Warum die EU die Türkei nun als „Feind“ betrachtet

23. April 2026von 5,6 Minuten Lesezeit

Man muss den geopolitischen Zyklen nur aufmerksam folgen, um zu erkennen, dass wir uns in einer Phase der massiven Destabilisierung befinden. Die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat bei einer Rede zum 80. Jubiläum der Zeit in Hamburg die diplomatische Maske gegenüber der Türkei fallen gelassen.

Mit der Aussage, Europa müsse „die Vervollständigung des europäischen Kontinents“ sicherstellen, damit dieser nicht unter den Einfluss von „Russland, der Türkei oder China“ falle, hat sie die Türkei – einen nominellen NATO-Partner – in eine Reihe mit den erklärten strategischen Rivalen des Westens gestellt. Die EU verschiebt ihre Haltung gegenüber der Türkei radikal – von einem strategischen NATO-Partner, wobei die EU ja mittlerweile deckungsgleich mit der NATO ist, zu einer Bedrohung, die man mit Russland und China in einen Topf wirft. Genau diese Entwicklung hat Ursula von der Leyen mit einer einzigen Aussage in Hamburg öffentlich gemacht und damit den Bruch sichtbar werden lassen. Statt Allianz: Misstrauen. Statt Kooperation: geopolitische Abgrenzung. Das ist nicht nur ein diplomatischer Fauxpas – das ist der nächste Schritt in einem sich ausweitenden Kriegscyclus, der Allianzen auflöst und neu definiert.

Diplomatischer Tabubruch als System-Signal

Was Leyen hier betreibt, ist nicht ein bloßer „Versprecher“, wie es die nachgeschobenen Klarstellungen der Kommission verzweifelt zu suggerieren versuchen. Es ist das Signal einer neuen geopolitischen Realität. In den Augen der Brüsseler Eliten ist die Türkei kein Partner mehr, sondern eine Bedrohung für das „europäische Projekt“.

Und es hat weiter reichende Konsequenzen und Implikationen:

Am selben Tag, an dem die EU erneut versagt, ihren Einfluss zu nutzen, um Israel zu bremsen, erklärt von der Leyen: „Wir müssen Erfolg haben, den europäischen Kontinent zu vollenden, damit es nicht von russischem, türkischem oder chinesischem Einfluss geprägt wird.“

Die Türkei wird erstmals in dieselbe Kategorie wie Russland und China gestellt: eine systemische Bedrohung, gerade als auf der anderen Seite des Mittelmeers ein imperialistischer Krieg, angeheizt von religiösem Fanatismus, tobt.

Und das geschieht genau in dem Moment, in dem Netanyahu seinen Feldzug gegen die Türkei eskaliert.

Wie die Türkei von der Mehrheit der Europäer als größere Bedrohung denn Israel gesehen werden kann, ist ein Rätsel.

Das ist liberaler Nationalismus, der seine Verankerung und seine Logik der „Clash of Civilizations“ entblößt.

Viele Kommentatoren stellen die Verbindung zwischen den Leyen Aussagen und Israels zunehmend offensiver Haltung gegenüber der Türkei fest:

Die Türkei kontrolliert Migrationsrouten, Energietransporte und den Zugang zum Schwarzen Meer und Nahen Osten – und wird nun als Risiko behandelt.

Dass diese Rhetorik bei türkischen Offiziellen und sogar bei Abgeordneten des EU-Parlaments für Empörung sorgt, ist nur logisch. Der belgische Abgeordnete Marc Botenga brachte es auf den Punkt: Von der Leyen teile die Welt in „Wir gegen die Anderen“ ein, als gäbe es einen Reinheitstest. Es ist das Weltbild eines Blocks, der merkt, dass ihm die Felle davonschwimmen.

Das Ende der alten Ordnung

In derselben Rede gab von der Leyen unumwunden zu, dass das alte Modell – billige Energie aus Russland, billige Arbeitskraft aus China und Sicherheit durch die USA – am Ende ist. Europa sei gezwungen, „unabhängiger“ zu werden.

Doch diese „Unabhängigkeit“ entpuppt sich bei näherer Betrachtung als eine gefährliche Isolation. Indem man die Türkei – mit einer der schlagkräftigsten Armeen der NATO und einer Schlüsselrolle in der Migrationskontrolle und Energieversorgung – in die Ecke der „bösen Mächte“ drängt, treibt man Ankara förmlich in die Arme alternativer Bündnisse.

