
Die Globuli waren es
Das deutsche Gesundheitssystem steuert auf eine Finanzierungslücke von 44 Milliarden Euro zu. Die Politik reagiert mit höheren Zuzahlungen, Einschnitten bei Psychotherapie und dem Ende homöopathischer Leistungen. Gegenüber der Pharmaindustrie entdeckt sie dagegen sehr schnell die Vorzüge der Rücksichtnahme.
Die gesetzliche Krankenversicherung hat ein Problem. Irgendwo zwischen Krankenhäusern, Arzneimittelpreisen, Verwaltung, Fehlanreizen und einer Vergütungsmaschine, die vermutlich selbst ihre Konstrukteure nur noch abschnittsweise verstehen, fehlen gewaltige Summen.
Nach aktuellen Berechnungen des Bundesgesundheitsministeriums könnte die Finanzierungslücke im Jahr 2027 bereits 19 Milliarden Euro betragen und bis 2030 auf rund 44 Milliarden Euro anwachsen. Nun würde man erwarten, dass eine Reform bei den großen Ausgabenblöcken, bei fragwürdigen Preisbildungen und bei den seit Jahren bekannten strukturellen Fehlentwicklungen ansetzt. Die Politik fand jedoch zunächst einen anderen Übeltäter: die Homöopathie.
Der Rundungsfehler wird zum Staatsfeind
Durch die Streichung homöopathischer und anthroposophischer Arzneimittel und Leistungen sollen die Krankenkassen nach Berechnung der Bundesregierung rund 50 Millionen Euro jährlich sparen. Der Bundesrechnungshof kam bei seinen Prüfungen eher auf etwa 40 Millionen Euro. Das betreffende Kapitel seiner Stellungnahme trug die bemerkenswert offene Überschrift: „Minderausgaben führen zu keinen nennenswerten Einsparungen.“
Man könnte meinen, dieser Befund würde die Debatte beenden. Weit gefehlt. Tatsächlich wurde die Streichung beschlossen. Die Politik spart also einen Betrag ein, von dem die staatlichen Prüfer selbst erklären, dass er für die Sanierung der Krankenkassen nicht nennenswert ist.
Die gesamten Leistungsausgaben der gesetzlichen Krankenkassen beliefen sich 2025 auf rund 336,41 Milliarden Euro. Davon entfielen 58,30 Milliarden Euro auf Arzneimittel und 111,53 Milliarden Euro auf Krankenhausbehandlungen. Die rund 40 Millionen Euro für Homöopathie und Anthroposophie entsprechen ungefähr 0,012 Prozent der Leistungsausgaben.
Um die erwartete Lücke von 44 Milliarden Euro allein durch diesen Posten zu schließen, müsste man die Homöopathie etwa 1.100-mal abschaffen. Das dürfte selbst mit „alter effizienter deutscher Verwaltungstechnik“ schwierig werden.
Eine Reform, die aus einem Rundungsfehler ihr sichtbarstes Feindbild macht, ist keine Finanzreform. Sie ist eine politische Botschaft. Die Botschaft lautet: Wir können die großen Probleme zwar nicht lösen, aber wir wissen immerhin, wen wir nicht mögen.
Als die Frau des Bundespräsidenten Homöopathin war
Es gab einmal eine Zeit, in der die Bundesrepublik medizinische Vielfalt aushielt, ohne sofort einen „gesetzlichen Reinigungsauftrag“ daraus abzuleiten. Karl Carstens war von 1979 bis 1984 Bundespräsident. Seine Frau Veronica war Ärztin für Innere Medizin, beschäftigte sich intensiv mit Naturheilkunde und Homöopathie und setzte ihre ärztliche Arbeit auch während der Amtszeit ihres Mannes fort. Ihr Interesse an der Homöopathie wird sogar auf der offiziellen Internetseite des Bundespräsidenten erwähnt.
Am 21. Dezember 1981, mitten in seiner Amtszeit, gründeten Karl und Veronica Carstens eine Stiftung zur wissenschaftlichen Erforschung der Naturheilkunde und Komplementärmedizin. Es ging ausdrücklich darum, Verfahren nicht nur anzuwenden, sondern sie zu untersuchen, in Forschung und Lehre zu verankern und kritisch zu bewerten. Die Republik überstand auch diese „Zumutung“. Der Bundespräsident wurde nicht wegen homöopathischer Umtriebe aus Schloss Bellevue entfernt. Das Bundesverfassungsgericht musste keine Entscheidung zur Gefahr potenzierter Substanzen für die freiheitlich-demokratische Grundordnung treffen. Es war möglich, eine Methode abzulehnen und gleichzeitig zu akzeptieren, dass andere Menschen sie nutzen.
