Kurz vor ein Uhr nachts am Flughafen Sabiha Gökçen International Airport in Istanbul steigt meine freudige Aufregung auf den bevorstehenden Flug nach Moskau. Es sollte mein zweiter Besuch in Russland in diesem Jahr und mein erster in der russischen Hauptstadt sein. Eine Reise-Reportage.
Auf die Idee, nach Russland zu reisen, ist erst in den letzten zwei Jahren entstanden, als mir mit steigender Irritation die negative, hoch emotionale und abwertende Sprache in den europäischen wie amerikanischen Medien auffiel. An die Dämonisierung Präsident Putins war man bereits seit über einem Jahrzehnt gewöhnt, doch die offensichtliche Verallgemeinerung, dass „alles Russische“ und Russen im Allgemeinen böse, heimtückisch oder dergleichen wären, ist absolut inakzeptabel. Daher machte ich mich selbst auf die Suche nach den Hintergründen und wollte dieses vom Westen verteufelte Land mit eigenen Augen sehen.
Wer noch immer glaubt, dass es sich beim Ukrainekonflikt um einen 2022 begonnen russischen Expansionskrieg handelt, der sei beispielhaft auf einen Artikel im Guardian aus dem Jahr 2014 mit dem Titel In Ukraine, the US is dragging us towards war with Russia von John Pilger verwiesen.1
Darin spricht der Autor die amerikanische außenpolitische Strategie der Einkreisung und Destabilisierung Russlands mittels der Ukraine an. Die Maidan-Ereignisse im Februar 2014 nennt er einen von Washington organisierten Putsch gegen die demokratisch gewählte Regierung in Kiew, und mit der Sezession der Krim verweist Pilger auf die Selbstverteidigung Russlands gegenüber der NATO und den USA, die die Einnahme des historisch und rechtlich legitimen russischen Marinestützpunktes in Sewastopol geplant hatten. („The Russians defended themselves, as they have done against every threat and invasion from the west for almost a century.“) Wer in den heutigen Berichten des Guardian sucht, wird aber von „Russian-occupied Crimea“ lesen.
Die Warnung aus dem Jahr 2014 ist heute aktueller denn je, bedenkt man die fahrlässige Rhetorik der NATO- und EU-Politiker, die scheinbar ohne jegliches Bedenken das Leben der ukrainischen Bevölkerung (ihre Souveränität haben sie schon lange verloren) und den wirtschaftlichen und kulturellen Wohlstand der europäischen Völker ihrer anti-russischen Obsession opfern. Oder wie will man anders die Worte des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz beim Berlin Global Dialogue im Oktober 2026 beurteilen, bei dem er ausrief: „Meine größte Sorge im Moment ist nicht unsere Wirtschaft, nicht die USA oder China, sondern die Einwirkung Russlands auf unsere Gesellschaft.“2
Seiner Meinung nach gehe die größte Gefahr von der hybriden Kriegsführung Russlands gegen Deutschland aus, wohlgemerkt gibt es dafür aber keinen einzigen straf- oder völkerrechtlich relevanten Beweis, nur Behauptungen. Die deutsche bzw. die europäische Bevölkerung nehme laut seiner Aussage diese Gefahr nicht ernst genug und müsse dementsprechend noch aufgeklärt werden. Dem war ich bereits nachgekommen und hatte mir ein eigenes Bild dieser vor dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenbruch stehenden Diktatur verschafft. Was ich vorgefunden habe, entsprach allerdings keinem der medial transportierten westlichen Klischees und war in allen Bereichen bezaubernd.
Kaliningrad
