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Technologie

Malaysia wählt Souveränität vor Leistung?

3 Kommentare 10. September 2026 6 Minuten Lesezeit von Jochen Mitschka

Der Souveränitäts-Deal, der Washington nicht gefällt besteht in der Tatsache, dass Malaysia für eigene KI-Projekte keine US-Chips benutzt, sondern chinesische Chips. Was dahintersteckt:

Das ist nicht Malaysia, das „Washington trotzt“. Das ist die Rahmung, die westliche Medien immer bereithalten, wenn ein Land aufhört, um Erlaubnis zu bitten. Laut Bloomberg prüft die Regierung in Kuala Lumpur ernsthaft, die 2 Milliarden Ringgit (rund 494 Millionen US-Dollar) schwere „Sovereign AI Cloud“ mit Huaweis Ascend-910C-Chips statt mit amerikanischer Hardware zu bauen. Es wäre, berichten mehrere Quellen übereinstimmend, der erste Fall, in dem eine Regierung offen chinesische KI-Beschleuniger den amerikanischen vorzieht.

Bezeichnend ist nicht die Chip-Wahl selbst. Bezeichnend ist die Begründung: Malaysia will nicht, dass amerikanisches Recht auf malaysischen Daten sitzt. Der US-CLOUD Act erlaubt US-Behörden Zugriff auf Daten von US-Unternehmen, egal wo auf der Welt sie physisch liegen. Die Entity List erlaubt es Washington, ein Unternehmen – oder ein ganzes Land – über Nacht von der eigenen Technik abzuschneiden. Man unterschreibt den Vertrag, sie behalten den Schlüssel. Wir kennen das vom US-Dollar. Genau dieses Machtgefälle ist es, das ein Land wie Malaysia inzwischen teurer findet als jeden Benchmark-Unterschied zwischen Nvidia und Huawei.

Was die Meldung sagt

Operativer Träger des Projekts ist Telekom Malaysia Bhd., nach eigenen Angaben nach einem öffentlichen Vergabeverfahren ausgewählt. Das Unternehmen betreibt bereits heute Cloud-Infrastruktur mit Huawei-Technik, während seine aktuellen KI-Rechendienste auf Nvidia-Chips laufen – Malaysia bewegt sich also nicht von null auf Huawei, sondern vertieft eine bereits bestehende Partnerschaft. Im Juli 2026 unterzeichnete Huawei Malaysia zudem ein Memorandum of Understanding mit der nationalen Cybersicherheitsbehörde NACSA zu KI-Sicherheit und digitaler Souveränität – Huawei wird damit formal Teil der Absicherung genau jener Infrastruktur, die es selbst beliefert.

Offiziell fährt Malaysia eine „Multi-Vendor“-Linie: Sowohl Nvidia als auch Huawei sollen im Rahmen des nationalen Halbleiterplans beschafft werden können, und laut FMT diskutiert Premierminister Anwars Regierung parallel ein weiteres Vergabeverfahren, das auch Nvidia eine direktere Chance auf den Zuschlag geben würde. Ein US-Regierungsvertreter erklärte dazu, amerikanische Technologie sei weltweit konkurrenzlos und der Export amerikanischer KI-Technik habe für Washington oberste Priorität – Formulierungen, die man in dieser Konstellation eher als Nervosität denn als Gelassenheit lesen sollte.

Was man in den Berichten vermisst

Was in der Berichterstattung fehlt, ist der Präzedenzfall vom Mai 2025. Damals hatte Malaysias stellvertretende Kommunikationsministerin bereits angekündigt, das Land werde eine nationale KI-Plattform mit 3.000 Huawei-Ascend-Chips aufbauen. Innerhalb kürzester Zeit zog ihr Büro die Aussage ohne Erklärung zurück, und das Handels- und Industrieministerium (Miti) erklärte, es handle sich um ein privates, nicht staatlich getragenes Projekt. Gleichzeitig betonte Miti damals, Malaysia bleibe „voll und ganz den geltenden Exportkontrollgesetzen verpflichtet“ – fügte aber hinzu, das Land behalte sich sein souveränes Recht vor, Politik im eigenen nationalen Interesse zu gestalten. Diese Doppelformel, Regelkonformität nach außen, Souveränitätsvorbehalt nach innen, ist genau die Sprache, in der Länder sprechen, die unter Beobachtung stehen, ohne offen zu brechen.

Auch fehlt meist der Hinweis, dass Halbleiter rund 40 Prozent der malaysischen Exportwirtschaft ausmachen. Kuala Lumpur ist kein Land, das sich einen offenen Handelskonflikt mit Washington leisten will – und genau deshalb ist bemerkenswert, dass es das Risiko trotzdem eingeht. Wenn ein derart exportabhängiger Akteur den Ärger der US-Regierung in Kauf nimmt, um bei kritischer Dateninfrastruktur nicht von amerikanischem Recht abhängig zu sein, ist das kein Randnotiz-Detail, sondern der eigentliche Kern der Geschichte.

