Die Wiedervereinigung Deutschlands war für den Westen ein historischer Gewinn von ungeheurer Größe. Für den Osten bedeutete es nach der Euphorie des Umtauschs in D-Mark den Verlust der Anerkennung von Lebensleistung und Vernichtung der industriellen Grundlagen. Was bis heute andauert.
Im Wahlkampf zur ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl im Dezember 1990 standen sich zwei Linien gegenüber. SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine warnte vor einem teuren, langwierigen Prozess, vor Opfern und vor einem zu raschen Anschluss samt Währungsunion zu einem unrealistischen Umtauschkurs. Helmut Kohl (CDU) versprach „blühende Landschaften“ und schloss Steuererhöhungen lange aus. Die Vereinigung sei im Wesentlichen aus eigener Kraft zu stemmen. Kohl wird auch immer wieder der Begriff „Portokasse“ zugeschrieben. Belegt ist, dass die Regierung die Kosten kleinredete und Steuererhöhungen ausschloss.
Was dabei herauskam
Die Wähler folgten dem optimistischen Kurs. Die Union gewann die Wahl mit rund 44 Prozent, die SPD kam auf etwa 34 Prozent. Die Rechnung kam trotzdem, und zwar schnell:
- Schon 1991 wurde der Solidaritätszuschlag eingeführt, nach einer Pause kam er 1995 zurück. Dazu kamen höhere Verbrauchs- und Versicherungssteuern, der Fonds Deutsche Einheit und der Solidarpakt.
- Der Bund und die Sozialversicherungen finanzierten einen Großteil der Einheit über Schulden und Beiträge.
- Die Gesamtkosten werden je nach Rechenweise sehr unterschiedlich beziffert. Die Schätzungen gehen bis in den Bereich von etwa zwei Billionen Euro (brutto, über Jahrzehnte). Von „Portokasse“ kann keine Rede sein.
Treuhand und der Korruptionsverdacht
Die Treuhandanstalt sollte das DDR-Volkseigentum privatisieren. Rohwedder rechnete 1990 noch mit einem Gewinn in dreistelliger Milliardenhöhe. Am Ende stand ein Defizit von rund 250 Milliarden D-Mark. Millionen Industriearbeitsplätze gingen verloren, und viele Betriebe wurden stillgelegt oder weit unter Wert verkauft. Kritiker sehen darin eine Entindustrialisierung, die Ostdeutschland bis heute prägt.
Der Verdacht auf Korruption und Begünstigung stützt sich vor allem auf folgende Punkte:
- Es gab Fälle von Subventions- und Kreditbetrug und Scheinkäufern, die Fördergelder abgriffen. Das Vereinigungsunrecht beschäftigte die Berliner Ermittlungsgruppe ZERV jahrelang.
- Bekannt sind Affären wie beim Bremer Vulkan und der Streit um das Kaliwerk Bischofferode.
- Offen sind das Schicksal des SED/PDS-Vermögens und die Frage, wie viele Käufer aus dem Westen bevorzugt wurden. Ostdeutsche kamen bei den Privatisierungen kaum zum Zug.
- Mehrere Untersuchungen blieben aus Sicht von Kritikern lückenhaft. Die Treuhand-Akten sind erst nach und nach zugänglich geworden.
- Westliche Firmen kauften ostdeutsche, nur um sie zu schließen, damit Konkurrenz vermieden wurde. Oder sie behinderten den Vertrieb, weil es das eigene Geschäftsmodell gefährdete. Das spektakulärste Beispiel dürfte das so genannte „Superfest“-Glas sein. Gut bekannt dürfte auch der Fall des weltweit ersten FCKW-freien Kühlschranks von Foron sein. Weiter in Erinnerung ist das Schicksal des Synthesewerks Schwarzheide (Kombinat SYS), und der Fluggesellschaft Interflug.
- Einer der spektakulärsten Skandale ist vermutlich Leuna und das Minol-Tankstellennetz. Ab 1997 deckte die französische Justiz (allen voran die Ermittlungsrichterin Eva Joly) auf, dass bei diesem Milliardengeschäft massive kriminelle Energie im Spiel war. Aber das war nach Meinung von Kritikern nur die Spitze des Eisbergs gewesen.
Die Einstellung heute
Die Daten zeigen eine Ost-West-Kluft, die sich bei der Demokratiezufriedenheit besonders deutlich zeigt:
- Mit dem Funktionieren der Demokratie waren im Westen 62 Prozent sehr oder eher zufrieden, im Osten nur 51 Prozent.
