Am Sonntag, dem 27. September 2026, landete eine Privatmaschine mit Benjamin Netanyahu an Bord in Abu Dhabi. Kein Pressetermin, kein Foto, keine gemeinsame Erklärung.
Fast vier Stunden lang saß der israelische Premier mit Scheich Mohammed bin Zayed zusammen – und mit Vertretern aus insgesamt zehn Staaten. Was offiziell als „bilaterale Beziehungen und regionale Herausforderungen“ verkauft wurde, war in Wahrheit eine operative Lagebesprechung zur Fortsetzung des Krieges gegen den Iran.
Der palästinensisch-syrische Journalist Laith Marouf hat in seinem Video genau diesen Punkt herausgearbeitet: Was in Abu Dhabi stattfand, war kein Gipfel souveräner Staaten, sondern die Koordination einer Kriegsachse – mit den USA und Israel am Kopf und einer Reihe arabischer Regime, die zu Befehlsempfängern degradiert werden.
Die Faktenlage: Was bestätigt ist – und was nicht
Die offizielle Bestätigung kam in zwei Stufen, und das ist bezeichnend:
- Zuerst meldete die staatliche Emirati-Agentur WAM am Montag, bin Zayed habe Netanyahu „empfangen“ – die erste offizielle Bestätigung eines Netanyahu-Besuchs in den VAE überhaupt.
- Kurz darauf bestätigte auch Netanyahus Büro den Besuch, inklusive Delegationsliste: Mossad-Chef Roman Gofman, NSC-Chef Shmuel Ben Ezra, Militärsekretär General Guy Markizano, außenpolitischer Berater Ophir Falk – und Ehefrau Sara.
Wer Mossad-Chef und NSC-Leiter mitbringt, führt keine Höflichkeitsvisite. Das ist eine operative Delegation.
- Der israelische Sender Channel 14 berichtete unter Berufung auf einen hochrangigen emiratischen Beamten von der zweistufigen Struktur: erst Netanyahu mit bin Zayed, dann eine erweiterte Runde mit Vertretern aus USA, Saudi-Arabien, Marokko, Ägypten, Kuwait, Bahrain, Libyen und Oman – plus Israel und VAE = zehn Länder.
- Ynet und i24NEWS nannten zusätzlich Jordanien und berichteten, Gofman habe das Treffen auf israelischer Seite organisiert, bin Zayed habe zugestimmt, es auszurichten.
Keines der genannten arabischen Länder hat die Teilnahme bestätigt. Das ist die übliche Doppelbuchhaltung: öffentlich dementieren, privat mit am Tisch sitzen.
Die Flugbewegungen verraten mehr als jedes Kommuniqué
Der israelische Bericht von All Israel News liefert ein Detail, das schwerer wiegt als alle Dementis:
Zum Zeitpunkt von Netanyahus Besuch landeten in den VAE eine Regierungsmaschine aus Libyen, ein Militärflugzeug aus Marokko, ein Militärflugzeug aus Katar und eine Emirati-Regierungsmaschine aus Riad. Quelle: All Israel News
Die Tehran Times griff genau diesen Punkt auf: Netanyahu flog über jordanischen und saudischen Luftraum nach Abu Dhabi – zwei Staaten, die öffentlich Israel verurteilen, aber den Korridor stillschweigend öffneten.
Dazu passt ein weiteres Puzzlestück: Die italienische Zeitung Il Foglio berichtete, Saddam Haftar – Sohn des libyschen Ost-Generals Khalifa Haftar – sei ebenfalls in Abu Dhabi gewesen und habe sich mit Netanyahu getroffen. Offiziell unbestätigt, aber es fügt sich ins Bild einer VAE als Drehscheibe regionaler Proxy-Logistik.
Der Inhalt der Gespräche
Channel 14 lieferte die detaillierteste Innenansicht. Demnach ging es um:
- Vertiefung der Sicherheits- und Geheimdienstkooperation Israel–VAE
- Aufbau eines regionalen Verteidigungsrahmens gegen „gemeinsame Bedrohungen“
- Einen Aktionsplan gegen Iran und die Houthis
- Geheimdienst- und Sicherheitshilfe für Saudi-Arabien
- Die schrittweise Bildung einer neuen regionalen Koalition
- Eine Ölroute, die die Straße von Hormus umgeht
Besonders brisant: Netanyahu präsentierte laut Channel 14, wie Sanktionen und wirtschaftlicher Druck das iranische Regime geschwächt hätten, und forderte die Teilnehmer auf, dafür zu sorgen, dass kein Geld mehr über ihr Territorium nach Teheran fließt. Diskutiert wurden zudem Vorbereitungen für einen möglichen Angriff auf Entsalzungsanlagen und kritische Infrastruktur in den Golfstaaten – sowie die Houthis als zentrales Thema.
