Bei ihrer großflächigen Offensive an der jemenitischen Küste des Roten Meeres (insbesondere nach der Einnahme der strategisch wichtigen Hafenstadt Mocha/Mukha nahe der Meerenge Bab al-Mandab) erbeutet die Regierung in Sanaa modernste westlicher Überwachungstechnologie und Militärausrüstung.
Diese Systeme stammten aus den Beständen der zurückweichenden, von Saudi-Arabien und den VAE unterstützten jemenitischen Regierungstruppen (wie der National Resistance und den Giants Brigades), die zuvor jahrelang von westlichen Staaten ausgerüstet und ausgebildet worden waren.
Erbeutete Überwachungs- und Radarsysteme
Die Truppen der Regierung in Sanaa (im Westen Huthis genannt), unter der Führung von der Ansarallah, listen spezifische, hochmoderne Küstenüberwachungs- und Aufklärungssysteme auf, die für die Überwachung des Schiffsverkehrs im Roten Meer eingesetzt wurden:
- Frankreich (Thales): Küstenüberwachungsradare vom Typ CoastWatcher 100. Diese hochpräzisen Systeme dienen eigentlich der Entdeckung von Überwasserschiffen, Drohnen und Schmuggelaktivitäten.
- Deutschland (Hensoldt): Hochmoderne Hensoldt-Radarsysteme, die für die maritime Raumüberwachung und Zielerfassung genutzt werden.
- Israel (IAI Elta): Ein maritimes Überwachungsradar vom Typ ELM-2226, welches für die Küstenwache zur Verfolgung von Seezielen über große Distanzen hinweg optimiert ist.
- Unterwassersensoren & Wärmebildkameras: Diverse militärische Wärmebild- und elektrooptische Überwachungssysteme sowie Sonar-/Unterwassersensoren zur Detektion von Bewegungen im Küstenbereich.
Weitere erbeutete westliche Militärgüter
Neben der reinen Überwachungstechnik fiel den Huthis bei der überstürzten Flucht der Küstenwache und der Bodentruppen auch schweres Gerät in die Hände:
- Gepanzerte US-Fahrzeuge: Mindestens ein Dutzend intakte Oshkosh M-ATV (MRAP – minengeschützte Fahrzeuge) sowie weitere US-amerikanische Truppentransporter und Artillerielafetten.
- VAE-Patrouillenfahrzeuge: Eine größere Stückzahl an leichten taktischen Fahrzeugen des Typs NIMR AJBAN 440.
- Patrouillenboote: Mindestens ein von Großbritannien gesponsertes und modernisiertes Küstenwachschiff (stationiert bei der Insel Perim).
Strategische Folgen
Militärexperten und Analysten zeigen sich besorgt, da der Verlust dieser Systeme den Jemeniten tiefe Einblicke in die Überwachungstechnologie des Westens gewährt. Sie könnten die Radare und Sensoren nun selbst nutzen, um zivile und militärische Schiffsbewegungen am Bab al-Mandab exakter zu erfassen, was die Bedrohungslage für die internationale Schifffahrt im Roten Meer massiv verschärft. Zudem bricht die internationale Infrastruktur zur Bekämpfung von Waffenschmuggel in der Region damit vorerst zusammen. Natürlich werden auch Verbündete, wie der Iran davon für die Entwicklung eigener Waffen- oder Störsysteme profitieren.
Der Regierungs-Vorstoß in Richtung Sanaa
Um Druck auf die Kämpfer der Regierung aufzubauen und langfristig Wege nach Sanaa zu eröffnen, haben die saudi-unterstützten Regierungstruppen Anfang September Angriffe an mehreren Fronten gestartet:
- Al-Jawf & Al-Bayda: Nordöstlich und südlich von Sanaa meldeten Regierungskräfte Geländegewinne (wie die Einnahme der Stadt Yatma in Al-Jawf). Damit wollten sie Zangenbewegungen einleiten, um die Huthis in die Defensive zu zwingen.
- Die Marib-Front: In der strategisch entscheidenden, ölreichen Provinz Marib (östlich von Sanaa) unternahmen Regierungstruppen heftige Vorstöße und durchbrachen zeitweise Houthi-Verteidigungslinien im Nordwesten der Region.
Die verheerende Gegenoffensive aus Sanaa
Anstatt sich zurückzuziehen, haben die Huthis im September die Situation genutzt, um an einer ganz anderen, extrem kritischen Stelle zuzuschlagen – an der Westküste des Jemen, worüber im vorhergehenden Teil des Artikels berichtet wurde
Heute gelten nicht nur die strategisch wichtige Hafenstadt Mokha (Mocha) und die Stadt Dhubab, sondern und strategische Inseln direkt in der Meerenge Bab al-Mandab als befreit.
Aber damit nicht genug. Aktuellen Militärberichten zufolge verlegt die jemenitische Armee nach ihrem schnellen Sieg an der Küste nun tausende kampferprobte Kämpfer direkt an die Marib-Front. Ziel ist es offenbar, die saudi-unterstützten Kräfte dort zu zerschlagen und die Provinzhauptstadt Marib zu stürmen.
Schwere Luft- und Raketenschläge
Da die Regierung in Sanaa an der Küste die Oberhand gewonnen haben, hat die saudi-led Koalition reagiert:
- Saudi-Arabien fliegt die schwersten Luftangriffe seit Jahren (über 300 Angriffe innerhalb weniger Tage im September) mit F-15- und Typhoon-Jets auf Houthi-Stellungen in Taiz, Hajjah und anderen Provinzen. Aber diese bleiben relativ wirkungslos. Die Kämpfer der Regierung in Sanaa verteilten sich in kleine Gruppen. Wenn sie vor ankommenden Jets gewarnt werden, zersplittern sie sich noch stärker und bilden kaum nennenswerte Ziele.
