Die Regierung in Sanaa versucht, die drittgrößte Stadt Jemens von Aden abzuschneiden. Zugleich steht Saudi-Arabien an mehreren Fronten unter Druck. Was belegt ist, was bis „nicht unabhängig bestätigt werden kann“ und warum die Straße von Taizz nach Aden mehr ist als eine Landstraße.
Die Lage rund um Taizz hat sich in dieser Woche zugespitzt. Nach Angaben der Arab News von gestern handelt es sich um die größte und am besten koordinierte Offensive der Kämpfer aus Sanaa, unter Führung der Ansarallah (im Westen Huthis genannt) gegen Gebiete, die durch eine Marionetten-Regierung Saudi-Arabiens seit Jahren gehalten werden. Ein Offizier dieser „international anerkannten Regierung“ sprach von Angriffen an 56 Frontabschnitten. Es ist der bisherige Höhepunkt einer Eskalation, die am 3. September begonnen hat, als Reaktion darauf, dass Saudi-Arabien den Waffenstillstand gebrochen, und den Flughafen von Sanaa bombardiert hatte.
Die Straße, um die es geht
Anwohner berichten, dass Streitkräfte der „international nicht anerkannten Regierung“ in Sanaa, die seit 2016 durch gewählte Vertreter der Regionen legitimiert wurde, die Straße Hayjat al-Abd erreicht haben. Das ist die wichtigste Verbindung zwischen Taizz und Aden. Sie sollen einen Durchlass (Culvert) mit Sprengstoff gesprengt und die Route damit unterbrochen haben. Frühere Versuche, diese Straße zu nehmen, scheiterten laut Arab News am Widerstand der saudischen Kräfte.
Der Jemen-Analyst Ahmed Nagi von der International Crisis Group beschreibt das Ziel knapp: Die Regierung in Sanaa will die Autobahn Taizz–Aden kappen und die Stadt isolieren. Die Schlacht könne entscheiden, ob sie weiter nach Süden vorstoßen können. Auch die New Arab sieht in den Straßen das eigentliche Ziel. Während der Ukrainekrieg bereits von einigen Beobachtern als „Kesselkrieg“ bezeichnet wird, könnte dies bald auch auf den Jemen zutreffen. Die Huthis wollten Taizz demnach nicht in Häuserkämpfen erobern, sondern es versorgungstechnisch ersticken. Das passt zu dem Muster, das Taizz seit 2015 kennt. Die Stadt steht seit Jahren unter teilweiser Belagerung, und jede Straße, die offen bleibt, ist überlebenswichtig.
🇾🇪🇸🇦 Houthi forces are reportedly closing in on Taizz, Yemen’s third-largest city, as their offensive cuts the roads to Aden
A Houthi tank has reportedly been spotted operating southwest of the city and a column of fighters has reportedly entered As Safiyah, while the al-Turbah… pic.twitter.com/0w5bY9bOjt
— Mario Nawfal (@MarioNawfal) October 2, 2026
Was gesichert ist und was nicht
Die Streitkräfte unter Führung der Saudis, im Westen „die Armee des Jemens“ erklärt, sie wehre die Angriffe in den Bezirken Jabal Habashi, Maqbanah und al-Misrakh ab. Dutzende „Huthis“ seien getötet, verwundet oder gefangen genommen worden, darunter Feldkommandeure, und sechs Luftangriffe habe es gegeben. Bestritten werden zudem die Gebietsgewinne, welche die Regierung in Sanaa für sich reklamiert. „Unabhängig überprüfen“ lässt sich beides derzeit kaum. Der Nebel des Krieges ist eine ziemliche „Suppe“.
Angriff auf das Koalitionshauptquartier in Aden
Lokale Behörden erklärten, die Streitkräfte Adens hätten das Hauptquartier des Kommandos der saudisch geführten Koalition in Aden mit mehreren ballistischen Raketen und Drohnen angegriffen. Das berichtet unter anderem Geo News.
Dass der Angriff stattfand, ist damit ausreichend belegt. Nicht belegt ist die Behauptung, wichtiges Militärpersonal sei getötet worden. Auch die Aussage, dort sei gerade über Gegenmaßnahmen zu Taizz beraten worden, ließ sich nirgends finden. Das klingt plausibel, ist aber nicht „unabhängig bestätigt“. Ob die Kämpfer der Regierung in Sanaa den Schlag als Antwort auf die Verteidigungsbemühungen verstehen, wurde noch nicht durch sie bestätigt.