Dabei braucht Europa die Türkei dringender denn je: Als Puffer gegen Migration, als Stabilisator im Nahen Osten, als Energie-Korridor. Frühere Statements von von der Leyen selbst zeigen das noch: Kooperation bei Syrien-Flüchtlingen, Grenzmanagement, sogar Lob für Erdogans Vermittlungsrolle. Heute? Öffentliche Gleichsetzung mit den „Bösen“. Das ist nicht nur undiplomatisch – das ist strategisch dumm. Es schwächt die NATO von innen, treibt Ankara ostwärts und beschleunigt die Fragmentierung der alten Allianzen.

Die Eskalationsspirale

Die Feindseligkeiten zwischen der Türkei und Israel, die sich in einer immer schärferen Rhetorik entladen, verschärfen das Risiko dramatisch. Während Netanjahu laut türkischen Außenminister Hakan Fidan „nicht ohne Feind leben kann“, folgt die EU-Spitze nun diesem gefährlichen Pfad. Es ist eine Entwicklung, die weit über das hinausgeht, was normale diplomatische Spannungen ausmacht. Wir sehen hier die Fragmentierung der NATO von innen heraus.

Die Kritik der EU-Abgeordneten ist bezeichnend: Europa versucht verzweifelt, den „Sheriff“ zu spielen, während die Welt multipolar wird. Von der Leyens Aussagen sind das Zeichen einer Führung, die unter Druck steht und versucht, durch Feindbild-Konstruktionen eine Einheit zu erzwingen, die in der Realität längst nicht mehr existiert.

Was kommt als Nächstes?

Wie Martin Armstrong in einer Analyse auf Armstrong Economics warnt, entstehen Konflikte nicht aus einem Ereignis, sondern durch eine Abfolge von rhetorischen und politischen Verschiebungen. Wenn die EU ihre strategischen Partner nun öffentlich als Bedrohung bezeichnet, dann bereitet sie den Boden für die nächste Stufe der Eskalation.

Die Türkei wird sich nicht unterordnen – das hat Erdoğan unmissverständlich klargestellt. Wer sich auf einen Konflikt mit einem regionalen Machtzentrum einlässt, dessen geographische Lage die Schlagader zwischen Europa, dem Nahen Osten und dem Kaukasus kontrolliert, der spielt mit dem Feuer.

Die Maske der EU ist gefallen. Es geht nicht mehr um Bündnistreue, sondern um die Durchsetzung eines ideologischen Reinheitsgebot, das in einer multipolaren Welt keinen Platz mehr hat.

Wir sollten uns auf eine weitere Verschärfung der Krise einstellen – der Kriegszyklus ist in vollem Gange.

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19 Kommentare

  1. Jurgen 24. April 2026 um 11:28 Uhr - Antworten

    Es ist nun offensichtlich geworden, dass die Uschi von der LieN am Niedergang Europas arbeitet und eine Borderline Störung hat, die nur schwarz-weiß Denken kennt.

    • Jurgen 24. April 2026 um 11:35 Uhr - Antworten

      … oder anders ausgedrückt, hier wird Artikel 5 des Nato-Beistandspaktes schon mal gleich vorab ausgeschlossen. Da fehlt einfach das Geld und die Kapazität, weil alles in und für die Ukraine gebunden.
      Aber die Türken würden Israel auch ganz alleine über den Jordan zurück schicken können bis die den Selbstmord in den Armen Samsons suchen…

      • Jurgen 25. April 2026 um 11:58 Uhr

        Man beachte die Uhrzeit zum nächsten Post, der nicht delayed wurde… wer clever ist kann die Unterschiede leicht erkennen, die zum stundenlangen Hold führten.

    • Jurgen 24. April 2026 um 11:43 Uhr - Antworten

      … oder anders ausgedrückt, hier wird Nr. 5 der freiwilligen Nahtod Beistandverpflichtung schon mal gleich vorab ausgeschlossen. Da fehlt einfach das Geld und die Kapazität, weil alles in und für die USkaine gebunden.
      Aber die Türken würden USrael auch ganz alleine über den Jordan zurück schicken können …

      • Jurgen 24. April 2026 um 11:47 Uhr

        …und man fragt sich, ob es den UShamas nach dem Auffüllstillstand überhaupt noch um den Iran geht (außer natürlich das U60% noch zu räubern)?

