Es steckt Logik hinter Aufrüstung, Energiekrieg und atomarem Risiko in der EU. Der berüchtigte US-General Keith Kellog charakterisierte sie so: „Wenn du einen strategischen Feind besiegen kannst, ohne US-Truppen einzusetzen, bist du auf dem Gipfel der Professionalität.“
Das langfristige Ziel — eine strategische Niederlage Russlands — ist unverändert geblieben. Was sich geändert hat, ist die Methode. Die offizielle Geschichte lautet, Europa rüste auf, um sich vor Russland zu schützen. Der schwedische Analytiker Mattias Forsgren kehrt diese Erzählung in seinem Essay „Hegemonic logic“ um. Seine These: Washington braucht kein siegreiches, souveränes Europa. Washington braucht ein Europa, das arm, ideologisch abgeriegelt und militärisch verheizbar ist – ein größerer, langsamerer Ableger des ukrainischen Modells.
Der Punkt sei nicht, jede einzelne Maßnahme aus der Ukraine eins zu eins zu kopieren. Der Punkt sei dasselbe Ergebnis: ein Kontinent, der so abhängig, so kontrolliert und so gegen Russland abgeschottet ist, dass er als Frontmaterial verbraucht werden kann. US-Truppen sollen dabei möglichst nicht verbraucht werden. Genau das meinte der ehemalige Trump-Berater General Keith Kellogg, als er sagte, den strategischen Gegner zu besiegen, ohne eigene Soldaten einzusetzen, sei „der Gipfel der Professionalität“.
Das ist keine Verschwörungstheorie aus dem luftleeren Raum. Es ist die Zuspitzung einer Entwicklung, die seit Jahren sichtbar ist: Deindustrialisierung, Sprengung der Energiebasis, NATO-Osterweiterung gegen alle historischen Warnungen, Informationsregime gegen abweichende Stimmen – und parallel dazu die öffentliche Normalisierung atomarer „Kontingenzplanungen“ in Europa.
Imperiales Überdehnen statt „Wertegemeinschaft“
Forsgren setzt beim Motiv an. Die US-Ordnung nach 1991 war ein finanzialisiertes Imperium: Offshoring, Schulden, Dollar-Privileg, Sanktionen als Waffe. Die Brüche von 2008 und der Corona-Jahre haben gezeigt, dass die alten Steuerungsinstrumente nicht mehr tragen. Wer ein System nicht mehr auf den alten Bedingungen reproduzieren kann, sucht nach einem Szenario, in dem die Kosten der eigenen Schwäche von anderen bezahlt werden.
Michael Hudson hat das für Deutschland bereits 2022 auf den Punkt gebracht: Das vordringlichste strategische Ziel der USA in der NATO-Konfrontation mit Russland seien steigende Öl- und Gaspreise, vor allem zum Nachteil Deutschlands. Höhere Energiepreise nützten US-Konzernen und nähmen der deutschen Industrie die Kraft. Hudson nannte das die dritte Niederlage Deutschlands durch Amerika innerhalb eines Jahrhunderts. Nachzulesen etwa in seiner Analyse „America Defeats Germany for the Third Time in a Century“.
Dasselbe Muster kennt man aus den Strategiepapieren zum Nahen Osten. Die Brookings-Studie „Which Path to Persia?“ von 2009 diskutierte offen, wie man den Iran durch Isolation, Stellvertreter und Eskalation in die Knie zwingen könne. Forsgren zieht die Linie weiter: Energieunabhängigkeit der USA, Störung der Golfregion, Bindung Europas an US-LNG. Wer die Pipelines nach Russland zerstört hat, verkauft anschließend das Ersatzprodukt.
Nord Stream war kein Betriebsunfall
Ohne billige russische Energie gibt es keine wettbewerbsfähige deutsche Industrie. Das wussten deutsche Industrielle, bevor Politiker begannen, „Freiheit“ gegen Ammoniak, Chemie und Autos zu tauschen. Die Sprengung von Nord Stream im September 2022 war deshalb kein Nebenschauplatz. Sie war der Schnitt der Nabelschnur.
