Warum droht Trump der Schweiz?

22. August 2026von 6,1 Minuten Lesezeit

Trumps neue Drohung gegen die Schweiz sorgt erneut für Aufsehen. Der US-Präsident wirft dem Land vor, wirtschaftlich vom amerikanischen Markt zu profitieren, ohne aus seiner Sicht einen angemessenen Beitrag zu leisten. Besonders die Unterschiede bei den Zinsen und die Handelsbilanz stehen dabei im Mittelpunkt seiner Kritik.

Bei einem Auftritt am 19. August 2026 sagte Trump, er habe das „absolute Recht“, Geschäfte mit einem Land wie der Schweiz abzubrechen. Gleichzeitig betonte er, die Schweiz sei nur eines von rund 60 Ländern, die seiner Ansicht nach „auf Kosten der Vereinigten Staaten“ lebten. Die Aussagen sind Teil einer zunehmend konfrontativen Handelspolitik, mit der Trump von den USA aus seiner Sicht benachteiligte Handelsbeziehungen neu ordnen will.

Die Schweiz als Symbol für Trumps Handelskritik

Warum gerade die Schweiz? Für Trump ist sie ein besonders anschauliches Beispiel für das, was er als unausgewogene Wirtschaftsbeziehungen betrachtet. Er verwies erneut auf die unterschiedlichen Zinssätze und erklärte, die USA würden deutlich mehr bezahlen als die Schweiz.

Hinter Trumps Argumentation steckt ein grundsätzliches Prinzip seiner Wirtschaftspolitik: Handel soll aus seiner Sicht stärker danach beurteilt werden, wer wie viel profitiert. Handelsdefizite betrachtet er dabei häufig als Zeichen dafür, dass die USA gegenüber anderen Ländern benachteiligt werden.

Die offiziellen Zahlen zeichnen allerdings ein wesentlich differenzierteres Bild. Nach Angaben des US-Handelsbeauftragten USTR belief sich der gesamte Handel zwischen den USA und der Schweiz mit Waren und Dienstleistungen 2025 auf rund 292,5 Milliarden US-Dollar. Die USA importierten Waren im Wert von etwa 106,2 Milliarden Dollar aus der Schweiz und exportierten Waren für 73,7 Milliarden Dollar.

Bei Dienstleistungen ist das Verhältnis jedoch umgekehrt: Die USA erzielten 2025 gegenüber der Schweiz einen Dienstleistungsüberschuss von rund 23,9 Milliarden Dollar. Von einem einfachen Bild, wonach nur die Schweiz von den USA profitiert, kann daher kaum die Rede sein.

Zölle statt Abbruch des Handels

Noch wichtiger ist der Blick auf die tatsächliche Handelspolitik. Ein vollständiger Abbruch der Wirtschaftsbeziehungen ist bislang nicht erfolgt. Stattdessen setzt Washington auf Zölle und Verhandlungen.

Seit dem 24. Juli 2026 gelten für Schweizer Waren in den USA neue zusätzliche Zölle. Nach Angaben des Schweizer Staatssekretariats für Wirtschaft, SECO, beträgt der zusätzliche Zoll je nach Produkt bis zu 12,5 Prozent, wobei bereits bestehende Zölle angerechnet werden. Für bestimmte Waren gelten Ausnahmen.

Damit ist die Auseinandersetzung keineswegs beendet. Gleichzeitig verhandeln die Schweiz und die USA weiter über ein umfassenderes Handelsabkommen. Der Schweizer Bundesrat hatte bereits Ende Juni bekräftigt, dass er an den Vereinbarungen mit Washington festhalten und langfristig eine rechtlich verbindliche Lösung erreichen wolle.

Die Situation zeigt damit ein typisches Muster von Trumps Handelspolitik: Druck aufbauen, Zölle androhen oder verhängen und gleichzeitig weiterverhandeln. Für Unternehmen schafft diese Strategie allerdings erhebliche Unsicherheit.

Was steht für die Schweiz auf dem Spiel?

Die wirtschaftliche Bedeutung der USA für die Schweiz ist enorm. Amerikanische Unternehmen und Konsumenten gehören zu den wichtigsten Abnehmern Schweizer Produkte. Gleichzeitig sind die USA ein bedeutender Standort für Schweizer Investitionen und Unternehmen.

Besonders betroffen sind Branchen wie Pharma, Chemie, Maschinenbau, Medizintechnik und Luxusgüter. Für exportorientierte Schweizer Unternehmen können zusätzliche Zölle erhebliche Folgen haben – entweder durch höhere Preise für amerikanische Kunden oder durch sinkende Gewinnmargen der Unternehmen.

