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Gesundheit

Das vergessene Heilmittel: Warum DMSO in der Versenkung verschwand

4 Kommentare 28. September 2026 7 Minuten Lesezeit von Dr. Peter F. Mayer

DMSO ist eine „wunderbare Therapie“ für neurologische Erkrankungen – von Schlaganfällen und Rückenmarksverletzungen über Parkinson, Alzheimer, ALS und Multiple Sklerose bis hin zu chronischen Schmerzen, Neuropathien und sogar Seh- und Hörstörungen.

A Midwestern Doctor fasst in einem aktuellen Beitrag auf seiner Plattform die Evidenz zusammen. Der Beitrag ist diesmal mit über 152.000 Zeichen extrem lang geworden. Deshalb die Wiedergabe diesmal in drei unabhängigen Teilen. Im ersten Teil geht es um die grundlegende Wirkungsweise von DMSO, im Teil 2 um die Anwendung bei neurologischen Notfällen und Schmerz. Im Teil 3 geht es dann noch um Neurodegeneration, Psyche und Entwicklung.

Aber nun zu Teil 1: Dimethylsulfoxid (DMSO) ist chemisch betrachtet denkbar unspektakulär: ein kleines, aprotisch polares Molekül mit der Formel (CH3)2SO, das in der Natur vorkommt, aus Lignin gewonnen wird und seit Jahrzehnten industriell wie medizinisch Verwendung findet.

Hier die Strukturformeln für DMS (rechts), DMSO (Mitte) und seinen primären  Metaboliten MSM (links):

DMS wird von Phytoplankton in den Weltmeeren gebildet und ist in einigen nmol/l im Oberflächenwasser der Ozeane gelöst, wovon jährlich etwa 30 Millionen Tonnen in die Atmosphäre ausgasen. Dort oxidiert DMS über Dimethylsulfoxid (DMSO) und Schwefeldioxid zu Schwefelsäure, die zu Tröpfchen kondensiert. Über den Ozeanen ist das die dominante Quelle von Kondensationskeimen für die Wolkenbildung und beeinflusst damit deutlich das Erdklima.

Es ist ein hervorragendes Lösungsmittel, es durchdringt biologische Membranen mit Leichtigkeit, und es ist — das ist der entscheidende Punkt — nicht patentierbar.

Genau diese Eigenschaft hat sein medizinisches Schicksal bestimmt.

Denn DMSO ist gleichzeitig eine der am intensivsten beforschten Substanzen der Medizingeschichte. Zehntausende Studien wurden dazu publiziert. Ärzte und Wissenschaftler, die sein Potenzial erkannten, forschten unabhängig voneinander weiter — teils gegen erheblichen institutionellen Widerstand. In anderen Gesundheitssystemen, insbesondere in Russland, Osteuropa, Lateinamerika und in der Veterinärmedizin, ist DMSO bis heute ein Standardbestandteil der Therapie, ebenso wie in der Tiermedizin. In der Humanmedizin der EU und den USA dagegen existiert es in einem regulatorischen Niemandsland: Eine einzige FDA-Zulassung für interstitielle Zystitis, einer seltenen Blasenerkrankung — und die offizielle Position, es gebe keine Evidenz darüber hinaus.

Diese Diskrepanz ist erklärungsbedürftig. Und die Erklärung ist unangenehm.

Der Mechanismus der Verdrängung

Das Pay-to-Play-Problem

Die Zulassung eines Medikaments in den USA oder in der EU ist ein teures Verfahren. Studien müssen finanziert, Prüfgebiete bezahlt, Zulassungsdossiers erstellt werden. Die Kosten gehen regelmäßig in die hunderte Millionen bis Milliarden Dollar. Das rechnet sich nur, wenn anschließend ein exklusiver Vermarktungsanspruch besteht — also ein Patent, das den Preis über Jahre hinweg hochhält.

DMSO fällt durch dieses Raster. Eine Flasche für 29 Euro reicht einem Anwender monatelang. Es gibt keine Firma, die daran ein Interesse hätte, hunderte Millionen in eine Zulassung zu investieren, deren Ertrag sich nicht exklusiv abschöpfen lässt. Der AMD nennt das treffend ein „Pay-to-Play-System“: Zugang zur Zulassung setzt Zahlungsfähigkeit und Zahlungswilligkeit voraus — und beides fehlt bei einem Molekül ohne Patentschutz.

