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Technologie

BRICS-PAY: Die Antwort auf den Missbrauch des US-Dollars als Waffe

6 Kommentare 12. September 2026 7 Minuten Lesezeit von Jochen Mitschka

Wie Sanktionen, eingefrorene Reserven und der Ausschluss aus SWIFT eine multipolare Zahlungsarchitektur erzwungen haben. Das gerade angekündigte BRICS Pay wird ein weiterer Sargnagel der US-Dominanz und der Finanzierung seiner Kriege durch Unterminierung der Dollar-Hegemonie.

Heute werden wir eine Vereinbarung über BRICS Pay bekanntgeben – ein Zahlungssystem für die BRICS-Länder“, verkündete Putins Wirtschaftsgesandter Kirill Dmitriev, Chef des russischen Staatsfonds RDIF, am Rande des 18. BRICS-Gipfels in Neu-Delhi. Der Satz klingt nach Verwaltungsroutine. Er ist das vorläufige Ergebnis eines Prozesses, der vor mehr als einem Jahrzehnt begann – als Washington entdeckte, dass die globale Kontrollfunktion des Dollars sich in eine Waffe verwandeln lässt, und die übrige Welt begann, sich dagegen abzusichern.

Die Infrastruktur der Ordnungsmacht

Der Dollar ist seit Bretton Woods 1944 mehr als eine Währung: Er ist die Verrechnungseinheit des Welthandels, der Anker der meisten Zentralbankreserven und, über das Nachrichtensystem SWIFT, die Ampel, an der jede internationale Überweisung vorbeikommen muss. Wer aus diesem System ausgeschlossen wird, verliert nicht nur eine Zahlungsmethode, sondern den Zugang zu Öleinnahmen, Importfinanzierung und Kapitalmärkten insgesamt. Genau diese Doppelfunktion – Handelswährung und Kontrollinstrument in einem – macht den Dollar zu einem geopolitischen Hebel, den nur eine Regierung bedienen kann: die der Vereinigten Staaten.

Erprobung aa Iran, 2012

Der erste Beweis, dass dieser Hebel tatsächlich gezogen werden kann, kam 2012. Auf Druck des US-Kongresses wies der EU-Rat den genossenschaftlich organisierten SWIFT-Betreiber an, iranische Banken vom System zu trennen – der erste Ausschluss eines ganzen Landes in der Geschichte des Netzwerks. Die Folgen waren sofort messbar: Irans Ölexporte fielen von rund 2,5 Millionen auf etwa eine Million Barrel pro Tag. Für Washington und Brüssel war das ein Erfolg, der Teheran 2015 an den Verhandlungstisch zwang. Für Peking, Moskau und Neu-Delhi war es eine Demonstration: Ein privatrechtlich organisiertes belgisches Unternehmen kann per politischer Weisung jedes Land von der Weltwirtschaft abklemmen, ohne dass ein Gericht oder die UN-Vollversammlung dazu gehört werden.

Krim 2014: Die Generalprobe

Nach der Annexion der Krim 2014 verhängten die USA und die EU erste Sanktionen gegen russische Banken und Einzelpersonen – noch ohne SWIFT-Ausschluss, aber mit spürbaren Beschränkungen für den Kapitalmarktzugang. Moskau zog daraus zwei Lehren: Es baute mit dem System SPFS eine eigene Nachrichteninfrastruktur für Inlandszahlungen auf und begann, den Dollaranteil an seinen Währungsreserven systematisch zu senken – von über 40 Prozent Mitte der 2010er-Jahre auf unter 20 Prozent bis 2021. Es war die Generalprobe für das, was acht Jahre später folgen sollte.

2022: Der Bruch

Mit dem Einmarsch in die Ukraine eskalierte Washington die Methode von 2012 auf eine neue Stufe. Mehrere russische Großbanken, darunter die Sberbank, wurden von SWIFT ausgeschlossen. Gleichzeitig froren die USA, die EU, Großbritannien, Kanada und Japan gemeinsam rund 300 Milliarden US-Dollar der russischen Zentralbankreserven ein – etwa die Hälfte des gesamten russischen Devisenbestands. Erstmals in der Geschichte des Systems wurden die offiziellen Reserven eines G20-Staates von anderen G20-Staaten faktisch beschlagnahmt.