Früher war das Pluralismus, heute wird daraus gern eine Gefahr für die Wissenschaft konstruiert. Und ausgerechnet die Partei der Grünen, die jahrzehntelang von „alternativ“ über „ganzheitlich“ bis „konzernkritisch“ nahezu jedes passende Etikett im Sortiment hatten, beschlossen auf ihrem Bundesparteitag vom 28. bis 30. November 2025: keine Erstattung homöopathischer Leistungen durch gesetzliche Krankenkassen.
Aus der politischen Heimat von Naturkostladen, Heilpflanze und Misstrauen gegenüber Großkonzernen ist ein wissenschaftspolitisches Ordnungsamt geworden. Die grüne Alternative schützt den Bürger nun vor alternativer Medizin.
Natürlich darf eine Partei die Homöopathie ablehnen. Sie darf auch für deren Ausschluss aus dem Leistungskatalog eintreten. Sie sollte dann allerdings nicht so tun, als sei damit ein Finanzproblem gelöst. Wer 44 Milliarden Euro sucht und 40 Millionen findet, hat keine Lösung gefunden. Er hat nur eine „Haltung“ und „Einordnung“ ausgeführt.
Der Liter Kontrastmittel für 3.900 Euro
Wie großzügig das System an anderer Stelle mit dem Geld der Versicherten umging, zeigte 2019 eine Recherche von „Panorama“. Den Journalisten lagen Rechnungen vor nach denen Radiologen einen Liter MRT-Kontrastmittel für 760 Euro einkauften. Von den Krankenkassen erhielten sie zum Beispiel in Bayern eine Pauschale von 3.900 Euro pro Liter.
Die rechnerische Differenz (=Gewinn) betrug 3.140 Euro pro Liter. Der damalige Vorsitzende des Berufsverbandes der Deutschen Radiologen bestätigte auf Nachfrage, dass diese Gewinnspanne möglich war. Die NDR-Redaktion sprach von einem Nebeneinkommen ohne zusätzliche Leistung. Die Krankenkasse zahlte somit mehr als das Fünffache des dokumentierten Einkaufspreises.
Das Entscheidende geschah aber nach der Veröffentlichung: Die AOK Bayern senkte ihre Erstattung für einen Liter MRT-Kontrastmittel von 3.900 auf 970 Euro. Beim CT-Kontrastmittel sank die Pauschale von 470 auf 110 Euro. Die erwarteten Einsparungen in mehreren Bundesländern summierten sich auf bis zu 50 Millionen Euro jährlich.
Ein genauer Blick auf einige Kontrastmittelverträge brachte damit ungefähr so viel wie die bundesweite Abschaffung homöopathischer und anthroposophischer Kassenleistungen. Das Kontrastmittel hatte sich nicht verändert. Es war weder leichter herzustellen noch weniger wirksam geworden. Niemand hatte über Nacht ein revolutionäres Sparverfahren entwickelt.
Es hatte sich lediglich jemand die Rechnungen angesehen. Das war die eigentliche „medizinökonomische Innovation“. Die damaligen Verträge wurden inzwischen natürlich verändert. Gerade das bestätigt den Kern des Problems: Die hohen Erstattungen waren offenbar keineswegs unvermeidbar. Sie bestanden, weil ein undurchsichtiges System diese zuließ. Erst nachdem die Zahlen öffentlich wurden, entdeckten die Beteiligten das Sparen.
Bei solchen Verträgen wären 50 Millionen Euro eine vermeidbare Verschwendung. Bei der Homöopathie gelten dieselben 50 Millionen plötzlich als notwendiger Beitrag zur Rettung des Systems.
Wo die großen Beträge wirklich liegen
Die GKV-Ausgaben für Arzneimittel stiegen von 55,16 Milliarden Euro im Jahr 2024 auf 58,30 Milliarden Euro im Jahr 2025. Das ist ein Zuwachs von mehr als drei Milliarden Euro innerhalb eines Jahres. Die Krankenhausausgaben erhöhten sich im selben Zeitraum von 102,21 auf 111,53 Milliarden Euro – also um mehr als neun Milliarden Euro.
