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Politik

Ukraine vor einem Wendepunkt? Militärischer Druck, diplomatische Neuordnung und Europas schwindender Einfluss

3 Kommentare 8. November 2026 10 Minuten Lesezeit von Jochen Mitschka

Der Krieg in der Ukraine nähert sich möglicherweise einer entscheidenden Phase, so dass er sich im nächsten Jahr dem Ende zuneigen könnte. Während Russland seine Angriffe auf die ukrainische Energie- und Verkehrsinfrastruktur verstärkt, bereiten die USA neue Verhandlungen zwischen Moskau und Kiew vor.

Gleichzeitig zeichnet sich eine geopolitische Entwicklung ab, die für Europa weitreichende Folgen haben könnte: Die künftige Sicherheitsordnung Europas wird zunehmend zum Gegenstand amerikanisch-russischer Gespräche, während die europäischen Staaten um ihre Beteiligung ringen.

Europas Sicherheitsordnung wird neu verhandelt – aber wer sitzt am Tisch?

US-Präsident Donald Trump hat von einem möglichen umfassenden Abkommen gesprochen, das nicht nur die Ukraine, sondern ganz Europa betreffen könnte. Nach Gesprächen mit russischen Vertretern stellte er eine größere Vereinbarung über die künftige europäische Sicherheitsordnung in Aussicht. Der Kreml meint, Europa solle eine Rolle dabei spielen, scheint aber bisher nicht durchzudringen. Auch Jared Kushner, der an den amerikanischen Verhandlungen beteiligt ist, sprach von einem umfassenderen Sicherheitsrahmen.

Die amerikanische Initiative ist deshalb besonders brisant, weil Moskau seit Jahren fordert, die NATO müsse ihre militärische Präsenz in Osteuropa zurücknehmen und die weitere Ausdehnung des Bündnisses müsse ausgeschlossen werden.

Für Russland geht es also nicht nur um die Ukraine, sondern um eine grundsätzliche Neuordnung der europäischen Sicherheitsverhältnisse.

Europa reagiert darauf ausgesprochen nervös. EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas erklärte, Europa habe bereits eine Sicherheitsarchitektur. Russland könne nicht darüber entscheiden, welche Sicherheitsordnung auf dem Kontinent gelten solle. Und lehnt Vorschläge aus Washington ab. Der polnische Außenminister Radosław Sikorski warnte ebenfalls davor, dass Vereinbarungen über die Zukunft Europas nicht über die Köpfe der Europäer hinweg getroffen werden dürften.

Besonders bemerkenswert ist dabei, dass die USA und Russland offenbar über einen umfassenderen Sicherheitsrahmen sprechen, während die Europäer zunächst versuchen müssen, überhaupt eine gemeinsame Verhandlungsposition zu entwickeln.

Aber konkret dokumentiert sind derzeit vor allem amerikanisch-russische Gespräche und parallele Konsultationen mit europäischen Partnern, keine Entscheidungen.

Die Entwicklung ist aber ein Warnsignal für Europa. Statt wie Deutschland hoffte „wieder wer zu sein, in der Welt“, scheint das Gegenteil einzutreten. Kritiker sagen, dies sei auf die extreme Russophobie zurückzuführen, durch die auch trotz offensichtlicher Entwicklungen des Krieges keine Anzeichen für Kompromissbereitschaft signalisiert werden.

Abu Dhabi: Neue Verhandlungen unter schwierigen Vorzeichen

Für den 10. und 11. November sind in Abu Dhabi neue trilaterale Gespräche zwischen den USA, Russland und der Ukraine vorgesehen. Die amerikanische Delegation soll unter anderem von Steve Witkoff und Jared Kushner vertreten werden. Die Gespräche sollen sich mit einem möglichen Ende des Krieges, Sicherheitsgarantien, einer Deeskalation und humanitären Fragen beschäftigen.

Russland hat sein Verhandlungsteam deutlich verstärkt. Neben Wladimir Medinski sollen die stellvertretenden Außenminister Sergej Rjabkow und Michail Galusin sowie der Chef des russischen Militärgeheimdienstes GRU, Igor Kostjukow, teilnehmen. Auch ein hochrangiger Vertreter des Generalstabs ist vorgesehen.

Medinski gilt als Vertreter einer ausgesprochen harten russischen Verhandlungslinie. Seine bisherigen Auftritte bei Verhandlungen waren durch weitreichende russische Forderungen geprägt. Man nennt ihn deshalb auch „Mr. Ultimatum“. Die Botschaft der russischen Personalentscheidung ist jedenfalls deutlich: Moskau will politische, diplomatische und militärische Fragen gemeinsam behandeln.

