Khameneis Beerdigung: Wer kam, wer fehlte – und was Berlins „Drecksarbeit“-Satz damit zu tun ha

4. Juli 2026von 5,2 Minuten Lesezeit

Eine Meldung, „über 100 Länder“ hätten Delegationen zur Beerdigung von Ali Chamenei nach Teheran geschickt, geht auf eine Angabe des iranischen Staatssenders IRIB zurück und wird von Al Jazeera so wiedergegeben. Der Sprecher des iranischen Außenministeriums, Esmaeil Baghaei, nannte selbst eine deutlich kleinere Zahl: mindestens acht Staats- und Regierungschefs sowie Parlamentspräsidenten aus zwölf Ländern. Die Organisatoren vor Ort sprachen von Delegationen aus „rund 30 Staaten“, watson.ch zählte am Ende „mehr als 50 offizielle ausländische Delegationen“. Die Unterschiede scheinen aus der Frage zu resultieren, ob ein Besucher sich als offizieller Vertreter eines Landes bezeichnen darf. Die Gästeliste liest sich tatsächlich wie eine Landkarte der neuen geopolitischen Lager.

Russland ließ sich nicht durch Präsident Putin, sondern durch dessen früheren Amtsvorgänger und heutigen stellvertretenden Sicherheitsratsvorsitzenden Dmitri Medwedew vertreten – offiziell als „persönlicher Gesandter“ Putins, wie Euronews berichtete. China schickte mit He Wei einen Vizevorsitzenden des Ständigen Ausschusses des Nationalen Volkskongresses – einen hochrangigen, aber keinen an der Staatsspitze stehenden Vertreter. The European berichtete zudem, dass weder Xi Jinping noch Putin selbst anreisen wollten – Sicherheitsbedenken wurden als Grund genannt.

Die Großmächte: Sondergesandte statt Präsidenten

Pakistan war mit Premierminister Shehbaz Sharif und Armeechef Asim Munir persönlich vor Ort. Indien, eigentlich mit engen Verbindungen zu Israel, aber andererseits mit reduzierten Mautgebühren belastet, entsandte keinen Regierungschef, sondern eine Delegation um Vize-Außenminister Pabitra Margherita und den Gouverneur von Bihar, Syed Ata Hasnain. Die Türkei schickte Vizepräsident Cevdet Yılmaz.

CNN nennt es die größte Beerdigungszeremonie in der Geschichte

Region und Nachbarschaft: von Bagdad bis Kabul

Aus dem Irak reisten Präsident Nizar Amidi, Parlamentspräsident Haibet al-Halboosi und der Ministerpräsident der Autonomen Region Kurdistan, Nechirvan Barzani. Tadschikistans Präsident Emomali Rahmon, Armeniens Ministerpräsident Nikol Paschinjan und Georgiens Präsident Michail Kavelaschwili nahmen ebenfalls persönlich teil, dazu Delegationen aus Aserbaidschan, Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan, Turkmenistan, Oman, Katar, Bangladesch und Ägypten. Auch die Taliban-Regierung Afghanistans war vertreten, The Hill nennt zusätzlich Kuba, Serbien und Namibia unter den anwesenden Ländern.

Neben den Staatsdelegationen saßen im Mosalla-Komplex auch Vertreter der Hisbollah und der Hamas, dazu Delegationen der libanesischen Amal-Bewegung, der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP), irakischer, vom Iran unterstützter Milizen wie Kataib Hisbollah sowie der jemenitischen Regierung der nationalen Einheit unter der Führung von AnsarAllah (im Westen Huthis genannt) – ein Bild, das laut watson.ch bewusst inszeniert war: Teheran wollte Chamenei nicht nur als Staatsmann, sondern als schiitische Autorität mit globaler Anhängerschaft zeigen.