Seymour Hersh schrieb früh, der Anschlag sei eine US-Operation gewesen „How America Took Out The Nord Stream Pipeline“. Die offiziellen Ermittlungen in Dänemark, Schweden und Deutschland endeten so, dass Russland die Ergebnisse nie prüfen konnte. Der praktische Effekt, schreibt Forsgren, war genau das: keine gemeinsame Feststellung der Täterschaft, dafür eine dauerhafte Energieabhängigkeit Europas vom transatlantischen Lieferanten.
Danach folgte das langsame ukrainische Drehbuch für den Rest des Kontinents: Entkopplung von russischen Rohstoffen, Deindustrialisierung vor allem in Chemie und Autoindustrie, Reallohnverlust, dauerhafte Kriegsrhetorik. Wer das bestreitet, muss erklären, warum dieselben Eliten, die 2021 noch Nord Stream 2 als Wirtschaftsprojekt verteidigten, 2022 über Nacht entdeckten, dass Physik und Standortkosten „Putin-Propaganda“ seien.
Die Warnungen lagen auf dem Tisch – sie wurden ignoriert
Dass die NATO-Ausdehnung nach Osten Russland in eine militärische Antwort treiben würde, war keine nachträgliche Erkenntnis Moskaus. Es war Konsens erfahrener US-Diplomaten.
George F. Kennan, Architekt der Eindämmungspolitik, schrieb 1997 in der New York Times, die NATO-Osterweiterung sei „der folgenschwerste Fehler der amerikanischen Politik in der gesamten Zeit nach dem Kalten Krieg“ „A Fateful Error“. Sie werde nationalistische und militaristische Strömungen in Russland entfachen, die junge russische Demokratie belasten und das Klima des Kalten Krieges zurückbringen.
Im Februar 2008 telegrafierte der damalige US-Botschafter in Moskau, William Burns – später CIA-Direktor –, unter der Betreffzeile „Nyet Means Nyet: Russia’s NATO Enlargement Redlines“: Die Aufnahme der Ukraine in die NATO sei die hellste aller roten Linien der russischen Elite, nicht nur Putins. Eine Spaltung des Landes, Gewalt, im Extremfall Bürgerkrieg und die Frage russischer Intervention seien absehbar.
John Mearsheimer argumentierte seit 2014, der Westen zwinge Russland durch die NATO-Perspektive der Ukraine in eine militärische Reaktion. Sein Aufsatz „Why the Ukraine Crisis Is the West’s Fault“ in Foreign Affairs liegt seit einem Jahrzehnt öffentlich. Stephen Cohen warnte im selben Sinn. All das wurde nicht widerlegt. Es wurde tabuisiert.
Wer heute so tut, als sei der Krieg 2022 „unprovoziert“ vom Himmel gefallen, streicht die eigene Aktenlage.
Warum europäische Eliten gegen das nationale Interesse handeln
Die interessante Frage ist nicht, ob Washington Einfluss nimmt. Die interessante Frage ist, warum europäische Regierungen so zuverlässig gegen die materielle Interessenlage der eigenen Bevölkerung handeln.
Forsgren nennt mehrere Ebenen, die sich ergänzen, nicht ausschließen. Erstens: politische Selbsterhaltung. Wer ein Land in den Krieg und in die Deindustrialisierung geführt hat, kann das Scheitern nicht zugeben, ohne selbst zu fallen. Der Journalist Patrik Baab beschreibt das als Eskalation aus Angst vor dem eigenen Machtverlust.
Zweitens: systematische Formung von Personal. Lawrence Wilkerson, früher Stabschef von Außenminister Colin Powell, hat beschrieben, wie Washington nach 1990 NATO-Erweiterung auch gegen Mehrheiten durchsetzte: NGOs, USAID, Besuche von Senatoren, Förderung atlantischer Minderheiten gegen neutrale Mehrheiten. L. Fletcher Prouty nannte das in „The Secret Team“ schon für die Ära der Military-Assistance-Programme beim Namen: militärische Hilfe als Instrument, Streitkräfte schrittweise von nationaler politischer Kontrolle zu lösen.
