Der Anleihemarkt sagt schneller als jede Pressekonferenz wohin eine Wirtschaft wandert. Wer wissen will, wie ernst die Lage im Krieg zwischen den USA und dem Iran wirklich ist, sollte auf die Rendite der 30-jährigen US-Staatsanleihe schauen. Verhalten sich die USA und der Iran wie zwei Fahrzeuge, die aufeinander zu fahren und erwarten, dass der andere als Erster ausweicht bzw. auseinanderbricht?
Die Rendite der 30-jährigen Treasuries hat inzwischen ein Niveau erreicht, das der frühere „19-Jahres-Rekord“ vom Mai bei Weitem überholt. Im Handel notierte sie zuletzt bei rund 5,5 Prozent, so hoch wie seit 2004 nicht mehr. Nach Angaben von Yahoo Finance schloss sie am 28. September bei 5,56 Prozent. Vor dem Kriegsbeginn Ende Februar lag sie noch bei 4,63 Prozent. Auch die 10-jährige Rendite stieg auf 5,1 Prozent, so hoch wie zuletzt 2007.
Der Markt läuft davon
Die Ursachen sind ein Bündel. Die Staatsschuld liegt bei über 40 Billionen Dollar. Die Notenbank hat zuletzt einstimmig die Zinsen erhöht und lässt weitere Erhöhungen erwarten. Dazu kommt ein Überangebot an langlaufenden Papieren: Laut 24/7 Wall St ziehen sich ausländische Zentralbanken zurück, während Unternehmensanleihen die Nachfrage zusätzlich abschöpfen. Ein Rückgang der Nachfrage nach US-Langläufern ist also plausibel. Der Treiber, der alles zusammenhält, ist aber der Krieg selbst: Brent kostet gut 105 Dollar, fast 60 Prozent mehr als vor einem Jahr.
Haben 30-jährige Staatsanleihen 60% Wert werloren?
Die Zahl kursiert seit heute. Sie geht auf Bank of America zurück: Deren Preisindex für 30-jährige Treasuries ist seit 2020 um 60 Prozent gefallen und steht so tief wie zuletzt im Jahr 2000. Dabei muss man drei Dinge wissen.
Erstens misst der Index nur den Kurs, ohne Zinszahlungen. Der ETF TLT, ein gängiger Stellvertreter, verlor mit Ausschüttungen etwa 44 Prozent. BofA-Stratege Michael Hartnett selbst nennt in seiner jüngsten Auswertung 45 Prozent.
Zweitens ist der Startpunkt extrem gewählt. Im März 2020 lag die Rendite bei 0,71 Prozent, dem historischen Tiefstand.
Drittens gilt der Verlust nur für den, der verkauft. Wer eine Anleihe bis zur Fälligkeit hält, bekommt den Nennwert zurück. Die Hebelwirkung ist trotzdem brutal: Steigt die Rendite um einen Prozentpunkt, verliert eine neue 30-jährige Anleihe rund 13 Prozent ihres Kurswertes. Getroffen sind vor allem Pensionskassen und Versicherer, die in der Nullzinsphase gekauft haben.
Teheran: der akute Schmerz
Auf der anderen Seite ist die Lage weniger abstrakt. Irans Zentralbankchef Hemmati bezifferte die Inflation im September auf 83,8 Prozent und wertete den leichten Rückgang gegenüber August (84,4 Prozent) schon als Erfolg. Das sind Zahlen, bei denen Sparen sinnlos wird und Löhne zur Fiktion. Dazu kommen die US-Seeblockade iranischer Häfen und die Ölsanktionen, deren Aufhebung Teheran ausdrücklich fordert.
Iran International gilt als regierungskritisch, die Zahl stammt aber vom Zentralbankchef selbst, und niemand in Teheran hat ein Interesse daran, sie zu übertreiben.
Die Autos sind aneinandergekettet
Das Bild der zwei Fahrzeuge, die aufeinander zurasen hat einen Schwachpunkt: Die beiden Autos sind miteinander verbunden. Irans stärkste Karte ist die Straße von Hormus. Teheran bietet an, sie binnen sieben Tagen zu öffnen, verlangt dafür aber ein Ende der Blockade, Ölsanktionen-Ausnahmen und eine Waffenruhe, die den Libanon einschließt. Trump hat den Vorschlag zurückgewiesen. Die Gespräche in New York laufen über Vermittler aus Katar weiter, doch Teheran misstraut jeder US-Zusage, weil das im Sommer geschlossene Abkommen von Islamabad so schnell zerfiel.
Jeder Tag geschlossener Meerenge treibt den Ölpreis, den Ölpreis treibt die Inflation, die Inflation zwingt die Fed zu Erhöhungen, und die Erhöhungen lassen Langläuferkurse weiter fallen. Teheran muss die Meerenge nicht militärisch verteidigen, es muss sie nur zulassen, dass sie ein Risiko bleibt. Umgekehrt trifft die US-Blockade den Iran dort, wo es am meisten wehtut: bei den Deviseneinnahmen.