Der Kampf gegen DMSO

Die Geschichte ist dabei nicht nur eine des Nichtstuns, sondern eine der aktiven Bekämpfung. In den 1960er Jahren wurde DMSO in den USA intensiv klinisch erprobt — mit teils spektakulären Ergebnissen. Die FDA stoppte die Erprobung 1965 mit Verweis auf Augenschäden in Tierversuchen — ein Befund, der sich in Humanstudien nicht bestätigte.

Was blieb, war eine regulatorische Einschränkung. Und weil der Weg zur eigenen Zulassung versperrt war, verlagerte sich das Geschäft auf das, was sich patentieren ließ: DMSO-Kombinationspräparate, bei denen der Wirkstoff mit einem patentierbaren Träger oder Zusatz versehen und dann mit Aufschlag vermarktet werden konnte.

Das Schweigen der Naturheilkunde

Man könnte annehmen, dass der Naturheilkunde-Sektor die Lücke gefüllt hätte. Tat er nicht. DMSO wurde dort nie als Supplement etabliert — teils, weil es als Lösungsmittel galt und nicht als Wirkstoff, teils, weil die Vermarktung eines Zwanzig-Dollar-Produkts wenig attraktiv ist. Als 1994 ein US-Gesetz der FDA die Möglichkeit nahm, natürliche Supplemente einzuschränken, war DMSO bereits weitgehend vergessen.

Der methodische Kern: Das Vehikel, das selbst wirkt

Hier liegt der wissenschaftlich interessanteste Punkt der ganzen Angelegenheit — und der Punkt, der über DMSO hinausgeht.

DMSO wird in der Forschung routinemäßig als Lösungsmittel eingesetzt, um andere, schlecht lösliche Wirkstoffe zu verabreichen. In solchen Studien wird DMSO konventionell als inert angenommen. Die Kontrollgruppe erhält deshalb oft DMSO allein — aber nicht selten, weil man es für wirkungslos hält, wird die Kontrolle nicht gegen Kochsalzlösung gegengeprüft.

Das ist ein systematischer Fehler mit Folgen:

  • Wenn DMSO gelegentlich doch gegen Saline getestet wurde, erzeugte es häufig selbst den therapeutischen Effekt, der dem eigentlich getesteten Wirkstoff zugeschrieben wurde.

  • In manchen Fällen räumten die Autoren das ein; in anderen ließ sich der Effekt nur aus den Studiendaten ablesen.

  • Der Autor zieht daraus eine provokante Schlussfolgerung: Ein Teil der Replikationskrise in der präklinischen Forschung könnte darin begründet liegen, dass in der klinischen Phase das Vehikel fehlt — und mit ihm ein Teil der Wirkung.

Es ist ein methodischer Befund, der die Interpretation einer großen Zahl von Tiermodell-Studien betrifft.

Die Kombinationsstudien als eigene Evidenzbasis

Aus diesem Grund listet AMD die Kombinationsstudien separat auf. Sie dienen zwei Zwecken:

  1. Als Verstärker — wenn DMSO in hunderten Studien mit Curcumin, Resveratrol, Melatonin, Sulforaphan, Quercetin, Ginkgo, Berberin, EGCG, Fisetin und vielen weiteren Substanzen kombiniert wurde und in jedem Fall ähnliche Ergebnisse erzielte, ist das ein Muster, das nicht ignoriert werden kann.

  2. Als praktische Option — DMSO wirkt häufig besser in Kombination als allein.

Die notwendigen Einschränkungen

Seriöse Aufklärung heißt, die Kehrseite nicht zu verschweigen. Wer DMSO als harmloses Wundermittel darstellt, schadet der Sache mehr, als er ihr nützt.

  • DMSO ist ein Trägerstoff — und das ist die zentrale Gefahr. Es zieht alles durch die Haut: nicht nur das, was man transportieren will, sondern auch Verunreinigungen, Lösungsmittelrückstände, Schwermetalle und Industriechemikalien. Nur pharmazeutische Reinheit kommt infrage. „DMSO aus dem Baumarkt“ ist kein Heilmittel, sondern eine Expositionsroute.

  • Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind real und unterschätzt. DMSO beeinflusst Leberenzyme und kann die Wirkung von Substanzen mit enger therapeutischer Breite verstärken — insbesondere Antikoagulanzien, aber auch Antiepileptika und andere.

  • Die Datenlage ist überwiegend präklinisch. Tierstudien und kleine Humanstudien ersetzen keine großen kontrollierten Studien. Die CRPS-Evidenz ist die Ausnahme, nicht die Regel.

