Trump bittet Europa zur Kasse für US-provozierten Krieg?

5. September 2026von 5,5 Minuten Lesezeit

Die Rechnung nach dem Krieg: Wie Trump Europa jetzt für die Biden-Waffen für die Ukraine zur Kasse bittet. Was am 3. September passierte. Es wird teuer für Europa, noch teurer als sowieso absehbar war.

Auf Truth Social legte Donald Trump am 3. September 2026 auf die Europa-Regierungen los – mit einer Forderung, die es so noch nicht gegeben hatte: Washington wolle das Geld für die Waffen und Munition zurück, die die Biden-Regierung der Ukraine und der NATO kostenlos gegeben habe. Reuters, CBC und Ukrainska Pravda zitierten den Post:

Die Biden-Regierung hat der Ukraine weitaus mehr Munition kostenlos zur Verfügung gestellt, als wir im Iran eingesetzt haben. Hunderte Milliarden Dollar wurden der Ukraine und der NATO geschenkt, die Europa hätte bezahlen müssen – wenn man sie nur darum gebeten hätte. Aber wir werden dieses Geld einfordern, wenn auch etwas verspätet!

Und weiter: Die USA hätten ihre Munitionsbestände „für sich selbst, die USA„, vorgehalten statt sie zu verkaufen – „die Verkäufe an die Verbündeten werden bald wieder beginnen„. Die Kyiv Independent ordnet ein:

Die Hintergründe für Trumps Wut auf Europa

Der Vorstoß kommt nicht aus dem Nichts, sondern aus Trumps wachsender Wut auf europäische und NATO-Regierungen, die sich weigern, den seit etwa sechs Monaten andauernden US-Krieg gegen Iran mitzutragen – der am 1. September mit rund 100 neuen US-Angriffen wieder eskalierte. Und die Independent stellt die unbequeme Frage nach den Zahlen: Woher die „Hunderte Milliarden“ kommen, ist unklar – Trump hatte zuvor bereits „500 Milliarden“ behauptet, offizielle US-Bilanzierungen sehen deutlich niedrigere Summen. Unabhängige Erhebungen zufolge, je nach Messmethode, habe Europa die Ukraine insgesamt stärker finanziert als die USA direkt.

Das hindert Washington aber nicht daran, die Rechnung zu stellen – und Deutschland als größte Volkswirtschaft und seit 2014 zentrale Akteur der europäischen Russlandpolitik dürfte auf einen großen Teil davon blicken. Eine nationale Aufschlüsselung oder einen Rechtsmechanismus hat Trump freilich nicht genannt; erwartet wird, dass die Forderung zu einem der größten Konflikte zwischen Washington und den europäischen Hauptstädten wird (TVN World).

„F*** the EU“: Die Grundstimmung aus dem Jahr 2014

Wer sich fragt, warum aus Brüsseler Sicht ein solches Nachschießen nach acht Kriegsjahren so nachträglich wirkt, erinnert sich an Februar 2014. Just als die EU versuchte, die Euromaidan-Krise diplomatisch zu lösen, drang ein abgehörter Telefonat zwischen der damals führenden US-Ukraine-Beauftragten Victoria Nuland und Botschafter Geoffrey Pyatt an die Öffentlichkeit: Nuland bedauerte, dass die EU die Krise nicht zusammenhalte, und schlug vor, der UN-Generalsekretär möge einen Gesandten schicken, „um das hier zusammenzukleben – und ihr wisst, [f*** the EU].“ Pyatt: „Exactly.“ Nuland sprach im selben Gespräch darüber, dass der Boxer Klitschko „nicht in die Regierung“ gehöre. Merkel nannte es „absolut inakzeptabel“ (Irish Times, RFE/RL). Washingtons offizielle Ablehnung der EU als Vermittlerin und die gleichzeitige Personalplanung für Kiews künftige Regierung – das war die Melodie des ersten Kriegstages.

Minsk: keine Friedensformel, sondern Zeit für die Aufrüstung

Danach versuchte man mit dem Minsker Abkommen (I: September 2014, II: Februar 2015), den Krieg zu vermeiden. Was zunächst durchaus glaubhaft auf Seite der Europäer war, wurde schon am ersten Tag nach der Unterzeichnung durch Washington und London unterlaufen. Worauf dann auch schnell die wichtigsten Hauptstädte Europas wieder „auf Linie“ gebracht worden waren.