Dabei ist die Ausgangslage schwierig. Russland und die Ukraine liegen bei den entscheidenden Fragen weiterhin weit auseinander. Moskau verlangt insbesondere territoriale Zugeständnisse im Donbass und Sicherheitsregelungen, die eine weitere NATO-Ausdehnung verhindern sollen. Kiew fordert dagegen verbindliche Sicherheitsgarantien, die einen erneuten russischen Angriff verhindern.

Doch der Verhandlungsort liegt auch in einer Kriegszone

Die britische Regierung warnt ihre Staatsbürger vor einer möglichen Eskalation und weist auf die Gefahr von Flugausfällen, Luftraumsperrungen und Vergeltungsangriffen hin. Die britische Reiseinformation fordert derzeit nicht pauschal alle britischen Staatsbürger zur Ausreise aus den Vereinigten Arabischen Emiraten auf. Sie warnt lediglich vor den erheblichen regionalen Risiken.

Ob die Gespräche tatsächlich wie geplant stattfinden, lässt sich deshalb noch nicht mit letzter Sicherheit sagen.

Die militärische Lage: Russland setzt auf  Zermürbung der Infrastruktur und des Nachschubs

Während über Frieden gesprochen wird, verschärft Russland den militärischen Druck auf die Ukraine. Besonders betroffen ist inzwischen die Energieversorgung. Die russischen Angriffe auf Kraftwerke, Umspannwerke und Übertragungsanlagen haben die ukrainische Stromversorgung erheblich geschwächt. Inzwischen sind Stromausfälle in zahlreichen Regionen wiederkehrender Bestandteil des Alltags.

Am 3. November kam es in Kiew zu erheblichen Ausfällen bei Strom und Wasserversorgung. Teilweise mussten auch Straßenbahn- und Trolleybusverbindungen eingestellt werden.

Am 6. November meldete das ukrainische Energieministerium neue Ausfälle in sieben Regionen. Besonders schwierig sei die Situation im Großraum Kiew. Am 7. November folgte ein weiterer schwerer russischer Angriff auf die Hauptstadt und die umliegende Region.

Die Auswirkungen sind inzwischen nicht mehr auf die Energieversorgung beschränkt. Auch die Verkehrsverbindungen Kiews geraten zunehmend unter Beschuss.

Besonders bemerkenswert sind die Angriffe auf die Brücken über den Dnepr. Die Nordbrücke in Kiew wurde bei den jüngsten Angriffen erheblich beschädigt. Wenn Russland die wichtigsten Brücken über den Fluss zerstört hat, steht der Nachschub der NATO für die Front im Osten vor großen Herausforderungen, insbesondere da auch die Schienenzugmaschinen zum größten Teil zerstört wurden.

Militärexperten hatten Zerstörung der Brücken schon zu Beginn des Konfliktes gefordert. Aber das Gerücht besagte, dass dies nicht angegangen wurde, weil man zunächst das Arsenal der NATO reduzieren wollte. Andere Quellen behaupten, es sei aus humanitären Gründen anfangs nicht erfolgt.

Jedenfalls wurden zuletzt nach ukrainischen Angaben bei einem Angriff sechs ballistische Raketen gegen eine Brücke eingesetzt, von denen vier einschlugen. Auch andere Brückenverbindungen waren bereits zuvor Ziel russischer Angriffe.

Präsident Selenskyj warf Moskau am 8. November ausdrücklich vor, die Angriffe zu verstärken, um Kiew vor den anstehenden Gesprächen unter Druck zu setzen.

Russland bekommt sein eigenes Starlink: Eine neue Dimension der Kriegsführung

Eine weitere Entwicklung könnte langfristig sogar größere Bedeutung haben als einzelne Geländegewinne. Russland setzt inzwischen sein eigenes Satellitenkommunikationssystem namens Rassvet für militärische Zwecke über der Ukraine ein.

Es handelt sich um ein Netzwerk von Satelliten im niedrigen Erdorbit (Low Earth Orbit), das langfristig eine russische Alternative zu Elon Musks Starlink darstellen soll.

Nach Angaben des ukrainischen Militärgeheimdienstes hat Russland in diesem Jahr bereits 32 Satelliten dieses Systems in zwei Starts ins All gebracht.