  • Dosierung, Konzentration und Applikationsweg entscheiden über Wirkung und Risiko. Das ist keine Substanz für den Selbstversuch nach Forenanleitung.

Fazit

DMSO ist kein Allheilmittel. Aber es ist ein zu Unrecht vernachlässigtes Molekül mit plausiblen Mechanismen, umfangreicher präklinischer Evidenz und einer nachweislich unterdrückten Geschichte. Die zentrale Frage ist nicht, ob es wirkt — sondern warum wir so wenig darüber wissen, und wem das nützt.

Es lohnt jedenfalls den Original-Artikel „DMSO is a Miraculous Therapy for Neurological Diseases“ zu lesen!

Mehr Information zu DMSO

Es gibt einen umfangreichen Schatz an Wissen in einer ganzen Reihe von Büchern:

DMSO und Mischungen sind entweder in Fach-Drogerien, Apotheken (die auch Mischungen auf Bestellung machen wie etwa für Augentropfen)  oder im Versandhandel zu finden:

Und noch mehr zu DMSO gibt es hier in TKP:

Über Protokolle für die Anwendung:

Die wichtigsten Anwendungen:

Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇



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4 Kommentare

  1. Jochen Mitschka
    Antworten

    Ich habe mich gefragt, ob wirklich die fehlende Profitmöglichkeit der alleinige Grund ist, warum Behörden zurückhaltend mit DMSO sind. Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass das nicht der Fall ist. Einmal nach eigenen Anwendungsversuchen, dann aber auch nach Recherchen, wie DMSO in China und in Russland behandelt wird, wo wegen des staatlichen Gesundheitssystems ein staatliches Interesse an preiswerteren wirksamen Therapiemethoden besteht. Diese gehen aber nicht so weit, Sicherheit zu vernachlässigen, was man z.B. bei Corona beobachten konnte, als mRNA-Mittel nur sehr zurückhaltend beurteilt wurden.

    Ich glaube: DMSO wird in Ländern wie Russland und China durchaus im medizinischen Alltag genutzt – allerdings primär lokal und als Trägersubstanz. Eine weitergehende staatliche Zulassungsinitiative bleibt nicht wegen fehlender Profitgier aus, sondern weil die Substanz aus Sicht moderner Pharmakotoxikologie zu unspezifisch wirkt und erhebliche Anwendungsrisiken birgt.

  2. Jurgen
    Antworten

    Ich halte mich vom Ausprobieren zurück und würde das DMSO nur bei entsprechender Indikation nehmen, gerade weil das Mittel die Blut-Hirn Schranke durchdringt und auch die in der Luft (von oben) grassierenden Nanopartikel bis ins Gehirn verteilen kann…

    1. Vortex
      Antworten

      Ähnlich meinerseits, nur in schwierigen Fällen würde ich DMSO einnehmen, aber derweil hilft die Natur mit ihren zahlreichen Heilpflanzen: https://justpaste.it/bewusst-gesund auch vorbeugend …

  3. Tensing Norbu
    Antworten

    … ich kenne DMSO seit 1996, als mir ein 1973 erschienenes englisches Buch in die Hände fiel, das mittlerweile um läppische 2.900 $ verkauft wird:
    https://www.amazon.ca/persecuted-drug-story-DMSO/dp/0385089317
    Dieser McGrady war ein persönlicher Freund von Dr. Jacob, der DMSO bekannt machte. In dem Buch steht auch, dass es gegen Parkinson helfen kann. Und dass es 1966 verboten wurde, weil in Irland eine multi morbide Patientin an (oder besser: mit) DSMSO verstorben war. Das war die passende Ausrede, ein billiges Heilmittel zu verbieten. Außerdem kann man des knoblauchartigen Geruchs wegen keine Doppelblindstudie durchführen. Der Geruch ist auch, weswegen ich es leider nicht einnehmen kann, weil meiner Gattin grottenübel davon wird.
    Viele Jahre war DMSO nirgendwo zu kriegen, erst durch das Internet wurde es einfacher. Beim Kopp kostet es 30 €, aber ich kaufte es früher um 10 € den Liter.
    p.s.
    der Politiker Barschel hatte DMSO (plus Schlafmittel) in seiner Schuhsohle, so verstarb er in der mit Eiswürfeln gefüllten Badewanne am Kollaps, nachdem ihn der Mossad samt Kleidung hineingelegt hatte (sagt Victor Ostrowski in seinem Buch).

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