
Erdoğans „Verschwörung“: Was steckt hinter dem viralen Zitat aus dem Iran-Krieg?
Die Türkei verfügt über die zweitgrößte Militärstreitmacht der NATO, hat eine extrem schnell wachsende Wirtschaft und dehnte in den letzten Jahren seinen diplomatischen Einfluss mit großer Geschwindigkeit aus, nicht zuletzt durch die Unterstützung der Terrorgruppe HTS, welche in Syrien dank Erdogans Unterstützung die Macht übernahm. Daher sind alle Aussagen des Präsidenten wert, genauer analysiert zu werden. Schauen wir uns eine Aussage an, welche derzeit durch die alternativen Medien geistert.
Ein Satz macht seit Wochen die Runde in arabischen, türkischen und pro-iranischen Telegram-Kanälen und sozialen Netzwerken: Recep Tayyip Erdoğan soll erklärt haben, Türken, Araber, Kurden und Perser hätten gemeinsam eine „blutige und bösartige Verschwörung“ vereitelt, deren wahres Ausmaß die Zukunft erst enthüllen werde. Das Zitat wird als Beweis präsentiert, dass der Iran-Krieg 2026 kein gewöhnlicher militärischer Konflikt war, sondern ein gezielter Plan zur ethnischen Zersplitterung des Nahen und Mittleren Ostens — und dass dieser Plan gescheitert sei.
„blutige und bösartige Verschwörung“
Bevor man diesen Deutungsrahmen übernimmt, ist Präzision geboten: Das genaue Zitat in dieser Form ist in keiner verifizierbaren westlichen, türkischen oder internationalen Nachrichtenquelle nachweisbar. Es ist weder bei Reuters, der Anadolu Agency noch in türkischen Parlamentsprotokollen belegt. Was sich hingegen belegen lässt, sind Erdoğans tatsächliche, dokumentierte Positionen zum Iran-Krieg — und die liefern für sich allein schon reichlich Stoff zur Analyse. Und schließlich soll es dazu dienen, die bereits bei TKP.AT öfter angesprochenen Hintergründe des neuen möglichen Bündnisses in Westasien zu verstehen.
Der Krieg, der alles veränderte
Um Erdoğans Äußerungen — ob verbürgt oder zugespitzt weitergegeben — zu verstehen, braucht es den Kontext des Iran-Krieges 2026. Am 28. Februar 2026 griffen die USA und Israel den Iran an, töteten Oberster Führer Ali Khamenei sowie weitere Regierungsvertreter und lösten damit eine Welle von Hunderten Raketen und Drohnen aus, die Iran über die gesamte Region schoss. Der Konflikt hinterließ enorme Schäden, Tausende Tote im Iran und im Libanon, Dutzende Tote in Israel und den arabischen Golfstaaten sowie Millionen Vertriebene, darunter mehr als ein Sechstel der Bevölkerung des Libanon, wie man sogar in der WikipediaEncyclopedia Britannica nachlesen kann.
Als die Angriffe begannen, rief Erdoğan zur Rückkehr zur Diplomatie und zu einem Waffenstillstand auf, um zu verhindern, dass die Region in einen noch breiteren Konflikt hineingezogen werde. Die Türkei verurteilte sowohl die US-israelischen Angriffe als auch die iranischen Gegenschläge auf arabische Nachbarstaaten — eine Haltung, die in der Region als Versuch gelesen wurde, Brückenbauer zu bleiben. Erdoğan sagte im türkischen Parlament, die israelischen Angriffe im Libanon schadeten den Friedenshoffnungen, und betonte, das durch den Waffenstillstand geschaffene Zeitfenster müsse genutzt werden.
Wer sind „Türken, Araber, Kurden und Perser“?
