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Politik

Big Pharma will Pandemie-Geschäft institutionalisieren

1 Kommentare 14. Oktober 2026 6 Minuten Lesezeit von Dr. Peter F. Mayer

An der Institutionalisierung des riesigen Pandemiegeschäfts arbeitet Big Pharma auf vielen Ebenen. In New York fasst die UNO gerade einen Beschluss dazu, aber auch in Berlin werden mit deutscher Hilfe Umsatz und Profite gefördert. In Berlin wurde ein großspurig benannter World Health Summit abgehalten.

Am zweiten Tag des World Health Summit in Berlin (12. Oktober 2026) trat ein Panel zusammen, dessen Titel schon alles sagt: „Pandemic Preparedness at a Crossroads: Financing and Governing Global Health Security“. Auf dem Podium saßen — laut der offiziellen Programmseite des World Health Summit — unter anderem Georg Kippels (CDU, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium), Teresa Graham (CEO von Roche Pharmaceuticals, Profil hier), Jane Halton, Jean Kaseya (Africa CDC), Priya Basu und Frederik Kristensen.

Man beachte die Zusammensetzung: ein Regierungsvertreter, eine Pharma-CEO, ein multilaterales Finanzierungsvehikel und eine Aufsichtsinstanz — alle in einem Format, das „Governance“ im Titel führt. Das ist keine Anhörung. Das ist ein Abstimmungstreffen von Leuten, die sich ohnehin einig sind.

Die Pharmazeutische Zeitung hat die Zitate festgehalten. Sie sind bemerkenswert offen.

Die Zitate und was sie verraten

Kippels (CDU/BMG) forderte laut Pharmazeutischer Zeitung „stärkere Institutionen, eine nachhaltige Finanzierung, eine bessere Koordinierung und vor allem das politische Engagement, um voranzukommen“. Als Beleg diente ihm der aktuelle Ebola-Ausbruch in Zentralafrika.

Übersetzung: Der Ruf nach „stärkeren Institutionen“ ist der Ruf nach mehr Befugnis und mehr Geld für Strukturen, die sich ihrer Kontrolle weitgehend entziehen.

Teresa Graham (Roche) wurde deutlicher. Sie fragte, ob „unsere Gesundheitssysteme in bester Verfassung waren„, und stellte fest: „Wir haben Ärzte verloren, wir haben Pflegekräfte verloren, wir haben viel an Belastbarkeit in unseren Strukturen eingebüßt. Und dann haben wir weitergemacht, als wäre nichts geschehen.“ — Quelle

Und dann der Satz, um den es eigentlich geht:

„…die kommen wird.“

Das ist keine Prognose, das ist eine Geschäftsannahme. Wer die nächste Pandemie als feste Größe im Planungsmodell führt, für den ist Vorsorge kein Risikomanagement — für den ist sie eine Wachstumsstory.

Roche selbst bestätigt auf der eigenen Website, dass Graham in genau diesem Panel saß, um „sustainable financing and governance“ zu diskutieren. Der Konzern nennt es „Partnerschaft“. Man kann es auch anders nennen.

Der institutionelle Rahmen steht schon

Das Panel war kein isoliertes Gespräch. Es fügt sich in eine Kette, die seit Jahren aufgebaut wird — und die im Oktober 2026 zwei konkrete Knotenpunkte hatte.

Erstens, am 12. Oktober 2026 verabschiedete die UN-Generalversammlung die politische Pandemie-Erklärung mit 153 zu 3 Stimmen — wie bei TKP berichtet. Die Verhandlungen über den PABS-Anhang (Pathogen Access and Benefit Sharing) liefen in diesen Wochen  — informelle Treffen 5. bis 9. Oktober, nächste Runde 2. bis 13. November 2026.

Zweitens, das Global Preparedness Monitoring Board (GPMB) hat in seinem Abschlussbericht festgestellt, dass die Reformen „nicht mit dem steigenden Pandemierisiko Schritt gehalten“ haben — die Welt sei „nicht messbar sicherer“. Die vorgeschlagene Lösung: unabhängige Überwachung, direkt rechenschaftspflichtig gegenüber der World Health Assembly, berichtend an die UN-Generalversammlung. Also: ein Monitoring-Apparat, der die eigene Arbeit legitimiert.

Pharma drängt auf Finanzierung. Die Aufsicht drängt auf Überwachung. Die Politik drängt auf Institutionen. Jeder braucht den anderen als Begründung.

Wo das Geld herkommt — und warum das kein Zufall ist

Die Pharmazeutische Zeitung zitiert Victor Dzau (GPMB), der von konkreten Lehren aus COVID sprach: Präventionsmaßnahmen, Frühwarnsysteme, und die Notwendigkeit, „Impfstoffnationalismus, Ungleichheit und Störungen in der Lieferkette“ künftig zu verhindern.