- In einer aktuellen Forsa-Umfrage für RTL/ntv äußerten im Osten 71 Prozent Unzufriedenheit mit dem Alltag der Demokratie, im Westen 57 Prozent. Bundesweit sind nur 41 Prozent damit zufrieden, wie Demokratie in Deutschland tatsächlich funktioniert.
- Die Unzufriedenheit ist stark von der Parteipräferenz geprägt. Unter AfD-Anhängern liegt sie bei 89 Prozent. Die AfD ist im Osten die stärkste politische Kraft.
- Abwanderung: Zwischen 1991 und 2024 zogen rund 1,2 Millionen Menschen mehr von Ost nach West als umgekehrt.
Am deutlichsten dürften die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland in der Sicht auf die Dämonisierung Russlands und einer Kriegsvorbereitung sein. Während man erwartet hätte, dass in Ostdeutschland nach Jahrzehnten der Besatzung Russland als Feind gesehen wird, ist tatsächlich auch Jahrzehnte nach freiwilligem und friedlichem Abzug der russischen Truppen das Gegenteil der Fall.
Zusammenfassung
Die Einheit war historisch für den Westen ein Glücksfall, aber politisch der Gesellschaft verkauft wurde sie mit zu vielen Beschwichtigungen. Lafontaines Warnungen vor den Kosten waren im Kern berechtigt, auch wenn der Kanzler die Wahl gewann. Ein damaliger Nachbar des Autors, der die DDR bereist hatte, um das Abwassersystem zu prüfen, erklärte mir in einem privaten Gespräch, wie hoch alleine die Sanierung bzw. das auf westlichen Stand zu bringende Abwassersystem kosten werde. Mit anderen Worten: Kohl log, denn er musste wissen, welche Kosten eine Wiedervereinigung mit sich bringen würde. Aber er wollte das Alternativmodell einer selbstverwalteten und demokratisierten DDR verhindern.
Die Treuhand-Politik hinterließ wirtschaftliche Narben und ein bis heute wirkendes Misstrauen gegenüber den Institutionen. Das zeigt sich nun in der Demokratiezufriedenheit und im Wahlverhalten, wobei sich die Kluft bei den Werten selbst als kleiner erweist als im öffentlichen Bild.
Bild: Screenshot über Video einer alternativen Sichtweise auf die Wiedervereinigung
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10 Kommentare
Antwort an Hello
Ja Sie dürfen fragen. Ich lebe in unmittelbarer Nähe von Leipzig und das seit 1954
Und ja ich war nicht demonstrieren. Übrigens die allermeisten DDR Bürger waren das nicht. Die Anzahl der Teilnehmer wurden damals von den Westmedien auch schon stark übertrieben. Ich habe zu dieser Zeit als Leiter einer Diskothek gearbeite und ich diese Zeit live miterlebt.
Pünktlich nach der Montagsdemo sind dann immer zw. 20 und 30 Demoteilnehmer bei uns
“ eingeritten “ und immer im trunkenen Zustand und haben ihre politischen Parolen von der übelsten Art zum Ausdruck gebracht. Und immer gab es mit der Staatsmacht Ärger.
Zur jetzigen Zeit würden solche Art Parolen einige Jahre Knast bringen. Und das waren keine normalen Arbeiter oder Angestellte. Denn welcher Arbeiter oder Angestellter konnte es sich damals Leisten in eine Diskothek der gehobenen Klasse zu gehen.
Das waren damals zum größten Teil gut verdienende selbständige Handwerker, Bäcker,Fleischer oder Gastronomen. Also Leute denen es zur damaligen Zeit finanziell besser ging als den Rest der arbeitenden Bevölkerung. Als um die Wiedervereinigung diskutiert wurde
Habe ich gesagt das es nicht der richtige Weg ist und das dann viele ihren Job bzw. ihr Geschäft verlieren werden. Und es war auch so. Jetzt, wenn ich ab und zu mal einen der alten noch lebenden Bekannten und auch damalige Freunde treffe und wir über die alte Diskozeit sprechen, wird mir regelmäßig Recht gegeben. Woher ich das wusste?
