Skip to content
Sander-Faes über Nord- und Irrlichter

Geheimnisse der Gletscherarchäologie

4 Kommentare 14. Oktober 2026 9 Minuten Lesezeit von Prof. Dr. Stephan Sander-Faes

Um diese neue Kolumne mit Inhalten zu eröffnen, die nicht „nur“ Nord- bzw. Irrlichter enthalten, seien Sie an dieser Stelle auf die Gletscherarchäologie in Norwegen hingewiesen. Da ich ja jede Menge Archäologen zu meinen Kolleginnen und Kollegen zähle, so möchte ich Sie auf eines meiner Hobbies hinweisen: Schon seit einiger Zeit verfolge ich die Arbeit der Abteilung für Gletscherarchäologie der Provinz (fylke) Innlandet, deren Funde auf der Website „Secrets of the Ice“ präsentiert werden, die ich Ihnen ans Herz legen möchte.

Da die diesjährige kurze „Grabungssaison“ vor ihrem Ende steht, finden Sie hier ein aktuelles Update von diesen unerschrockenen Gletscherarchäologen. Das Folgende ist eine Kombination aus einem Online-Artikel auf ihrer Website und einer begleitenden Pressemitteilung (wie unten zitiert). Sie ist ursprünglich auf Norwegisch und Englisch verfügbar, die mit meinen Hervorhebungen und [Kommentaren] versehen ist.

Das Jahr der Pfeile – Nun apert die Steinzeit heraus

In diesem Jahr haben wir 48 prähistorische Pfeile aus schmelzendem Bergeis in Jotunheimern, Norwegen, entdeckt und geborgen. Doch die Pfeile erzählen uns mehr als nur eine Geschichte über die Jagd in der Vergangenheit. Sie offenbaren ein neues Muster: Das älteste Eis schmilzt jetzt und mit ihm tauchen einige der ältesten archäologischen Funde auf.

Von Espen Finstad, http://www.secretsoftheice.com, 23. Sept. 2026 [Quelle; archiviert]

Seit Tausenden von Jahren bewahrt das uralte Eis einzigartige Objekte aus der Vergangenheit sicher auf. Jetzt verschwindet das Eis.

Wir waren am Rande des Eises. Wir haben es gesehen. Und wir sind Zeugen einer sich schnell verändernden archäologischen Landschaft.

Fakten von der schmelzenden Grenze

Das Gletscherarchäologie-Projekt der Provinz Innlandet, Secrets of the Ice, ist gerade von drei intensiven Wochen an der schmelzenden Grenze im Hochgebirge von Jotunheimen zurückgekehrt.

Das Eis verschwindet viel schneller als erwartet. Die Landschaft hat sich dramatisch verändert und große Gebiete, die noch vor kurzem von Eis bedeckt waren, sind jetzt eisfrei.

[Beschriftung] Eine Pfeilspitze aus Schiefer, die rund 5.000 Jahre alt is. (Domestizierte) Rentiere sind im Hintergrund des Eisfelds zu sehen.

20 Jahre Gletscherarchäologie

In diesem Jahr wird die Gletscherarchäologie in Innlandet 20 Jahre alt.

Seit Beginn unserer Arbeit im Jahr 2006 haben wir 73 archäologische Stätten erfasst und mehr als 5.000 Artefakte aus dem Eis geborgen. Zu den Funden gehören Pfeile, Bögen und andere Jagdausrüstung – Zeugnisse der antiken Rentierjagd – sowie Kleidung, Schuhe, Packpferde und Gegenstände des täglichen Lebens. Zusammengenommen liefern sie einzigartige Beweise dafür, wie die Menschen in der Vergangenheit im Hochgebirge lebten, reisten und es nutzten.

[Beschriftung] Eine Pfeilspitze aus einer Süßwassermuschel. Die Pfeilspitze is fragil und beginnt, zu zersplittern; sie ist rund 3.600 Jahre alt.
Das Besondere an Funden aus Eisflächen ist die Erhaltung organischer Materialien wie Holz, Felle, Sehnen und Textilien. Diese zerbrechlichen Materialien würden normalerweise zerfallen. Im Eis eingefroren, gewähren sie uns einen außergewöhnlich detaillierten Einblick in die Vergangenheit.

