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Politik

„Maybe you blow them up“: Der Friedenspreis-Anwärter und sein Krieg gegen Iran

1 Kommentare 2. Oktober 2026 8 Minuten Lesezeit von Jochen Mitschka

Eine verräterische Drohung im Oval Office, Dämonisierung und Entmenschlichung, eine Bilanz von sieben Monaten Krieg – und die Frage, welchen Machtpolitikern der Geschichte Donald Trump tatsächlich ähnelt.

Am Abend des 30. September wurde Donald Trump im Oval Office gefragt, wie er mit iranischen Verantwortlichen einen Deal erreichen wolle, die er selbst für „verrückt“ hält. Seine Antwort, dokumentiert unter anderem im Live-Blog von Middle East Eye: „Maybe you blow them up.“ [Vielleicht muss man sie in die Luft jagen/bombardieren] Washington müsse entscheiden, ob man Iran in die Luft jage oder einen Deal schließe; die Konfrontation werde laut Gulf News „sehr bald, so oder so“ enden.

Westliche Beobachter relativieren: Trump sprach über Irans Führung, nicht über „die Iraner“, und er nannte neben der Gewalt ausdrücklich die Alternative des Deals. Aber die Führung wurde nicht nur durch Wahlen legitimiert, sondern auch durch historisch große Demonstrationen, z.B. bei Bestattungszeremonien für den ermordeten Staatschef. Das macht auch die Drohung nicht harmlos. Sondern sie bekommt ihr Gewicht durch das, was bereits geschehen ist.

Ein Krieg, der nicht erst mit dieser Drohung beginnt

Am 28. Februar begannen die USA und Israel ihre Angriffe auf Iran unter anderem mit der Tötung eines großen Teils der zivilen Führung des Landes samt Familienmitgliedern und ganzen Nachbarschaften. Nach 40 Tagen stoppte am 8. April eine von Pakistan vermittelte Waffenruhe die schwersten Kämpfe. Beendet war der Konflikt damit nicht: Die USA verhängten eine Blockade iranischer Häfen, später flammten die Kämpfe wieder auf. Schon am ersten Kriegstag war Irans Staatschef Chamenei getötet worden, was Trump selbst bestätigte. Was einen Angriff gegen ihn übrigens aus Sicht des Irans legitimiert.

Das größte einzelne Kriegsverbrechen war der Angriff auf die Mädchengrundschule in Minab. Mindestens 168 Menschen, überwiegend Kinder, starben laut einem Brief von US-Senatoren; andere Schätzungen liegen zwischen 165 und 175. Forensic Architecture zählt über 121 Kinder und 26 Lehrerinnen. Ein Vorsatz ist nicht belegt, sagt man im Westen, obwohl Kritiker darauf hinweisen, dass spätestens nach dem ersten Schlag gesehen worden sein muss, dass es ein ziviles Ziel war. Übrigens hatte Trump zunächst den Iran beschuldigt, wie Al Jazeera berichtete.

Getroffen wurde auch die zivile Wissenschafts- und Bildungsinfrastruktur. Irans Wissenschaftsminister sprach laut Al Jazeera von über 30 betroffenen Universitäten, darunter die Sharif-Universität in Teheran; der Rote Halbmond meldete bis Mitte April 857 getroffene Schulen. Washington und Jerusalem nannten für die Angriffe auf Hochschulen keinen offiziellen Grund; Israel sieht in einigen technischen Universitäten einen engen Bezug zur Rüstungsforschung, interessant dürfte die Frage sein, welche Rolle Grundschulen für die Rüstungsindustrie spielen.

Dazu kommt der Wirtschaftskrieg. Seit dem 13. April blockiert die US-Marine iranische Häfen. Über 140 Schiffe wurden bis Mitte Juni umgeleitet, wie der Kongressdienst CRS festhält. Die Meerenge von Hormus selbst wurde vor allem durch iranische Angriffe und Kontrollansprüche gestört. Mehrere Tanker brachten US-Kräfte auf. Trump sagte dazu, die Marine sei „wie Piraten“ – laut Times of Israel sagte er auch, es sei ein „sehr profitables Geschäft“. Zwei der Schiffe mit rund vier Millionen Barrel Rohöl sollen nach Bloomberg-Angaben bald die USA erreichen; das Justizministerium will dafür ein altertümliches Prisengericht reaktivieren.

Am 8. September sanktionierte das Finanzministerium alle 27 verbliebenen iranischen Fluggesellschaften. Finanzminister Bessent behauptet, damit seien 80 bis 90 Prozent der Auslandsflüge lahmgelegt, und sagte, die Iraner würden bald „Onkel rufen“. Medikamente sind formal von Sanktionen ausgenommen, doch laut Euronews fehlen Hunderte, weil Bankrestriktionen und Blockade die Einfuhr erschweren.

Die Zahl der Toten lässt sich nicht sauber bestimmen. Die Menschenrechtsgruppe HRANA dokumentierte nach Angaben der Military Times 3.636 Tote, darunter 1.701 Zivilisten; Irans Gesundheitsministerium nennt mindestens 2.362 getötete Zivilisten.

Der Friedenspreis als Obsession

Trump hat nie verborgen, dass er den Friedensnobelpreis will. Er sagt, er verdiene ihn, unter anderem für Vermittlungen zwischen Indien und Pakistan und zwischen dem Kongo und Ruanda. Als die Preisträgerin von 2025, María Corina Machado, ihm ihre Medaille übergab, stellte das Nobelinstitut klar, dass sie Preisträgerin bleibt. Für 2026 haben ihn laut Reuters-Angaben unter anderem die Staatschefs von Kambodscha, Israel und Pakistan nominiert. Das Komitee betont, eine Nominierung sei keine Auszeichnung.

