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Politik

Saudi-Arabien in der Zange: Wie der Jemen-Krieg das Königreich an den Abgrund führt

1 Kommentare 11. September 2026 7 Minuten Lesezeit von Dr. Peter F. Mayer

Was sich derzeit an der südlichen Meerenge des Roten Meeres abspielt, ist mehr als ein regionaler Konflikt. Es ist der Kollaps eines jahrzehntelangen westlich-saudischen Herrschaftsprojekts – und die Quittung für eine Blockadepolitik, die Millionen Jemeniten in Hunger und Elend gestürzt hat.

Die jemenitischen Streitkräfte aus Sanaa haben wie TKP berichtet in einer Blitzoffensive die strategische Hafenstadt Mocha eingenommen und kontrollieren damit erstmals unmittelbar die Meerenge Bab al-Mandeb – das „Tor der Tränen“, durch das zehn bis zwölf Prozent des Welthandels fließen.

Der militärische Durchbruch

Die Offensive der jemenitischen Streitkräfte gegen Saudi-Truppen entlang der Westküste war ebenso schnell wie erfolgreich. Innerhalb weniger Tage fielen:

  • Die Distrikte Hays und al-Khawkhah
  • Die Küstenstadt Yakhtul
  • Schließlich die Hafenstadt Mocha, nur rund 60 Kilometer von Bab al-Mandeb entfernt
  • Zusätzlich die Insel Zuqar im südlichen Roten Meer – eingenommen nach Raketenbeschuss und einer amphibischen Landung mit Booten

Wie Press TV berichtet, kontrollieren die Sanaa-Streitkräfte damit die jemenitische Küstenlinie mit Blick auf die Meerenge. Militärsprecher Brigadegeneral Yahya Saree meldete zudem die Befreiung aller Gefangenen aus den Gefängnissen der von Saudi-Arabien und den Emiraten gestützten Kräfte des Tariq Saleh in Mocha.

Die Analyse von Al Jazeera bestätigt die strategische Dimension: Wer Mocha hält, kontrolliert Bab al-Mandeb. Der Verteidigungsanalyst Wolfgang Pusztai bringt es auf den Punkt – die Sanaa-Kräfte könnten die Meerenge allein mit Artillerie kontrollieren, ohne überhaupt Raketen oder Drohnen einsetzen zu müssen.

Der Verlust ist ein Schlag gegen die von der UN anerkannte Regierung, deren Führer Rashad al-Alimi bereits nervös erklärte, der Schutz der Küsten sei ein „arabisches und internationales Interesse“ – ein bemerkenswertes Eingeständnis, dass hier fremde Mächte mitmischen.

Die saudische Achillesferse: Yanbu und die Ost-West-Pipeline

Um zu verstehen, warum der Fall von Mocha für Riad existenzbedrohend ist, muss man die saudische Öl-Logistik kennen.

Seit der Iran im Zuge des Krieges die Straße von Hormus blockiert hat, ist Saudi-Arabien – der größte Ölexporteur der Welt – praktisch vollständig auf einen einzigen Ausweg angewiesen: die Ost-West-Pipeline, die Rohöl vom Golf quer durch das Land zum Rotmeer-Terminal Yanbu pumpt.

Die Zahlen sind dramatisch:

  • Yanbu wickelte im Juni 92 Prozent der saudischen Seeölexporte ab
  • Die Pipeline wurde auf eine Rekordleistung von sieben Millionen Barrel pro Tag hochgefahren
  • Durch Bab al-Mandeb flossen 2023 im Schnitt 9,3 Millionen Barrel täglich

Genau diese Lebensader haben die jemenitischen Streitkräfte nun in Reichweite. Schon im Juli hatten die Houthis eine Seeblockade gegen saudische Schiffe erklärt und die Aramco-Anlagen in Jizan und Yanbu angegriffen – die ersten direkten Angriffe auf saudische Ölinfrastruktur seit 2022.

Wie The National berichtet, hat Saudi-Arabien seither kein einziges Barrel mehr über Bab al-Mandeb exportiert. Die Umleitung über den Suezkanal ist ein teurer Notbehelf: Die Reise nach Südkorea dauert statt 24 Tagen nun 54 Tage, und der Kanal ist für voll beladene Supertanker (VLCC) schlicht zu flach – es braucht zwei kleinere Suezmax-Tanker für die Fracht eines einzigen VLCC.

Die wirtschaftliche Katastrophe für Riad

Die saudische Wirtschaft erlebt einen makroökonomischen Albtraum, wie eine Analyse von AGBI detailliert aufschlüsselt:

  • Das BIP schrumpfte im zweiten Quartal um 4,8 Prozent – der Ölsektor brach um erschütternde 25 Prozent ein
  • Das Haushaltsdefizit dürfte laut Goldman Sachs auf 6,6 Prozent des BIP anschwellen
  • Riad muss 2026 die Rekordsumme von 20 Milliarden Dollar leihen – ausgerechnet jetzt, wo die Renditen zehnjähriger US-Anleihen bei 4,75 Prozent liegen
  • Versicherungs- und Frachtkosten haben sich seit der Hormus-Blockade mehr als vervierfacht
  • Brent-Rohöl sprang am Donnerstag um bis zu vier Prozent auf rund 105 Dollar pro Barrel

Der einzige Grund, warum der Ölpreis nicht längst bei 125 Dollar oder höher steht, ist laut der Analyse ein beispielloser Eingriff Pekings: China zapft seine gigantischen strategischen Reserven von 1,3 Milliarden Barrel an, um den Markt zu stützen.