Die erste Reise führte mich im Frühling 2026 über die polnische Grenze nach Kaliningrad. Die Anreise selbst war anstrengend und lang, aber absolut machbar. Und schon mit dem ersten abendlichen Rundgang durch die Stadt wurde man entlohnt. Weit und breit war nichts von wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu sehen, jedes Lokal war voll, und sowohl die Speisen als auch der Service waren immer ausgezeichnet. Keine leerstehenden Geschäftslokale, kein Müll auf den Straßen (gar keiner!), keine bröckelnden Fassaden; stattdessen ein reges Treiben mit einkaufenden oder flanierenden Menschen. Sowohl in die Stadt als auch in die kleinen Kurorte an der Kurischen Nehrung wurde in den letzten Jahren offensichtlich viel investiert, jedenfalls hatte man in der Vorsaison nicht das Gefühl, dass es an Touristen mangelt. Von dem Krieg in der Ukraine hat man in Kaliningrad nichts mitbekommen. Lediglich ein einziges, entlang einer großen, gut befahrenen Straße angebrachtes großes Rekrutierungsplakat ist mir aufgefallen. Weder sah man eine Bevölkerung im Kriegszustand noch eine Kriegswirtschaft, und so sollte es sich auch in Moskau darstellen. Der Krieg in der Ukraine ist zwar ein viel besprochenes gesellschaftliches Thema sowohl in Kaliningrad als auch in Moskau, doch von Unmut oder gar Panik war absolut nichts festzustellen.
Anreise nach Moskau
Kehren wir also an den Flughafen nach Istanbul zurück: Kurz vor meiner geplanten Reise nach Moskau kündigte die ukrainische Seite Anfang September dieses Jahres an, Russlands Luftraum mit so vielen Drohnen zu überschwemmen, dass die zivile Luftfahrt insbesondere nach Moskau und nach St. Petersburg zu einem Stopp kommen müsste. Im Oktober 2026 kam es zu mindestens sieben größeren Angriffen auf Moskau und zwei auf St. Petersburg, bei denen der Flugverkehr eingeschränkt beziehungsweise eine Zeit lang ausfallen musste. Das Kriegsziel des Westens, die großen russischen Städte zu isolieren, ist weit verfehlt worden und rief eine wesentlich mächtigere Reaktion seitens der russischen Streitkräfte hervor, die systematisch und im rasanten Tempo Tankstellen, Lagerhallen, Fabriken, Umspannwerke und Brücken entlang des Dnjeprs angriffen.
Von den nicht-westlichen Fluglinien, die nun ausschließlich Moskau anfliegen, erfolgte kaum eine Reaktion auf die ukrainische Drohung. Man hatte sich offensichtlich auf derartige Drohnenangriffe vorbereitet: Als ich in Istanbul in eine türkische Airline Richtung Moskau stieg, war vorgesehen, dass wir nach etwa vier Stunden Flugzeit dort um fünf Uhr morgens Ortszeit landen. Den Flug haben die meisten Passagiere verschlafen, und als das Kabinenpersonal um kurz nach fünf Uhr das Licht einschaltete, wurde uns mitgeteilt, dass wir in etwas mehr als einer Stunde wieder in Istanbul sein würden. Die Maschine hatte umkehren müssen, da wegen eines Drohnenangriffs der Luftraum über Moskau vorsorglich geschlossen worden war. Auf dem Istanbuler Flughafen wurden wir vom Bodenpersonal empfangen, das uns mitteilte, dass wir in etwa einer Stunde mit der gleichen Maschine nach Moskau fliegen würden. Alles Weitere ging ohne Probleme vonstatten.
Moskau im Oktober 2026
Alle Unannehmlichkeiten bei der Anreise wurden durch Moskau, eine der modernsten, schönsten und beeindruckendsten Städte der Welt, allemal entlohnt.
Wer schon einmal in Moskau war, weiß um die pulsierende Schönheit und Größe dieser Stadt – klein sind hier nur die Pralinen. Abgesehen von den beeindruckenden Sehenswürdigkeiten aus dem zaristischen Russland, der Sowjetzeit und dem modernen Russland stechen wie in Kaliningrad das vitale Leben auf den Straßen, die unglaubliche Anzahl voller Cafés, Restaurants und Geschäftslokale sowie die unglaubliche Sauberkeit dieser Millionenstadt hervor. Auch hier kein Graffiti, Müll oder leerstehende Lokale, und selbst um 2 Uhr nachts konnte man (als Frau) sicher durch die Straßen spazieren. Technologisch ist die Stadt ebenfalls den europäischen Städten weit voraus. Auch die Außenbezirke, die ich gesehen habe, waren sauber und modern mit Naherholungsgebieten und Einkaufszentren für die dort wohnhafte Bevölkerung. Insbesondere hat mich ein öffentlicher Eislaufplatz in einem Shoppingcenter beeindruckt, in dem Kinder und Jugendliche frei eislaufen konnten beziehungsweise auch Kunsteislauftraining hatten.