Das bedeutet nicht, dass jeder zusätzliche Euro verschwendet wurde. Eine alternde Bevölkerung, höhere Löhne, neue Behandlungsmöglichkeiten und steigende Kosten wirken sich selbstverständlich aus. Es zeigt jedoch, wo die Größenordnungen liegen. Der jährliche Zuwachs der Arzneimittelausgaben war fast 80-mal so hoch wie die gesamten Ausgaben für Homöopathie und Anthroposophie. Der Anstieg bei den Krankenhäusern war mehr als 230-mal so hoch.
Wer ein Gesundheitssystem sanieren will, muss sich mit diesen Blöcken beschäftigen. Er muss Arzneimittelpreise, Erstattungsmodelle, Klinikstrukturen, Abrechnungssysteme, Überversorgung, Fehlversorgung und Prävention untersuchen.
Das ist allerdings unangenehm. Dort warten Konzerne, Verbände, Klinikträger, Kassenärztliche Vereinigungen und bestens ausgestattete Interessenvertretungen. Ein Globuli-Hersteller droht mit was? Genau: nichts. Er verlagert keinen Standort, stoppt keine Investition und lädt keinen Minister zum Pharmadialog. Es würde ohnehin heute keiner mehr erscheinen. Wie beliebt die „Alternativen“ sind, zeigte sich ganz offen während 2020 bis 2022.
Horst Seehofers kurze Unterrichtsstunde in Realpolitik
Dass Reformen im Arzneimittelbereich mit einer anderen Gewichtsklasse von Widerstand zu tun haben, erläuterte Horst Seehofer einst ungewöhnlich offen. Seehofer war in den 1990er-Jahren Bundesgesundheitsminister. Damals wurde über eine Positivliste für Arzneimittel gestritten. Auf einer solchen Liste sollten Medikamente aufgeführt werden, die von den Krankenkassen bezahlt werden. Präparate ohne hinreichenden Nutzen oder mit ungünstigem Preis-Leistungs-Verhältnis hätten ausgeschlossen werden können.
Der Gedanke klingt bis heute nachvollziehbar: bevor man den Versicherten etwas streicht, könnte man prüfen, wofür die Kassen Milliarden ausgeben. Das Vorhaben scheiterte.
In einem Interview mit „Frontal 21“ erklärte Seehofer später, strukturelle Veränderungen seien wegen des Widerstands der Lobbyverbände nicht durchsetzbar gewesen. Auf die Frage, ob die Industrie stärker sei als die Politik, antwortete er: „Ja, ich kann Ihnen nicht widersprechen.“
Das Interview wurde Bestandteil der ZDF-Dokumentation „Das Pharmakartell – Wie wir als Patienten betrogen werden“, die am 9. Dezember 2008 ausgestrahlt wurde. Die Autoren Astrid Randerath und Christian Esser erhielten für ihre Recherchen den Hanns-Joachim-Friedrichs-Förderpreis; die Jury bezeichnete den Film als herausragendes Beispiel investigativen Journalismus.
Der zentrale Konflikt ist seither nicht verschwunden – im Gegenteil. Wie frei ist die Politik bei der Regulierung einer Branche, von deren Produkten das Gesundheitssystem abhängig ist und die zugleich über enorme finanzielle, wissenschaftliche und politische Einflussmöglichkeiten verfügt?
Die Pharmaindustrie ist kein Wohlfahrtsverband. Sie verfolgt Geschäftsinteressen. Das ist in einer Marktwirtschaft zunächst weder überraschend noch verwerflich. Dafür gibt es einen Staat, der Preise, Wettbewerb, Transparenz und den Zugang zum Solidarsystem kontrollieren soll.
Problematisch wird es, wenn der Staat seine Aufgabe bei kleinen und politisch isolierten Anbietern mit besonderem Eifer erfüllt, gegenüber mächtigen Marktteilnehmern aber regelmäßig Verständnis für deren schwierige Lage entwickelt.
Der Patient kann warten, der Pharma-Standort nicht
Ganz ungeschoren bleibt die Pharmaindustrie in der aktuellen Reform nicht. Der zusätzliche Herstellerabschlag wird angehoben. Damit sollen auch die Arzneimittelhersteller zur Stabilisierung der Kassenfinanzen beitragen. Bemerkenswert ist allerdings (mal wieder), was noch während der Verabschiedung geschah.