Der Widerspruch ist offensichtlich: Wer parallel einen Krieg führt, Häfen blockiert und mit der Zerstörung eines Landes droht, tritt als „Friedensstifter“ auf. Alfred Nobel hatte in seinem Testament die Verbrüderung der Völker und den Abbau stehender Heere als Maßstab genannt. An dieser Messlatte gemessen ist Trumps Bilanz in Iran schwer zu verteidigen, um es vorsichtig auszudrücken.

Welche Vorbilder passen?

Die Geschichte wiederholt sich ja nicht. Aber man kann durchaus parallelen in der Vergangenheit finden, wenn man den derzeitigen US-Präsidenten historisch vergleicht. Am tragfähigsten ist der Vergleich mit Richard Nixon und Henry Kissinger. Nixon wollte Gegner glauben lassen, er sei unberechenbar, und ließ bomben, um Verhandlungen zu erzwingen. Kissinger bekam 1973 den Friedensnobelpreis, während Kambodscha bombardiert wurde. Trump hat dieselbe Mischung aus gespielter Irrationalität, Bomben als Verhandlungsinstrument und Anspruch auf den Friedenspreis. Der Unterschied: Nixon führte einen Stellvertreterkrieg, Trump führt direkt Krieg gegen einen Staat und prahlt mit seinen Verbrechen, was nun plötzlich Menschen schockiert und aufweckt.

Ein zweiter Spiegel ist Rom. Der römische Historiker Tacitus legt dem Britannier Calgacus den Satz in den Mund: „Solitudinem faciunt, pacem appellant“ – Wo sie eine Öde hinterlassen, nennen sie es Frieden. Also auch schon früher war es üblich, dass Kriegshelden, die Tod, Zerstörung und unermessliches Leid verursachen, sich selbst als „Friedenshelden“ ansehen. Das passt zum Selbstbild des „Peacemaker-in-Chief“ bei gleichzeitiger Zerstörung ziviler Infrastruktur. Aber Rom unterwarf Gebiete dauerhaft, verbreitete Kultur und Wissenschaft; in Iran gibt es keine Annexion, nur Vernichtungsphantasien.

Näher an der Gegenwart liegt George W. Bush 2003: Enthauptung der Führung, „Mission accomplished“, danach ein langer Konflikt. Trump spricht von einem „totalen militärischen Sieg“, während Hormus umkämpft bleibt. Anders als im Irak gibt es allerdings bisher keine Besatzung. Und wer das Wort „Piraten“ selbst wählt und Tanker über ein Prisengericht verwerten will, hat sich einen historischen Vergleich mit den Kaperfahrern der Elisabethanischen Zeit, etwa Francis Drake, fast selbst ausgesucht.

Der Friedenspreis relativiert den Widerspruch ein Stück: Theodore Roosevelt, Woodrow Wilson, Kissinger und Barack Obama erhielten ihn trotz Interventionen und Kriegen. Trump wäre kein Sonderfall, sondern ein weiteres Kapitel in der widersprüchlichen Geschichte des Preises. Sein Prahlen, seine „Kommunikationsfähigkeit“ erschreckt nur jene Menschen, die bisher geblendet worden waren, von eleganten Reden und ausgefeilten Begründungen, die glauben, er repräsentiere etwas Neues.

Das Gegenargument

Trumps Verteidiger werden einwenden: Das iranische Regime habe vor dem Krieg nach HRANA-Angaben mehr als 7.000 Menschen bei Protesten getötet, deren Namen jedoch nicht bekannt sind, während der Iran von etwas über 3.000 Opfern sprach, darunter ein großer Teil Mitglieder der Sicherheitskräfte, die durch Schusswaffen der „friedlichen Demonstranten“ getötet worden waren. Und der Westen behauptet, der Iran feuerte nach US-Angaben Raketen aus bewohnten Gebieten ab (ebenfalls in der Military-Times-Analyse), was der Iran bestretet, während es für Israel bewiesen ist. Trump nannte den Deal als Alternative, Iran legte am 24. September einen Fahrplan zur Beendigung des Krieges vor – den Trump laut Washington Times ablehnte.

Zusammenfassung

Donald Trump dämonisiert und entmenschlicht Iraner, hat offensichtlich Vernichtungsphantasien und bringt nun den dritten Flugzeugträgerverband in die Region. Man fährt keine drei Flugzeugträgerverbände auf, um einen Deal abzuschließen. Bisher hatte der Iran nur Vergeltung geübt, Militärbasen und Interessen der USA in der Region angegriffen, wenn das Land angegriffen worden war. Das wird sich nun möglicherweise ändern. Diesmal könnte der Iran vor den Angriffen der USA präventiv zuschlagen. Das hatte man von höchsten Kreisen aus dem Iran gehört. Und angesichts des 12-Tagekrieges in 2025 und der erneuten Angriffe in 2026 würde man das dem Iran sicher glauben, wenn er erklärt, dass ein Angriff der USA bevorstand, und man diesem lediglich zuvor gekommen war. Die USA sind verletzlicher als die starken Worte und das reine Militär glauben machen. Es gibt jede Menge Druckpunkte, welche der Iran mit seinen technologischen Möglichkeiten einsetzen könnte. Aber darauf näher einzugehen würde den Rahmen dieses Artikels sprengen.

Bild: Screenshot von Video über die Aussage von D.Trump

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1 Kommentar

  1. cwsuisse
    Antworten

    Die Prämierung von Kriegsverbrechern mit Friedenspreisen ist nicht neu.

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