Kann man die Situation in den USA mit der Bankenkrise von 2008 vergleichen?
Der Vergleich mit 2008 hinkt, und zwar an der entscheidenden Stelle. Damals brannte das Bankensystem, nicht der Staatsanleihemarkt. Nach der Lehman-Pleite im September 2008 flüchteten Anleger in Treasuries, obwohl das Angebot an Staatsanleihen massiv stieg. Die Kurse stiegen, die Renditen sanken. Die 30-jährige Rendite fiel schon im Oktober 2008 auf ein damaliges Rekordtief von 3,86 Prozent und lag laut der Federal Reserve Bank of St. Louis im Dezember bei etwa 2 Prozent, auch weil die Fed selbst langlaufende Staatsanleihen aufkaufte. Der Staat war der Retter, und die Staatsanleihe der sichere Hafen.
Heute ist es umgekehrt: Die Fed erhöht die Zinsen, die Rendite der 30-Jährigen liegt bei über 5,5 Prozent, und der Verkäufer ist ausgerechnet der Fluchtort von damals. Und die ganze Welt will die Dollars loswerden, um Erpressungsmöglichkeiten durch die USA zu reduzieren, ohne aber einen Crash auszulösen. Aber das könnte sich ändern, wenn der erste in Panik ausbricht.
Ein sicherer Hafen jenseits der Staatsanleihe fehlt
Das ist der eigentliche Unterschied: 2008 brauchte das System den Staat, jetzt steht der Staat selbst unter Druck. Allerdings: 2008 war die Realwirtschaft akut im Absturz, Banken kollabierten binnen Wochen. Von solchen Bankpleiten ist heute keine Rede. Und Staaten können nicht so schnell zusammenbrechen wie Banken. Die Bondkrise von 2026 ist schleichender, aber sie trifft den Kern des Systems.
Wer kollabiert zuerst?
Die Volkswirtschaften sind unterschiedlich gebaut. Der Iran leidet akut und sichtbar, ein Land mit fast 84 Prozent Inflation kann politisch instabil werden, ohne dass eine Bank pleitegeht. Die USA dagegen verschulden sich in der eigenen Währung. Ein klassischer Staatsbankrott ist praktisch ausgeschlossen. Das Risiko ist ein langsamer Vertrauensverlust: höhere Hypothekenzinsen, teurere Staatsfinanzierung, eine Notenbank, die nicht lockern kann, weil der Ölpreis die Inflation nährt.
Zweitens gibt es einen Stoßdämpfer, aber er ist begrenzt. Das Finanzministerium kauft mit Rückkaufprogrammen langlaufende Anleihen zurück. Analysten halten die Summen jedoch für zu klein, um die Richtung zu ändern.
Drittens, und das ist der wichtigste Punkt: Beide Seiten stehen nicht vor dem Zusammenbruch, sondern vor einer Rechnung. „Der Markt“ wirkt wie ein Dritter am Verhandlungstisch, der keine Rücksicht auf Gesichtsverlust nimmt.
Ob das reicht, ist offen. Der Konflikt hat schon mehrere „Durchbrüche“ überstanden, die keiner waren, und beide Seiten sind überzeugt, der andere gebe zuerst nach. Wenn eines der beiden Autos ausweicht, dann wohl nicht aus Einsicht, sondern weil die Anzeigen im Armaturenbrett rot leuchten. Der Iran hat sich über 40 Jahre auf diesen Showdown vorbereitet, denn den Vordenkern des Landes war bewusst, dass dieser Tag kommen würde. Die Vordenker in Washington waren in all ihren Denkfabriken von falschen Prämissen ausgegangen. Daher weiß noch niemand wie dieser zu beginn ungleich scheinender Kampf ausgehen wird.
Zusammenfassung
Der Angriff der USA und Israels gegen den Iran beschleunigt die Dollarkrise erheblich. Indikatoren wie Zinsen für langjährige Anleihen blinken bereits heftig in Gelb. Wenn nicht bald einer der beiden Kontrahenten abbiegt, und die US-Wirtschaft in eine Krise gerät wie seit der großen Depression nicht mehr, dann werden die Staaten am meisten mitleiden, die bisher auf die US-Wirtschaft als Absatzmarkt, auf Versorgung von Energie aus den USA und auf Dollarreserven gesetzt haben.
Bild: Screenshot von Video über die Bondmarktkrise
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Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb
Nibelungentreue am Anleihemarkt, oder von Japans Rettungsversuch zur Kettenreaktion?
Die letzte Verteidigungslinie des Dollars
1 Kommentar
„Zwei Wirtschaften rasen aufeinander zu, welche bricht zuerst zusammen, Washington oder Teheran?“
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