Das Narrativ des Westens wird nach wie vor verbreitet: Die „Regierung in Sanaa“ sei die „Huthi-Verwaltung“, die den bevölkerungsreichen Norden kontrolliert. International anerkannt sei die Regierung in Aden unter dem Präsidialrat von Raschad al-Alimi der zwar abgedankt und nach Saudi-Arabien ins Exil gegangen war, aber dann vom saudischen Kronprinz überzeugt wurde, dass er noch der Präsident des Jemens war. Obwohl seine Wahl verfassungswidrig, weil er ohne Gegenkandidaten angetreten war, und er seine Amtszeit Jahre überzogen hatte, während denen er Neuwahlen verweigerte. Er versprach laut Arab News, die „Huthis“ nicht nur aus Taizz zu vertreiben, sondern auch Sanaa zurückzuerobern.
Riad an mehreren Fronten
Saudi-Arabien ist derzeit stark gefordert. Und die Voraussagen schon aus dem Jahr 2015, dass der Jemen „das Vietnam Saudi-Arabiens“ werden würde, scheint sich zu bestätigen. Die Huthis führen seit Juli eine Seeblockade gegen das Königreich aus und beschießen Städte, Energieinfrastruktur und Schiffe. Das schreibt Reuters und weist auf die Folgen für die globale Ölversorgung hin. Die Straße von Hormus ist weiterhin weitgehend blockiert, und die Küste am Roten Meer ist die wichtigste Ausweichroute für Gulf-Exporte. Genau diese Route ist bedroht. Und schließlich könnte die Regierung in Sanaa die Absicht haben, aus Anlass dieses Krieges die zwei südlichsten Provinzen Saudi-Arabiens zurück zu gewinnen, welche in den 1930er Jahren von Saudi-Arabien erobert worden waren.
Am Donnerstag meldete die Koalition laut Arab News vier Drohnen und zwei ballistische Raketen über Khamis Mushait und Jazan. Trümmerteile fielen auf Wohngebiete, Opfer gab es keine. Zwei Tage zuvor waren es sechs Raketen in Richtung Yanbu und Taif. Am 26. September ging es um Riad und Khamis Mushait. Der UN-Sicherheitsrat, der Angriffe der USA und Israels auf eine Mädchenschule nicht verurteilte, tat dies jedoch wegen Angriffen und verwies auf „verletzte Zivilisten, darunter Frauen und Kinder“, während der vermutliche Völkermord in Gaza zu keinem Einschreiten führte, ebensowenig wie die Blockade Saudi-Arabiens, die zur größten Choleraepidemie der Neuzeit im Jemen geführt hatte. Dazu kommt der Vorwurf, „die Huthis“ hätten ein Umspannwerk in Medina angegriffen, was die Regierung in Sanaa dementiert. Obwohl dies unverständlich ist, angesichts der Zerstörungen von Infrastruktur durch Israel und den USA im Libanon und im Iran, welche ohne Vorwürfe blieben.
Zusammenfassung
Die Titel von Beiträgen im Internet:„Riad wird an zwei Fronten ausgedehnt“ ist im Kern plausibel: im Luftraum über dem Königreich und am Boden im Jemen. Die Frontverläufe in Taizz sind unübersichtlich und die Angaben der Kriegsparteien widersprüchlich. Die New Arab berichtete schon Anfang September, dass Verstärkung der Giants-Brigaden und der Nation’s Shield eingetroffen sei. Die Regierung in Saudi-Arabien gibt also noch nicht auf. Es fehlt an Korrespondenten vor Ort. Als die Regierung in Sanaa 2016 unter den Bomben Saudi-Arabiens durch die Versammlung gewählter Vertreter legitimiert wurde, hatte lediglich ein chinesischer Journalist darüber berichtet.
Die Sprengung von Hayjat al-Abd trifft auch Zivilisten. Wird die Straße dauerhaft unbrauchbar, wachsen Preise und Knappheit in einer Stadt, die ohnehin seit Jahren nur über wenige Korridore versorgt wird. Allerdings werden dann dort jene Zustände entstehen, unter denen das Gebiet, das von der Regierung in Sanaa kontrolliert wird, seit 2015 leidet.
Der Krieg im Jemen ist seit dem Wiederaufflammen im Sommer kein Nebenschauplatz des Iran-Krieges, sondern ein Aufbegehren der Region gegen Fremdherrschaft und nachkoloniale Kontrolle. Natürlich angespornt durch das Beispiel des bisher so erfolgreichen Widerstandes des Iran.
Bild: Screenshot von Video über Taizz
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Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 
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Saudi-Luftangriffe auf jemenitischen Markt: Mindestens sieben Tote
1 Kommentar
Nach dem viel Jahre langen Krieg, den die Saudis gegen die Houthis geführt hatten, auch mit vielen Toten bei den Houthis durch Hungerblockade, haben die Saudis wohl überhaupt nicht mehr mit so einem Aufgebot gerechnet und die Houthis katastrophal unterschätzt.
Woher kenne ich das schon? Ah ja, die USrael mit Ukraine und Iran… und die USA unterschätzen auch diesmal den Friedenswillen der Deutschen und damit meine ich nicht den Bund.
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