Ein neues Muster

Als wir 2006 mit unserer Arbeit begannen, waren die meisten der von uns geborgenen Artefakte weniger als 2.000 Jahre alt, wobei besonders viele Artefakte aus der Wikingerzeit stammten. Funde, die älter als 2.000 Jahre waren, waren relativ selten.

Nun hat sich das Bild dramatisch verändert. Die aus dem Eis schmelzenden Artefakte sind zunehmend älter als 2.000 Jahre. Viele stammen aus der Stein- und Bronzezeit. Die ältesten sind mehr als 6.000 Jahre alt [da das jüngere Eis jetzt geschmolzen ist – und ja, das bedeutet, dass die Gletscher, die jetzt schmelzen, jünger waren als die Stein- und Bronzezeit – sie offenbaren ältere Artefakte].

[Beschriftung] Eine Pfeilspitze aus Knochen, deren Schaft gleichsam daneben im Eis gefunden wurde, die rund 5.000 Jahre alt ist.

Das älteste Eis – die ältesten Funde

In diesem Jahr haben wir unsere Arbeit auf das Berggebiet Kvitingskjølen in Jotunheimen, auf Langfonne, Storfonne und Handklefonne konzentriert [hier ist ein Google Maps-Pin zur Orientierung].

Das Schmelzen war groß. Vielerorts beginnt das Jahrtausende überdauernde Eis nun vollständig zu verschwinden. Und hier sehen wir den Zusammenhang: Das älteste Eis enthält die ältesten Funde [was sagt Ihnen dieser kurze Satz nun darüber, was sich auf diesen Gipfeln befand, bevor das älteste Eis auftauchte?].

[Beschriftung] Langfonne in Jotunheimen. 2006 war dies ein großes Eisfeld, das nun in mehrere, kleinere Eisfelder aufgespalten ist. Diese Eisfelder werden voraussichtlich innert der nächsten 20 Jahre komplett verschwinden.

Während das älteste Eis schmilzt, kommt das älteste archäologische Material zum Vorschein. Das ausgedehnte Abschmelzen des Gebirgseises am Kvitingskjølen ist kein Einzelfall. Der gleiche Prozess findet überall statt – sowohl in den norwegischen Bergen als auch in Bergregionen auf der ganzen Welt.

Die nächsten 20 Jahre

Wir gehen davon aus, dass es in den kommenden Jahren noch mehr davon geben wird. Basierend auf unseren Beobachtungen der letzten zwei Jahrzehnte könnte das Eis auf vielen der von uns untersuchten archäologischen Eisstätten innerhalb von 20 Jahren vollständig verschwunden sein.

Dies gibt uns ein begrenztes Zeitfenster. Jede Feldsaison ist wichtig, da die Objekte schnell zerfallen, sobald sie aus dem sich zurückziehenden Eis auftauchen.

Die Feldsaison ist noch nicht vorbei

Nach drei intensiven Wochen am Eisrand gönnen wir uns eine kurze Pause. Es gibt noch viel zu tun. Die Funde müssen gesichert, dokumentiert und für die weitere Forschung und Konservierung aufbereitet werden. Wir müssen auch die nächste Phase der Feldsaison planen – und mehr archäologisches Material bergen, bevor der Winter vollständig einsetzt.

Direkt vom Eisrand zur Ausstellung

Zu den ältesten in diesem Jahr geborgenen Funden gehört ein etwa 5.000–6.000 Jahre alter Pfeil mit Schieferpfeilspitze und Holzschaft.

[Beschriftung] Einige der neuen Funde dieser Saison sind bereits im entsprechenden Kasten im Norwegischen Gebirgsmuseum in Lom ausgestellt.

