellung, eingeführt im Jahr 1569 durch den europäischen Geographen Gerardus Mercator.

Diese Projektion hat einen entscheidenden Konstruktionsfehler – oder vielmehr einen Konstruktionsnutzen, je nachdem, aus welcher Perspektive man es betrachtet: Sie stellt die Winkel richtig dar, was für die Navigation entscheidend ist, aber sie verzerrt die Flächen massiv, je weiter man sich vom Äquator entfernt.

Das Ergebnis ist durchaus politisch folgenreich:

  • Nordamerika, Europa und Russland erscheinen weit größer, als sie tatsächlich sind.
  • Afrika und der globale Süden werden systematisch kleingerechnet.

Afrika ist in Wirklichkeit rund drei Mal so groß wie Nordamerika – auf der Mercator-Karte wirkt es oft kleiner. Es ist eine Karte, die das Selbstverständnis einer kolonialen Weltordnung in ein Bild goss: Der Westen groß, der Süden klein. Auch ich habe die Erfahrung gemacht bei Reisen in Afrika immer wieder über die schiere Größe zu staunen, weil ich seit Jahrzehnten eine die Größenverhältnisse verzerrende Weltkarte vor Augen hatte.

Der Antrag: Eine korrekte Karte – „zu radikal“ für Washington

Die Afrikanische Union brachte eine Resolution ein, die schlicht forderte, die UN möge in ihren offiziellen Dokumenten eine die Flächen richtig darstellende Weltkarte verwenden – die Equal-Earth-Projektion, die die tatsächlichen Größenverhältnisse der Kontinente korrekt abbildet.

Das Ergebnis der Abstimmung war eindeutig:

164 zu 1 – für die politisch korrekte Karte.

Sechs Staaten enthielten sich, vor allem US-Verbündete in Osteuropa: Estland, Georgien, Litauen, Moldau, (Serbien) und die Ukraine.

Und die eine Gegenstimme? Die Vereinigten Staaten von Amerika.

Der US-Vertreter bezeichnete die korrekte Darstellung der Kontinente als Teil eines „radikalen ideologischen Projekts“. Also, eine Karte, die Afrika in seiner tatsächlichen Größe zeigt, ist für Washington ein ideologischer Angriff.

Der wahre Grund: Der Krieg gegen die Dekolonisierung

Warum dieser Furor bei einer symbolischen Kartenfrage? Die Antwort liegt tiefer. Die US-Regierung führt einen erbitterten Kampf gegen jede Form der Dekolonisierung – und sie tut dies mittlerweile mit einer Offenheit, die selbst den historischen Imperialismus des 19. Jahrhunderts in den Schatten stellt.

Die Belege sind erdrückend:

  • Trump verunglimpfte Nationen des globalen Südens als „shithole countries“ (NBC News).
  • Gleich am ersten Tag seiner zweiten Amtszeit, dem 20. Januar 2025, ehrte er mit einem Dekret den Erzimperialisten William McKinley – jenen Präsidenten, der Puerto Rico, Kuba, Guam und die Philippinen kolonisierte und 1898 Hawaii annektierte.
  • Die Trump-Administration ließ historische Informationen über die Sklaven der US-„Gründerväter“ – darunter George Washington – aus Ausstellungen entfernen.
  • Der Chef der Smithsonian-Museen wurde zum Rücktritt gedrängt, weil die Regierung kritische Hinweise auf Sklaverei, Rassismus und Kolonialismus aus der US-Geschichtsschreibung tilgen will.

Das Bild oben ist eine Skulptur neben dem Sklavenmuseum in Sansibar. Die dort dokumentierten Gräuel der Kolonialmächte gegen die Bevölkerungen Afrikas sind ungeheuerlich.

Trump selbst brachte es auf den Punkt, als er erklärte:

„I don’t need international law.“

Ein Satz, der das Selbstverständnis einer Macht zusammenfasst, die sich über jede Regel erhaben wähnt.

Die „Donroe Doctrine“: Kolonialismus als offizielle Strategie

Das Weiße Haus hat der US-Politik gegenüber Lateinamerika mittlerweile einen Namen gegeben, der an die finstersten Kapitel der US-Außenpolitik anknüpft: die „Donroe Doctrine“ – eine Anspielung auf die Monroe-Doktrin von 1823, mit der Washington den gesamten amerikanischen Kontinent zu seinem Hinterhof erklärte.

Trump wird dabei offen als Herrscher der westlichen Hemisphäre inszeniert. Die Drohkulisse ist real:

  • Er hat wiederholt mit der Annexion Grönlands gedroht – obwohl 85 Prozent der Grönländer dagegen sind.
  • Er führt einen Handelskrieg gegen Kanada und diskutiert eine illegale Militärintervention in Mexiko.
  • Er hat die gewaltsame Übernahme des Panama-Kanals angekündigt.
  • Er prahlt mit der Ausbeutung des venezolanischen Öls – nachdem die USA im Januar das Land überfielen und den international anerkannten Präsidenten Nicolás Maduro entführten.
  • Gegen Kuba verhängt Washington eine Seeblockade mittelalterlichen Zuschnitts, die das kubanische Volk von Öl abschneidet, um die Wirtschaft zu strangulieren und die Regierung zu stürzen.

Nur drei Tage nach der UN-Abstimmung postete Trump auf Truth Social eine eigene Karte, die ein erweitertes US-Imperium zeigte: die Annexion von Mexiko, Kanada, Grönland, Kuba, mehreren Karibikstaaten und Island.

Der Mann sagt nicht nur, was er will – er zeichnet es auf.

Rubios Münchener Kolonial-Hymne

Den ideologischen Unterbau lieferte Marco Rubio, der in Personalunion als Außenminister und Nationaler Sicherheitsberater fungiert – faktisch die Nummer zwei der US-Regierung.

In einer Rede auf der Münchener Sicherheitskonferenz pries Rubio die westlichen Kolonialisten dafür, dass sie „neue Kontinente besiedelten“ und „riesige Imperien über den Globus errichteten“. Er verdammte die „gottlosen kommunistischen Revolutionen und antikolonialen Aufstände“ des globalen Südens und gelobte, das „Zeitalter der westlichen Dominanz“ zurückzubringen.

Rubio versprach wörtlich, die „größte Zivilisation der Menschheitsgeschichte zu erneuern“ und ein „neues westliches Jahrhundert“ zu errichten.

Das ist kein verklausulierter Subtext. Das ist ein offenes Bekenntnis zum Kolonialismus, gehalten vor den versammelten Eliten der westlichen Sicherheitspolitik.

Fazit: Die Karte ist der Spiegel

Wer verstehen will, warum die USA als einzige Nation der Welt gegen eine korrekte Weltkarte stimmten, muss nur diese Fäden zusammennehmen.

Eine Karte, die Afrika in seiner wahren Größe zeigt, ist ein Affront gegen die koloniale Ordnung – gegen jene Ordnung, in der der Westen groß ist und der Süden klein. Genau diese Ordnung will Washington mit aller Macht restaurieren.

Wenn die US-Regierung den Rest der Welt eines „radikalen ideologischen Projekts“ bezichtigt, dann ist das der klassische Fall von psychologischer Projektion: Washington wirft anderen genau das vor, was es selbst betreibt.

Die 164 zu 1-Abstimmung ist ein Lehrstück. Sie zeigt: Die überwältigende Mehrheit der Menschheit will Dekolonisierung, Genauigkeit und ein Mindestmaß an internationalem Recht. Die Vereinigten Staaten von Amerika stehen – im wahrsten Sinne des Wortes – allein auf der Karte.

Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇


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