Skip to content
Politik

Mehrheit spricht von Verfall der EU – Brüssel verbreitet derweil Optimismus

4 Kommentare 10. September 2026 5 Minuten Lesezeit von Dr. Peter F. Mayer

Eine Woche vor der Rede von Ursula von der Leyen zur Lage der Union erscheint eine Untersuchung, die das offizielle Bild der Kommission noch mehr beschädigt. In sechs Ländern beschreiben 68 Prozent der Befragten Europa als Phase allgemeinen Verfalls oder als Verlust von Normalität. Nur 12 Prozent sprechen von einem „Erwachen“ oder einer Erneuerung.

Das steht in Future nostalgia: Europe’s unfinished song des European Council on Foreign Relations (ECFR) und der European Cultural Foundation. Die Kommission präsentiert parallel das Standard-Eurobarometer 105 vom Frühjahr 2026: 51 Prozent Vertrauen in die EU, 60 Prozent Optimismus, 72 Prozent sehen einen Nutzen der Mitgliedschaft, 73 Prozent halten die Union für einen Ort der Stabilität. Auftraggeber ist die Generaldirektion Kommunikation der Kommission selbst.

Was die Daten tatsächlich zeigen

Zwischen Ende April und Mitte Mai 2026 führte Mandate Research im Auftrag des ECFR 5.834 KI-moderierte Interviews in Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien, den Niederlanden und Polen. Ergänzt wurde das durch Desk Research zu politischen und medialen Debatten in 15 Ländern. Die Interviews dauerten im Schnitt unter 18 Minuten; die Antworten wurden übersetzt und mit KI-Unterstützung thematisch kodiert, anschließend gewichtet.

Die zentralen Ergebnisse:

  • 68 Prozent beschreiben Europa als Verschlechterung oder Verlust der Normalität; in Frankreich sprechen nur 5 Prozent von Erneuerung, in Polen 21 Prozent.
  • 74 Prozent sagen, Europa komme mit den großen Herausforderungen nicht zurecht – vor allem Krieg und Sicherheit, wirtschaftlicher Druck und der Wunsch nach mehr Eigenständigkeit.
  • 56 Prozent halten die Zukunft des Kontinents für „in Gefahr“.
  • 39 Prozent fallen in die Gruppe der „Negatives“: Europas beste Zeit liege hinter ihm. In Frankreich, Deutschland und Italien liegt dieser Anteil bei fast der Hälfte.
  • 31 Prozent sind „Uncertain“: sie wollen ein starkes Europa, trauen den Führungen die Umsetzung aber nicht zu.
  • 19 Prozent gelten als „Positives“, 12 Prozent als „Disconnected“.
  • 44 Prozent können niemanden nennen, der ein positives Beispiel europäischen Handelns wäre. Pedro Sánchez kommt auf 8 Prozent, Emmanuel Macron auf 4 Prozent. Von der Leyen wird praktisch nicht erwähnt.

Autor Paweł Zerka nennt das eine „Imagination Gap“: Viele können sich ein stärkeres, geeinteres Europa vorstellen, aber kaum einen glaubwürdigen Weg dorthin. 73 Prozent formulieren eine positive Vision (mehr Einheit, Sicherheit oder Wohlstand). Nur 13 Prozent wollen „weniger Europa“ oder die Auflösung der Union. Der Wunsch nach Integration ist also nicht tot – das Vertrauen in die Lieferfähigkeit der Brüsseler Politik ist es weitgehend.

Offizielle Umfrage gegen offene Gespräche

Der Gegensatz ist methodisch nicht zufällig. Das Eurobarometer arbeitet mit geschlossenen Fragen in allen 27 Mitgliedstaaten und steuert Antworten in vorgegebene Schienen. Die ECFR-Studie lässt Menschen in eigenen Worten sprechen – und erhält dann Verfall, Überforderung und Führungslosigkeit.

Dass ausgerechnet das von der Kommission bestellte Instrument rosiger ausfällt als offene Interviews, überrascht niemanden, der die Praxis von Regierungsbefragungen kennt.