Der Rote Platz mit der Basilius-Kathedrale, rechts dem Kreml und links das Einkaufszentrum GUM (ГУМ).

Trüffelpraline und Cappuccino im Café Pouchkine im Einkaufszentrum GUM direkt am Roten Platz, für etwa 1.500 Rubel (ca. 16,50 €). Das ist schon ein stolzer Preis, doch zahlt man hier die zentrale Lage mit. Es mangelt aber nicht an günstigeren Alternativen: Das GUM besteht aus drei „Einkaufsstraßen“ und die Regel ist, dass die vorderste direkt beim Roten Platz die teuerste, die letzte die günstigste ist.

Moscow-City. Das Moskauer internationale Geschäftszentrum, Bürogebäude mit Einkaufszentrum und Luxuswohnungen. Im Vordergrund der gedrehte Evolution Tower.


Die Metro überzeugt sowohl als touristische Sehenswürdigkeit als auch als zuverlässiges und sicheres Verkehrsmittel ohne lange Wartezeiten.

Wohnviertel in Krasnogorsk, einer Vorstadt Moskaus, die noch mit der Metro erreichbar ist.


Einen lohnenswerten Besuch wert ist auch das VDNKh (ВДНХ) – Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft, ein riesiges Ausstellungsgelände mit verschiedenen Museen, etwa dem Kosmonautenmuseum.
Und vom Wirtschaftskrieg gegen die Russische Föderation? Nun, der scheint für den Westen nicht ganz so erfolgreich zu laufen. Von einem ökonomischen Verfall Russlands kann keine Rede sein, eher das Gegenteil: Man kann sich durchaus mit dem Gedanken anfreunden, dass Moskau schöner denn je ist.
Abb.: Der Rote Platz im Oktober 2026 (Aufnahme der Verfassering)
1 https://www.theguardian.com/commentisfree/2014/may/13/ukraine-us-war-russia-john-pilger
2 https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-10/friedrich-merz-russland-gefahr-hybride-angriffe-sabotage-gxe
Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.
Dorothea Faes studierte Geschichte und Deutsche Philologie an der Universität Wien, selbstständig im Landwirtschaftsbereich.
3 Kommentare
Mein Tipp als Amateurfotograf: Die beste Position mit Blick auf den Roten Platz hat man von der Brüstung des Aufgangs zum Roten Kloster. Profiaufnahmen stammen wahrscheinlich aus einem Fenster des Gebäudes. Sonst kann ich die Beschreibung des Artikels bestätigen – allerdings für die Zeit von vor zehn Jahren. Bei einem meiner Besuche landete ich im Hotel Galeria (gibt es nicht mehr) mit großflächigen Abbildungen berühmter Gemälde über den Betten. Zu meinem Bedauern hatte ich das Rubenszimmer und nicht das Botticellizimmer erwischt.
Mit dem „Roten Kloster“ (Volksmund?) ist das Historische Museum am Roten Platz gemeint.
Schöner Artikel. Vielen Dank! Moskau birgt viele Geheimnisse, die nicht auf den ersten Blick ersichtlich sind, beispielsweise die unglaublich luxuriösen mehrstöckigen Wohnungen mit den Abmessungen einer grösseren Villa, die sich hinter manchen klassizistischen Fassaden verbergen. Dagegen wohnt man beispielsweise in Berlin wie im Armenhaus.
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