Kriege in Westasien betreffen Rohstoffversorgung, Energie, Handelswege und letztlich die Wirtschaft in Europa und betreffen besonders Deutschland, das immer noch eine starke, aber erodierende Exportwirtschaft aufweist und von Rohstoffimporten abhängig ist.
Saudi-Arabien bereitet offenbar eine neue Offensive gegen die Huthi im Jemen vor. Gleichzeitig verlegt die US-Regierung zusätzliche Streitkräfte in den Nahen Osten. Doch zahlreiche Details, die derzeit in sozialen Medien kursieren, sind falsch, übertrieben oder bislang nicht belegt.
Die Lage im Nahen Osten hat sich in den vergangenen Wochen deutlich verschärft. Die Regierung in Sanaa unter der Führung der Ansarallah (im Westen „Huthis“ genannt) haben ihre Positionen im Jemen ausgeweitet und den Zugang zum strategisch wichtigen Bab al-Mandab bedroht. Sie will eine Gegenblockade gegen die Saudi-Arabiens gegen das eigene Land errichten und verbietet die Durchfahrt für saudische Schiffe. Alle anderen Nutzer des Roten Meeres sind nicht betroffen. Saudi-Arabien bereitet nun nach übereinstimmenden Berichten eine neue militärische Operation vor, die das Kriegsszenario wesentlich verändern könnte.
Laut Reuters werden verschiedene Szenarien geprüft: eine begrenzte Offensive entlang der Küste zur Sicherung des Bab al-Mandab oder ein größerer Angriff auf mehreren Fronten in Al-Bayda, Marib, Taiz und Al-Jawf. Die Operation könnte in den kommenden Wochen beginnen.
100.000 Soldaten – aber nicht aus Saudi-Arabien
Tatsächlich ist von mehr als 100.000 Kämpfern bzw. Bodentruppen die Rede, die von Saudi-Arabien unterstützte Kräfte stellen könnten, zum größten Teil sind es wohl internationale Söldner. Es handelt sich also nicht um 100.000 saudische Soldaten.
Saudi-Arabien würde die Operation demnach vor allem mit Luftangriffen und logistischer sowie nachrichtendienstlicher Unterstützung begleiten. Die genaue Stärke und Einsatzbereitschaft dieser Verbände ist allerdings schwer einzuschätzen, da die gegen die Regierung in Sanaa kämpfenden Fraktionen politisch und militärisch stark fragmentiert sind. Reuters weist ausdrücklich auf diese Unsicherheit hin.
USA helfen Saudi-Arabien – aber zunächst nicht mit Bodentruppen
Nach derzeitigen Berichten unterstützen die Vereinigten Staaten Saudi-Arabien unter anderem mit Geheimdienstinformationen und Zieldaten. Einen direkten Kampfeinsatz amerikanischer Truppen in der geplanten Jemen-Offensive haben die USA dagegen bislang nicht angekündigt. Axios berichtet sogar, Washington wolle sich zunächst nicht direkt an der Offensive beteiligen.
Parallel dazu verstärkt das Pentagon seine Präsenz im Nahen Osten. Der Flugzeugträger USS Theodore Roosevelt verließ Ende September San Diego in Richtung Nahost. Auch die USS Makin Island, die USS Anchorage und die USS John P. Murtha haben San Diego verlassen. Die Makin Island ist mit der 13th Marine Expeditionary Unit verbunden. USNI News beziffert die typische Größe einer solchen Einheit einschließlich Besatzungen auf rund 4.000 Marines und Seeleute.
Die jüngsten Berichte sprechen von etwa 9.000 bis 10.000 zusätzlichen US-Soldaten und Marines. Damit könnte die amerikanische Präsenz im Nahen Osten im Oktober auf mehr als 20.000 Soldaten anwachsen. Associated Press berichtet zudem, dass eine mögliche weitere Eskalation nach den US-Kongresswahlen diskutiert wird.
Pakistan: Unterstützung ja – 40.000 Soldaten im Jemen nein
Pakistan hat seine militärische Unterstützung für Saudi-Arabien ausgeweitet. Im August unterzeichneten Saudi-Arabien, Pakistan und die Türkei das Mekka-Abkommen zur gemeinsamen Verteidigung. Es sieht vor, einen bewaffneten Angriff auf eines der drei Länder als Angriff auf alle zu betrachten. Die pakistanische Regierung bestätigt den Vertrag.
Pakistan hat Ausrüstung und Luftverteidigung nach Saudi-Arabien geliefert. Nach Reuters-Angaben befinden sich inzwischen 30.000 bis 40.000 pakistanische Soldaten in Saudi-Arabien, unter anderem zur Sicherung der Landesgrenzen sowie zur Abwehr von Drohnen und Raketen. Das bedeutet aber ausdrücklich nicht, dass 40.000 pakistanische Soldaten in den Jemen geschickt werden. Der Konflikt wird als lange vor der Unterzeichnung der Vereinbarung startend angesehen, und ist daher nicht direkt von dem Beistandspakt betroffen.