  2. Varus 24. April 2026 um 10:26 Uhr - Antworten

    Paul Craig Roberts im Artikel vom 20.04: „Does Iran Comprehend Who Iran is Negotiating with and about what?“ – „… After the Muslim world watched Washington destroy three of the “seven countries in five years” for Israel, why cannot the Iranian government comprehend that Iran is the fourth to be destroyed, with Turkey, Lebanon, and Saudi Arabia waiting their turn. … “Turkey will be next Iran” as former Israeli prime minister Bennet said last February at a conference of Jewish organizations in the US. …“

    Libanon wartet nicht mehr, sondern wird gerade aktiv zerstört. Was für Zufall aber – die Türkei gerät ins Visier USraels und plötzlich hetzt Von Der gegen die Türkei? Mich wundert, dass das Land nichts unternimmt gerade jetzt, als die Eroberung-Entität durch den Iran-Krieg geschwächt wurde. Möchte Erdogan, dass ein Land nach dem anderen ausgeschaltet wird?

    Wie weit kontrolliert die Türkei Syrien? Wenn so stark, wie ich in manchen Artikeln lese, müsste Erdogan zulassen, dass durch Syrien Hilfe für die Hisbollah kommt?

    In Saudi-Arabien sollte man sich ebenfalls Gedanken machen – auf manchen Karten liegt 1/3 des Staatsgebiets innerhalb von „Groß-Isr.“.

  3. Der Zivilist 24. April 2026 um 10:20 Uhr - Antworten

    Was meint v d L mit dem Europäischen Kontinent ?, die Antwort wird geliefert:

    ‚die EU ja mittlerweile deckungsgleich mit der NATO ist,‘ Naja, NATO ohne Nordamerika

    Ja, das Brüsseler Regime, und es bleibt dabei: Das Brüsseler Regime ist Westeuropas Ruin.

    Die Türkei steckt nun dem Brüsseler Regime quer im Hals, früh war die Türkei so schlau, der NATO beizutreten, um vor der NATO sicher zu sein. Schon D hat der Türkei zu einer Waffenindustrie verholfen und dann brauchte die USA die Türkei für ihren Vietnamkrieg und hat die Rüstungsindustrie modernisiert und ausgeweitet.

    Der Verdienst der westeuropäischen Mächte ist es, in Konkurrenz und Krieg gegeneinander ihre Destruktivkräfte so weit zu entwickeln, daß sie der ganzen Welt Krieg liefern konnten, 2 Weltkriege zuletzt, in denen sie ihre Vormacht an die USA verloren. Und das Einzige, worauf sie sich heute wirklich einigen können, ist wieder Krieg, gemeinsam gegen Russland. Gegen China, das ist Rhetorik, das ist das Steckenpferd der USA, die es nicht ungern sieht, wenn sich Nordeurasien in einem Krieg unter Westeuropäischer Führung selbst verschleißt.

    Westeuropa hatte die Chance, als Nordeurasischer Block eine Rolle in der zukünftigen Welt zu spielen, Russland hat es angeboten, aber perdu.

  4. triple-delta 24. April 2026 um 9:25 Uhr - Antworten

    Diese Frau verfolgt doch nur das gleiche Projekt, dass schon Hitler verfolgte. Die Vereinigung West- und Mitteleuropa für die Eroberung Russlands. Dabei geht sie natürlich anders vor, als ihr großes Vorbild. Man lernt schließlich dazu.

  5. Gabriele 24. April 2026 um 9:06 Uhr - Antworten

    Der „Feind“ dieser Frau ist sowieso jeder Mensch, dessen Hirn noch normal funktioniert… ist das nicht bei allen Diktatoren und Innen so?

  6. Satya 24. April 2026 um 7:01 Uhr - Antworten

    Welches Land / System im Nahen Osten da wohl dahinter stecken könnte, welches die Welt mit ihrer Lügenreligion beglücken möchte?