Und so stellt man sich unwillkürlich einige Fragen

  • Warum eigentlich hat Huawei diese Position sechs Jahre, nachdem das Unternehmen 2019/2020 auf die US-Entity-List gesetzt und von amerikanischer Chip-Fertigungstechnik abgeschnitten wurde? Die Erwartung in Washington war, dass Huawei ohne TSMC-Fertigung und ohne US-Design-Software technologisch verhungert. Stattdessen hat der Konzern eine eigene Lieferkette hochgezogen, liefert Chips aus, und jetzt zieht eine Regierung ernsthaft in Betracht, sie in einem sicherheitsrelevanten, souveränen Projekt einzusetzen. Dieser Teil der Geschichte, dass die Sanktionspolitik ihr erklärtes Ziel verfehlt und stattdessen einen unabhängigen Konkurrenten großgezogen hat, taucht in offiziellen Verlautbarungen erwartungsgemäß nicht auf.
  • Die zweite Frage betrifft das Muster: erst die Sanktionierung des Unternehmens, dann die Warnung an die Nachbarn, die es trotzdem beliefern oder mit ihm kooperieren wollen, dann die Etikettierung als Verteidigung einer „regelbasierten Ordnung“. Nur lautet die einzige tatsächlich durchgesetzte Regel in solchen Fällen regelmäßig: Kauft unsere Technik, oder rechnet mit Konsequenzen. (Ähnlichkeiten mit „kauft unser Frackinggas oder rechnet mit Konsequenzen“ sind rein zufällig.) Wer souveräne Digitalinfrastruktur aufbauen will und dabei nicht von einer einzigen ausländischen Rechtsordnung abhängig sein möchte, stößt fast zwangsläufig auf genau diese Reaktion – unabhängig davon, welchen Anbieter er wählt.

Was weitgehend unbemerkt blieb

Redlich bleibt anzumerken, dass die US-Position nicht ausschließlich Marktschutz ist. Die Ascend-910C-Chips gelten technisch weiterhin als Nvidias Spitzenprodukten unterlegen, und Washingtons Exportkontrollen sind, jenseits geopolitischer Rhetorik, auch mit dem Argument begründet, chinesische KI-Hardware in sicherheitsrelevanten Anwendungen – etwa bei Regierungs-, Militär- oder Geheimdienstdaten, genau jenen Bereichen, die Malaysias Projekt ausdrücklich einschließen soll – berge eigene Abhängigkeits- und Spionagerisiken gegenüber einem autoritären Staat. Dieses Argument wird in Kuala Lumpur kaum diskutiert, obwohl es für ein Land, das explizit vor amerikanischer Rechtszugriff-Abhängigkeit fliehen will, ebenso gelten müsste: Ein Schlüssel, der stattdessen in Peking liegt, ist kein Schlüssel, den Malaysia selbst kontrolliert. Aber offensichtlich schaut sich Malaysia die Geschichte an und erkennt, wer in der Vergangenheit Schlüssel für sich benutzte, und wer nicht.

Der eigentliche blinde Fleck der westlichen Berichterstattung liegt darin, dass sie Malaysias Abwägung als Anomalie statt als Symptom beschreibt. Es geht nicht darum, ob Huawei bei Benchmarks aufgeholt hat.

Es geht darum, wer die Maschine nach der Bezahlung abschalten kann, wer den Stack einfrieren kann, weil ein Politiker in Washington eine schlechte Woche hatte.

Wenn Malaysia diesen Schritt tatsächlich vollzieht, wird es nicht sein, weil Huawei Nvidia technisch überholt hätte. Es wird sein, weil genug Länder es leid sind, Hardware zu kaufen, die mit einer politischen Fernbedienung geliefert wird. Der erste Staat, der das offen durchzieht, hört auf, Kunde zu sein. Er wird zum Beispiel.

Da drängt sich wieder eine Frage auf: Wurden eigentlich schon die US-Jets geliefert, welche Deutschland bestellte, um damit im Notfall Kernwaffen gegen Moskau fliegen zu können?

Bild: Screenshot von Videobeitrag, der Malaysia als KI-Zentrum beschreibt,

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3 Kommentare

  1. Mausikatze
    Antworten

    US-amerikanische Technik bezahlt man nicht nur dem Dollar, sondern auch mit seiner Souveränität.

  2. Der Zivilist
    Antworten

    “ Man unterschreibt den Vertrag, sie behalten den Schlüssel. “

    F-35, dieselbe Geschichte. Und was heißt hier US Chiptechnik ?! Es geht um ASML Maschinen aus Niederland (Hut ab vor ihrer Entwicklungsleistung). Die USA hat ASML verboten, die an China zu liefern, sie arbeiten bei TSMC in Taiwan und aktuell versuchen die USA eine eigene Chip Produktion mit ASML Maschinen in den USA aufzubauen, schließlich könnten China und Taiwan ja friedlich zusammenkommen, die drohende Friedensgefahr. Aber der Aufbau einer Produktion in den USA ist nicht so einfach, denn es fehlen auch die Zulieferer.

  3. Andreas_Sch.
    Antworten

    Dass man die BRD und andere einfach per Mausklick „stromlos“ schalten kann ist bekannt, ja? Dann ist ja gut … 🙂

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