Drittens: die alte Infrastruktur der Disziplinierung. Geheime Netzwerke vom Typ Gladio, ungeklärte oder politisch hochbrisante Todesfälle wie Aldo Moro, Olof Palme und Alfred Herrhausen, die dokumentierte NSA-Überwachung Angela Merkels, Eliteprogramme wie die Young Global Leaders des Weltwirtschaftsforums. Einzelne Punkte sind unterschiedlich hart belegbar. Zusammengenommen ergibt sich kein Bild souveräner europäischer Interessenpolitik, sondern das Bild einer Klasse, deren Karriere vom transatlantischen Block abhängt.
Viertens: das Informationsregime. Russische Staatsmedien sind in der EU verboten. Abweichende Analysten werden nicht widerlegt, sondern markiert. Jacques Baud, ehemaliger Schweizer Nachrichtendienstoffizier, wurde von der EU sanktioniert. Glenn Diesen in Norwegen und Frida Stranne in Schweden wurden zur Persona non grata erklärt. Abweichung gilt nicht mehr als Meinung, sondern als Illoyalität. Genau so funktionierte die politische Säuberung in der Ukraine nach 2014 und 2022 – nur schneller.
Zugzwang statt Abschreckung
Im Schach bedeutet Zugzwang: Jeder noch mögliche Zug verschlechtert die Lage. Forsgren wendet das auf die nukleare Ebene an.
Im Kalten Krieg lag die Eskalationsdominanz zeitweise bei den USA, unter anderem weil sowjetische Zweitschlagskapazität über U-Boote unsicherer wurde. Heute sei das Verhältnis umgekehrt. Russland habe bei hypersonischen Systemen – Avangard, Zirkon, Kinschal, Oreschnik – eine Fähigkeit aufgebaut, gegen die gegenwärtige NATO-Abwehr kaum greift. Der Einsatz von Oreschnik gegen die Ukraine war zugleich Waffentest und Botschaft an europäische Hauptstädte. Reichweite, Mischfähigkeit konventionell/nuklear und kurze Flugzeiten nach Warschau, Berlin, Paris und London sind kein Geheimnis, siehe etwa die Berichterstattung der Associated Press und Analysen zu Flugzeiten ins NATO-Gebiet.
Der norwegische Friedensforscher Ola Tunander hat das Szenario formuliert, das Forsgren übernimmt: Russland zerstört mit konventionellen Hyperschallwaffen zuerst militärische und Teile ziviler Infrastruktur in Europa. Großbritannien und Frankreich sehen sich zur nuklearen Antwort gedrängt. Russland antwortet nuklear. Europäische und in Europa stationierte US-Strukturen werden getroffen. Hunderttausende Tote. Washington und Peking bleiben außerhalb des direkten Schlags. NATO bricht politisch auseinander. Tunander hat das unter anderem in „When nuclear war is left to Europe“ und auf seinem Substack ausgeführt.
Der atomare Schirm der USA war nie ein Versprechen, wie etwa Chicago für Berlin zu opfern. Er war ein Versprechen begrenzter Schläge auf europäischem Boden. Wenn europäische Piloten im Rahmen der NATO-Nuklearteilhabe US-Bomben vom Typ B61 tragen und wenn Paris und London eigene Systeme in Stellung bringen, entsteht eine andere Rechnung: Ein Schlag von deutschem oder nordischem Boden auf Sankt Petersburg oder Moskau zwingt Russland zur Antwort gegen die Startländer. Er zwingt Russland nicht automatisch zum Schlag gegen das amerikanische Mutterland.
Genau darin liegt für Forsgren die hegemoniale Pointe. Europa soll in eine Lage manövriert werden, in der der nächste Schritt – Truppen als „Rückversicherung“, Taurus, Storm Shadow, tiefe Drohnenangriffe, Diskussion über europäische Atomwaffen, Übungen wie Steadfast Noon – irgendwann als unvermeidlich erscheint. Die USA behalten Distanz und einen Rest plausibler Abstreitbarkeit.