Das Königreich, das sich als „Swing Producer“ der OPEC inszenierte, kann diese Rolle nicht mehr spielen. Die Vorstellung einer drohenden weltweiten Rezession oder gar einer Rückkehr zur Stagflation der 1970er Jahre ist keine Panikmache, sondern eine reale Projektion.

Die unsichtbare Hand: 200 US-„Militärberater“ in Saudi-Arabien

Westliche Leitmedien behaupten der Konflikt sei „iranisch gesteuert“, verschweigen aber geflissentlich die direkte US-Beteiligung auf der Gegenseite.

Wie CNN exklusiv berichtet, befinden sich mehr als 100 US-Militärberater – nach Angaben eines US-Beamten sogar rund 200 Soldaten – vor Ort in Saudi-Arabien. Sie arbeiten in einem neu geschaffenen „gemeinsamen“ Militärkommando und liefern:

  • Echtzeit-Aufklärung über ein System, das mit dem Pentagon-Tool „Maven“ vergleichbar ist
  • Geospatiale Zielunterstützung für saudische Luftschläge gegen Houthi-Stellungen

Die offizielle Sprachregelung, Washington nehme „nicht direkt“ an den Angriffen teil, ist die übliche semantische Nebelkerze. Wer Zielkoordinaten liefert und die Schlachtfeld-Überwachung stellt, ist militärisch voll involviert – nur eben ohne eigene Verluste beklagen zu müssen. Ein Modell, das die USA derzeit auch mit der Ukraine und Israel praktizieren.

Die „Belagerung gegen Belagerung“: Eine Antwort auf ein Jahrzehnt Blockade

Die jemenitischen Streitkräfte verfolgen erklärtermaßen eine Doktrin der „Belagerung gegen Belagerung“ – die direkte Antwort auf die seit einem Jahrzehnt andauernde saudische Blockade des Jemen.

Seit März 2015 bombardiert die von Saudi-Arabien geführte und den USA unterstütze Koalition den Jemen. Allein in den letzten 24 Stunden meldeten die Sanaa-Streitkräfte 64 saudische Luftangriffe auf vier Provinzen – geflogen von F-15- und Eurofighter-Typhoon-Jets von den Luftwaffenstützpunkten Taif und Khamis Mushait.

Die Bilanz der jüngsten Eskalation laut Hilfsorganisationen: mindestens 194 Tote und 880 Verletzte innerhalb von zwei Wochen.

Das Tasnim-Interview erklärt, eine Lösung des Konflikts sei unmöglich, solange die Blockade andauert und die Militärseiten weiter auf Eskalation setzen.

Die Houthis haben erklärt, die Schifffahrt im Roten Meer bleibe für alle Reedereien sicher – mit Ausnahme saudischer Schiffe. Das ist eine gezielte Antwort auf die saudische Hungerblockade, die den Jemen seit Jahren stranguliert.

Die geopolitischen Konsequenzen: Das Ende der saudischen Pufferrolle

Der Fall von Mocha hat Auswirkungen weit über den Jemen hinaus:

Für Saudi-Arabien bedeutet die Kontrolle von Bab al-Mandeb durch die Sanaa-Kräfte, dass Riad nun beide maritime Lebensadern – Hormus im Osten und Bab al-Mandeb im Westen – verloren hat. Das Königreich ist geostrategisch eingekesselt.

Für den Welthandel droht eine zweite blockierte Meerenge. Die Analystin Mannat Jaspal warnt vor einem „Double-Chokepoint-Szenario“, das die Energiemärkte in einen „schweren Sturzflug“ schicken würde.

Für die USA offenbart sich die gesamte Widersprüchlichkeit ihrer Nahost-Politik: Während Washington offiziell von „Deeskalation“ spricht, stationiert es Militärberater, die saudische Bombenangriffe optimieren. Der Konflikt mit dem Iran – den die USA selbst im März durch den Kriegseintritt eskaliert haben – zieht nun unweigerlich den Jemen und das Rote Meer in seinen Strudel.

Die Rechnung für ein Jahrzehnt Zerstörung

Was sich am Roten Meer abspielt, ist die strategische Umkehr eines jahrzehntelangen Ungleichgewichts. Die saudische Führung, die glaubte, den Jemen mit Luftschlägen und Hungerblockaden in die Knie zwingen zu können, muss nun erleben, wie die von ihr bekämpften Kräfte die entscheidenden Schlagadern des Welthandels kontrollieren.

Der Westen – allen voran die USA – steht dabei nicht als neutraler Vermittler daneben, sondern als aktiver Kriegspartei-Gehilfe. Wer Zielkoordinaten für Bombenangriffe liefert, trägt Mitverantwortung für jeden zivilen Toten.

Die Botschaft von Mocha ist unmissverständlich: Eine militärische Lösung des Jemen-Konflikts war immer eine Illusion. Die einzige Alternative zur Eskalation ist die Aufhebung der Blockade und ein ernsthafter Verhandlungsprozess – ohne die Einmischung jener Mächte, die diesen Krieg seit einem Jahrzehnt befeuern.

Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇


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    scheinbar erlebt statt dem iran saudi arabien den wirtschaftlichen d-day

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