Saudi-Arabien: ein bemerkenswertes Signal

Besonders bemerkenswert ist die Teilnahme Saudi-Arabiens. Der stellvertretende saudische Außenminister Waleed El Khereiji reiste mit einer Delegation nach Teheran, um Chamenei die letzte Ehre zu erweisen, wie Times of Israel berichtete. Riad und Teheran gelten traditionell als regionale Rivalen; die seit 2023 unter chinesischer Vermittlung laufende Annäherung beider Staaten bekommt durch diesen Auftritt ein weiteres sichtbares Zeichen. Der Besuch war nicht angekündigt gewesen, wurde also offensichtlich im letzten Moment beschlossen, denn seine Signalwirkung gegenüber der Agression durch die USA ist eindeutig.

Auch Katar und Oman, beide um eine Vermittlerrolle zwischen Teheran und dem Westen bemüht, schickten Vertreter.

Europa: explizit ausgeladen

Kein europäisches Land war mit einer offiziellen Delegation vertreten – und das war keine europäische Zurückhaltung, sondern eine iranische Entscheidung. Außenministeriumssprecher Esmaeil Baghaei erklärte im Staatsfernsehen wörtlich, man habe „keine offizielle Einladung an Europa ausgesprochen“, wie web.de berichtete. Europäische Staaten hätten im Iran-Krieg „auf der falschen Seite der Geschichte“ gestanden, ihre Haltung sei „wahrhaft beschämend“ gewesen. Auch gegenüber Euronews sprach Baghaei davon, man habe Länder nicht eingeladen, die „eine unangebrachte Position“ eingenommen hätten. Dass Deutschland niemanden entsenden würde, hatte The European bereits im Vorfeld erwartet.

Deutschland und die „Drecksarbeit“

Der Ausschluss Europas fällt vor dem Hintergrund einer Äußerung von Bundeskanzler Friedrich Merz besonders auf – auch wenn diese zeitlich nicht direkt mit der Beerdigung zusammenhängt, sondern gut ein Jahr zuvor fiel. Am Rande des G7-Gipfels in Kanada sagte Merz im Juni 2025 in einem ZDF-Interview über die israelischen Angriffe auf iranische Atomanlagen: „Das ist die Drecksarbeit, die Israel macht für uns alle“, wie unter anderem die bpb und tagesspiegel.de dokumentierten. Merz ergänzte, das „Mullah-Regime“ habe „Tod und Zerstörung über die Welt gebracht“, und zollte der israelischen Führung „größten Respekt“ für ihren Mut. Die Formulierung löste in Deutschland kontroverse Debatten aus – Kritiker warfen Merz vor, einen Angriffskrieg sprachlich zu verharmlosen und Deutschland stillschweigend zur Konfliktpartei zu machen.

Ob Teherans „falsche Seite der Geschichte“-Vorwurf konkret auf diese Äußerung zielte, ist nicht belegt – die iranische Führung hat die europäischen Regierungen insgesamt für ihre Haltung im Krieg kritisiert, ohne einzelne Politiker namentlich zu benennen. Der Satz von Merz illustriert aber, wie unmissverständlich sich die deutsche Regierungsspitze auf die Seite Israels gestellt hatte – und liefert damit zumindest einen plausiblen Erklärungsansatz dafür, warum Teheran bei der Gästeliste keine Ausnahme für Berlin machte.

Zusammenfassung

Unabhängig von der genauen Zahl der Delegationen zeigt die Gästeliste ein klares Muster: Russland, China, Pakistan, Indien, die Türkei, der gesamte zentralasiatische und südkaukasische Raum, der Irak, Afghanistan unter den Taliban sowie – bemerkenswert – Saudi-Arabien, Katar und Oman erschienen auf unterschiedlichem Rang. Hisbollah, Hamas und weitere vom Iran unterstützte Gruppen saßen sichtbar im selben Saal. Der globale Süden war zahlreich vertreten. Der gesamte westlich-europäische Block fehlte vollständig, auf ausdrücklichen Wunsch Teherans. Wer erschien, auf welcher Ebene, ist damit selbst zu einem politischen Signal geworden – einer Momentaufnahme davon, wie sich Staaten in der Nachkriegsordnung des Nahen Ostens positionieren wollen, wer diesen unprovozierten Angriffskrieg von Israel und den USA gegen den Iran unterstützten, wer ihn als das ablehnt, was er ist.

Bild: Screenshot von Livebericht über die Zeremonie

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