Reuters berichtet vielmehr, dass Islamabad bislang keine Entscheidung getroffen hat, pakistanische Truppen in kämpfender Rolle in den Jemen zu entsenden. Reuters-Bericht
Frankreich und Großbritannien leisten vor allem defensive Unterstützung
Frankreich hat angekündigt, Verteidigungssysteme und Personal nach Saudi-Arabien zu entsenden, insbesondere zum Schutz des wichtigen Hafens und Ölterminals von Yanbu. Eine Entsendung von mehr als 10.000 französischen Soldaten ist dagegen nicht belegt. Le Monde berichtet von Soldaten, Radarsystemen und Verteidigungssystemen, nennt aber keine Größenordnung von 10.000 Soldaten.
Großbritannien unterstützt Saudi-Arabien ebenfalls. Das britische Verteidigungsministerium bestätigt zusätzliche „defensive“ Unterstützung, darunter ein RAF-Voyager-Tankflugzeug zur Luftbetankung sowie bereits vorhandene britische Luftverteidigungssysteme und Personal zum Schutz vor Raketen und Drohnen. Ohne die gut bezahlte Luftbetankung durch Großbritannien und den USA könnte Saudi-Arabien viele Bereiche des Jemens gar nicht bombardieren.
Bereiten die USA eine Bodeninvasion im Iran vor?
Diese Aussage ist nicht durch die derzeit bekannten Fakten gedeckt. Die amerikanische Militärpräsenz wird zwar deutlich verstärkt, und Washington bereitet sich auf verschiedene mögliche Szenarien vor. Bereits im Frühjahr gab es Berichte über Planungen für begrenzte amerikanische Bodenoperationen im Iran. Dabei ging es laut Washington Post jedoch ausdrücklich nicht um eine klassische großangelegte Invasion, sondern um mögliche Operationen von Spezialkräften und konventionellen Einheiten.
Die aktuelle Verlegung von Flugzeugträgern und Marines wird von westlichen Beobachtern nicht als Beleg dafür gewertet, dass eine US-Bodeninvasion des Iran beschlossen wurde.
Droht eine globale Hungersnot?
Eine längere Unterbrechung des Schiffsverkehrs durch das Rote Meer oder die Straße von Hormus durch eine Ausweitung des Kriegs könnte erhebliche Auswirkungen auf Energiepreise, Transportkosten und die Versorgung mit Nahrungsmitteln haben. Das gilt insbesondere für Länder, die stark von Importen abhängig sind.
Für den Jemen ist die Lage bereits akut. Nach Angaben des Welternährungsprogramms sind in den von der international anerkannten Regierung kontrollierten Gebieten derzeit rund 74 Prozent der Familien von Hunger betroffen. Die erneuten Kämpfe haben zudem Zehntausende Menschen vertrieben und wichtige Versorgungslinien gestört. Eine weltweite Hungersnot als zwangsläufige Folge der aktuellen Entwicklung lässt sich daraus noch nicht ableiten.
Fazit
Der Krieg um die Selbstbestimmung des Jemen dauert nun bereits über 10 Jahre. Und der Kern der aktuellen Meldungen ist real: Saudi-Arabien bereitet offenbar eine größere Offensive gegen die Huthi im Jemen vor, während die USA ihre militärische Präsenz im Nahen Osten verstärken. Auch Pakistan, Frankreich und Großbritannien unterstützen Saudi-Arabien militärisch. Wie schon seit der Angriffskrieg Saudi-Arabiens im Jahr 2015 begann. Natürlich nur unter der Prämisse, die „legitime Regierung“ wieder an die Macht zu bringen.
Die tatsächliche Entwicklung bleibt ernst: Eine größere saudische Offensive im Jemen könnte die bereits fragile regionale Sicherheitslage weiter verschärfen und die internationalen Schifffahrtswege am Bab al-Mandab und möglicherweise auch am Persischen Golf erheblich belasten. Die Kriege Saudi-Arabiens gegen den Jemen, Israels gegen Gaza, den Libanon und teilweise Syrien und den Irak sowie den Iran, nicht zu vergessen die US-Intervention gegen den Iran haben die Weltwirtschaft tatsächlich an den Rand einer Katastrophe gebracht. Das ausgerechnet durch jene Staaten, die in Deutschland sinngemäß „Stabilitätsfaktoren“ genannt worden waren.
Bild: Screenshot von Video über Luftangriffe Saudi-Arabiens auf die Hauptstadt Sanaa
P.S. Wenn Sie in westlichen Medien von „jemenitischen Kräften“ lesen sind die von Saudi-Arabien und der anderen Golfdiktaturen finanzierte Söldnergruppen gemeint. Wenn sie von „Jemens Regierung“ lesen, ist es die durch Saudi-Arabien bezahlte Marionettenregierung unter einem Präsidenten der abgedankt hatte und ins Exil gegangen war. Die Regierung in Sanaa ist „international nicht anerkannt“ und wird „Huthis“ genannt.
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