Gleichzeitig ist auch die amerikanische Wirtschaft eng mit der Schweiz verbunden. Die USA beziehen nicht nur Schweizer Waren, sondern verkaufen ihrerseits umfangreiche Dienstleistungen und Produkte auf dem Schweizer Markt. Der amerikanisch-schweizerische Handel ist deshalb keine Einbahnstraße.

Das zeigt auch die amerikanische Statistik: Die USA erzielten 2025 einen Überschuss von mehr als 23 Milliarden Dollar im Dienstleistungshandel mit der Schweiz.

Diese Entwicklungen, wie wir sie derzeit sehen, sind aber keine Überraschung. Analysten haben schon vor Jahren davor gewarnt, sich auf den US-Markt zu fokussieren, weil dort scheinbar die höchsten Profite erzielbar sind, statt sich auf die „emerging markets“, die aufstrebenden Märkte des Globalen Südens zu konzentrieren. Durch diese Fokussierung entstand natürlich angesichts der seit vielen Jahren bekannten Sanktionspolitik der USA ein enormes Druckmittel. Und diese Aussage gilt nicht nur für die Schweiz.

Ein Streit, der größer ist als die Schweiz

Trumps Aussagen richten sich nicht ausschließlich gegen Bern. Die Schweiz steht vielmehr stellvertretend für eine größere Debatte über das Verhältnis der USA zu ihren Handelspartnern.

Schon seit Beginn seiner politischen Karriere argumentiert Trump, dass andere Staaten wirtschaftlich zu stark von der amerikanischen Nachfrage, dem US-Markt und der militärischen Sicherheitsordnung profitierten. Seine Regierung versucht deshalb, Handelspartner zu Zugeständnissen zu bewegen.

Kritiker halten dagegen, dass Handelsbilanzen allein wenig darüber aussagen, ob eine Wirtschaftsbeziehung „fair“ ist. Moderne Volkswirtschaften handeln nicht nur mit Waren, sondern auch mit Dienstleistungen, Kapital, Technologie und Investitionen. Ein Land kann beispielsweise ein Warenhandelsdefizit haben und gleichzeitig bei Dienstleistungen oder Investitionen stark profitieren. US-Investoren sind maßgeblich an ausländischen Unternehmen beteiligt.

Auch die jüngsten Entwicklungen zeigen, wie komplex die Situation ist. Die Schweiz weist die amerikanischen Vorwürfe zu ihren Handelspraktiken zurück. Gleichzeitig laufen die Verhandlungen über eine dauerhafte Regelung weiter.


Was bedeutet Trumps Drohung konkret?

Ein tatsächlicher vollständiger Handelsabbruch zwischen den USA und der Schweiz wäre ein drastischer Schritt – für beide Seiten. Deshalb sollte Trumps Aussage zunächst vor allem als politisches Druckmittel verstanden werden.

Das bedeutet jedoch nicht, dass die Drohungen folgenlos sind. Bereits die Unsicherheit über künftige Zölle kann Investitionsentscheidungen beeinflussen, Lieferketten verändern und Unternehmen dazu bringen, alternative Absatzmärkte zu suchen.

Für die Schweiz besteht deshalb ein Balanceakt: Bern muss einerseits die eigenen wirtschaftlichen Interessen verteidigen, andererseits aber vermeiden, dass der Konflikt mit Washington weiter eskaliert.

Trump wiederum steht vor einem ähnlichen Problem. Die USA können ihre wirtschaftliche Größe nutzen, um Handelspartner unter Druck zu setzen. Doch gerade die enge Verflechtung bedeutet, dass harte Maßnahmen auch amerikanische Unternehmen und Konsumenten treffen können.

Der Streit zwischen Trump und der Schweiz ist deshalb weit mehr als ein persönlicher Schlagabtausch. Er steht exemplarisch für eine neue Phase der internationalen Handelspolitik, in der Zölle, wirtschaftlicher Druck und politische Drohungen zunehmend als Verhandlungsinstrument eingesetzt werden. Ob daraus am Ende ein neues Handelsabkommen oder eine weitere Eskalation entsteht, dürfte davon abhängen, wie viel beide Seiten bereit sind, für einen Kompromiss aufzugeben.

Der Gegenentwurf BRICS

Ob sich BRICS als Gegenentwurf zu dieser im Prinzip imperialen Handelspolitik durchsetzen wird, ist interessant in den nächsten Jahren zu beobachten. Multipolarismus, wie er vom BRICS-Gedanken ausgedrückt wird, bedeutet, immer Lösungen zu suchen, welche für ALLE Beteiligten gewinnbringend sind, und auf Erpressungen und sogar Sanktionen zu verzichten.

Bild: Screenshot Auszug von X.com-Beitrag. Komplette Grafik mit Copyrightangaben, siehe dort

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