Diese Zahl ist der eigentliche Wendepunkt der Geschichte. Reserven galten bis dahin als das Instrument, mit dem sich Staaten gegen genau solche Erpressung absichern – als Kriegskasse für den Ernstfall. 2022 zeigte sich: Wenn die Kriegskasse in New York, London, Frankfurt oder Tokio liegt, gehört sie im Zweifel nicht mehr dem Land, das sie angelegt hat. Eine Umfrage unter 84 Zentralbank-Reservemanagern ergab später, dass 84,5 Prozent von ihnen die Bewaffnung von Reserven für einen dauerhaften Belastungsfaktor der Dollar-Dominanz halten.

Die Reaktion des globalen Südens

Die Erpressungen des Westens nahmen nach 2022 immer größere Züge an, um alle Länder zu zwingen, den Sanktionen gegen Russland folge zu leisten. Viele Länder taten das nur widerwillig, denn sie erkannten die Heuchelei hinter den Reden über Völkerrecht und Menschenrechte.

Deshalb kam die Botschaft nicht nur in Moskau an. In Peking, Neu-Delhi, Brasília, Riad und Johannesburg zog man denselben Schluss wie Russland 2014: Wer sich auf westliche Zahlungs- und Reserveinfrastruktur verlässt, überträgt einem geopolitischen Rivalen ein Vetorecht über die eigene Volkswirtschaft. Das betraf ausdrücklich nicht nur Kriegsparteien – auch Staaten ohne jeden Konflikt mit Washington mussten sich fragen, ob sie im nächsten Handelsstreit, der nächsten Wahl oder dem nächsten Regierungswechsel selbst ins Visier geraten könnten.

Parallel zu SPFS baute China mit CIPS ein eigenes grenzüberschreitendes Zahlungssystem aus, dessen Nutzung nach 2022 sprunghaft anstieg. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich begleitete zeitweise das Pilotprojekt mBridge für digitale Zentralbankwährungen, zog sich aber zurück, als die Initiative unter die Kontrolle der Zentralbanken Chinas, Hongkongs, Thailands, der VAE und Saudi-Arabiens überging – ein Rückzug, der selbst ein Symptom der neuen Frontlinien ist.

Von der Idee zum Projekt

Die Idee eines eigenen BRICS-Zahlungssystems ist älter als der Bruch von 2022. Bereits 2019 hatte RDIF-Chef Kirill Dmitriev im Kreis des BRICS-Wirtschaftsrats die Schaffung eines gemeinsamen Abwicklungssystems vorgeschlagen, damals noch mit dem Gedanken an eine eigene Kryptowährung verbunden. Der Vorschlag blieb zunächst folgenlos, weil der politische Druck fehlte. Das änderte sich nach 2022 schlagartig: 2024, beim Gipfel in Kasan, sicherte China dem russischen Vorschlag für ein einheitliches BRICS-Zahlungssystem seine volle Unterstützung zu, und die Kasaner Erklärung würdigte ausdrücklich den Nutzen von Zahlungsinstrumenten, die Handelsbarrieren abbauen und Abwicklung in Landeswährungen ermöglichen – ohne sich auf eine gemeinsame Währung festzulegen.

BRICS Pay heute: Neu-Delhi, September 2026

Auf dieser Linie liegt die Ankündigung vom 18. BRICS-Gipfel: RDIF, die neu gegründete BRICS Pay JSC und ihr indisches Pendant BRICS Pay India vereinbarten die gemeinsame Entwicklung grenzüberschreitender Zahlungen und die Anbindung von BRICS Pay an Indiens nationale Zahlungsinfrastruktur, mit dem erklärten Ziel, Pilotprojekte vorzubereiten und anschließend echte grenzüberschreitende Zahlungsdienste zu starten. Technisch soll das System auf einem dezentralen Nachrichtenmodul (DCMS) aufsetzen, das an der Staatlichen Universität Sankt Petersburg entwickelt wurde und ohne zentralen Betreiber oder Kontrollknoten auskommen soll – eine bewusste Antwort auf die Erfahrung mit SWIFT, dessen Sitz in Belgien es westlichen Regierungen erlaubte, über politischen Druck auf ein einziges Unternehmen ganze Länder abzuschneiden.

Der Zeitplan bleibt vorsichtig gestaffelt: Auf dem Gipfel in Rio 2025 nannte Außenminister Sergej Lawrow das Jahresende 2026 als Ziel für einen ersten Pilotbetrieb, Vize-Außenminister Sergej Rjabkow setzt den vollständigen Wirkbetrieb dagegen erst für 2030 an. Unabhängige Finanzanalysten rechnen mit einem funktionsfähigen Prototyp frühestens 2027/28. Indien selbst hat zudem vorgeschlagen, die digitalen Zentralbankwährungen aller BRICS-Staaten über eine gemeinsame CBDC-Brücke zu verknüpfen – ein Baustein, der neben BRICS Pay auf dem Neu-Delhier Gipfel diskutiert wurde.

