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Politik

Analyse des „Blitzkrieges“ im Jemen

1 Kommentare 13. September 2026 6 Minuten Lesezeit von Jochen Mitschka

Innerhalb von rund 36 Stunden hat die „nicht international legitimierte“ Regierung in Sanaa zwei strategisch entscheidende Positionen erobert, die monatelang als gesichert galten: den Hafen Mocha am Roten Meer und die Insel Perim, die den Zugang zur Meerenge Bab al-Mandeb kontrolliert. Wir untersuchen, wie es dazu kam.

In der internationalen Berichterstattung wird das Ergebnis überwiegend als militärischer Erfolg AnsarAllahs dargestellt. Ein genauerer Blick auf die von CNN rekonstruierten Abläufe zeigt jedoch ein anderes Bild: weniger einen Sieg der einen Seite als einen aussergewöhnlichen Zusammenbruch der anderen – mit direkter saudischer und US-amerikanischer Beteiligung an diesem Zusammenbruch. Auch wenn CNN-Berichte immer teilweise als Propagandaverbreiter in Verdacht stehen, sollte man das Folgende zur Kenntnis nehmen.

Mocha und Perim: Der Zusammenbruch, der Sanaa das Rote Meer öffnete

Laut der CNN-Rekonstruktion begann der entscheidende Vorstoss am Donnerstagmorgen. Von Saudi-Arabien finanzierte jemenitische Bataillone in Mocha operierten praktisch nur mit rund 20 Prozent ihrer offiziellen Sollstärke. Der Rest bestand aus sogenannten „Geister-Namen“: Soldaten, die auf dem Papier existierten, deren Gehalt aber weiterhin ausgezahlt wurde, ohne dass die betreffenden Personen jemals an der Front standen.

Als Kräfte der Regierung in Sanaa vorrückten, forderten jemenitische Kommandeure wiederholt saudische Luftunterstützung an. Ein hochrangiger jemenitischer Quellensprecher berichtete CNN, das US-Zentralkommando CENTCOM habe ihm mitgeteilt, man beobachte die Lage genau und saudische Luftschläge seien unterwegs. Sie kamen nicht. Trotz stündlicher Anfragen flog Saudi-Arabien an diesem Tag keinen einzigen Luftangriff. Mocha fiel innerhalb weniger Stunden, Perim am Tag darauf.

Pikant an dem Vorgang: Der CENTCOM-Kommandeur, Admiral Brad Cooper, hielt sich zu diesem Zeitpunkt zu Koordinationsgesprächen in Saudi-Arabien auf. Mehr als 100 US-Militärberater waren zuvor im Rahmen eines neu geschaffenen gemeinsamen Kommandos ins Königreich entsandt worden, um Aufklärung und Zielunterstützung zu leisten. Ein Insider bezeichnete das Geschehen gegenüber CNN als „saudisch-amerikanischen Fuck-up epischen Ausmasses“. Kronprinz Mohammed bin Salman soll währenddessen US-Präsident Trump zweimal angerufen und um direkte amerikanische Angriffe auf die Regierung in Sanaa gebeten haben – Trump lehnte ab.

Was in der Berichterstattung nicht erwähnt wird

Die Berichterstattung konzentriert sich auf den militärischen Ablauf, spart aber systematisch die Frage aus, wohin die Gehalte der „Geister-Soldaten“ tatsächlich geflossen sind. Wenn vier von fünf auf der Payroll geführten Kämpfern gar nicht existierten, wurden über Jahre hinweg saudische – und damit letztlich auch von Washington mitberatene – Gelder in einen Kanal geleitet, der niemandem ausser den Verantwortlichen für die Fälschung der Listen nützte.

Wer genau von diesem System profitiert hat, bleibt in der westlichen Berichterstattung unbenannt.

Ebenfalls ausgeblendet bleibt die Frage nach der Absicht hinter dem saudischen Nichthandeln. Die verbreitete Version ist die einer schlichten Panne: schlechte Koordination, überforderte Strukturen. Dass ein Vasallenstaat, der über eine der am besten ausgerüsteten Luftwaffen der Region verfügt und dessen Kommandostruktur an diesem Tag physisch am Ort der Entscheidungen präsent war, ausgerechnet in diesem kritischen Moment vollständig handlungsunfähig gewesen sein soll, wird nicht hinterfragt. Eine strategische Kalkulation Riads – etwa das bewusste Offenlassen einer Bresche, um Washington zu einer direkteren Rolle im Konflikt mit dem Iran zu drängen – wird in den vorliegenden Berichten nicht einmal als Möglichkeit erwogen.