Ein Riss tat sich allerdings auf: Netanyahu will die Kampagne gegen Iran fortsetzen, bin Zayed knüpft dies an ausreichenden Schutz der Golfstaaten. Saudi-Arabien bat laut Bericht um israelische Hilfe; Netanyahu schloss sie nicht aus, stellte aber Bedingungen.
Und dann ist da noch der wahre Grund für die Eile: Israel wählt am 27. Oktober. Der Besuch fand exakt einen Monat davor statt.
Wann und wie geht der Krieg weiter? Die Quellenlage
Mehrere unabhängige Stränge deuten auf ein Zeitfenster nach den US-Zwischenwahlen am 3. November 2026 hin:
🔹 Strang 1: Axios über einen möglichen Waffenstillstand – und dessen Ende
Die Jerusalem Post berichtete unter Berufung auf Axios, dass die USA und Iran nach den Midterms wieder in den Kampf zurückkehren könnten. Katarische Vermittler versuchten diese Woche einen Durchbruch, aber keine Seite bewegte sich. Einige US-Beamte sagten Axios, Trump könnte nach den Midterms eine Rückkehr zu Kampfoperationen anordnen.
Irans Rezaei konterte mit einem Satz, der die Lage gut zusammenfasst:
„Trump steckt in einem Sumpf fest, in dem er weder verhandeln noch kämpfen kann.“
🔹 Strang 2: Foreign Policy – die vier Eskalationsszenarien
Foreign Policy analysierte am 30. September die Optionen nach den Midterms. Bis dahin wirke der Risikofaktor Energiekrise als Bremse – im April zwang er Trump noch zum Rückzug und zu einem Memorandum of Understanding, das später an unterschiedlichen Auslegungen zerbrach. Genannt wurden vier Szenarien:
- „More Epic Fury“: Neue, intensivere Angriffe auf Militär-, Raketen- und Energieinfrastruktur – möglicherweise gemeinsam mit Israel. Iran könnte erneut auf Golfstaaten zurückschlagen.
- „The season finale“: Ein Spezialkräfte-Einsatz, um das unterirdisch gelagerte hochangereicherte Uran zu sichern – oder ein Überraschungsangriff auf die Ölterminals von Kharg Island.
- „Go for broke on the economy“: Aggressive Sanktionen gegen chinesische Banken, Raffinerien und Häfen, die weiter mit Iran handeln. Finanzminister Scott Bessent räumte im August faktisch ein, dass eine Übererfüllung dieser Sanktionen das globale Finanzsystem gefährden könnte.
- „Boots on the ground“: Bodentruppen – das riskanteste Szenario. Iran ist viermal so groß wie der Irak, hat über 90 Millionen Einwohner. Schätzungen gehen von mehreren Hunderttausend bis einer Million Soldaten aus. Quelle: Foreign Policy
🔹 Strang 3: Der Iran-Krieg ist bereits sieben Monate alt
Der Boston Globe berichtet, der Krieg dauere nun sieben Monate. Iran habe offiziell eine US-Antwort auf sein Angebot zur Beendigung erhalten. Araghchi hatte vorgeschlagen, die Straße von Hormus innerhalb einer Woche wieder zu öffnen, wenn die USA die Blockade iranischer Häfen aufheben, eingefrorene Vermögen freigeben und Ölsanktionen aussetzen. Trump lehnte öffentlich ab – doch Vermittler arbeiteten hinter den Kulissen weiter. Trump selbst sagte am Dienstag, der Krieg werde „sehr, sehr bald“ vorbei sein, erwarte aber ein Ende erst nach den Midterms.
🔹 Strang 4: Die zweite Phase – unterirdische Raketenstellungen
Bereits im März berichtete Reuters unter Berufung auf Quellen, Israels Krieg gegen Iran trete in eine zweite Phase ein: Angriffe auf unterirdische ballistische Raketenstellungen. Schätzungen zum iranischen Arsenal schwankten vor dem Krieg zwischen 2.500 Raketen (israelische Militärangabe) und rund 6.000 (andere Analysten).
🔹 Strang 5: Das Middle East Institute – die „unvorhersehbare neue Phase“
Bereits im Juli diskutierte das MEI eine „unvorhersehbare neue Phase“ des Krieges: Nach 13 Nächten intensiver US-Luftangriffe stoppte Trump die Bombardierung abrupt. Iran pausierte ebenfalls, behielt aber die Kontrolle über Hormus. Drohnenangriffe in Saudi-Arabien, Jordanien und Irak zeigten, dass die fragile Pause nicht hielt. Die Houthis eröffneten eine neue Front am Bab el-Mandeb.