Ich wusste es nicht aber ich war, bevor ich 86 die Diskothek übernommen habe, 12 Jahre für einen großen Kombinatsbetrieb im weltweit westlichen Ausland Unterwegs und konnte in etwa erahnen was da auf uns zukommt. Und wenn Ihnen jetzt der Gedanke Partei, Genosse, Stasi usw. kommt, vergessen Sie das. Ich war bis 85 weder in der Volkspartei SED noch in einer anderen Staatsnahen Organisation. Zur Information, es gab auch DDR Bürger welche im westlichen Ausland gearbeitet haben und keine Genossen waren. Allerdings wurde es dann ab 85 für Bürger welche regelmäßig im westlichen Ausland arbeiten, immer schwerer nicht in die Partei eintreten zu müssen. Ich bin dann, um den Druck in die Partei eintreten zu müsse und weil ich dachte das es ein schlauer Schachzug von mir ist, in die NDPD eingetreten. Aber wie es sich rausstellte war es das nicht. Mir wurde dann 2 Monate später mein Ausreisevisa entzogen bzw. war dieses plötzlich nicht mehr auffindbar. Ich musste dann einen neuen Antrag stellen, welcher natürlich abgelehnt wurde. Und das war war es dann.
Ach ja und noch etwas, ich war gegen die Demos und das habe ich immer auch so gesagt unter Freunden und in der Familie. Von einigen wurde ich dann als Kommunist beschimpft auch in der Familie. Jetzt allerdings bin ich für die gleichen Leute kein Kommunist mehr, jetzt bin ich ein Rechter oder ein Putinagent. Immer dann wenn es um die Ukraine oder um die Bundespolitik oder um die AfD geht.
Geht mir aber am Allerwertesten vorbei. Noch wird man ja für seine Meinung nicht hinter die Mauer geführt. Wenn es doch mal soweit sein sollte, muss ich halt mein Maul halten.
Wünsche noch einen angenehmen Restsonntag.
Eventuelle Rechtschreibfehler dürfen Sie gerne übersehen.
Danke für Ihre Stellungnahme.
Ich schätze hier sehr oft die Beiträge von ehemaligen DDR-Bürger. Ich habe den Eindruck, dass diese – geprägt durch die DDR – viel leichter Propaganda erkennen als die Westler, die in einer Welt aufgewachsen sind: uns geht es gut, wir haben Demokratie und Rechtsstaat und einen angemessenen Sozialstaat. Für die ist es sehr schwer zu erkennen, dass das vielleicht einmal war, sich jetzt aber sehr gewandelt hat.
Ich habe keine Rechtschreibfehler entdeckt, auch keine gesucht. Den angenehmen Restsonntag habe ich verschlafen – ja, sehr angenehm.
Der 3. Oktober war der Tag, an dem wir in der DDR die erste wichtige Lektion in Sachen westliche Demokratie und unabhängige Medien gelernt haben: In der Westpolitik schließt man Kompromisse stets auf die Art, dass gemacht wird, was die Eliten wollen (hier: einen Beitritt), man dafür aber die Bezeichnung von dem nimmt, was der einfache Bürger will (hier: eine Vereinigung).
Diese Sprachverdrehung funktioniert bis zum heutigen Tage selbst bei kritischen Geistern. Dafür zolle ich der Propagandaabteilung großen sportlichen Respekt!
Für alle anderen: Es gab keine Wiedervereinigung nach Art. 146 Grundgesetz, sondern nur einen Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des GG der BRD nach Art. 23 GG. Heißt zu deutsch: Für Bürger in den alten Bundesländern änderte sich gar nichts, während sich für die Bürger der neuen Bundesländer alles änderte. Wer diese Feinheiten nicht kennt, hielt die Ossis für Jammerlappen, weil er nicht wusste, dass der Beitritt das Leben der DDR-Bürger in ihren Grundfesten erschüttert hat.
Die Treuhand war die nächste Lektion in Sachen Kompromisse und Propaganda in einer westlichen Demokratie: DDR-Oppositionelle schlugen eine Treuhandgesellschaft vor und meinten damit eine Dachgesellschaft, die die DDR-Betriebe weiterführt. Den Namen fanden die Westeliten gut, aber ihnen schwebte das Modell des Ausverkaufs der DDR vor. Der perfekte Kompromiss nach westlicher Denkart war gefunden und wurde so umgesetzt.