Zum Vergleich: Starlink verfügt über mehr als 10.000 Satelliten, deckt aber fast die ganze Welt ab, während Russland nur „interessante Gebiete“ abdecken will. Rassvet, so sagt man deshalb im Westen, sei also noch weit davon entfernt, eine vergleichbare globale Abdeckung zu erreichen. Trotzdem ist die militärische Bedeutung bereits jetzt erkennbar. Denn Russland ist in der Lage, jederzeit zusätzliche Satelliten über „interessanten Gebieten“ zu platzieren.

Die Satelliten ermöglichen eine Datenübertragung zwischen russischen Einheiten und unbemannten Fluggeräten. Dadurch können Drohnen während des Fluges neue Informationen erhalten, ihre Flugroute verändern und auf veränderte Zielpositionen reagieren. Das ist ein entscheidender Unterschied zu Drohnen, die lediglich ein vorprogrammiertes Ziel anfliegen.

In Verbindung mit Aufklärungsdaten können solche Systeme die Präzision von Angriffen erhöhen und es der ukrainischen elektronischen Kriegsführung erschweren, die Fluggeräte zu stören.

Besonders problematisch ist, dass diese Entwicklung nicht nur große, teure Waffensysteme betrifft. Auch kleine und vergleichsweise preiswerte Drohnen können durch bessere Kommunikation und Zielinformationen erheblich leistungsfähiger werden. Gleiches gilt grundsätzlich für andere vernetzte Waffensysteme.

Der Krieg entwickelt sich damit immer stärker zu einem Wettbewerb zwischen Satellitenkommunikation, elektronischer Kriegsführung, Aufklärung und automatisierter Zielsteuerung. Und vor allem zu einem Wettbewerb, wer in der Lage ist, am schnellsten und flexibelsten auf neue Maßnahmen des Gegners zu reagieren.

Russland zerstört die westlichen Satelliten nicht, sondern setzt eigene ein. Entwickelt innerhalb extrem kurzer Zeit, vergleicht man dies mit dem Versuch Europas, ein Analogon zu Elon Musks System zu entwickeln. Und das trotz schärfster Sanktionen der USA.

NATO-Chef Rutte: Territoriale Zugeständnisse werden zunehmend unausweichlich

Besonders interessant ist die Veränderung der politischen Rhetorik innerhalb der NATO.

Jahrelang wurde in der westlichen Öffentlichkeit der Eindruck vermittelt, ein Friedensabkommen dürfe nicht mit territorialen Zugeständnissen an Russland verbunden sein. Die Wiederherstellung der „territorialen Integrität“ der Ukraine, sogar einschließlich der Krim, galt als politisches Ziel. Wobei Referenden bzw. das Selbstbestimmungsrecht der Menschen nicht wie im Kosovo-Fall über das Recht einer Zentralregierung gestellt wurde. Doch die militärische Realität und die internationalen Verhandlungen stellen diese Position zunehmend infrage.

NATO-Generalsekretär Mark Rutte hat bereits im Januar 2026 bei einem Forum von Renew Europe erklärt, dass eine spätere Friedenslösung eine sehr sensible Diskussion über territoriale Fragen erfordern werde.

Er betonte dabei, dass solche Entscheidungen letztlich von der ukrainischen Führung und dem ukrainischen Volk getroffen werden müssten. Das ist zwar noch keine ausdrückliche Aufforderung, Gebiete abzutreten.

Während die Ukraine von einem Waffenstillstand spricht, um sich auf die Rückeroberung der verlorenen Gebiete neu aufrüsten und aufstellen zu können, Fordert Russland einen politischen Verzicht auf die Rückeroberung bestimmter Gebiete. Diese Unterscheidung dürfte für die kommenden Verhandlungen entscheidend werden. Ebenso wie die Frage ausländischer Truppen in der Ukraine, welche Russland erneut ultimativ ablehnte.

Die eigentliche Frage lautet deshalb inzwischen nicht mehr ausschließlich, wie die Ukraine militärisch gewinnen kann, sondern welche Bedingungen sie akzeptieren müsste, um den Krieg zu beenden und ihre staatliche Souveränität dauerhaft zu sichern.

Was bedeutet das für die Zukunft Europas?

Militärisch versucht Russland, die Ukraine durch Angriffe auf Energieversorgung und Verkehrsinfrastruktur weiter zu schwächen. Technologisch baut Moskau seine Fähigkeiten zur satellitengestützten Kriegsführung aus. Diplomatisch bereitet sich Russland mit einer hochrangigen Delegation auf neue Gespräche vor.

