Mit einem Angriff bei Tag wolle der Kreml seine Fähigkeit zeigen, nach Belieben Luftschläge durchführen zu können, ohne dass sich nennenswerte Luftabwehr zeigte. Was den offiziellen Zahlen Kiews widerspricht. Und die EU verlängert Sanktionen um 3 Jahre. Beobachter fragen sich, woher sie weiß, dass der Krieg noch so lange dauern wird.
Russland hat die ukrainische Hauptstadt am Dienstag erstmals in großem Umfang bei Tageslicht angegriffen statt wie bisher überwiegend nachts. Getroffen wurden unter anderem zwei Tankstellen, Lagerkomplexe mit Medikamenten, Haushaltswaren und Lebensmitteln, ein Kongresszentrum, ein Bürogebäude, eine Pharmafabrik sowie zwei Rechenzentren.
Eine Person kam ums Leben, sieben wurden verletzt. Ob es sich um Sicherheitspersonal oder zivile Kollateralschäden handelte, ist unbekannt. Jedes Opfer ist zu beklagen, aber verglichen mit anderen Kriegen eine unglaublich niedrige Zahl. Ballistische Raketen kamen bei diesem Angriff nicht zum Einsatz ‒ sie werden Berichten zufolge für die kommende Nacht erwartet.
Der Angriff fiel zusammen mit einer zweiten, wirtschaftlich weitreichenderen Entscheidung: Der Rat der Europäischen Union hat am 22. September beschlossen, die personenbezogenen Russland-Sanktionen nicht wie üblich um sechs bis zwölf Monate, sondern gleich um 36 Monate bis 2029 zu verlängern. Im Gegenzug wurden die Oligarchen Alischer Usmanow und Michail Fridman von der Sanktionsliste gestrichen, was in Kiew scharfe Kritik auslöste.
Was im Westen berichtet wird, und was nicht
Die westliche Berichterstattung stellt den Tagesangriff auf Kiew meist isoliert als neue Eskalationsstufe Moskaus dar. Ausgeblendet bleibt dabei regelmäßig, dass der Krieg seit Monaten in beide Richtungen tief ins jeweilige Hinterland reicht: Die Ukraine attackiert seit Wochen systematisch russische Raffinerien und Öllager, zuletzt in Saratow an der Wolga, in Kirischi bei St. Petersburg und im Ostseehafen Primorsk. Russland hat dadurch schätzungsweise ein Fünftel seiner Rohölverarbeitungskapazität verloren, in mehreren Regionen wird von Benzinknappheit berichtet.
Dabei gibt es nur einen Haken. Diese gezielte Vernichtung und Beschädigung von Ölanlagen betrifft zuallererst den Export, mit dem Ziel, die Exporteinnahmen Russland zu reduzieren. Dies ist jedoch zu kurz gedacht. Denn Russland liefert einen nicht unwesentlichen Teil des Weltöls und daraus produzierte Produkte. Nun gibt es sowieso durch die Kriege der USA und Saudi-Arabiens in Westasien eine Knappheit an genau den Dingen, welche Russland auch exportiert. Wenn sich dieser Export reduziert, weil die Produktion für den eigenen Bedarf benötigt wird, steigt der Weltmarktpreis. Und dadurch erhält Russland wieder wesentlich mehr pro Barrel und verdient unter Umständen das Gleiche, mit einer geringeren Menge.
Ebenfalls unerwähnt bleibt oft der Kontext der Sanktionsverlängerung: Sie war innerhalb der EU alles andere als ein einmütiger Akt der Stärke. Bisher blockierten meist Ungarn oder die Slowakei die turnusmäßige Verlängerung; diesmal waren es Frankreich, die Slowakei und Luxemburg, die die Frist nutzten, um Gegenleistungen wie die Streichung einzelner Oligarchen von der Liste durchzusetzen. Die auf drei Jahre verlängerte Frist soll vor allem verhindern, dass in Brüssel bei jeder turnusmäßigen Verlängerung erneut Streit ausbricht ‒ ein Eingeständnis interner Zerstrittenheit, nicht nur ein Signal der Entschlossenheit.