Die Bundesregierung versprach zusätzliche Ausnahmen vom erhöhten Herstellerabschlag, um dem „berechtigten Interesse der Unternehmen an Planungssicherheit für Vermarktungs-, Investitions- und Standortentscheidungen“ Rechnung zu tragen. Bis Anfang 2027 sollen dafür neue Standortklauseln entwickelt werden. In das zuständige Gremium werden selbstverständlich auch Vertreter der Industrie einbezogen.
Die Branche wird also belastet und erhält fast im selben Atemzug die Zusage, dass man über Entlastungen sprechen werde. Der homöopathisch behandelte Versicherte bekommt keinen Dialog. Er bekommt die Rechnung.
Psychotherapie wird wieder budgetiert
Der neue Reformgeist beschränkt sich keineswegs auf die Globuli. Psychotherapeutische Leistungen werden in die „morbiditätsbedingte Gesamtvergütung“ zurückgeführt und damit wieder budgetiert. Zugleich wird die bisherige Angemessenheitsprüfung für die Vergütung psychotherapeutischer Leistungen gestrichen. Die Bundespsychotherapeutenkammer warnt vor weniger Therapieplätzen und längeren Wartezeiten. Sie bezeichnet das Gesetz als „GKV-Wartezeitenverlängerungsgesetz“.
Man braucht kein Gesundheitsexperte zu sein, um den Mechanismus zu verstehen. Wird die Gesamtsumme begrenzt, obwohl die Zahl der Behandlungen steigt, sinkt der Betrag, der für den einzelnen Fall zur Verfügung steht. Praxen werden vorsichtiger, Kapazitäten werden nicht ausgebaut, und Patienten warten länger.
Psychische Erkrankungen gehören bereits heute zu den größten Belastungen für Patienten, Familien, Arbeitgeber und Sozialversicherungen. Lange Wartezeiten erhöhen das Risiko, dass Beschwerden chronisch werden, Arbeitsunfähigkeiten andauern und später erheblich teurere stationäre Behandlungen notwendig werden. Das nennt sich dann Sparen.
Es ist jene eigentümliche Form von Wirtschaftlichkeit, bei der man eine preiswertere frühe Behandlung erschwert und später die teureren Folgen finanziert. Das deutsche Gesundheitssystem beherrscht diese Disziplin seit Jahren.
Höhere Zuzahlungen als Reformersatz
Auch die Versicherten werden direkt zur Kasse gebeten. Die Zuzahlungsgrenzen sollen auf 7,50 beziehungsweise 15 Euro steigen. Allein daraus rechnet die Politik für 2027 mit rund 1,9 Milliarden Euro zusätzlicher Entlastung der Krankenkassen. Für zum Verbrauch bestimmte Hilfsmittel steigt die monatliche Zuzahlungsobergrenze von zehn auf 15 Euro. Die Bundesregierung nennt das eine „moderate Anpassung“.
Moderate Anpassung ist der Ausdruck, den Regierungen verwenden, wenn Bürger mehr bezahlen und dafür keine bessere Leistung erhalten. Hinzu kommen Eingriffe in die beitragsfreie Familienversicherung, Änderungen beim Krankengeld und Kürzungen bei verschiedenen Vergütungen. Die Reform setzt also keineswegs nur bei verschwenderischen Strukturen an. Sie verlagert Kosten auf Versicherte, begrenzt Behandlungen und verschlechtert die Bedingungen jener, die Leistungen unmittelbar erbringen.
Die therapeutische Grundidee lässt sich knapp zusammenfassen:
- Der psychisch kranke Patient soll länger warten.
- Der Versicherte soll mehr zuzahlen.
- Der Homöopathie-Patient soll vollständig selbst bezahlen.
- Der Pharmakonzern soll auf keinen Fall bei seinen Standortentscheidungen beunruhigt werden.
Linnemann sollte Seehofer zuhören
Carsten Linnemann soll das Gesundheitsministerium übernehmen. Friedrich Merz hat den Wechsel inzwischen bestätigt. Linnemann ist Volkswirt und dürfte daher mit Größenordnungen vertraut sein.
Seine erste Übung könnte ausgesprochen einfach sein. Er schreibt 40 Millionen Euro auf ein Blatt Papier. Daneben schreibt er 44 Milliarden Euro. Anschließend prüft er, bei welchen Ausgaben politische Gegner warten, die über Geld, Personal, Kontakte und wirtschaftliche Druckmittel verfügen. Dort liegt vermutlich der Kern des Problems.
