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Wirtschaft

Wie Raiffeisen und Strabag die EU-Sanktionen überlisten

5 Kommentare 29. September 2026 7 Minuten Lesezeit von Hannes Hofbauer

Das Match Raiffeisen gegen Russland ist nichts für schwache Nerven. Seit Jahren beschäftigen Horden von Anwaltskanzleien Gerichte in Sankt Petersburg, Kaliningrad, Amsterdam und Wien. Die zuletzt vorliegenden Urteile lassen vermuten, dass sich die Auseinandersetzung demnächst ihrem Ende nähert.

Es geht, wie könnte es im Bankgeschäft anders sein, um Milliardenbeträge. Geschätzte sieben Milliarden Euro hat Raiffeisen Bank International (RBI) als Ergebnis einträglicher Geschäfte auf der hohen Kante in Russland liegen. Die seit 2014 bestehenden und seit 2022 verschärften Russland-Sanktionen der Europäischen Union haben Moskau zu Gegenmaßnahmen greifen lassen. Die wichtigste davon: Verbot von Gewinnrückführungen für Unternehmen aus „unfreundlichen“ – sprich sanktionierenden – Ländern an ihre Mutterkonzerne. Mit anderen Worten: die sieben Milliarden Euro sind in Russland blockiert. Mit ihnen floriert die dortige Geschäftstätigkeit, allem voran Kontoführungen für Energie-Exporteure und Käufer; mehr als zwei Millionen Kunden werden von 8500 MitarbeiterInnen in über 60 Filialen und online betreut, Tendenz aufgrund des Drucks der EU, sich aus Russland zurückzuziehen, rückläufig.

Wie zumindest ein Teil der geschätzten sieben Milliarden Euro an die Zentrale von Raiffeisen International am Wiener Stadtpark gelangen könnte, damit beschäftigen sich zahllose Juristen und Finanzjongleure. Bereits vor Jahren verfielen sie dabei auf die Idee, Aktien des Baukonzerns Strabag quasi im Abtausch mit den blockierten Milliarden ins Spiel einzubringen. Raiffeisen hält in Stimmrechtsvereinbarung mit dem Versicherungskonzern Uniqa 26,7% an der Strabag und somit eine Sperrminorität. Weitere 27% gehören der Familie Haselsteiner und – jetzt wird es interessant – 24,1% der russischen Rasperia Trading, hinter der Oleg Deripaska steht. Der auf sieben Milliarden Euro geschätzte Oligarch machte einen Großteil seines Vermögens mit Aluminium und Nickel. Sein Konzern Rusal war in den 2000er Jahren der weltgrößte Hersteller von Primäraluminium. Aktuell (2025) schlägt er mit einem Jahresumsatz von 12,2 Mrd. Euro zu Buche. Zusammen mit weit über 1000 anderen russischen Unternehmern steht Deripaska auf der EU- und der US-Sanktionsliste. Das heißt: alle seine Vermögenswerte in Europa und den USA sind eingefroren; er hat keinen Zugriff darauf und darf auch nicht in die EU einreisen.

Die Logik dahinter erschließt sich einem freilich nicht. Denn die Sanktionierung reicher Russen durch Brüssel treibt diese ja geradezu in die Arme Moskaus, Chinas oder Indiens, weil sie vom EU-Markt ausgeschlossen sind. Damit konterkariert die EU das Ziel der eigenen Sanktionspolitik, nämlich den Kreml wirtschaftlich zu schädigen. Die vertriebenen Russen müssen folgerichtig ihre Geschäfte außerhalb der EU machen, was Russland stärkt statt schwächt. Aber Brüssels Politik mit dem Maßstab der Logik zu messen, wäre wohl vermessen.

Im Mai 2024 war es fast soweit. RBI und Strabag hatten sich auf einen Deal verständigt. Raiffeisen sollte der russischen Rasperia Trading, die zwischenzeitlich im Schnellverfahren einen neuen, Deripaska nahestehenden Eigentümer bekommen hatte, ihre Strabag-Aktien um kolportierte 1,5 Mrd. Euro abkaufen und diese dann auf der Wiener Börse platzieren. Damit erhoffte man die EU-Sanktionen umgehen und einen Teil der blockierten Raiffeisen-Milliarden via Stragab-Aktien außer Landes schaffen zu können. Der österreichische Nationalbankchef Robert Holzmann wünschte dazu viel Glück und Brüssel hielt sich mit einer Intervention zurück. Im letzten Moment fuhr dann das Office of Foreign Assets Control (Ofac) des US-Finanzministeriums dazwischen, schrie „Sanktionsbruch“ und die Raiffeisenbanker knickten ein. Der damalige CEO von Strabag, Klemens Haselsteiner, senkte devot den Kopf und ließ Washington wissen: „Wir haben von Beginn an, sprich vom 1. März 2022 an, entschiedene Schritte gesetzt, um uns vom russischen Aktionär zu distanzieren: Alle Dividendenzahlungen sind eingefroren, Rasperia wurde von allen Hauptversammlungen ausgeschlossen und das von Rasperia entsandte Aufsichtsratsmitglied abberufen.“ Der Deal war geplatzt.