Was dringend zu hinterfragen ist
Warum verlängert die EU ihre Russland-Sanktionen ausgerechnet jetzt gleich um drei Jahre ‒ zu einem Zeitpunkt, an dem laut Berichten von Zelenskyjs Treffen mit Trump am Rande der UN-Generalversammlung über eine Teilwaffenruhe für Energieanlagen gesprochen wird? Bedeutet die Drei-Jahres-Frist ein stillschweigendes Eingeständnis, dass Brüssel selbst nicht mit einer baldigen Verhandlungslösung rechnet, sondern sich auf einen langen Zermürbungskrieg einstellt? Oder plant die EU sogar einen Eintritt in den Krieg und weiß deshalb, dass die 3-Jahresfrist „angemessen“ ist?
Und: Wem nützt eine lange, politisch unantastbare Sanktionsfrist tatsächlich? Wenn Russland, wie die eigenen Wirtschaftsdaten zeigen, sein Exportvolumen bei Öl trotz Preisdeckel nahezu stabil hält und lediglich die Marge pro Barrel sinkt, sollte der Krieg in Westasien enden und sich die Weltmarktsituation normalisieren, stellt sich die Frage, ob die Sanktionen primär Russland schwächen oder vor allem den europäischen Volkswirtschaften ‒ etwa durch höhere Energie- und Umwegkosten ‒ zusetzen?
Unausgesprochen
Der eigentliche blinde Fleck liegt in der Marktverschiebung, die Sanktionen gerade nicht verhindern: Russland bedient längst neue Absatzräume. Öl und Gas gehen verstärkt nach China, Indien, in die Türkei sowie nach Afrika und Lateinamerika. Getreide- und Düngemittelexporte laufen an westlichen Sanktionslisten weitgehend vorbei, da Nahrungsmittelsicherheit im Globalen Süden politisch sensibel ist. Am gewichtigsten aber ist der zivile Nuklearsektor: Der Staatskonzern Rosatom baut Reaktoren in der Türkei, im Iran und in Kasachstan und bindet diese Länder damit für Jahrzehnte technologisch und finanziell an Moskau ‒ ein Einflussinstrument, das von keiner EU-Sanktion erfasst wird und weit über die Kriegsdauer hinausreicht.
Während in Brüssel also über symbolische Fristen und die Streichung einzelner Namen von Sanktionslisten gestritten wird, verschiebt sich die reale wirtschaftliche und geopolitische Statik längst zugunsten neuer, nicht-westlicher Partnerschaften Moskaus. Die Frage, wer diesen langen Konflikt am Ende ökonomisch tatsächlich teurer zu stehen kommt ‒ Russland oder die EU selbst ‒, bleibt in der Tagesberichterstattung über brennende Tankstellen in Kiew fast durchgängig unbeantwortet.
Bild: Screenshot von Video über Drohnangriffen Russlands auf Kiew vor 2 Tagen
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9 Kommentare
Russland hat die Abnutzungskriegsführung, die es 2023 gegen die NATO entschieden hat zu führen, haushoch gewonnen.
Heute fehlt der nato-ukrainischen Armee absolut alles!
Treibstoffe, Personal, hochmoderne Waffen, Munition usw.
Die ukrainischen hitlerfaschistischen Nazis sind erledigt!
So schön ist es leider noch nicht – Rutube-Blogger (Juri Podoljaka, Sanya po Floridie, Wojenne Swodki) berichten über Probleme der Russen bei Liman und neulich sogar wieder Jampol (Armeen 20 + 25). Was woanders am Boden gewonnen wird, wird dort verloren – unter dem Strich nur um 100 Km² im September – im September 2025 waren es um 500. Kein Blogger versteht, was das Oberkommando da treibt.