Befragte waren sechs Länder inklusive Großbritannien. Österreich, Spanien, Skandinavien oder der Südosten fehlen in der Interviewstichprobe. Das mindert die Aussage nicht in Deutschland, Frankreich und Italien – dort ist der Negativanteil am höchsten –, es verbietet aber die glatte Gleichsetzung mit „den Europäern“.

Führung, die niemand nennt

Besonders aufschlussreich ist die Leere bei den Namen. Eine Kommissionspräsidentin, die sich als Gesicht der Union inszeniert, taucht in den Gesprächen kaum auf. Macron, jahrelang Lautsprecher der „strategischen Autonomie“, liegt bei 4 Prozent. Als positives Beispiel wird häufiger Spaniens Pedro Sánchez genannt – ein Land, das nicht einmal in der Sechs-Länder-Stichprobe war –, oft wegen einer sichtbareren Haltung gegenüber Washington und Gaza.

Das Abkommen von Turnberry im Juli 2025 mit Donald Trump gilt über Parteigrenzen hinweg als Symbol: Brüssel gebe nach, statt Stand zu halten. The Guardian liest daraus vor allem eine Gefahr „rechter Niedergangsnarrative“. Le Figaro spricht von Vertrauenskrise. Beides beschreibt denselben Kern: Die Bürger sehen den Anspruch, nicht die Umsetzung.

Wer die Studie finanziert – und was sie trotzdem zeigt

Das ECFR gibt an, das Projekt unter anderem mit einem Zuschuss der Open Society Foundations unterstützt zu haben. Die Denkfabrik ist pro-europäisch ausgerichtet; Zerka fordert von den Führungen keine Abkehr vom Integrationskurs, sondern „proof of trajectory“ statt weiterer Großversprechen. Gerade deshalb wiegt der Befund schwerer als eine Kampagnenumfrage aus dem euroskeptischen Lager: Selbst in diesem Rahmen zerfällt die Glaubwürdigkeit der aktuellen Politik.

Die „Uncertain“ werden über den Fortgang entscheiden. Sie identifizieren sich noch mit Europa, zweifeln aber an Tempo, Doppelstandards und der Fähigkeit, Schutz und Respekt zu erzeugen. Wenn dieser Block kippt, bleibt nicht automatisch der Austritt – aber die Zustimmung zu einer Union, die immer mehr entscheidet und immer weniger liefert.

Von der Leyen kann in Straßburg wieder von Stärke, Stabilität und Gemeinsamkeit sprechen. Die Interviews vom Frühjahr 2026 beschreiben etwas anderes: eine Union, deren beste Tage viele Bürger hinter sich wähnen – und deren gegenwärtige Führung sie nicht einmal mehr als Beispiel nennen.

Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇


Unsere Arbeit ist spendenfinanziert – wir bitten um Unterstützung.

Folge TKP auf Telegram oder GETTR und abonniere unseren Newsletter.



Umfragen zum Krieg in Österreich und Deutschland

Konföderacja-Chef Bosak: Polen raus aus der EU – aber rein in den EWR

Marine Le Pen und der nationalistische Trend in den Ländern der EU

Island sagt Nein zur EU: Mehr als ein Symbol

Teile diesen Artikel

4 Kommentare

  1. Jakob
    Antworten

    Welche ParadeDenker gehören denn zu den 12 Prozent?

  2. cwsuisse
    Antworten

    Hier spricht eine „disconnected person“: Die EU-Kommission zerstört Europa gesellschaftlich, wirtschaftlich und geopolitisch. Sie scheert sich einen Dreck um die Interessen der Bürger und vertritt geopolitische Interessen von USA/Israel und materielle Interessen von obskuren Milliardären inkls. der faschistoiden ukrainischen war-lords.

  3. Der Zivilist
    Antworten

    Naja, was hat denn Brüssel den Bürgern zu bieten ? Nach Plandemie Wohlstandsverlust für Krieg, wer will denn das ?

  4. rudifluegl
    Antworten

    „Weine Wochen vor der Rederei von Ur-suhlen in EinerLeyer zu Lügen der Uniform-on“

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann. Benutzer haften für den Inhalt ihrer Kommentare.