 

Mehrere der bemerkenswerten Funde dieses Jahres werden jetzt in einer Kühlvitrine – einem „Ausstellungskasten für neue Funde“ – im Norwegischen Gebirgszentrum in Lom ausgestellt. Das bedeutet, dass einige archäologische Funde bereits wenige Tage nach ihrer Bergung aus dem Eis der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Link zum Online-Ordner mit Pressemitteilung, Kontakten, Bildern und Videos: Bilder und Videos 2026 [diese befindet sich unten bei den Bildern – schauen Sie sich diese an].

*** Ende der Übersetzung ***

Ausdeutende Hinweise

Nachdem Sie diese Zeilen gelesen und vielleicht sogar einige der Bilder angeschaut haben, die diese unerschrockenen Gletscherarchäologen gepostet haben, stellen Sie fest, dass meiner Meinung nach der relevanteste Abschnitt dieser ist:

Als wir 2006 mit unserer Arbeit begannen, waren die meisten der von uns geborgenen Artefakte weniger als 2.000 Jahre alt, wobei besonders viele Artefakte aus der Wikingerzeit stammten. Funde, die älter als 2.000 Jahre waren, waren relativ selten.

Nun hat sich das Bild dramatisch verändert. Die aus dem Eis schmelzenden Artefakte sind zunehmend älter als 2.000 Jahre. Viele stammen aus der Stein- und Bronzezeit. Die ältesten sind mehr als 6.000 Jahre alt

Ohne Zweideutigkeit und mit der Überschrift „ein neues Muster“ eingeleitet, ist dies eindeutig eine bemerkenswerte Überlegung, die viel des am weitesten verbreiteten Agit-Props der letzten rund 20 Jahre in Frage stellt.

Da das jüngere Eis nun geschmolzen ist – und ja, das bedeutet, dass die Gletscher, die jetzt schmelzen, jünger waren als die Stein- und Bronzezeit –, offenbaren sie ältere Funde.

Um deutlich zu machen, wie bemerkenswert diese beiden kurzen Absätze sind, bedenken Sie die chronologischen und räumlichen Auswirkungen:

[Quelle; archiviert (Frühling 2026)]
[Quelle; archiviert (Herbst 2025)]

Wenn Sie diese beiden Bruchstücke konventioneller Weisheit (plus gruselige Agit-Prop) gelesen haben, denken Sie über die Implikationen dessen nach, was die Archäologen der „Geheimnisse des Eises“ sagen:

  • Die Gletscher, die nach der Stein- und Bronzezeit entstanden, sind größtenteils verschwunden, und erstere endete „zwischen 4.000 und 2.000 v. Chr.“ und letztere erstreckte sich von „ca. 3.000 v. Chr.-c. 1.200 v. Chr.“
  • Die Artefakte, die jetzt zum Vorschein kommen, stammen aus diesen Epochen, was bedeutet, dass es zu dieser Zeit, wenn überhaupt, nur wenige Gletscher gab – in Mittelnorwegen nahe dem Polarkreis;
  • Scrollen Sie noch einmal nach oben und sehen Sie sich die Karte im Screenshot „Bronzezeit“ an: Nordeuropa ist nicht einmal darauf abgebildet, aber die unerschrockenen Gletscherarchäologen hier finden Dinge aus der Stein- und Bronzezeit, was zumindest Fragen darüber aufwirft, woher und von wem diese Artefakte geschaffen wurden – und der Kontrast zwischen dieser Karte und der folgenden (das „X“ im Screenshot unten gibt die ungefähre Lage des Kvitingskjølen-Berggebiets von Jotunheimen an, wo die Gletscherarchäologen waren diesen Sommer unterwegs):
[Quelle; archiviert (Herbst 2025)]

Manche Dinge passen nicht zusammen, vor allem: Würde man Siedlungsmuster einbeziehen, wäre es ziemlich … unwahrscheinlich, solche alten Artefakte auf dem Kvitingskjølen-Gipfel zu finden (Wikipedia), insbesondere da die Bergspitze über 2.000 m über dem heutigen Meeresspiegel liegt.