Und die Finanzierung? Die UN-Erklärung verweist auf eine jährliche Finanzierungslücke von 15 Milliarden Dollar. Die WHO drängt auf mehr Mittel, Public-Private-Partnerships und Unterstützung für die WHO. Auf dem Berliner Summit gab es parallel ein Panel namens „Global Health Financing at the Tipping Point“ — mit explizitem Hinweis auf Budgetkürzungen und den Rückzug der USA aus multilateralen Gesundheitsfinanzierungen.

Die Rechnung ist einfach: Weniger staatliches Geld bedeutet mehr privates Geld. Und wer zahlt, redet mit. Genau das war Grahams Auftritt in Berlin.

Die Wissenschaft dazu ist eindeutig — und wird ignoriert

Eine Arbeit in PMC (2020) über „profit-driven models to produce pandemic drugs“ stellt fest: Pharmaunternehmen werden nicht von Produktpreisen, sondern von Aktienkursen, Vorstandsvergütungen und kurzfristigen Profiten getrieben. Diese strukturelle Kurzfristigkeit mache gewinnorientierte Unternehmen besonders schlecht darin, auf Pandemien zu reagieren — weil langfristige Vorbereitung und Überkapazität sich nicht im Aktienkurs niederschlagen.

Der Aufsatz in Frontiers (2022) über Marktversagen in der Pandemie-Forschung ist noch deutlicher: Regierungen, Philanthropien und internationale Organisationen stellten die überwiegende Mehrheit der über 45 Milliarden Dollar bereit, die in Impfstoffforschung und -verteilung flossen. Der öffentliche Sektor riskierte das Geld — der private Sektor kassierte die Rendite. Das nennt man Sozialisierung der Kosten, Privatisierung der Gewinne.

Und Sparke & Williams (2023) beschreiben in New Political Economy das, was sie „strukturelle Kartellisierung“ nennen: ein Geflecht aus Firma-Firma-, Firma-Staat- und Firma-Staat-Philanthropie-Beziehungen, in dem Konzerne über Disinvestment-Drohungen Staaten disziplinieren können. Ihr Beispiel: Der TRIPS-Waiver, den Ban Ki-Moon als „kaum ein Waiver“ bezeichnete — ein Kompromiss, der laut MSF „einen negativen Präzedenzfall für künftige globale Gesundheitskrisen“ setzte.

Die Verschmelzung von Staatsmacht mit Konzernmacht – Korporatismus

Wenn ein Roche-CEO auf einem Weltgipfel sagt, die nächste Pandemie „kommt bestimmt“, und ein Regierungsvertreter im selben Panel „stärkere Institutionen“ fordert, während parallel ein UN-Dokument eine 15-Milliarden-Dollar-Lücke benennt und ein WHO-Anhang rechtsverbindliche Verträge zwischen Herstellern und WHO vorsieht — dann ist das kein Zufall. Das ist eine Architektur.

Sie besteht aus vier Bausteinen:

Erstens, einem Monitoring-Apparat, der Risiken definiert und Frühwarnung zentralisiert (GPMB). Zweitens, einer Finanzierungsstruktur, die öffentliche Mittel in private Hände lenkt (WHS-Panel). Drittens, einem vertraglichen Rahmen (PABS), der den Zugang zu Erregermaterial und die Verteilung der daraus entstehenden Produkte regelt — mit der WHO als Vertragspartner (WHO). Viertens, einer politischen Erklärung, die das Ganze als „Solidarität“ verkauft (UN News).

Kein einzelner Baustein ist für sich genommen dramatisch. Jeder lässt sich mit „Vorsorge“ und „Sicherheit“ begründen. Erst in der Summe entsteht ein Geschäftsmodell, das auf der Wiederkehr der Krise aufbaut — und das die Strukturen, die es finanzieren, selbst mitgestaltet.

Die Pharmazeutische Zeitung zitiert Graham mit dem Satz, man habe „weiter nicht in die Strukturen investiert“. Die Strukturen sind zu schwach — also müssen wir sie stärken. Nur: Wer „wir“ ist, wird nicht gesagt. Es sind die Konzerne, die Behörden, die Gremien — nicht der Steuerzahler, nicht der Patient, nicht der Arzt, der die Nebenwirkung meldet.

Wer das hinterfragt, gilt schnell als „ als Verbreiter von „Falschinformation“. Genau diese Kategorie hat Dzau in Berlin selbst ins Spiel gebracht — als Lehre aus COVID.

Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇

Bild: World Health Summit Presse

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1 Kommentar

  1. Jurgen
    Antworten

    Solche Institutionen braucht kein Mensch!

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