Unerwähnt bleibt zudem, wie sich der Fall von Perim in die umfassendere Lage am Golf einfügt. Berichten zufolge verlagert Saudi-Arabien seine Exporte zunehmend auf die Rote-Meer-Route, um die vom Iran weitgehend blockierte Strasse von Hormus zu umgehen. Mit der Kontrolle über Perim gewinnt die Regierung in Sanaa nun potenziell Einfluss auf genau jene Ausweichroute – ein zweiter Flaschenhals neben Hormus gerät damit faktisch unter den Einfluss der Regierung in Sanaa. Diese doppelte Hebelwirkung wird in den Wirtschaftsteilen westlicher Medien kaum in Zusammenhang gebracht.

Was deshalb noch einmal gefragt werden sollte

  • Erstens: Wie lange lief das „Geister-Soldaten“-System, wer autorisierte die Zahlungen, und welche Rolle spielte die saudische Militärhilfe – die letztlich US-amerikanisch mitfinanziert und mitberaten wird – bei der Aufrechterhaltung dieser Fassade?
  • Zweitens: Warum wurde Admiral Coopers Anwesenheit in Riad ausgerechnet an dem Tag, an dem die Verteidigung kollabierte, nicht genutzt, um wenigstens einen der stündlich zugesagten Luftschläge zu koordinieren? Handelte es sich um technisches oder um politisches Versagen, oder um Absicht?
  • Drittens: Was sagt die Ablehnung Trumps, trotz zweier direkter Bitten MBS‘, über die tatsächliche amerikanische Risikobereitschaft in dieser Phase der Auseinandersetzung mit dem Iran aus – gerade während Washington gleichzeitig versucht, die Lage in der Strasse von Hormus zu managen?
  • Viertens: Wer trägt die Kosten dieses Zusammenbruchs? Für die Bevölkerung an der jemenitischen Küste bedeutet die neue Kontrolllage über zwei zentrale Positionen unmittelbare humanitäre und wirtschaftliche Konsequenzen, während die politisch Verantwortlichen in Riad und Washington öffentlich vor allem über Zuständigkeiten streiten.

Was noch übersehen wird

Die vorherrschende Erzählung rahmt die Ereignisse in Mocha und Perim als iranisch gestützten Sieg AnsarAllahs und ordnet sie damit in ein binäres Freund-Feind-Schema ein: Der Iran und seine Verbündeten gewinnen Boden, der Westen und seine Partner verlieren ihn. Was in dieser Rahmung verschwindet, ist die Erkenntnis, dass der eigentliche Auslöser nicht militärische Stärke der einen, sondern strukturelle Korruption und Zersplitterung der anderen Seite war – eine Struktur, die von Saudi-Arabien mit stiller US-amerikanischer Rückendeckung über Jahre aufgebaut und finanziert wurde, ohne dass ihre Hohlheit öffentlich thematisiert wurde.

Aus einer Perspektive des Globalen Südens liegt der eigentliche Skandal nicht in der militärischen Bewegung an sich, sondern darin, dass ein von aussen finanziertes Interventionssystem – Gehalte, Berater, Kommandostrukturen – über Jahre aufrechterhalten wurde, obwohl es faktisch nicht funktionsfähig war, und dass die Kosten dieses Scheiterns nun der jemenitischen Zivilbevölkerung sowie der globalen Schifffahrt aufgebürdet werden – während die verantwortlichen Akteure in Riad und Washington sich in einem öffentlichen Schuldzuweisungs-Ping-Pong üben, statt Rechenschaft über das eigentliche Systemversagen abzulegen. Dass ausgerechnet in diesem Moment auch die zweite globale Meerenge, Bab al-Mandeb, unter den faktischen Einfluss der Regierung in Sanaa gerät, während Hormus bereits eingeschränkt ist, wird in der aktuellen Berichterstattung eher als Randnotiz behandelt – dabei könnte genau das der Punkt sein, an dem sich die nächste Eskalationsstufe der US-iranischen Konfrontation entscheidet.

Bild: Screenshot von Videobericht über den Vorgang

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1 Kommentar

  1. VerarmterAdel
    Antworten

    Das „Systemversagen“ ist der Plan.

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