Die im viralen Zitat genannte Vierer-Konstellation ist keine zufällige Aufzählung — sie hat eine tiefe historische Logik. Nach dem Zerfall des Osmanischen Reichs nach dem Ersten Weltkrieg traten vor allem Türken, Araber, Perser und Armenier als ethnische Gruppen in Erscheinung, die sich für die Bildung eigener Nationalstaaten einsetzten — die Grenzen der neu geschaffenen Staaten verliefen quer durch die kurdischen Siedlungsgebiete und teilten diese den verschiedenen Staaten zu. Die Kurden blieben dabei die Verlierer: aufgeteilt zwischen der Türkei, dem Irak, Syrien und dem Iran, ohne eigenen Staat, ohne Autonomiestatus, Spielball der großen ethnischen Blöcke.
Genau diese historische Wunde ist es, die das Zitat — echt oder konstruiert — politisch so aufgeladen macht. Wenn Erdoğan tatsächlich sagen würde, Türken, Kurden, Araber und Perser hätten gemeinsam gehandelt, wäre das eine Aussage mit tektonischer Sprengkraft: Sie würde das gesamte Narrativ des gegenseitigen Misstrauens, das der Westen als unverrückbares Erbe des kolonialen Grenzziehens betrachtet, auf den Kopf stellen.
Was Erdoğan tatsächlich gesagt hat — und was er nicht gesagt hat
Erdoğans belegte Aussagen im Laufe des Iran-Krieges sind vorsichtiger, aber nicht ohne Gewicht. Stunden nach Bekanntgabe des Waffenstillstands zwischen Washington und Teheran warnte Erdoğan vor möglichen „Provokationen“ und „Sabotage„, die diesen untergraben könnten. Er deutete damit an, dass Kräfte am Werk seien, die ein Interesse am Fortgang des Krieges hätten — ohne diese Kräfte explizit zu benennen.
Zur gleichen Zeit machte Erdoğans Außenpolitik deutlich, dass Ankara sich als aktiver Vermittler zwischen allen Lagern verstand. Ein türkischer Diplomatenkreis koordinierte ein Treffen der Außenminister der Türkei, Pakistans, Saudi-Arabiens und Ägyptens am Rande eines Diplomatieforums im südtürkischen Antalya. Das war Realpolitik, kein Triumphgesang über vereitelte Verschwörungen.
Die Türkei und der Iran sind durch Kultur und Ethnizität verbunden — der verstorbene Oberste Führer Khamenei war teilweise türkischstämmig und trug türkische Gedichte vor, ebenso wie Irans Präsident Masoud Pezeshkian — aber geopolitisch getrennt.
Diese Ambivalenz prägt Erdoğans gesamte Haltung: Ankara kann nicht offen mit Teheran paktieren, ohne NATO-Bündnispflichten zu riskieren, aber es kann auch nicht untätig zusehen, während ein Nachbarstaat bombardiert wird. Wobei sich eine Annäherung an den Iran im Rahmen eines gemeinsamen Vertragskonstruktes mit Ägypten, Saudi-Arabien, Pakistan wesentlich leichter gestalten ließe.
Das Sèvres-Syndrom und die türkische Verschwörungskultur
Wer das virale Zitat einordnen will, muss auch Erdoğans innenpolitisches Repertoire kennen. Verschwörungstheorien in der Türkei und insbesondere solche mit Israel gegenüber kritischem Inhalts sind zu einem üblichen Phänomen geworden — Im Westen als Verschwörungstheorien bezeichnet, welche beschreiben, wie dunkle Mächte die Integrität der Türkei gefährden oder zerstören wollen, oft beschrieben als das sogenannte Sèvres-Syndrom. Erdoğan selbst bedient dieses Deutungsschema regelmäßig: Er spricht von einer „übergeordneten Intelligenz“ (üst akıl), die gegen die Türkei und die muslimische Welt arbeite — eine Chiffre, die von seinen Anhängern verstanden, von Kritikern als „Antisemitismus-naher Populismus“ eingestuft wird, jedenfalls meint das Wikipedia.
(Wie man die Einordnung als „Verschwörungstheorie“ beurteilt, könnte vielleicht der versuchte Militärputsch im Jahr 2016 gegen seine Regierung aufzeigen.)