„Die Wiedervereinigung Deutschlands war für den Westen ein historischer Gewinn von ungeheurer Größe“
Natürlich. Sie war ein Meilenstein der Ausdehnung des „Westens“ nach Osten, eine Voraussetzung, ja eine ‚conditio sine qua non‘ für das heutige Blutvergießen in der Ukraine. Nur verdrängen das viele „Wir sind das Volk“-Bewunderer dieser vom Westen kräftigst geförderten deutschen Konterrevolution, der später die berüchtigten „Farbrevolutionen“ folgten …
Genau so ist es👍
Sie sprechen mir von der Seele. Ich könnte jedesmal im Strahl kotzen wenn ich den Satz höre
“ dafür sind wir nicht auf die Straße gegangen “
Ich denke dann immer “ doch ihr Idioten, genau dafür wurdet ihr auf die Straße geschickt, für 100 D-Markt habt ihr diese Konterrevolution unterstützt“
Im Übrigen gab es ca. 15 Jahren auf Netflix eine Serie mit den Titel “ Berlin Station“
Diese handelt von der CIA Zentrale im letzten Jahr vor der Konterrevolution. Die CIA Centrale
befand sich in der obersten Etage im Springer Haus in Berlin an der Mauer.
In einer Szene stehen der aus den USA angereiste CIA Chef und der Stationsleiter vor einer großen Fensterfront und schauen runter auf dem Grenzstreifen, wo gerade ein Kübeltrabbi mit Grenzsoldaten vorüber fuhr. Der CIA Chef sagte zum Stationsleiter den folgenden Satz, welche sich bei mir einprägte, “ ja schau noch einmal genau hin , wenn Du in einen Jahr zurückkommst, gibt es die Mauer nicht mehr. Diese Szene sagte alles.
In dieser Serie wird unter anderem gezeigt, daß zum Beispiel die Erstürmung der verschiedenen Stasizentralen von langer Hand vorbereitet wurden und Agenten sich unter das Demo Volk mischten, um bei dem allgemeinen Chaos in den Stasizentralen bestimmte Unterlagen zu entwenden und über die Grenze zu bringen.
„Ich denke dann immer „doch ihr Idioten, genau dafür wurdet ihr auf die Straße geschickt, für 100 D-Markt habt ihr diese Konterrevolution unterstützt““
„Idioten“ –Harte Worte.
Darf ich Sie fragen, wie alt Sie damals waren und wo Sie gelebt haben? Haben Sie schon damals die Zeichen richtig gesehen und protestiert? Sind Sie gegen diese Konterrevolution und gegen „Wir sind das Volk – Idioten“ aufgetreten?
Sie brauchen mir nicht zu antworten. Ich finde nur, dass es im Nachhinein vielleicht leichter ist, Sachverhalte zu durchschauen und richtig einzuordnen.
„Einer der spektakulärsten Skandale ist vermutlich Leuna und das Minol-Tankstellennetz. Ab 1997 deckte die französische Justiz (…) auf, dass bei diesem Milliardengeschäft massive kriminelle Energie im Spiel war.“
Die Öl-Industrie war schon immer massiv kriminell, dafür bürgt schon der Name Rockefeller…
„In einer aktuellen Forsa-Umfrage für RTL/ntv äußerten im Osten 71 Prozent Unzufriedenheit mit dem Alltag der Demokratie, im Westen 57 Prozent. Bundesweit sind nur 41 Prozent damit zufrieden, wie Demokratie in Deutschland tatsächlich funktioniert.“
Eine echte Demokratie zeichnet sich durch Prozesse aus, mit der der Bürger fehlerhafte Politik wieder einhegen kann und direkte Personenwahl. Diese fehlen in der Bund-Demokratie völlig. Seit 1956 ist eigentlich auch jede Wahl ungültig, weil nur noch Listenwahl angeboten wurde und bis aufs Ankreuzen einer Liste gibt es keine Demokratie für den Bürger. Aber dafür gibt er seine Macht wieder an das alliierte Konstrukt, das aufzulösen ist nach Völkerrecht, aber die Steuern im Ausland verschwendet und veruntreut.
„der 3. Oktober, womit assoziieren wir den?“
Mit Betrug.
Nur StaatsFRAGMENTE haben Grundgesetze.
Das Deutsche Reich existiert weiterhin.
Interessiert das jemand.
Nein, natürlich nicht.
Klimaretten und nicht mit „Rechten“ schlafen ist wichtiger in dem von ferngesteuerten Vollpfosten und Berufsschwerstverberchern der schlimmste Sorte regierten Idiotenland.
Diesen „Feiertag“ nenne ich den „Tag der Deutschen Schande“. Die Deutschen, – insbesondere die ehemaligen Bürger der DDR – haben eine einmalige historische Chance verpasst. Die haben für Glasperlen, die sie dann noch für ein Vielfaches ihres Wertes selbst bezahlen durften, ihre Heimat verkauft und verraten!
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