Was aus dem Westen selbst stammt, zeigt, wie ernst diese Formel gemeint war:

  • Angela Merkel erklärte im Zeit-Interview im Dezember 2022: „Das Minsker Abkommen 2014 war der Versuch, der Ukraine Zeit zu geben. Sie hat diese Zeit auch genutzt, um stärker zu werden.“ Und weiter: „Es war uns allen klar, dass das ein eingefrorener Konflikt war, dass das Problem nicht gelöst war, aber genau das hat der Ukraine wertvolle Zeit gegeben.
  • François Hollande, Mitverhandler von Minsk, bestätigte im Dezember 2022: „Ja, da hat Angela Merkel recht.“ Das Verdienst der Minsker Abkommen sei es, „dass die ukrainische Armee diese Möglichkeit bekommen hat“ – besser ausgebildet und ausgerüstet zu sein als 2014 (TASS, Espreso).
  • Ex-Präsident Poroschenko selbst sagte 2022 in Interviews u.a. mit der DW: „Wir haben alles erreicht, was wir wollten. Unser Ziel war es, erstens die Bedrohung zu stoppen oder zumindest den Krieg zu verzögern, um acht Jahre für den Aufbau starker Streitkräfte zu sichern.

Und als im März/April 2022 in Istanbul erstmals ein Ende des neuen Krieges in Sicht war – Neutralität statt NATO, Sicherheitsgarantien, Regelung für den Donbass –, greifen die aktenkundigen Berichte: Der israelische Ministerpräsident Naftali Bennett bestätigte öffentlich, eine Einigung habe kurz vor der Unterzeichnung gestanden, während die USA und Großbritannien versuchten, sie zu verhindern; die Mission Boris Johnsons nach Kiew, die Ukraine vom Verzicht auf die Unterzeichnung abzubringen, ist dokumentiert. Der heutige ukrainische Verteidigungsminister Rustem Umerow resümierte:

Bei den Friedensverhandlungen in Istanbul haben die Ukrainer keinen Frieden vereinbart, weil sie es nicht durften. Das war fatal – alles Weitere wurde in Washington entschieden.“

Und jetzt? Europa soll zahlen

Die Konsequenz dieser ersten acht Jahre: Die Ukraine wurde westlich aufgebaut, Russland 2022 in den offenen Krieg geführt – und seit dem ersten Trump-Termine finanziert die Ukraine sich größtenteils selbst: Unter der aktuellen US-Regierung ist die US-Hilfe faktisch zum Erliegen gekommen, während Europa die finanzielle Last tragen muss. Über das PURL-Programm kaufen EU- und NATO-Staaten inzwischen selbst US-Waffen für die Ukraine – bezahlt.

Und nun kommt die Überraschungsrechnung für die Zeit davor: Dieselbe Munition, die unter Biden „kostenlos“ floss, soll jetzt „etwas verspätet“ eingefordert werden – von den Regierungen, die 2014 um Frieden baten, 2015 Minsk mitunterzeichneten und seit 2022 ihre Steuergelder in den Krieg stecken. Die dokumentierte Linie – von Nulands „F*** the EU“ über die Minsker Zeit-Schachmatte bis zum versenkten Istanbuler Friedensplan und dem jetzigen Rückforderungs-Diktat – liest sich, als sei Europa erst in den Krieg hinein gediplomatisiert worden und soll nun noch für die Schäden der ersten Etappe zur Rechenschaft gezogen werden, nachdem klar wird, dass die Ukraine doch ein Verlustgeschäft werden wird. Wie viel am Ende in Berlin, Paris und anderswo auf dem Tisch liegen wird, steht noch nicht fest. Klar ist aber: Die Quittung kommt – „somewhat belatedly„, etwas verspätet.

Wie sagte Henry Kissinger noch gleich:

„Es mag gefährlich sein, Amerikas Feind zu sein, aber Amerikas Freund zu sein, ist verhängnisvoll / tödlich.“

Bild: Screenshot von Video zu Trumps Forderung

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