Die Argumentation folgt einer dokumentierten Eskalationsleiter, die vom „humanitären“ Anfang über Artillerie, Kampfpanzer, Jets und Marschflugkörper bereits mehrfach „rote Linien“ verschoben hat, die zuvor als undenkbar galten.
Was „Sieg“ in dieser Logik bedeutet
Wenn man den Krieg an den Interessen der europäischen Bevölkerung misst, ist er verloren. Industrie weg, Energie teuer, Männerreserven der Ukraine erschöpft, Russland konventionell nicht zusammengebrochen, oder sogar stärker geworden.
Forsgren misst anders, mit Michael Parentis Frage: Working for whom? Cui bono? Parenti hat das in seinen Analysen US-amerikanischer Machtpolitik wiederholt: Eine Politik ist nicht gescheitert, nur weil sie den offiziell behaupteten Zweck verfehlt. Sie kann für die Akteure, die sie tragen, genau dann erfolgreich sein.
In dieser Lesart ist Sieg nicht die Befreiung der Ukraine und nicht die Sicherheit Deutschlands. Sieg ist das Überleben der Kommandostrukturen, der Bunker, der Nachfolgeprotokolle und genug industrielles und finanzielles Saatkapital, um nach einem europäischen Schock den Apparat auf der obersten Stufe des Systems zu halten – und den Blick nach China frei zu bekommen. Ein begrenzter atomarer Schlagabtausch, der Europa und Teile Russlands ruiniert, während das US-Festland außen vor bleibt, wäre in dieser kalten Buchhaltung kein Weltuntergang, sondern eine brutale Flurbereinigung.
Man muss diese Rechnung nicht für zwingend halten. Man muss sie aber ernst nehmen, weil die materiellen Schritte der letzten Jahre – Energiekrieg gegen den eigenen Verbündeten, Aufrüstungsprogramme ohne industrielle Basis, Tabu gegen Verhandlung, Vorbereitung der Bevölkerung auf „Kriegstüchtigkeit“ – besser zu ihr passen als zur Mär von der bloßen Verteidigung der Demokratie.
Nicht Wahnsinn, sondern Bestandssicherung
Forsgren schließt nicht mit dem Bild irrer Generäle. Er schließt mit Eliten, die den Tag fürchten, an dem die Musik aufhört und die Bücher geöffnet werden. Besser, den Kontinent in Verzweiflung und Konfrontation zu treiben und das System künstlich zu beatmen, als den Moment zuzulassen, in dem die Kosten der eigenen Überdehnung im eigenen Land fällig werden.
Ob die vollständige nukleare Variante je gespielt wird, weiß niemand. Sichtbar ist bereits die Vorstufe: Europa zahlt den Preis eines Krieges, den es nicht führen kann, für eine Hegemonie, die es nicht besitzt, mit einer Energiebasis, die ihm genommen wurde.
Die Quellen dazu sind nicht geheim. Sie stehen bei Kennan, Burns, Mearsheimer, Hudson, Hersh, Tunander und jetzt gebündelt bei Mattias Forsgren. Wer sie nicht liest, muss weiterhin glauben, dass deutsche Chemieanlagen aus Idealismus schließen und dass atomare Übungen über Europa nur der Abschreckung dienen.
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3 Kommentare
Oh wie wahr, es ist doch längst nicht mehr so, daß nur die Ukraine als Rammbock gegen Russland verschlissen wird, Deutschland ist längst Teil dieses Rammbocks. Krieg gegen Russland ist die dümmste Idee, auf die Westeuropas Eliten je reingefallen sind.
@,
und auch nicht zum erstenmal, wie wir wissen
wozu die aufregung, dem zum konsum gezüchteten pöbel ist die welt draussen einerlei,
solange es fernsehen, fussball und fette weiber gibt
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