Bei Lyman hatte die Ukraine eine Großoffensive durchgeführt, vor der Russland zurückgewichen ist. Aber gleichzeitig südwestlich eine Großoffensive durchgeführt hat, und nach russischen Angaben eine weitere Stadt eingekesselt hat. Nachdem das gelungen ist, hörte man heute, dass die zurückgewichenen russischen Kräfte nun wieder vorrücken und langsam zurück zu den alten Positionen kommen. Wenn man das so beobachtet, fragt man sich, was die NATO-Offiziere, die diesen Krieg ja dirigieren so anstellen. Und überrascht, wie die Ukraine trotz der schwachen Rekrutierung aufwendige Offensiven mit riesigen Verlusten durchführt. Während sich russische Truppen zurückziehen, der Ukraine den Propagandaerfolg gönnen, dann mit Artillerie und Freifallbomben die Offensive zerstören.
Abnutzungskrieg. Was auffällt ist, dass die Ukraine fast täglich über 500 Drohnen gegen Russland fliegt. eine ungeheure Leistung, die natürlich ohne NATO niemals möglich wäre. Und es wird kaum weniger. Im Verhältnis dazu fallen die Angriffe Russlands viel kleiner aus. Aber die Schäden dafür wesentlich größer. Man muss unterscheiden zwischen Effektivität und Einsatz im Abnutzungskrieg. Tatsächlich gibt es niemals einen Sieger in so einem Krieg.
Die Sanktionen sind den Russen völlig egal und dienen lediglich der Selbstbefriedigung der glück- und erfolglosen NATO-Mannen.
Zitat:
„Bedeutet die Drei-Jahres-Frist ein stillschweigendes Eingeständnis, dass Brüssel selbst nicht mit einer baldigen Verhandlungslösung rechnet, sondern sich auf einen langen Zermürbungskrieg einstellt? Oder plant die EU sogar einen Eintritt in den Krieg und weiß deshalb, dass die 3-Jahresfrist „angemessen“ ist?“
Beides!
Man rechnet damit, dass irgendwo zwischen 2029 und 2030 die EU offiziell in den Krieg gegen Russland eintreten will! Ob das überhaupt logistisch möglich sein wird, wird sich noch zeigen. Ich denke nein, denn die Zeit ist deutlich zu knapp bemessen. Aber das selbstgemachte Finanzdesaster der EU benötigt dringend eine Ablenkung und allein schon deswegen versucht die EU den sinnlosen Kampf gegen einen übermächtigen Gegner! Und die USA finden das natürlich auch gut, denn sie opfern gern Europa für ihre geostrategischen Pläne!
Kleiner Hinweis, der im Artikel leider nicht vorkommt: 2030 läuft die Amtsperiode der aktuellen EU-Führung aus.
Das Brüsseler Regime hat nicht verstanden, daß man Geschäfte zum beiderseitigen Vorteil macht. Dummheit & Bosheit regieren in Brüssel, man setzt auf den beiderseitigen Nachteil.
Es zeigt sich immer wieder von Neuem. Alle Entscheidungen der EU, die angeblich Russland schaden sollten, schaden in Wirklichkeit hauptsächlich den Volkswirtschaften und den Menschen in der EU selbst. Wir führen einen Krieg gegen uns selbst.
Der Hauptnutzniesser ist wie immmer die USA, gefolgt von Russland und anderen erdölexportierenden Staaten.
Unterm Strich ist bis jetzt nur die Ukraine noch mehr geschädigt als die EU, der wir ja vorgeben „helfen“ zu wollen. Sie wird regelrecht aufgerieben zwischen den USA und Russland.
Bei einem Krieg des Westens gegen Russland würde die gesamte EU zur Ukraine werden. Das scheint niemand zu kapieren, obwohl diese Erkenntnis der einzige Schlüssel zur Beendigung des Konflikts wäre.
Es ist also entweder schlicht Blödheit, viel wahrscheinlicher aber reine Bosheit der Regierungen, sprich Korruptheit der Eliten oder ein sich „Erpressenlassen“ durch die USA.
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