Das virale Zitat fügt sich nahtlos in dieses Schema ein. Die Formulierung „die Zukunft wird enthüllen, wie blutig und bösartig sie war“ ist typisch für einen rhetorischen Modus, der Dramatik produziert, ohne Belege zu liefern. Es ist möglich, dass Erdoğan Varianten solcher Aussagen in türkischsprachigen Reden oder parteiinternen Veranstaltungen gemacht hat, die sich dann in der Weitergabe zuspitzten und vereinfachten — ein in sozialen Medien verbreitetes Phänomen.
Was stimmte, was stimmt nicht — eine Einordnung
Der Grundgedanke des Zitats — dass der Iran-Krieg nicht nur ein militärischer Konflikt, sondern ein Versuch war, die Völker der Region gegeneinander aufzubringen — ist jedoch keine reine Fantasie. Die Trump-Administration nannte verschiedene Begründungen für den Kriegsbeginn, darunter die Verhinderung eines iranischen Gegenschlags nach einem erwarteten israelischen Angriff, die Zerstörung von Irans Raketenkapazitäten, die Verhinderung einer Atombombe sowie die Sicherung iranischer Öl- und Gasressourcen. Die Vielfalt dieser — teils widersprüchlichen — Begründungen deutet darauf hin, dass der Krieg tatsächlich mehrere überlagernde Agenden verfolgte.
Aber die Behauptung, Türken, Araber, Kurden und Perser hätten gemeinsam und einig gehandelt, hält einer Faktenkontrolle nicht stand. Die arabischen Golfstaaten wurden selbst Ziel iranischer Raketenangriffe und reagierten mit scharfer Verurteilung Teherans. Iran schoss Hunderte Drohnen und Raketen auf Israel und zahlreiche arabische Länder, darunter Bahrain, Jordanien, Kuwait, Oman, Katar, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate sowie die Kurdische Region im Irak. Von arabisch-kurdisch-persischer Einheit war in dieser Phase wenig zu spüren. Das Umdenken begann erst, als die militärischen Fähigkeiten des Irans deutlich geworden waren.
Fazit: Starke Rhetorik, schwache Verifikation
Das Zitat, das Erdoğan in sozialen Medien zugeschrieben wird, funktioniert als politisches Narrativ, weil es echte Empfindungen aufgreift: das Misstrauen gegenüber westlichen Interventionen im Nahen Osten, das Gefühl, dass die Völker der Region gegeneinander ausgespielt werden, und den Wunsch nach regionaler Solidarität über ethnische Grenzen hinweg. Ob Erdoğan diese Worte so gesagt hat, bleibt unbelegt. Was hingegen belegt ist: Erdoğans Außenpolitik zielte darauf ab, die Türkei aus dem direkten Kriegsgeschehen herauszuhalten und als Vermittler zu positionieren — ein Ziel, das seiner eigenen Machterhaltung dient, aber auch reale diplomatische Substanz hatte.
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Unabängig von allen Diskussionen sehe ich die Möglichkeit, es könnte sich ein (sagen wir) arabischer Block bilden, wenn alle über den eigenen Schatten springen und einen dritten Spieler wie Rußland und China bilden und vielleicht noch kooperieren. Dann wir es richtig interessant, weil dies die derzeitigen geopolitischen Spieler nicht so auf dem Schirm haben. Lasse mich den nächsten Folgen des Films mal überraschen.
„Die Kurden blieben dabei die Verlierer: aufgeteilt zwischen der Türkei, dem Irak, Syrien und dem Iran, ohne eigenen Staat, ohne Autonomiestatus, Spielball der großen ethnischen Blöcke.“
das kann man auch ganz anders sehen. Wenn die Kurden in sich einig wären, wären sie in jedem der Länder aktiv und würden so von Scholle zu Scholle springen. Sind sie aber nicht…
…was dann geschah, konnte ja niemand ahnen, und es kam direkt aus dem Zentrum des globalen Terrors…