Über 1000 Fluggeräte in einer Nacht, Angriffe auf die Dnipro-Brücken, Hunderte zerstörte Stromanlagen: Russland verändert Methode und Tempo seines Luftkriegs. Wie schauen nach Fakten, Thesen und was der Ausgang der US-Zwischenwahlen für alle Kriege, an denen Washington beteiligt ist bedeuten könnte?
Russland hat die Ukraine in der vergangenen Nacht erstmals seit längerer Zeit mit mehr als 1000 Fluggeräten angegriffen, also mit Drohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen zusammen. Die Zahlen stammen vom Military Summary Channel, der dazu Quellen aus der Ukraine und aus Russland eingeblendet hat. Eine unabhängige Bestätigung etwa durch die ukrainische Luftwaffe lag bei Redaktionsschluss nicht vor. Die Größenordnung ist aber plausibel: Für den September hatte eine AFP-Analyse auf Basis ukrainischer Luftwaffendaten 185 Raketen und gut 5600 Drohnen ausgewiesen, die schwerste Einzelnacht damals mit 810 Drohnen. Schon im Mai war von der größten Luftattacke seit Kriegsbeginn die Rede.
Die Zahlen
Auffällig ist die Gegenbewegung. Die Ukraine, die ihrerseits über Monate mit mehr als 2000 Angriffsdrohnen gegen Russland operiert haben soll, bringt nach den vorliegenden Angaben zuletzt nur noch einige hundert auf. Auch das ist mit Vorsicht zu behandeln, denn Zahlen über Angriffe auf russisches Gebiet kommen fast immer nur von einer der beiden Kriegsparteien. Der Trend, den der Military Summary Channel beschreibt, passt jedoch zu einem Bild, das sich seit Wochen aufdrängt: Russland hat die Initiative im Luftkrieg. Und für die kommende Nacht wird erneut ein massiver Angriff erwartet. Und der Grund des Rückgangs liegt laut Summary Channel maßgeblich in drastisch zugenommenen Bombardierungen von Tankstellen, verdächtigten LKWs als Startrampen, von Parkplätzen mit verdächtigen LKWs und Fahzeugansammlungen an Plätzen, die als Drohnenstartplätze vermutet werden.
Die Brücken über den Dnipro
Jahrelang hatte Russland die Dnipro-Brücken verschont, obwohl Militärfachleute sie für das naheliegendste Ziel hielten, um den Nachschub in den Osten zu behindern. Diese Zurückhaltung ist vorbei, und zwar seit wenigen Wochen. Am 2. Oktober meldete Reuters, dass nach russischen Luftangriffen die Südbrücke und die Paton-Brücke in Kiew vorübergehend gesperrt werden mussten. Nach Recherchen der New York Times, die Telepolis zusammenfasst, wurden binnen drei Tagen sechsmal Brücken in Kiew angegriffen, zuerst die Südbrücke, dann die Nordbrücke. Am 3. Oktober traf es erneut eine Brücke, nach ukrainischen Angaben mit neuartigen, schnelleren und schwerer abzufangenden Drohnen. Wenige Tage später folgte eine Brücke in Saporischschja: Der Gouverneur veröffentlichte ein Foto, das einen Krater auf der Fahrbahn zeigen soll, fünf Menschen wurden verletzt.
Die Brücken sind der entscheidende Engpass. Der Dnipro teilt das Land von Nord nach Süd, und jede Brücke, die dauerhaft ausfällt, verlängert die Wege für Truppen, Munition, Treibstoff und Zivilisten. Dass Russland die Brücken so lange nicht angriff, kann auf mehreren Überlegungen beruhen: auf der Hoffnung, das Gelände nach einem Vormarsch selbst nutzen zu können, auf mangelnden Mitteln für präzise Treffer oder auf politischer Rücksicht. Dass es nun geschieht, deutet darauf hin, dass diese Rücksichten weggefallen sind oder dass die neuen Drohnen den Aufwand verringern.
Strom: Viele kleine Ziele statt Atomkraftwerke
Die russischen Angriffe auf das Stromsystem folgen einem Muster, das sich vom Winter 2022/23 unterscheidet. Das Kernkraftwerk und die großen Fernleitungen stehen nicht im Mittelpunkt, getroffen werden unzählige kleine und mittlere Anlagen: Umspannwerke, Verteilerstationen, Heizkraftwerke. Reuters berichtete am 20. Oktober, Russland habe seine Angriffe auf den bisher weitgehend verschonten Westen des Landes ausgeweitet, nämlich auf Schytomyr, Lwiw, Riwne, Ternopil und Chmelnyzkyj. Zuvor hatte US-Präsident Donald Trump ein Ende der Angriffe auf Energienetze gefordert, die Ukraine hatte einem gegenseitigen Verzicht zugestimmt, Russland setzte die Angriffe fort. Ukrenergo meldet seither fast täglich Ausfälle, etwa am 26. Oktober in sechs Regionen und am 19. Oktober in zehn Regionen.
Was man vermuten darf: Wer die inländische Erzeugung zerstört, treibt die Ukraine in die Abhängigkeit von Stromimporten, und wer die Anlagen im Westen trifft, stört gerade die Stellen, an denen importierter Strom ins Netz gelangt. Tatsächlich stammte der Importstrom der Ukraine 2025 vollständig aus NATO- und EU-Staaten: 42 Prozent aus Ungarn, 19 aus der Slowakei, 18 aus Polen und 17 aus Rumänien, der Rest aus Moldau. Die These, Russland wolle den Stromfluss aus NATO-Ländern unterbrechen, ist also nicht aus der Luft gegriffen. Der Fluss von Elektrizität steht dabei aber stellvertretend für alles, was die Ukraine im Moment zum Überleben braucht: Geld, Waffen, Munition, Geheimdienstinformationen bzw. Aufklärung. Ohne diesen Fluss hätte Kiew schon lange entweder Minsk2 oder den Vertrag von Ankara im Jahr 2022 akzeptiert.
Bisher ist allerdings nicht öffentlich nachgewiesen, dass gezielt die Anlagen an den Grenzübergängen getroffen wurden, und Moskau hat keine entsprechende Absicht erklärt. Die im Westen vorwiegend verbreitete Erklärung ist die Winterkampagne: Ein Land, in dem Heizung, Wasser und Industrie ausfallen, verliert Moral und Wirtschaftskraft, völlig unabhängig davon, woher der Strom, das Geld, die Waffen kommt. Beide Deutungen schließen sich nicht aus. Der Unterschied ist politisch erheblich, denn nur die erste würde die europäischen Nachbarn zu einem Teil der Zielplanung machen.
Dual-Use und die Fluchtthese
Zunehmend entsteht der Eindruck, dass Russland „die Samthandschuhe ausgezogen“ hat. Telepolis zählt Lagerhäuser, Züge, Rechenzentren, medizinische Depots und Stahlwerke als Ziele neben dem Stromnetz auf. Das sind klassische Dual-Use-Anlagen, die der Armee wie der Zivilbevölkerung dienen. Aus russischer Sicht sind sie legitime militärische Ziele, ebenso wie die ukrainischen Angriffe auf russische Raffinerien aus ukrainischer Sicht. Aus der Sicht des humanitären Völkerrechts ist die Einordnung im Einzelfall umstritten, weil Angriffe auf Anlagen, deren Ausfall hauptsächlich die Zivilbevölkerung trifft, schwer zu rechtfertigen sind. Das gilt für beide Seiten.
Daraus lässt sich eine politische Deutung ableiten: Russland könnte die Zerstörung ziviler Infrastruktur auch deshalb vorantreiben, um die Fluchtbewegung nach Europa zu verstärken und den innenpolitischen Druck auf die EU-Regierungen zu erhöhen. Das ist eine These, kein Beweis, es gibt keine explizite Aussage des Kremls dazu. Und, so meinen westliche Experten, eine Fluchtwelle würde auch dann entstehen, wenn Moskau sie gar nicht plant. Wer sie dennoch für wahrscheinlich hält, muss erklären, warum Moskau einen Effekt bewusst anstreben sollte, der zugleich die Solidarität mit der Ukraine im Westen stärken kann. Schlussendlich könnte man deshalb gegen die These einwenden, dass die Regierungen in Deutschland, Polen und anderen Ländern, die als die Falken in dem Konflikt auftreten, diese Fluchtbewegung gerade zum Anlass nehmen, um ein direktes militärisches Eingreifen zu rechtfertigen.
Die Führungsfrage: Moskau, Washington, Jerusalem
Während die USA und Israel im Krieg gegen den Iran gezielt die Spitze des Staates angriffen, scheint Russland die politische Führung der Ukraine bisher nicht zum Ziel erklärt zu haben. Am 28. Februar wurde der oberste Führer Ali Chamenei getötet, dazu mehrere Minister und Militärs, mutmaßlich mithilfe sehr genauer CIA-Informationen über seinen Aufenthaltsort. Die FDP-nahe Naumann-Stiftung beschreibt die Tötung der obersten Führung als ein „erfolgreich umgesetztes Ziel der Operation“, gerade so, als ob es normal sei, solche Angriffskriege zu führen. Auch im Jemen traf Israel im August 2025 die Regierung der Huthi: Ministerpräsident Ahmed al-Rahawi und mehrere Minister wurden getötet, laut israelischer Darstellung galt der Schlag auch dem Generalstabschef und dem Verteidigungsminister.
Die Behauptung, Russland habe in der Ukraine „noch keinen einzigen Versuch“ unternommen, die politische Führung auszuschalten, wird von westlichen Militärexperten bestritten. Am 7. September 2025 wurde erstmals das Gebäude des Ministerkabinetts in Kiew getroffen, laut ukrainischer Regierung durch einen feindlichen Angriff, laut Moskau nicht gezielt, möglicherweise durch Trümmer einer abgeschossenen Drohne. Und am 4. September 2026 traf eine russische Drohne die SBU-Zentrale in Kiew. Nach ukrainischer Darstellung zielte der Angriff „direkt“ auf das Büro des SBU-Chefs. Laut t-online hatte Klitschko zunächst nur von einer Drohne berichtet, die auf ein Dach gestürzt sei. Eine unabhängige Bestätigung des Ziels gibt es nicht, und Moskau hat sich dazu nicht geäußert.
Belegt ist damit nicht, dass Russland Selenskyj, die Rada oder das Präsidialamt systematisch ins Visier nimmt. Aber die Grenze, die lange galt, wird erkennbar durchlässiger. Mit jeder weiteren Eskalationsstufe wächst die Spekulation, wann sie überschritten wird. Man darf jedoch sicher sein, dass deutlich zu erkennen sein wird, falls Russland entscheidet, sich auf die westliche „Normalität“ der Auslöschung einer Führung zu berufen.
Atomwaffen: Wofür?
Während darüber spekuliert wird, ob die USA Kernwaffen gegen den Iran einsetzen, stellt sich für Russland in der Ukraine eine andere Frage: Welche Ziele wären das? Die These lautet, dass es praktisch kein Ziel gibt, das die russischen Streitkräfte nicht auch mit konventionellen Waffen erreichen könnten. Truppenkonzentrationen, Brücken, Umspannwerke, Kommandoposten lassen sich mit Marschflugkörpern, Raketen und Gleitbomben bekämpfen. Der Nutzen einer nuklearen Eskalation wäre gering, ihr Preis, nämlich der Bruch des Tabus und die Reaktion der NATO und Chinas, dagegen enorm. Dass ein Einsatz im Krieg gegen die Ukraine militärisch nicht zwingend wäre, heißt allerdings nicht, dass er als politisches Signal undenkbar ist. Ein Nuklearangriff, wie ein Angriff gegen die Kernkraftwerke der Ukraine würden Russland die Möglichkeit verwehren, sich als „die moralischere“ der Großmächte zu präsentieren. Was derzeit außerhalb der NATO-Staaten durchaus die dominierende Sichtweise ist.
Nach dem 3. November: Was die Midterms für alle Kriege bedeuten
Am Dienstag wählen die USA einen neuen Kongress. Die Prognosemärkte sehen die Demokraten im Repräsentantenhaus bei rund 90 Prozent, im Senat bei rund 63 bis 65 Prozent, so die Auswertung des Zahlungsdienstleisters Ebury. Der Iran-Krieg gilt in der Bevölkerung als unpopulär, schon im Juni hatte das Repräsentantenhaus für einen Abzug des Militärs aus den Kampfhandlungen mit dem Iran gestimmt, ein Veto Trumps wäre nur mit Zweidrittelmehrheit zu überstimmen gewesen.
Die naheliegende Erwartung wäre, dass ein Verlust der Republikaner die Kriegsführung bremst. Die Gegenthese lautet, dass er sie verstärkt: Ein Präsident, der den Kongress verliert, hat in der Innenpolitik wenig Spielraum, in der Außenpolitik aber viel. Er könnte versuchen, einen Handel auszuhandeln: Zustimmung der Demokraten zur Finanzierung des Iran-Kriegs gegen die Freigabe der Ukraine-Hilfe, die derzeit vermutlich nur noch über schwer kontrollierbare CIA-Kanäle läuft. Das ist Spekulation. Dagegen spricht, dass die „Democratic Party“ laut web.de zwar vorsichtig sind, die Mittel für den Iran-Krieg zu blockieren, weil sie dann in den Verdacht geraten könnten, den Soldaten in den Rücken zu fallen, ihre Wähler aber gerade wegen des Kriegs und der Energiepreise mobilisiert wurden. Ein Handel mit Trump wäre für sie riskant.
Zusammenfassung
Belegt sind die Angriffe auf die Dnipro-Brücken, die Ausweitung der Angriffe auf den Westen der Ukraine, die Zerstörung zahlreicher kleinerer Stromanlagen und die Angriffe auf Regierungs- und Geheimdienstgebäude in Kiew. Plausibel, aber nicht belegt sind die Deutungen: dass Russland den Stromfluss aus NATO-Staaten stören will, dass es eine Fluchtwelle bewusst fördert und dass es kurz davorsteht, die ukrainische Führung gezielt anzugreifen.
Die Handschuhe sind aus, auf beiden Seiten. Wer wissen will, ob daraus ein Wendepunkt wird, sollte auf drei Dinge achten: auf die Brücken im Süden und Osten, auf die Stromleitungen an der Westgrenze und auf das, was nach dem 3. November passiert.
Bild: Screenshot von Video des Military Summary Channels
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1 Kommentar
Moskau hat eskaliert, aber weder maximal konventionell noch nuklear. Wenn Moskau es wollte, wären alle Dnjepr Brücken binnen weniger Stunden im Wasser.
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