Die USA, genauer gesagt, die Trump-Regierung, da die „Democratic Party“ nicht auf diesem Weg zu sein scheint, versuchen, den Krieg zu beenden und möglicherweise gleichzeitig eine umfassendere europäische Sicherheitsordnung auszuhandeln.

Die Europäer stehen dabei vor einem grundsätzlichen Problem: Sie sind wirtschaftlich und sicherheitspolitisch unmittelbar von den Folgen eines solchen Abkommens betroffen, verfügen aber bislang nicht über eine einheitliche Strategie, mit der sie ihre Interessen durchsetzen könnten.

Dass Frankreich inzwischen eine Beteiligung europäischer Vertreter an den Gesprächen in Abu Dhabi angekündigt hat, was sich noch bestätigen wird, ist deshalb durchaus wichtig. Es zeigt, dass Europa nicht vollständig aus dem diplomatischen Prozess verschwunden ist. Allerdings bleibt offen, welchen tatsächlichen Einfluss die Europäer auf die zentralen amerikanisch-russischen Verhandlungen haben werden.

Ein Ende des Krieges ist noch keineswegs kurzfristig sicher. Aber die politischen Voraussetzungen für eine grundlegende Neuorientierung scheinen sich zu verändern.

Vielleicht erleben wir gerade den Beginn einer Phase, in der nicht mehr die Frage nach einem „ukrainischen Sieg“ im Mittelpunkt steht, sondern die Frage, unter welchen Bedingungen die USA, Russland und die Ukraine einen für alle Seiten akzeptablen Abschluss finden können.

Für Europa wäre das eine historische Zäsur. Denn sollte die künftige Sicherheitsordnung tatsächlich maßgeblich zwischen Washington und Moskau ausgehandelt werden, müsste sich Europa mit der unangenehmen Erkenntnis auseinandersetzen, dass es trotz seiner immer noch beachtlichen wirtschaftlichen und politischen Bedeutung nicht automatisch zu den entscheidenden Akteuren gehört.

Und genau darin könnte eine der größten geopolitischen Folgen dieses Krieges liegen. Das Eingeständnis, dass Berlin „doch keine Rolle“ in der Welt spielt, trotz historischer Aufrüstung und martialischer Kriegsrhetorik.

Bild: Screenshot von Video über die neuesten Angriffe auf Kiew

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3 Kommentare

  1. Dideldum
    Antworten

    Die Verhandlungen sind weitestgehend sinnlos, da sich USA und die EU-Staaten eh nicht an Verträge halten. Das einizge was funktionieren könnte, wäre ein physisisch prüfbarer einseitiger Verzicht der weiteren Ausbreitung der NATO, aber das wird Russland niemals bekommen, denn das wäre eine Kapitulation der EU-Staaten.
    Somit wird es weiterhin darauf hinauslaufen, das Russland das aktuelle ukrainische Regime vollständig zerstört und in den Untergang treibt und damit für seine Sicherheit sorgt. Das dürfte dann für ca. eine Generation für Ruhe sorgen..
    Vielleicht erleben wir das Ende ja schon in diesem Winter oder im nächsten Frühjahr..

  2. Varus
    Antworten

    @„Eine weitere Entwicklung könnte langfristig sogar größere Bedeutung haben als einzelne Geländegewinne.“

    Nichtsdestotrotz müssten irgendwann auch diese kommen – besonders die letzte Zeit sieht es hier dürftig aus. Russland wollte doch Donbas komplett befreien? Was ist mit dem Rest der Oblasti Saporosche und Cherson?

  3. Pimpressum
    Antworten

    Das allerdings hatte Lawrow den Europäern schon vor dem Ukraine- Krieg wiederholt und ultimativ erklärt, dass es um eine erneuerte europäische Sicherheitsarchitektur unter Einbeziehung Russlands geht. Wie bei grenzdebilen US- und Kriegsvasallen üblich, lehnten diese jegliche Gespräche ab. Herauskommen wird bei diesem Krieg, dass die USA vollends über europäische Belange bestimmen und die Hand an Gashub haben. US- dienende Klamauken und Transatlantiker wie Joschka Fischer dürfen freilich posauen, Europa müsse sich unabhängiger und als Großmacht aufstellen, dabei hat deren Politik ohne Hirn und Verstand das Vasallentum erst ermöglicht.

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