Werden auch Deutsche in den Epstein-Files erwähnt?

21. August 2026von 5,4 Minuten Lesezeit

Die so genannten Epstein-Files oder -Dateien haben besonders in den USA für viel Unruhe gesorgt. Deutsche fragen sich, ob vielleicht auch Bundesbürger darin erwähnt werden. Ohne auf mögliche Besucher einzugehen, gibt es jedenfalls vermutliche Opfernamen darin.

Seit September 2015 fehlt von Michele jede Spur. Die damals 22-Jährige verlässt mit einem Koffer die Wohnung ihrer Mutter – und verschwindet. Zehn Jahre lang bleibt ihr Verbleib ein offenes Kapitel in einer deutschen Vermisstenakte, mit der sich offenbar niemand ernsthaft beschäftigt. Erst als im Zuge der Veröffentlichung der Epstein-Files – jener Sammlung von Millionen Dokumenten, E-Mails und Datenträgern aus dem Verfahren gegen den 2019 in US-Haft gestorbenen Jeffrey Epstein – ihr Name auftaucht, gerät wieder Bewegung in den Fall.

Der Fall Michele: Wie eine vermisste Deutsche in den Epstein-Files auftaucht.

Ein Rechercheteam von ZDF, dem Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL und dem Recherchenetzwerk paper trail media rollt den Fall neu auf – und stößt dabei auf Strukturen, die weit über ein einzelnes Verschwinden hinausweisen.

Die Spur in den Akten

Die Journalisten finden E-Mails aus dem Jahr 2014, in denen ein Mann namens Daniel Siad mit Epstein über eine junge Deutsche kommuniziert. Siad, ein französisch-schwedischer Modelagent mit algerischen Wurzeln, schickt Epstein demnach Fotos von Michele und bittet um ein Flugticket für sie. In seiner Nachricht preist er sie regelrecht an – laut den Recherchen von ZDF und SPIEGEL fällt dabei der Satz, Epstein werde sie „lieben“. Ob es tatsächlich zu einem Treffen zwischen Michele und Epstein kam, lässt sich aus den bislang bekannten Dokumenten nicht zweifelsfrei rekonstruieren – die ZDF-Doku „Die Spur“ lässt diese zentrale Frage bewusst offen.

Nach Angaben der Familie hatte Michele Siad bereits 2012 in Dubai kennengelernt und stand seither mit ihm in Kontakt. Ein Jahr vor ihrem Verschwinden sollen sich Siad und Micheles Mutter sogar auf einer Jacht in Dubai getroffen haben – ein Detail, das laut 20 Minuten zeigt, wie eng und wie lange dieses Netzwerk bereits in das Leben der jungen Frau hineinreichte, bevor sie spurlos verschwand.

Ein System, kein Einzelfall

Was den Fall Michele in einen größeren Zusammenhang stellt, ist die schiere Dimension von Siads Rolle im Epstein-Komplex: Sein Name taucht nach übereinstimmenden Berichten mehrerer Medien fast 2.000-mal in den freigegebenen Akten auf – in E-Mails, Anrufprotokollen und Nachrichten, die sich immer wieder um junge Frauen und Mädchen drehen, die er Epstein offenbar zuführte. Laut der englischsprachigen Wikipedia-Dokumentation wird Siad in einem Dokument des US-Justizministeriums von Epstein-Vertrautem Jean-Luc Brunel explizit als Scout oder Rekrutierer von Mädchen und/oder Frauen für Epstein bezeichnet. Brunel selbst, ebenfalls Modelagent, war 2020 wegen Missbrauchsvorwürfen unter Druck geraten und starb 2022 unter ungeklärten Umständen in einer Pariser Gefängniszelle.

Gegen Siad selbst ermittelte die französische Justiz zuletzt wegen des Verdachts auf Menschenhandel und Vergewaltigung. Mindestens fünf Frauen, darunter das schwedische Ex-Model Ebba Karlsson, hatten laut Tagesspiegel Anzeige gegen ihn erstattet. Offiziell trat Siad als Headhunter für Modelagenturen auf – die Aktenlage zeichnet jedoch das Bild eines Mannes, der über Jahrzehnte als Bindeglied zwischen der Modelbranche und Epsteins Netzwerk fungierte.

Siad stirbt kurz vor seiner Vernehmung

Eine Aufklärung des Falls Michele wurde durch ein Ereignis im Juli 2026 zusätzlich erschwert: Wenige Tage vor einer geplanten polizeilichen Befragung wird Siad tot in seinem Haus im Pariser Vorort Colombes aufgefunden. Seine Mitbewohnerin entdeckt ihn nach eigenen Angaben leblos in der Küche. Die Staatsanwaltschaft von Nanterre leitete daraufhin eine Untersuchung zur Todesursache ein und ordnete eine Obduktion an; laut Berichten der Zeitung Le Parisien, aufgegriffen unter anderem von t-online und euronews, kommt als Ursache ein Herzinfarkt in Betracht. Mit seinem Tod stellte die Pariser Staatsanwaltschaft die strafrechtlichen Ermittlungen gegen ihn ein – eine mögliche Zeugenaussage zum Verbleib von Michele wird es damit nicht mehr geben.