Parallel zum gescheiterten Abtausch bereiteten beide Seiten, also RBI und Rasperia, Klagen gegeneinander vor. Dass diese vor den jeweiligen nationalen Gerichten Erfolge versprachen, liegt in der Natur der geopolitischen Auseinandersetzung. Die Rechtsprechung folgt in solchen Fällen zwangsweise den politischen Vorgaben. Im Mai 2025 gab ein Gericht in Kaliningrad der Klage von Rasperia Trading recht, die Raiffeisen als Miteigentümerin von Strabag zur Zahlung von 2 Mrd. Euro verurteilte. Das beinhaltete eine Schadenersatz-Zahlung für die durch die EU-Sanktionen blockierten Strabag-Aktien und Dividenenausschüttungen an die Rasperia. Praktischerweise konnte die russische Zentralbank den Betrag von einem Referenzkonto der RBI sogleich einkassieren und an die Rasperia überweisen.

Im Herbst 2025 wollte sich Raiffeisen dann die eingezogenen Milliarden über eine Ausnahmeregelung von den Sanktionsmaßnahmen zurückholen. In Vorbereitung darauf zogen die österreichischen Kernaktionäre der Strabag eine zuvor eingereichte Klage beim Schiedsgericht in Amsterdam zurück. Es fanden Gespräche mit dem österreichischen Außenministerium statt. Die Zustimmung Österreichs zum damals 19. EU-Sanktionspaket sollte durch eine Ausnahmeregelung, Raiffeisen und Strabag vom Sanktionsregime zu entbinden, erkauft bzw. erpresst werden. Wien konnte allerdings die Blockade des EU-Sanktionsregimes nur wenige Tage durchstehen, bis der entsandte Botschafter vor dem Druck Brüssels einknickte.

Anfang 2026 tauchte dann eine ominöse private Investorengruppe um den früheren Unilever-Chef Paul Polman und den ehemaligen NATO-Oberbefehlshaber Tod Wolters auf, die aus der Raiffeisenmisere offensichtlich schnelles Geld für sich und die Ukraine machen wollten. Sie wurden in Brüssel mit der Idee vorstellig, zwei Raiffeisen-Milliarden von den Sanktionen auszunehmen und davon eine Milliarde als Kredit an die Ukraine zu vergeben. Der RBI-Sprecher konnte sich dafür nicht erwärmen.

Im Juli 2026 begann sich der Sturm – vorläufig? – zu legen. Die russische Seite scheint nun an einem gütlichen Ausgang interessiert. Über Klagswege hüben wir drüben könnten gegenseitige Verurteilungen letztlich dazu führen, dass durch EU-Sanktionen eingefrorene Vermögenswerte enteist werden. Als möglicherweise entscheidenen Schritt dahin hob ein russisches Gericht eine Bestimmung auf, nach der es Strabag-Aktionären wie der Raiffeisen verboten war, auch außerhalb Russlands Klage gegen Rasperia zu führen. Dies hätte eine Pönale von 1 Mrd. Euro zur Folge gehabt, die sich Rasperia wieder über Raiffeisenkonten bei der russischen Zentralbank hätte holen können.

Sogleich reichte RBI beim Landesgericht für Zivilrechtssachen in Wien Klage gegen Rasperia ein und bekam umgehend Schadenersatz in der Höhe von 3 Mrd. Euro zugesprochen. Dass das Urteil noch nicht durch alle Instanzen gegangen ist, dürfte nur eine Formsache sein.