Nebenbei sei angeführt, dass die Samen (Sámi) die vorgeblichen „Ureinwohner“ Skandinaviens sind; diese sind jedoch „zu einem ungewissen Zeitpunkt zwischen der Bronzezeit und der frühen Eisenzeit (2. und 1. Jahrtausend v. Chr.)“ in Nordeuropa angekommen, was auch die relevante Frage danach eröffnet, wer denn die o.a. Artefakte ebenda in Mittelnorwegen hinterlassen hat …

[Quelle; archiviert (Juli 2026)]

Und damit Sie nicht glauben, ich erfinde diese Dinge, sind die unerschrockenen Archäologen, die diese Artefakte finden und diese Überlegungen vorschlagen, keine großen Verrückten – hier sind sie:

  • Espen Finstad (der die obige Pressemitteilung verfasst hat) ist der Leiter des Gletscherarchäologieprogramms in Innlandet
  • Julian Robert Post Melbye ist Archäologe am Kulturhistorischen Museum der Universität Oslo; Er ist für die Funde während der Feldarbeit und die Weiterverarbeitung verantwortlich
  • Thea Grobstok Dalen ist Beraterin/Kommunikatorin für Kulturerbemanagement im Norwegischen Gebirgszentrum Lom

Und das Gletscherarchäologieprogramm im Kreis Innlandet, „Secrets of the Ice“, ist eine Zusammenarbeit zwischen der Provinz Innlandet, dem Museum für Kulturgeschichte der Universität Oslo (KHM), dem Norwegischen Gebirgszentrum und dem Klimapark 2469.

Eine gesellschaftliche Diskussion über diese Funde hat bislang noch nicht begonnen.



Unsere Arbeit ist spendenfinanziert – wir bitten um Unterstützung.

Folge TKP auf Telegram oder GETTR und abonniere unseren Newsletter.

Teile diesen Artikel

4 Kommentare

  1. alter Mann
    Antworten

    Die Erkenntnisse sind eigentlich nichts Ungewöhnliches aber geben einen eindrucksvollen wirklichen Blick in die Geschischte und was in frühen Zeiten sich so zugetragen hat. Hatte das Privileg eine Zeit mit einem Professor zu verbringen, welcher an dem Thema Eisbohrkerne vor Ort und eben dann an der Auswertung gearbeitet hat. Es war wirklicher Unterricht auf allen Gebieten, von denen ich keinerlei Wissen bis dato. hatte aber es verändert den Menschen sehr (mich zumindest) und man schüttelt jetzt oft sprachlos den Kopf.

  2. anamcara
    Antworten

    Interessanter Artikel aber sehen Sie den vermeintlichen Widerspruch?

    „Das Besondere an Funden aus Eisflächen ist die Erhaltung organischer Materialien wie Holz, Felle, Sehnen und Textilien. Diese zerbrechlichen Materialien würden normalerweise zerfallen. Im Eis eingefroren, gewähren sie uns einen außergewöhnlich detaillierten Einblick in die Vergangenheit.“

    „Die Artefakte, die jetzt zum Vorschein kommen, stammen aus diesen Epochen, was bedeutet, dass es zu dieser Zeit, wenn überhaupt, nur wenige Gletscher gab – in Mittelnorwegen nahe dem Polarkreis“

  3. Konrad Kugler
    Antworten

    Dieser Bericht ist herausfordernd. In Junkenhofen, zwischen Schrobenhausen und Dachau gelegen, ist in einer Kiesschüttung ein 15 Millionen Jahre „alter“ Urelefant gefunden worden. Den habe ich in Augsburg besucht und gestaunt über den Erhaltungszustand und die behaupteten 15 Mio. Jahre.

    Die Funde in Norwegen sind jedenfalls glaubwürdig.

  4. Jurgen
    Antworten

    Man kann daraus entnehmen, dass das Eis vor 5000 Jahren deutlich dünner gewesen sein muss. Zumindest ich tue das. Weil das passt auch zu den Gletschern in Österreich/Schweiz, die uralte Baumstämme beim Abschmelzen freigeben. Und in Warmzeiten gediehen die Menschen besser!

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann. Benutzer haften für den Inhalt ihrer Kommentare.

Entdecke mehr von tkp.at

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen