Der Abschlussbericht des Forschungsvorhabens dbMISS der Universität Münster dokumentiert, was kritische Beobachter seit Jahren betonen: Moderne Windturbinen erzeugen Infraschall die sich als seismische Wellen über den Untergrund weit verbreiten und sogar Messanlagen für Erdbeben oder Atomexplosionen stören können.
Der Bericht „Schaffung einer Datengrundlage zur Minderung des Konflikts zwischen Windenergieanlagen und seismologischen Stationen“ liegt seit September 2026 öffentlich vor und liefert eine belastbare Bestätigung der physikalischen Zusammenhänge, die auf TKP bereits ausführlich dargestellt wurden. Hier geht es zum dbMISS-Abschlussbericht.
Die Autoren um Horst Rüter und weitere Experten stellen klar, dass Windenergieanlagen (WEA) Bodenerschütterungen verursachen, die seismologische Stationen beeinträchtigen. Bei der Genehmigung neuer Anlagen müssen diese Immissionen in zwei Schritten prognostiziert werden: erstens die Erschütterungsleistung der geplanten Anlage durch Vergleich mit ähnlichen Typen, zweitens die Dämpfung der Wellen auf dem Weg zum Einwirkungsort unter Berücksichtigung der geologischen Verhältnisse. Profilmessungen sollen die Prognosen validieren. Zusätzlich wird die Möglichkeit intelligenter Datenfilterung untersucht, um den Konflikt zu mindern.
Bodenwellen statt reiner Luftschall
Der Bericht fügt sich nahtlos in die bereits auf TKP dokumentierte Physik ein. In „Die Physik des lautlosen Schreckens: Infraschall bei Windkraftanlagen“ wurde detailliert beschrieben, dass ein signifikanter Teil der Energie über das massereiche Fundament direkt in den Baugrund eingeleitet wird und sich als seismische Oberflächenwellen (vor allem Rayleigh-Wellen) ausbreitet. Die Wellenlängen im Boden liegen bei Frequenzen zwischen 0,1 und 0,8 Hz (typische Blattfolgefrequenz) im Kilometerbereich. Die Reichweite messbarer Vibrationen beträgt bei modernen Großanlagen oft 5 bis 10 Kilometer und mehr.
Internationale Studien stützen diese Darstellung. Numerische Modellierungen zeigen, dass mikro-seismische Wellen von Windturbinen seismologische Stationen noch in 15 Kilometern Entfernung beeinflussen können und im Frequenzbereich 5–10 Hz besonders ausgeprägt sind. Die vom Fundament ausgehenden Wellen erzeugen im Inneren von Gebäuden teilweise höhere Störpegel als der direkte Luftschall, zum Beispiel berichtet in ScienceDirect 2017. Messungen an deutschen Anlagen bestätigen die Abstrahlung von Rayleigh- und Love-Wellen in Abhängigkeit von der Windrichtung und den Eigenfrequenzen des Turms – siehe Journal of Seismology 2021.
Fehlende Normen und gewaltige Anlagen
Gleichzeitig fehlt es an geeigneten Normen. Wie TKP in „Keine passende Norm für Infraschall von Windrädern“ darlegt, greifen die bestehenden Regelungen zur Lärmbewertung die besonderen Eigenschaften von Infraschall und körperschallgekoppelten Wellen nicht adäquat. Die Anlagen selbst sind Industriegiganten: Ein modernes Windrad bringt inklusive Fundament rund 3000 Tonnen Gesamtgewicht auf die Waage und fungiert damit als massiver Schwingungserreger: Windrad als mächtige Industrieanlage: Gesamtgewicht etwa 3000 Tonnen
Das dbMISS-Vorhaben fordert daher systematische Reihenuntersuchungen an aktuellen WEA-Typen, insbesondere an Anlagen über 4 MW, eine homogenisierte Auswertung der Dämpfungsdaten und die Weiterentwicklung von Filterverfahren. Theoretisch sollen auch technische Maßnahmen an den Anlagen selbst zur Reduktion der Erschütterungsleistung geprüft werden.
Gesundheitliche Dimension bleibt ausgeklammert
Während der Bericht primär den Konflikt mit seismologischen Stationen behandelt, bleibt die Frage der Wirkung auf Anwohner weitgehend außen vor. Dabei weisen mittlerweile zig Studien aus verschiedenen medizinischen Fachgebieten Schäden am Gehirn, dem Herz und den Blutgefäßen nach.
Die neue Datengrundlage macht deutlich: Die offizielle Verharmlosung von Infraschall und Bodenerschütterungen als „nicht wahrnehmbar“ oder „unterhalb relevanter Schwellen“ hält der physikalischen Realität nicht stand. Windenergieanlagen sind keine geräuscharmen Landschaftselemente, sondern massive industrielle Schwingungserreger, deren Auswirkungen über den Luftschall hinaus weit in den Untergrund und in die Wohngebäude reichen.
Die Politik und die Genehmigungsbehörden werden sich diesen Fakten irgendwann stellen müssen – oder die Betroffenen weiterhin den Folgen einer unzureichend regulierten Technologie überlassen.
Die Arbeit der Universität Münster
Der offizielle Titel klingt harmlos: „Schaffung einer Datengrundlage zur Minderung des Konflikts zwischen Windenergieanlagen und seismologischen Stationen.“ Man könnte meinen, es ginge nur um die Störung empfindlicher Erdbebenmessgeräte. Doch der Abschlussbericht enthält sehr klare Feststellungen:
„Windenergieanlagen können Bodenerschütterungen verursachen, die hochempfindliche Erdbebenmessstationen stören können.“
Und dann die entscheidende Passage aus den KIT-Messungen:
„WEA-Signale sind bis 5,5 km weit identifizierbar.“
Das ist der offizielle, von staatlich geförderten Instituten gemessene Beleg dafür, dass moderne Windkraftanlagen den Boden in einem Umkreis von über fünf Kilometern nachweisbar in Schwingung versetzen. Genau das haben wir bei TKP in unserer Physik-Recherche zum Infraschall bereits vorausberechnet.
Die Physik des Infraschalls von Winturbinen
Die Sache ist simpel. Ein modernes Windrad der 7-MW-Klasse wie der Enercon E-175 EP5 E2 oder der Vestas V172-7.2 MW wiegt rund 3.000 Tonnen – ein Fundament aus bis zu 2.000 Tonnen Beton, darauf ein Turm aus mehreren hundert Tonnen Stahl, an dessen Spitze eine 250 bis 350 Tonnen schwere Gondel mit einem Rotor von 175 Metern Durchmesser rotiert.
Die Blattspitzen erreichen dabei Geschwindigkeiten von bis zu 528 km/h. Jedes Mal, wenn ein Blatt den Turm passiert, wird die Luftmasse zwischen Blatt und Turm schlagartig komprimiert. Aus Drehzahl und Blattzahl ergibt sich die Blattfolgefrequenz: bei der Solldrehzahl von 9 U/min und drei Blättern liegt sie bei etwa 0,45 Hz – also im Bereich unterhalb von 1 Hz, tief unter der Hörschwelle.
Die Wellenlänge in Luft beträgt dabei mehrere hundert Meter bis über einen Kilometer. Im festen Boden, wo sich Schall je nach Geologie mit 1.500 bis über 4.000 m/s ausbreitet, ergeben sich Wellenlängen von über 2,6 Kilometern – bis zu 15 Kilometern bei den niedrigsten Frequenzen.
Und genau diese seismischen Wellen sind es, die das dbMISS-Projekt in 5,5 Kilometern Entfernung nachgewiesen hat. Das Fundament aus tausenden Tonnen Beton wirkt dabei wie ein riesiger Tiefbass-Lautsprecher, der den Boden in eine niederfrequente Schwingung versetzt.
Was dbMISS dokumentiert
Das Projekt dbMISS listet in seinen Arbeitspaketen selbst auf, was nötig wäre, um die Erschütterungsimmissionen zuverlässig zu prognostizieren:
- Reihenuntersuchungen der Erschütterungsleistung an aktuellen WEA-Typen, insbesondere an Anlagen über 4 MW,
- eine homogenisierte Auswertung der Dämpfung von Oberflächenwellen,
- Profilmessungen, die an der WEA beginnen und mehrere Kilometer weit reichen,
- die Fortschreibung des KIT-Prognosetools für Anlagen ab 4 MW.
Für Anlagen über 4 MW muss das Prognosetool erst fortgeschrieben werden. Die heutigen Standardanlagen der Neuinstallation – 7 MW und mehr – sind also in den bestehenden Prognosemodellen gar nicht abgebildet. Die offiziellen Berechnungsgrundlagen, mit denen Genehmigungsbehörden die Belastung von Anwohnern bewerten, stammen aus einer Zeit, in der solche Giganten noch gar nicht existierten.
Dazu passt, was wir im Normen-Skandal dokumentiert haben: Die gültige Norm DIN 45680 stammt aus dem Jahr 1997. Die neue Technische Spezifikation DIN/TS 45610-1 (Januar 2026) misst zwar bis 1 Hz herunter – aber genau der Bereich von 0,1 bis 0,8 Hz, in dem die neuen Großanlagen ihre Hauptemission produzieren, fehlt auch dort weiterhin.
Die akustische Umklammerung: Man kann sie nicht aussperren
Das Tückische am Infraschall ist nicht nur seine Reichweite, sondern seine Fähigkeit, Gebäude zu durchdringen. Wie die Studie Baeza Moyano & Gonzalez Lezcano (2023) bestätigt, fungieren leichte Baustrukturen als Membranen, die den Druck ins Gebäudeinnere übertragen. Trifft die Frequenz des Infraschalls die Eigenfrequenz von Böden, Wänden oder Möbeln, entstehen Resonanzdeflektionen – wahrnehmbar als Vibrationen, obwohl nichts zu hören ist.
So kommt der Infraschall in Häuser und Wohnräume:
- Die Welle wandert durch den tiefen Untergrund – mit minimaler Dämpfung, wie dbMISS und die Messungen der National Wind Watch (2015) zeigen: bei Frequenzen unter 6 Hz nur rund 3 dB Energieverlust pro Entfernungsverdopplung.
- Sie trifft auf ein Hausfundament und bringt es in Schwingung.
- Das Gebäude strahlt die Energie als sekundären Luftschall in den Wohnraum ab.
Das Ergebnis ist eine „akustische Umklammerung“: Fenster abdichten nützt nichts, Türen schließen nichts aus. Der Schall kommt durch den Boden, über das Fundament, durch die Wände – direkt in den Schlafraum. Die Forschung von Arturo Soriano (2015) zeigt zudem, dass bei nächtlichen Inversionswetterlagen troposphärische Wellenleiter entstehen, die den Infraschall über 10 bis 20 Kilometer nahezu ungedämpft transportieren – und die Pegel in 5 km Entfernung können nachts um bis zu 15 dB höher liegen als tagsüber.
Die Ausreden der Lobby
Gegenüber all diesen Messdaten bleibt der Windkraft-Lobby nur die Flucht in die Verharmlosung. Die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) behauptet etwa, die mechanischen Schwingungen würden sich „bereits in wenigen 100 m Entfernung auf dem Niveau des allgemeinen Hintergrundes“ bewegen und Resonanzeffekte seien „völlig ausgeschlossen“.
Das Forschungsprojekt TremAc – selbst von der Windbranche finanziert – musste dagegen einräumen, dass hochauflösende Messgeräte seismische und akustische Emissionen bis zu einer Entfernung von mindestens 2,5 km auch in Gebäuden registrieren können, mit dominanten Anteilen unter 20 Hz.
Und der Seidel-Aufsatz in Stahlbau (2019) zeigt die physikalische Wahrheit: Die dynamisch angeregte Turmstruktur leitet ihre Schwingungen über die Gründung in den Baugrund ein – messbar mit Breitbandseismometern „nicht nur im direkten Anlagenumfeld, sondern auch in größeren geometrischen Abständen“.
Die Argumentation der Lobby läuft immer gleich: „Nicht spürbar, also nicht schädlich.“ Die wachsende Zahl von Studien – von der Mainzer Herzstudie bis zur Übersichtsarbeit zu biologischen Schäden in Herz, Gehirn und mehr – dokumentiert, dass Infraschall nicht über das Gehör wirkt, sondern über den gesamten Körper.
Das eigentliche Problem: Man misst, was man messen will
Der Kern des Skandals ist simpel. Die Behörden führen Messungen mit dB(A)-Bewertung durch – jener Filterkurve, die die menschliche Hörschwelle nachbilden und niederfrequente Anteile massiv unterdrücken soll. Bei 20 Hz liegt die Absenkung bei über 50 dB. Eine Anlage, die bei 1 Hz einen Pegel von 95 dB erzeugt, erscheint im dB(A)-Diagramm als harmloser Punkt, als nicht existent.
Gleichzeitig fehlen in den Datenblättern der Hersteller schlichtweg die entscheidenden Angaben: keine Blattgewichte, keine Turmgewichte, keine Öl- und Kühlmittelmengen, keine Wartungsintervalle. Die Drehzahlen – die physikalische Grundlage der Infraschallfrequenzen – sind in den Firmenunterlagen nicht auffindbar. Nur wenn eine Behörde einmal Daten aus einem Genehmigungsverfahren veröffentlicht, wie etwa der Landkreis Augsburg, kommt ans Licht, was die Konzerne verbergen.
Und das dbMISS-Projekt selbst bestätigt die Lücke: Die Prognosetools müssen für Anlagen über 4 MW erst fortgeschrieben werden – obwohl genau diese Anlagen heute massenhaft genehmigt und gebaut werden. Die Genehmigungsbehörden rechnen also mit Modellen, die für die reale Anlagengeneration schlicht nicht validiert sind.
Mehr dazu im neuen TKP-Buch: Die Windkraft-Lüge. Was Windräder in Wahrheit anrichten
Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇
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