Die eigentliche Botschaft von Abu Dhabi
Liest man all diese Stränge zusammen, ergibt sich ein kohärentes Bild:
- Der Krieg ist nicht beendet, sondern in einer Pause – eine Pause, die vor allem innenpolitisch in den USA motiviert ist.
- Das Zeitfenster für eine Eskalation ist nach dem 3. November.
- Der Abu-Dhabi-Gipfel diente dazu, die arabische Flanke dafür zu organisieren: Sanktionsdurchsetzung, Geheimdienstkooperation, Luftverteidigung, Energie-Routen abseits von Hormus.
- Die Golfstaaten sind dabei nicht souveräne Partner, sondern Schutzsuchende – sie wollen israelische Luftverteidigung, weil sie den USA nicht mehr trauen. Channel 14 zitiert die arabische Haltung so: „Die Vereinigten Staaten sind langfristig unzuverlässig, Israel ist der verlässlichere Partner.“
Genau das ist der Punkt, den Marouf in seinem Video herausarbeitet: Was als „regionale Sicherheitsarchitektur“ verkauft wird, ist in Wahrheit eine Neuordnung der Abhängigkeiten – weg von Washington als alleinigem Garanten, hin zu einer israelisch geführten Achse mit arabischen Juniorpartnern.
Was wir nicht wissen
- Kein arabischer Staat hat die Teilnahme bestätigt. Die Zehn-Länder-Liste stammt von einer einzigen Quelle – einem anonymen emiratischen Beamten über Channel 14.
- Die AP berichtete, Netanyahu habe bin Zayed gebeten, die Berichte zu dementieren, wonach dieser ihn vor dem 7. Oktober 2023 gewarnt habe. Kein solches Dementi erschien in der offiziellen Erklärung. Netanyahus Büro nannte den AP-Bericht „Fake News“.
- Die libysche Spur (Haftar) ist unbestätigt.
- Netanyahus früherer Besuch im März wurde von den VAE zunächst „völlig unbegründet“ genannt – und später doch bestätigt. Die Dementi-Kultur der Region ist notorisch.
Fazit
Der Gipfel von Abu Dhabi war kein Friedenssignal. Er war die Vorbereitung der nächsten Runde. Der Krieg gegen Iran dauert seit sieben Monaten, die Verhandlungen stecken fest, und das entscheidende Datum ist der 3. November 2026. Danach fällt für Trump die innenpolitische Bremse weg – und die Golfstaaten haben bereits signalisiert, dass sie mitgehen, wenn der Schutz stimmt.
Wer glaubt, Staaten wie Saudi-Arabien, Ägypten oder die VAE handelten souverän, verkennt die Struktur. Sie werden eingeladen, angehört, um Hilfe gebeten – und müssen dann liefern: Luftraum, Sanktionsdurchsetzung, Logistik. Das ist keine Partnerschaft, sie sind US-Vasallen, teils frühere britische, kolonialistische Gründungen.
Die Frage ist nicht ob die nächste Phase kommt, sondern wann – und ob die Golfstaaten dann selbst zum Schlachtfeld werden, weil Iran genau dorthin zurückschlägt, wie es das bereits getan hat.
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5 Kommentare
@“eine Neuordnung der Abhängigkeiten – weg von Washington als alleinigem Garanten, hin zu einer israelisch geführten Achse mit arabischen Juniorpartnern“
Ob das Fußvolk in den muslimischen Staaten den einen oder den anderen Hegemon akzeptiert? Höchste Zeit für neuen arabischen Frühling.
@,
ja, ein neuer arabischer frühling, dass wäre etwas feines.
österreich vertrüge noch locker 1-2 millionen hochqualifizierte fachkräfte,
platz und mittel sind ausreichend vorhanden und alle wären zufrieden
Begreife ich nicht. Da wird ständig gesagt, Israel ist total von den USA (Waffenlieferung) abhängig, und dann soll Israel der verlässlichere Partner (Beschützer) sein?
Israel als Beschützer von Arabern? Israel, das mit der Hisbollah und Hamas nicht fertig wird?
Und die Araber akzeptieren als „Beschützer“ eine Entität mit bekanntem Agieren in allen arabischen Gebieten, welche die Entität in die Hände bekommen kann? Dort laufen welche rum mit Karten erträumter Eroberungen bei vielen der teilnehmender Länder: Ägypten, Saudi-Arabien – Jordanien gar komplett.
Welchen Schutz, abgesehen von der Einstellung des Angriffskrieges auf den Iran, hätte Israel den Golfstaaten denn zu bieten? Außer dem Unterlassen israelischer False Flags auf deren Gebiet fällt mir nichts dazu ein. Dann wäre der Mafia-Boss höchstpersönlich unterwegs gewesen, um Schutzgeld einzutreiben. Vielleicht war es eher eine Werbetour für ein sehr unattraktives Produkt.
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