- Die Kräfte der Ansarallah, welche den größten Teil der Last des Krieges trägt, wiederum feuern massenhaft ballistische Raketen und Drohnen direkt tief nach Saudi-Arabien (unter anderem auf Militärbasen in Khamis Mushait sowie Infrastruktur in Taif), wobei es zu erheblichen Schäden und zivilen Opfern kam.
Fazit der aktuellen Lage: Der Versuch der saudi-unterstützten Truppen, die Initiative zu ergreifen und in Richtung Sanaa vorzurücken, hat zu den heftigsten Kämpfen seit 2021 geführt. Bislang konnten sie Sanaa jedoch nicht gefährden, da die dortige Regierung mit ihrer erfolgreichen Küsten-Offensive einen massiven strategischen Gegenschlag gelandet haben, der nun die gesamte saudi-arabische Energieexportroute über das Rote Meer bedroht.
Der Vorfall über Marib
Nach Angaben des militärischen Sprechers der Regierung in Sanaa, Jahja Saree, gelang es den Truppen, ein F-15-Kampfflugzeug der königlich-saudischen Luftwaffe (RSAF) im Luftraum der umkämpften Provinz Marib abzuschießen.
- Die Waffe: Laut Houthi-Angaben kam eine im Jemen selbst hergestellte Boden-Luft-Rakete zum Einsatz. (Tatsächlich wurden viele jemenitische Wissenschaftler in ausländischen Universitäten ausgebildet, weshalb eine Unterschätzung der „Sandalenkämpfer“ der vermutlich größte Fehler des Krieges war.)
- Die Belege: Kurz nach der Ankündigung veröffentlichte die Miliz Videos, die den brennenden Absturz per Wärmebildkamera in der Nacht sowie Wrackteile bei Tageslicht zeigen. Auf den Trümmern des Heckflügels war die saudi-arabische Flagge sowie die Registrierungsnummer der Maschine deutlich zu erkennen. Dies ist eine wichtige Entwicklung, denn bisher konnte die saudische Luftwaffe vollkommen unbehelligt agieren, lediglich unbemannte Drohnen waren in der Vergangenheit Opfer der jemenitischen Luftabwehr geworden.
Reaktion aus Riad: Das saudische Verteidigungsministerium hat sich, wie in solchen Fällen üblich, bislang nicht offiziell zu dem Verlust des Jets geäußert.
Der Abschuss ist ebenfalls ein schwerer Schlag für die saudi-arabische Luftwaffe, da die in den USA gebauten F-15 zu den modernsten und teuersten Jagdbombern der Besatzungstruppen gehören. Er unterstreicht, dass die Luftabwehrkapazitäten der Regierung in Sanaa in den letzten Jahren massiv unterschätzt wurden. Und natürlich verweisen westliche Experten auf Unterstützung aus dem Iran.
Bild: Screenshot von Video über die Beute
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Analyse des „Blitzkrieges“ im Jemen
Saudi-Arabiens Krieg gegen den Jemen und die Folgen für die EU
7 Kommentare
An dieser Stelle möchte ich einmal auf die hervorragenden Beiträge von Jochen Mitschka hinweisen. Investigative Recherche, unglaubliches Wissen und hohe analytische Kompetenz bei all seinen Beiträgen. Ich verneige mich mit größtem Respekt.
vielleicht wird sie bald geschlachtet, die Sau, di arabische.
„….die zuvor jahrelang von westlichen Staaten ausgerüstet und ausgebildet worden waren.“
Ach drum! Jetzt ist mir klar, warum die so hilflos kreuz und quer durch die Wüste gefahren sind, bis einer nach dem anderen in Rauch aufging. Die Videos der Houthies muss man sich mal ansehen, wie die organisiert sind, ohne, dass man sagen könnte wie und wodurch…..
Und ganz ehrlich – ich glaube die Houthies haben sich über die 100en (!) gekaperten, nagelneuen Toyota-Pickups der jem. Armee noch viel mehr gefreut, als über US-Benzinschleudern, die mit ihrem Gewicht eh nur im Sand versinken, wie sich zeigt.
Hoffentlich erbeuten die nicht solche Technologien (tinyurl.com/45ehdeha), falls das US-Militär sie irgendwann einsetzt …
Erbeutet heißt wohl noch lange nicht, dass man es auch einsetzen kann. Reengineering braucht auch so seine Zeit, ziemlich viel sogar. Immerhin agieren die Huthis strikt nach dem Völkerrecht bisher…
ZITAT: Die Huthis haben eine neue Front eröffnet, indem sie die Region Al-Ula mit hypersonischen Raketen beschossen haben.
Eine beispiellose Eskalation, die besonders bedeutsam ist angesichts der Präsenz eines Palastes, der Mohammed bin Salman gehört, in der Region.
Al-Ula, etwa 100 Kilometer von der Küste des Roten Meeres entfernt, war noch nie ein Ziel gewesen.
Das hat sich nun geändert.
Gleichzeitig wurde die Farasan-Insel vor der Küste von Jizan erstmals von Raketen und Drohnen getroffen.
Die Ziele waren saudische Radarsysteme und Marineeinheiten.
Die Warnung wird zunehmend unmöglich zu ignorieren: Der Konflikt breitet sich nun auf zuvor unberührtes strategisches Territorium aus. https://x.com/ricwe123/status/2101250427182338513
Stell dir vor es ist Krieg und die USA verlieren. Zumindest mit ihrer Technik am Boden! Bomben werfen kann ja jeder Honk!
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