Dass ausgerechnet eine der zentralen Figuren eines derart weitverzweigten Netzwerks unmittelbar vor einer entscheidenden Vernehmung stirbt, reiht sich in eine ganze Serie ungeklärter oder zumindest öffentlich stark hinterfragter Todesfälle rund um den Epstein-Komplex ein – vom bis heute kontrovers diskutierten Tod Epsteins selbst 2019 in einer New Yorker Gefängniszelle bis zum Tod Brunels 2022. Offizielle Untersuchungen kamen in beiden Fällen zum Ergebnis, es habe sich um Suizid gehandelt; Zweifel daran wurden in Teilen der Öffentlichkeit dennoch nie ausgeräumt.

Eine Familie, die allein gelassen wurde

Was den Fall Michele besonders bitter macht, ist der Umgang der deutschen Behörden mit dem Verschwinden. Ihre Eltern meldeten sie im Oktober 2015 als vermisst; die zuständige Polizei prüfte laut ZDF-Presseportal, ob Michele in einem Nachbarland oder Bundesland aufgegriffen worden war – ohne Ergebnis. Eine aktive Fahndung sei mangels konkreter Hinweise auf ein Verbrechen nicht möglich gewesen, hieß es. Selbst als sich im Frühjahr 2026 ein Rechercheteam von ZDF und SPIEGEL bei der Polizei meldete, teilte diese laut taz mit, eine öffentliche Fahndung nach Michele sei weiterhin nicht geplant – trotz der neuen Aktenlage. Erst im Nachgang der Recherchen prüften die Behörden, ob wegen eines möglichen Verbrechens ein Ermittlungsverfahren einzuleiten sei.

Elf Jahre lang, so lässt sich der Ablauf zusammenfassen, blieb eine junge Frau, deren Name Hunderte Male im Kontext eines der größten internationalen Missbrauchs- und Menschenhandelskomplexe der jüngeren Geschichte auftaucht, für die deutschen Behörden ein Karteikästchen ohne Priorität. Offensichtlich sind „Hasspostings“ im Internet, wenn sie Politiker betreffen, von höherer Wichtigkeit. Auf Wunsch der Familie verzichten ZDF und SPIEGEL bis heute darauf, Micheles Nachnamen oder ihren letzten bekannten Wohnort zu veröffentlichen.

Was bleibt

Der Fall Michele ist damit weit mehr als eine Randnotiz im Epstein-Komplex. Er zeigt exemplarisch, wie ein internationales Rekrutierungssystem operierte, das über die Modelbranche gezielt junge Frauen in die Nähe von Epstein brachte – und wie wenig Interesse staatliche Stellen über Jahre daran hatten, diesen Verbindungen nachzugehen, obwohl die entsprechenden Namen längst in behördlichen US-Akten kursierten. Mit dem Tod Daniel Siads ist eine der wenigen Personen, die möglicherweise wusste, was mit Michele geschah, verstummt, bevor sie aussagen musste. Ob die Ermittlungen in Deutschland nach den Enthüllungen nun tatsächlich neu aufgenommen werden, ist offen. Für Micheles Eltern bleibt vorerst nur die Ungewissheit – und ein einziges, elf Jahre altes Foto ihrer lachenden Tochter als letztes Lebenszeichen.

Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇


Unsere Arbeit ist spendenfinanziert – wir bitten um Unterstützung.

Folge TKP auf Telegram oder GETTR und abonniere unseren Newsletter.



Bill Gates vor Epstein-Ausschuss

Epstein, Verschwörungstheorien und kein Ende in Sicht

Epstein-Insel der Adria? Aufstand gegen Trump-Projekt in Albanien

Ein Kommentar

  1. Jan 21. August 2026 um 8:20 Uhr - Antworten

    Es bleibt nur die Möglichkeit, dass Nachbarn und Bekannte, vorzugsweise durchsetzungsfähige Damen im besten Alter, ein Auge auf gefährdete Kinder und Jugendliche werfen und Behörden deutlich machen, dass sie unbequem bleiben („Wo ist mein Nachbarskind, ich will es besuchen!“) bzw. Schutz anbieten („Du kannst die Aufgaben gerne bei uns machen und Mittagessen!“). Anders wird es nicht gehen!

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann. Benutzer haften für den Inhalt ihrer Kommentare.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann. Benutzer haften für den Inhalt ihrer Kommentare.

Aktuelle Beiträge