Danach könnte er sich das alte Seehofer-Interview ansehen. Es dauert nur wenige Minuten und enthält mehr über Gesundheitspolitik als mancher mehrere hundert Seiten starke Kommissionsbericht. Es zeigt, wie das System tatsächlich funktioniert: bei schwachen Gegnern wird regiert, mit starken Gegnern wird verhandelt.
Der Sinn des Angriffs auf die Homöopathie
Die Abschaffung der homöopathischen Kassenleistungen ergibt als Sparmaßnahme kaum Sinn. Als politisches Signal ergibt sie aber sehr wohl Sinn. Sie markiert, welche Medizin erwünscht ist und welche schrittweise aus dem solidarisch finanzierten Raum gedrängt wird. Dabei ist bemerkenswert, dass es sich zum Teil um freiwillige Satzungsleistungen der Krankenkassen handelte. Keine Kasse musste sie anbieten. Einige taten es, weil ihre Versicherten diese Leistungen wünschten.
Nun entscheidet der Staat, dass selbst diese begrenzte Wahlmöglichkeit verschwinden soll. Das ist keine neutrale Marktbereinigung, es ist schlicht und ergreifend eine Richtungsentscheidung.
Über die Wirksamkeit der Homöopathie kann man streiten. Es gibt positive und negative Studien, methodische Kontroversen und gegensätzliche Bewertungen. Die Finanzkrise der Krankenkassen wird damit jedenfalls nicht gelöst.
Die eigentliche Bilanz des Systems
Das deutsche Gesundheitswesen hat kein Globuli-Problem. Es hat ein Preis-, Struktur- und Machtproblem. Es bezahlt zuweilen mehr als das Fünffache des Einkaufspreises für ein Kontrastmittel, akzeptiert über Jahre absurde Fehlanreize und entdeckt die Wirtschaftlichkeit häufig erst, nachdem Journalisten die Rechnungen veröffentlicht haben. Dies ist aber nur die Spitze eines Eisbergs.
Für die wirkliche Bilanz muss man weiter zurückgehen, ungefähr bis zur Wiedervereinigung. Im Jahr 1991 gab es in Deutschland 244.238 berufstätige Ärzte. Ende 2025 waren es rund 446.000. Die Zahl der Ärzte ist damit um mehr als 80 Prozent gestiegen, während die Bevölkerung lediglich vergleichsweise moderat gewachsen ist. Rechnerisch kam 1991 ein Arzt auf 329 Einwohner; inzwischen ist die ärztliche Versorgungsdichte annähernd doppelt so hoch.
Auch am Geld hat es nicht gefehlt. Die amtliche gesamtdeutsche Gesundheitsausgabenrechnung beginnt 1992. Damals wurden 163,2 Milliarden Euro für Gesundheit ausgegeben. Im Jahr 2024 waren es 538,2 Milliarden Euro. Nominal hat sich der Betrag damit mehr als verdreifacht. Ein Teil davon erklärt sich durch Inflation, höhere Löhne, technischen Fortschritt und eine alternde Bevölkerung. Aber eben nur ein Teil. Die Bundesrepublik betreibt heute einen Gesundheitsapparat von einer Größenordnung, die Anfang der neunziger Jahre kaum vorstellbar gewesen wäre.
Bei den Arzneimitteln zeigt sich ein ähnliches Bild. Die GKV-Statistik wies 1991 für Arzneien, Verband- und Hilfsmittel aus Apotheken 14,56 Milliarden Euro aus. Im Jahr 2025 kosteten allein die Arzneimittel bereits 58,3 Milliarden Euro. Die statistischen Kategorien sind über einen Zeitraum von 35 Jahren nicht völlig identisch. Die Größenordnung ist dennoch unmissverständlich: der Medikamentenmarkt hat sich vervielfacht.
Wir haben also erheblich mehr Ärzte, wesentlich mehr medizinisches Personal, mehr Diagnostik, mehr Medikamente und mehr als dreimal so hohe Gesundheitsausgaben. Nun müsste man annehmen, die Bevölkerung sei dadurch auch wesentlich gesünder geworden. Das Gegenteil ist jedoch der Fall.
Für sämtliche chronischen Erkrankungen existiert keine einheitliche, methodisch saubere Statistik, die lückenlos bis 1991 zurückreicht. Die verfügbaren Langzeitdaten zeigen jedoch eine bemerkenswerte Richtung. Beim diagnostizierten Diabetes stieg die altersstandardisierte Prävalenz zwischen 2003 und 2022 bei Frauen von 6,2 auf 8,3 Prozent, bei Männern von 5,8 auf 10,9 Prozent. Im Jahr 2022 berichtete bereits etwa jeder zehnte Erwachsene von einem ärztlich diagnostizierten Diabetes.
