
Mobiltelefondaten löschen jetzt strafbar in den USA?
Bei der Einreise in die USA muss man damit rechnen, dass die Daten des Computers oder Mobiltelefons ausgelesen werden. Wer sich dagegen schützen will, kann eine Löschung der Daten bei Eingabe eines bewusst falschen Passworts einstellen. Welche Folgen das in den USA hatte, beschreibt der Artikel.
Am 24. Juli 2026 machten mehrere Medien auf einen ungewöhnlichen Strafverfahren aufmerksam: Die US‑Staatsanwaltschaft hat gegen Samuel Tunick aus Atlanta Anklage erhoben, weil er bei einer Kontrolle am Flughafen angeblich ein sogenanntes „Duress“‑Passwort (oder Duress‑PIN) benutzt haben soll, das sein Telefon sofort gelöscht hat. Nach Angaben der Berichterstattung geschah der Vorfall im Januar 2025, als Grenzbeamte sein Gerät ohne richterlichen Durchsuchungsbefehl sehen wollten; bei der Eingabe des Codes „ging der Bildschirm aus, es blinkte, und das Telefon schien neu zu starten“ — danach waren die Daten nicht mehr zugänglich.
Was ist ein „Duress“-Passwort?
- Ein Duress‑Passwort ist ein bewusstes „Ablenkungs‑/Notfall‑Passwort“, das im Gerät so konfiguriert ist, dass bei seiner Eingabe statt des normalen Entsperrens eine Aktion ausgeführt wird — z. B. das sofortige Löschen der Nutzerdaten oder das Starten eines harmlosen Profilzustands.
- Im hier relevanten Fall stammt die Funktion aus GrapheneOS, einem auf Datenschutz und Sicherheit ausgerichteten Android‑Fork; die Implementierung veranlasst beim Eingeben des Duress‑Codes laut Hersteller einen Werksreset für das betroffene Profil bzw. das sichere Löschen der Entschlüsselungsschlüssel, wodurch die Daten praktisch unzugänglich werden und eine offizielle kurze Erklärung der Entwickler auf x.com hebt ebenfalls die Existenz der Funktion hervor.
- Technik‑Hinweis: „Löschen“ kann je nach Implementierung bedeuten, dass Verschlüsselungsschlüssel entfernt werden (Daten sind dann nicht mehr entschlüsselbar), nicht zwingend, dass alle Speicherbereiche byteweise überschrieben werden. Medienberichte fassen die Wirkung oft vereinfacht als „Telefon wurde gelöscht“ zusammen.
Warum ist dieser Fall bedeutsam?
- Die Anklage gilt als einer der ersten bekannten Fälle, in denen staatliche Stellen ausdrücklich gegen die Nutzung einer Datenschutzfunktion (Duress‑PIN) strafrechtlich vorgehen. Das wirft wichtige Fragen auf zu digitalen Rechten, zum Verhältnismäßigkeitsprinzip bei Grenzkontrollen und zu der Grenze zwischen Schutz der Privatsphäre und möglichen Vorwürfen der „Beweismittelvernichtung“.
- Verteidiger von Tunick bestreiten die Rechtmäßigkeit der Beschlagnahme und weisen darauf hin, dass die Beamten ohne richterlichen Durchsuchungsbefehl gehandelt hätten; außerdem wird berichtet, dass die Suche mit Ermittlungen gegen Tunicks mögliche Aktivitäten im Zusammenhang mit Protesten gegen „Cop City“ (ein umstrittenes Trainingsgelände/Projekt in Atlanta) verknüpft sei.
- Rechtliche Einordnung: Ob die Verwendung eines Duress‑Codes als Straftat (z. B. Zerstörung von Beweismitteln) gewertet werden kann, hängt stark von den Umständen ab — etwa ob ein Durchsuchungsbefehl vorlag, ob es einen gesetzlichen Zwang zur Herausgabe von Daten gibt und welche Absicht nachweisbar ist. In den USA sind solche Fragen besonders heikel an Grenzen und bei Einreise‑/Ausreiseprüfungen.
Wie funktioniert die Duress‑Funktion konkret?
- GrapheneOS erlaubt das Einrichten eines separaten Entsperrcodes (PIN/Passwort), das als Duress‑Code dient. Wird dieser Code in einer OS‑Eingabeaufforderung für das aktuelle Profil eingegeben, löst das System eine sofortige Aktion aus — typischerweise einen Werksreset dieses Profils bzw. das sichere Löschen der zugehörigen Verschlüsselungsschlüssel. Das Ergebnis: Die lokal gespeicherten Daten sind nicht mehr lesbar, weil die Schlüssel fehlen. Diese Beschreibung entspricht der Herstellerangabe und journalistischen Quellen sowie Hintergrundberichten und Fachberichten.
Wie richtet man (allgemein) ein Duress‑Passwort auf GrapheneOS ein? Wichtig: GrapheneOS ist ein spezialisiertes OS; die genauen Menüpunkte oder Formulierungen können sich bei Updates ändern. VORSICHT: Duress‑Code kann unwiderruflich Daten unzugänglich machen. Voraussetzung ist ein Gerät mit installiertem GrapheneOS (offizielle Installations‑Anleitungen auf der GrapheneOS‑Website).
Zusammenfassung
Der Tunick‑Fall ist mehr als ein Einzelfall: Er markiert einen möglichen Wendepunkt, an dem technische Selbstschutzmaßnahmen gegen staatlichen Zugriff juristisch problematisiert werden. Für Journalisten, Whistleblower und deren Quellen bedeutet das erhöhte Risiken. Für die Demokratie insgesamt ein weiterer Rückschritt in dunkle Zeiten.
Das Recht auf Meinungsfreiheit, Privatsphäre, der Schutz von Informanten der Journalisten oder von Whistleblowern, all das ist nun endgültig unter Beschuss. Nach Massenüberwachung, Scannen von Chats und immer stärkerer Kontrolle darüber, was „erlaubt“ ist, wird die Bestrafung der Löschung von eigenen privaten Daten der letzte Schlusspunkt einer Entwicklung, welche zeigt, wie wir uns zurückbewegen in eine Zeit, als Revolutionen notwendig wurden. Unsere Vorfahren hatten das Briefgeheimnis erkämpft, Jahrhunderte war es immer wieder unter Druck geraten, nun wird es wieder abgeschafft. Hier sehen wir ein weiteres Mosaiksteinchen, was demnächst aus den USA auch nach Europa kommen dürfte.
Bild: Screenshots des erwähnten Artikels in techcrunch
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