Was das bedeutet – und was nicht

Es wäre verfrüht, den Dollar bereits für erledigt zu erklären. Auch die russische Regierung selbst kommuniziert inzwischen zurückhaltender: Unter dem indischen BRICS-Vorsitz 2026 ist die Rhetorik der Entdollarisierung in den Hintergrund getreten, an ihre Stelle sind praktische Fragen der Zahlungsverknüpfung getreten – auch weil Indien selbst enge Wirtschaftsbeziehungen zu den USA pflegt und eine offene Konfrontationsrhetorik meiden will. BRICS Pay soll nach eigener Darstellung nationale Zahlungssysteme ergänzen und deren Interoperabilität sicherstellen, nicht SWIFT eins zu eins ersetzen.

Der eigentliche Bruch liegt woanders:

Zum ersten Mal seit Bretton Woods bauen Staaten, die zusammen für mehr als vierzig Prozent der Weltbevölkerung und einen wachsenden Anteil des globalen Handels stehen, eine Zahlungsinfrastruktur, die keiner einzelnen Regierung untersteht und die sich nicht per politischer Weisung an ein einzelnes Unternehmen abschalten lässt. Dass dieser Prozess ausgerechnet durch die eigene Sanktionspolitik der USA beschleunigt wurde, ist die Pointe der Geschichte: Ein Instrument, das kurzfristig als Strafmaßnahme gegen einen einzelnen Gegner gedacht war, hat langfristig genau jene Länder zusammengeführt, deren Zusammenarbeit die unipolare Ordnung am stärksten infrage stellt.

Was nicht berichtet wird

Der blinde Fleck der meisten westlichen Berichterstattung liegt genau hier: Sie behandelt BRICS Pay überwiegend als technisches Kuriosum oder als PR-Übung Moskaus, statt es als Symptom eines strukturellen Vertrauensverlusts zu lesen, den die eigene Sanktionspraxis verursacht hat. Wer im globalen Süden Reserven hält, Handel abwickelt oder Kredite aufnimmt, wird die Ereignisse von 2012, 2014 und 2022 nicht als Ausnahmefälle verbuchen, sondern als Muster – und Muster erzeugen Absicherungsverhalten. BRICS Pay ist, bei aller Unsicherheit über sein tatsächliches Tempo, genau dieses Absicherungsverhalten in institutioneller Form.

Bild: Screenshot von Videobeitrag über BRICS-Pay

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6 Kommentare

  1. Daisy
    Antworten

    Ich zahl nix mit PayPal….ist eine Datenkralle. Amazon Pay ist bequem, weil ich die Adresse etc. nicht eigeben muss und die kennen mich (bin absolut unschuldig und hab das Tripple A). Ansonsten nur bar…oder auf Rechnung.

    1. Daisy
      Antworten

      btw….Duran sind schon gut, aber die quasseln zuviel…

  2. cwsuisse
    Antworten

    BRICS PAY wird die Lösung für kleinere und mittlere Unternehmen sowie Privatpersonen. Staatliche Akteure und Grossunternehmen handeln bereits unter Umgehung des USD.

    1. peru3232
      Antworten

      nur wenn sie interntional und ausserhalb des Westens agieren, für Privatpersonen fast irrelevant, ausser den sehr Wohlhabenden. Normalbürgern reicht das nationale Konto + Krypto aus. Touristen können gut auch entweder akzepierte Karten innerhalb des verbundes nutzen, oder einfach Bargeld tauschen – das ist alles bereits längst usus.

      1. hes@gmx.de

        Wer kontrolliert denn die Karten und die Zahlungssysteme? Derjenige kann jederzeit sie von der Nutzung ausschliessen. Hinweis: Es ist die ausgebende Bank, der Staat in dem diese Bank ihren Sitz hat, das Kartenunternehmen und das Land in dem dieses Unternehmen sitzt.

        Ist Bargeld künftig noch anonym? Zumindest der neue Euro Schein soll machinenlesbar sein.

        Denken Sie an Zypern oder Griechenland? Dort war die Nutzung von Kreditkarten plötzlich stark eingeschränkt.

      2. peru3232

        @hes von was reden sie? Es geht um Brics und nicht den Wertewesten! Und schon gar nicht um amerik. Kreditkarten, sondern eben nationale Banken abseits des zionisten Regimes, also etwa in Russland und China. Da wird niemand santioniert und ausgeschlossen

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