Hinzu kommen Adipositas, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, chronische Schmerzen, Autoimmunerkrankungen, psychische Leiden und die zunehmende Multimorbidität im Alter. Bei den 65- bis 74-Jährigen leben nach RKI-Daten mehr als zwei Drittel mit mindestens zwei chronischen Erkrankungen. Ein Drittel der über 65-Jährigen nimmt regelmäßig fünf oder mehr Medikamente ein.
Natürlich leben Menschen heute länger. Krankheiten werden früher erkannt, Diagnosen genauer erfasst und Patienten überleben Erkrankungen, an denen sie früher gestorben wären. Die Akutmedizin vollbringt Großartiges. Wer einen Herzinfarkt, einen schweren Unfall oder eine komplizierte Infektion erleidet, kann froh sein, in einem modernen Krankenhaus behandelt zu werden.
Doch diese Erklärung darf nicht zur Universalentschuldigung werden. Ein System, das immer mehr Geld, Ärzte und Arzneimittel benötigt, während gleichzeitig immer mehr Menschen dauerhaft behandlungsbedürftig werden, muss sich eine grundsätzliche Frage gefallen lassen: Produziert es Gesundheit oder verwaltet es Krankheit?
Genau dort liegt der Offenbarungseid des gesamten Systems.
Der Erfolg des Systems wird an Operationen, Verordnungen, Untersuchungen, Behandlungsfällen und Umsätzen gemessen. Für einen verhinderten Diabetes gibt es keine lukrative Abrechnungsnummer. Für einen Patienten, der durch Bewegung, Ernährung, Schlaf, Gewichtsabnahme und Stressregulation dauerhaft weniger Medikamente benötigt, entsteht kaum Umsatz. Eine chronische Erkrankung dagegen erzeugt über Jahre zuverlässige Einnahmen: regelmäßige Arztkontakte, Laborwerte, Bildgebung, Rezepte und Folgebehandlungen.
Das deutsche Gesundheitswesen ist hervorragend darin, Leistungen zu produzieren. Ob diese Leistungen am Ende eine gesündere Bevölkerung hervorbringen, wird erstaunlich selten gefragt. Mehr Behandlung gilt bereits als bessere Versorgung. Mehr Ärzte gelten als Fortschritt. Mehr Arzneimittelausgaben werden mit Innovation erklärt. Steigen trotzdem die chronischen Erkrankungen, benötigt das System eben noch mehr Geld.
So entsteht ein Kreislauf, der sich selbst bestätigt: Mehr Krankheit verlangt mehr Medizin. Mehr Medizin erzeugt höhere Kosten. Die höheren Kosten rechtfertigen Beitragserhöhungen. Und wenn anschließend 44 Milliarden Euro fehlen, streicht man für 40 Millionen Euro die Homöopathie.
Die eigentliche Reform müsste Prävention, Lebensführung und frühe ursächliche Behandlung ins Zentrum stellen. Sie müsste danach fragen, weshalb Millionen Menschen Bluthochdruck, Diabetes, Fettleber, chronische Schmerzen und psychische Beschwerden entwickeln, statt immerzu nur zu berechnen, wie ihre lebenslange medikamentöse Verwaltung finanziert werden kann.
Das wäre allerdings ein gefährlicher Gedanke. Ein gesünderer Patient benötigt auf Dauer weniger Leistungen. Und nichts bringt ein Gesundheitssystem zuverlässiger in Schwierigkeiten als Menschen, die es seltener brauchen.
Das Fazit sieht wie folgt aus: seit der Wiedervereinigung hat Deutschland die Zahl seiner Ärzte nahezu verdoppelt, seine Gesundheitsausgaben mehr als verdreifacht und seine Arzneimittelausgaben vervielfacht. Trotzdem wächst die Zahl der chronisch Kranken. Das ist die Bilanz, über die eine wirkliche Gesundheitsreform sprechen müsste. Stattdessen spricht man über Globuli. Die Milliarden bleiben im System. Die Kranken bleiben chronisch krank. Aber immerhin ist ein unliebsamer Konkurrent verschwunden.
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Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.
René Gräber begleitet seit 1998 Patienten in seiner Naturheilpraxis auf ihrem Weg zu mehr Gesundheit und Wohlbefinden. www.renegraeber.de www.naturheilt.com
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