  7. Jan 24. April 2026 um 5:55 Uhr - Antworten

    Kurdistan entsteht, wenn Großisrael sich bis an Euphrat und Tigris ausdehnt. Einen Guerrillakrieg im 4.000m hohen Zagros-Gebirge wollen die Israelis sicher vermeiden. Lieber die Kurden gegen die Iraner ausrüsten! Bliebe den Kurden ein Streifen vom Persischen Golf bis in die Türkei zwischen Irak und Iran. Prall ist das nicht. Ein Zugang zum Schwarzen Meer würde nicht schaden. Dann könnte man die Seidenstraße bis zum Bosporus verlängern, eine Schienenverbindung von China in die EU. Dazu müsste die Türkei den Kurden ein paar Federn lassen, was den Beistandspakt auslösen würde. Von den türkischen und kurdischen Communities in Deutschland ganz zu schweigen.

  8. Lutz Herzer 24. April 2026 um 0:07 Uhr - Antworten

    Es dürfte auch die Souveränität der Türkei sein, die der EU-Führung Probleme bereitet. Die EU-Mitgliedstaaten müssen zuschauen, wie die Türkei eine Politik betreiben kann, die ihnen selbst nicht gestattet wird. Damit sich bloß keiner von ihr zu Freiheitsgelüsten animieren lässt, muss die Türkei dämonisiert werden. Diese Methode ist jedoch viel zu plump, um Erfolg zu haben. Von der Leyen wird den Laden nicht mehr lange halten können. Dann heißt es: Brüssel isch over.

  9. Konrad Kugler 23. April 2026 um 21:29 Uhr - Antworten

    Vertritt die EU ein vernünftiges Menschenbild?
    Jeder Schmarrn wird von ihr angetrieben. Alles läuft auf die Zerstörung der europäischen Länder hinaus. Die massenhafte Flutung mit unbekömmlichen Einwanderern und gleichzeitig betonte Förderung der Abtreibung sind das denkbar Blödeste.

  10. Bernhard 23. April 2026 um 19:09 Uhr - Antworten

    Alles wirklich sehr treffend formuliert!
    Die Zeit ist für all die abgelaufen, die in der multipolaren Welt nicht mehr mitkommen können oder wollen.
    Deren Feindbilder könnten aber zukünftige Generationen noch teuer bezahlen, wenn sich niemand wehrt.
    Was heißt hier eigentlich Vervollständigung des Kontinents?
    Bis zum Ural mit Russland, das auch nach den Sanktionen nur eine Verschuldung von ca. 20 % des BIP hat?
    Was ist mit all den türkischstämmigen Menschen hierzulande, die sicher kein Interesse haben, jetzt ausgerechnet das Herkunftsland zu bekriegen?
    Oder sind die Sanktionen gemeint, die sinnloserweise den Kontinent vollständig auseinandertreiben statt ihn zusammenzuhalten?

  11. therMOnukular 23. April 2026 um 18:38 Uhr - Antworten

    Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum das alles so selten beim Namen genannt wird: der Wertewesten ist wieder einmal „Herrenmensch“.

    Und für diese Brut hat die „Zivilisation“ immer schon maximal bis zum (exkl) Balkan gereicht.
    Es wird noch viel schlimmer werden, die EU wird bald ihre eigenen Kriege anzetteln. Auch gegen EU-Mitglieder, die nicht parieren.

  12. Der alte Marxist 23. April 2026 um 18:27 Uhr - Antworten

    Da muss man jetzt aber keine Krokodilstränen vergießen. Erdogan war maßgeblich am Sturz Assads beteiligt und hat lange davor mit islamistischen Banditen kooperiert – nicht zuletzt lief der Handel mit gestohlenem Öl aus Syrien über die Türkei. Das letzte was wir jetzt brauchen ist eine Mitgliedschaft der Türkei in der EU (genauso wenig wie eine Mitgliedschaft der Ukraine). Insofern ist das Statement der Flinten-Urschel von der Leyen sogar positiv zu bewerten!

  13. VerarmterAdel 23. April 2026 um 17:54 Uhr - Antworten

    Wann wird diese Irre endlich weggesperrt? Soll sie erst den gesamten Kontinent versenken dürfen mit ihrer geisteskranken Verbrecherpolitik?

  14. Glass Steagall Act 23. April 2026 um 17:35 Uhr - Antworten

    Der wirkliche Feind der EU blickt arrogant vom Titelbild des Artikels.

    • therMOnukular 23. April 2026 um 18:43 Uhr - Antworten

      Nicht nur der EU. Sie ist der klassische „Menschenfeind“.

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