Big Techs Angriff auf die menschliche Berufung

27. Juli 2026von 2,7 Minuten Lesezeit

Eine Zukunft in der Mathematik ohne Mathematiker, Philosophie ohne Philosophen und Arbeit ohne Berufung auskommt – weil Maschinen alles besser, schneller und ohne Anstrengung erledigen. Eine solche Zukunft wird von Big Tech bewusst forciert und zur Realisierung getrieben.

Marco Rubio warnte zuletzt öffentlichkeitswirksam vor dem Kommunismus, Amerikas alter Lieblingsfeind. Er warnte sogar vor dem Menschenbild des Kommunismus. Dabei, so der Politikwissenschaftler Gregory Conti in einem aktuellen Essay, entwerfen die die KI-Unternehmer des Silicon Valley einen Transhumanismus, dessen Menschenbild weitaus gefährlicher sei.

Rubio sagte: „Die Welt, die er [der Kommunismus] für uns alle entwirft, ist klein, flach, grau, nivelliert von jeder Ausnahme, ausgelaugt von allem, was gut und edel in der menschlichen Seele ist. […] eine Welt ohne Mut, ohne Kreativität oder Ambition, ohne Helden oder Ruhm oder große Ziele.“

Conti schreibt, diese Worte träfen „noch stärker“ auf die Ideologie der Tech-Elite zu. Während der Kommunismus Amerika nicht überrennen werde, drohten die Ambitionen der KI-Riesen genau das. Ihr Ziel sei künstliche allgemeine Intelligenz – ein System, das den Menschen „in den meisten oder allen kognitiven Dimensionen überlegen“ sei und „den Großteil der wirtschaftlich nützlichen Arbeit“ erledige. Das Ergebnis: „eine Welt, in der es keine Möglichkeit mehr gibt, sich durch Können und Einsatz hervorzutun – weil diese Dinge irrelevant geworden sind.“

Diese Vision formuliert Anthropic-CEO Dario Amodei in „Machines of Loving Grace“. Sein Kollege Jack Clark hält sie noch 2026 für realisierbar. Elon Musk prognostiziert, digitale Intelligenz werde bald „die Summe aller menschlichen Intelligenz übersteigen“. Conti zitiert Amodei, der offen von einem „allgemeinen Arbeitsersatz für Menschen“ spricht – inklusive seiner eigenen Rolle. Ein OpenAI-Mitarbeiter bekannte sogar, er bevorzuge „eine Welt mit rascher rekursiver Selbstverbesserung und menschlicher Entmachtung“.

In der Praxis, so Conti, sei dieses Projekt bereits Realität – besonders in der Wissenschaft. In der Mathematik erklärten Fields-Medaillen-Träger, das Fach als menschliches Betätigungsfeld werde bald verschwinden; die nächste Medaillenvergabe könnte die letzte sein. ChatGPT löste ein jahrzehntealtes Mathematik-Problem, „während der Nutzer ein Nickerchen machte“. Ähnliches gelte für Statistik, Sozialwissenschaften, Geisteswissenschaften, Medizin und Jura. Conti selbst erlebte, wie Claude aus Primärquellen in Minuten Argumente generierte, die seinem eigenen Denken frappierend nahekamen: „Was war jetzt der Sinn all der Anstrengungen um Wissen und Können?“

KI bedeutet „den Tod der Autorschaft“, fasst der Autor zusammen. Wir werden zu „Prompt-Gebern“, völlig austauschbar für Maschinenleistungen. Einstein und Dostojewski sind alte Helden.  „Wir wollten immer nicht nur Gedichte, sondern Dichter; nicht nur Bildung, sondern Lehrer.“ Ein Chatbot kann keine Liebe zur Weisheit empfinden und keine Verantwortung tragen.

Besonders dramatisch sei der Verlust der Berufung. Menschen erheben sich durch Arbeit über bloßen Konsum. Sobald Maschinen besser sind, wird der Gedanke, „einen echten Beitrag zu leisten“, zur Illusion. Alles werde „ein bisschen mehr wie Brettspiele spielen“, zitiert Conti die Journalistin Jasmine Sun.

Der Ökonom Noah Smith spricht von Menschen als „Haustieren“. Das wäre, so Conti, „die größte Veränderung in der Geschichte der Spezies“ und eine Demoralisierung weit über den Kommunismus hinaus – eine Welt „klein, flach, grau“.


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