Der entscheidende Punkt, warum sich diesmal russische Strabag-Anteile mit Raiffeisen-Vermögen abtauschen lassen könnten, liegt in einem noch nie angewandten Artikel eines EU-Sanktionspakets aus dem Juni 2024. Der dortige Artikel 11a ermöglicht EU-Unternehmen Schadenersatzansprüche jenseits des Sanktionsregimes zu stellen, wenn ihnen in Russland kein effektiver Rechtsschutz gewährt wird. Im stillen Einvernehmen mit der russischen Rasperia wäre es demnach möglich, im Gegenzug zu den bereits an Rasperia übertragenen zwei Mrd. Euro die Aktien der russischen Gesellschaft aus der Strabag herauszulösen und in Wien neu an der Börse zu bringen. Ob die Raiffeisen das milliarden-schwere Aktienpaket selbst behält oder verkauft, darüber werden wieder Aufträge an Anwaltskanzleien ergehen und/oder sich auch die Politik einmischen.

Die beschriebenen Turbulenzen haben – wie bei großen Geschäften üblich – auch finanzielle Aasgeier auf den Plan gerufen. Gemeint sind damit Investoren, die an Börsen auf Kursverluste setzen. Sogenannte Short-Seller leihen sich zu einem gewissen Preis Wertpapiere oder Aktien und wetten mit diesen innerhalb einer vorgegebenen Frist auf Kursverluste. Tritt ein solcher ein, streifen sie teils hohe Gewinne ein, wenn es nicht klappt,sind auch Verluste möglich. Im Fall von Raiffeisen Bank International meldete sich Mitte September 2026 der Short-Seller „Grizzley Research“ medial zu Wort und warf der österreichischen Bank Sanktionsbruch und Unregelmäßigkeiten vor, was tatsächlich zu einem Kursverlust der Raiffeisen-Aktie führte. Wie das Match Raiffeisen gegen Grizzley Research ausgeht, auch darüber bringen sich die Gegner über Klagen vor Gerichten in Stellung.


Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wieder. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

Von Hannes Hofbauer ist zum Thema Sanktionen erschienen: „Im Wirtschaftskrieg. Die Sanktionspolitik des Westens und ihre Folgen. Das Beispiel Russland“. Er ist Autor und Verleger in Wien.


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5 Kommentare

  1. Varus
    Antworten

    Woher kommt in Westeuropa der Hass auf Russland? Böses Medium gestern basierend auf einem Interview von Tucker Carlson: „“Rache am Russen für Pogrome“: Absurde Wurzel israelischer Ukraine-Politik“ – Es geht um Pogrome noch in der Zarenzeit. Dabei stellt der Artikel fest: „… Schaut man sich die Orte an, an denen sich antijüdische Pogrome ereigneten, so wird man schnell feststellen, dass die Teile des Zarenreiches betroffen waren, in denen zur damaligen Zeit so gut wie keine Russen – im heutigen Verständnis des Wortes – lebten. Fast alle liegen im heutigen Polen, in der heutigen Ukraine, in Weißrussland, Moldawien und Litauen. … Mit der bemerkenswerten Ausnahme von Simferopol … alles Städte, die nicht auf dem Gebiet Russlands nach jetzigem Stand liegen. Mit der weiteren Ausnahme der moldawischen Hauptstadt alles ukrainische Städte. … ist es nicht schräg, Rache an dem Volk üben zu wollen, das, aus welchem Grund auch immer, am wenigsten in die Pogrome involviert war, und sich dabei auf die Seite der Nachfahren jener zu schlagen, die sich in ihnen besonders hervorgetan haben? …“
    Dann gab es besonders viele Pogrome auf dem Gebiet des heutigen Ukrostans 1918–1921. Dennoch hassen die „Auserwählten“ Russland, was der Gojim wie befohlen übernimmt?

    1. cwsuisse
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      Die Russophobie ist ein Produkt der Politik und der Mainstreammedien. Der Unwillen der Bevölkerung wird auf ein Wahlobjekt fokussiert, damit die unfähigen Politiker nicht zur Verantwortung gezogen werden. Der Russe fungiert als neuer Jude.

  2. Andreas_Sch.
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    Schön! Die Brut beginnt sich gegenseitig anzunagen. Bald beginnt das große Fressen …

  3. Jurgen
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    Warum fragen die Österreicher die EUUS-Piraten nicht gleich, ob sie den Tausch über die beschlagnahmten russischen Devisen abwickeln wollen?

  4. Jan
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    Raiffeisen steht konservativer Politik nahe, die komme was wolle unter allen Umständen an der Obersten Ungewählten festhält – die bewiesen hat, dass sie überfordert ist. Selbst schuld!

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