Deutschlands produktive Schicht auf der Flucht

25. Juli 2026von 3 Minuten Lesezeit

Hochqualifizierte, Unternehmer und Leistungsträger verlassen das Land. Deutschland verliert genau die Menschen, die das System am Laufen halten. Ein selbstverschuldetes Desaster mit Ansage.

Deutschland hat jahrzehntelang eine der produktivsten und am besten ausgebildeten Bevölkerungen der Welt aufgebaut. Ingenieure, Wissenschaftler, Techniker, Ärzte und Unternehmer wurden unter der Annahme erzogen, dass Bildung, Leistungsbereitschaft und harte Arbeit zu Wohlstand und einem guten Leben führen. Dieser Gesellschaftsvertrag ist nun gebrochen. Die Menschen, die sich an die Regeln gehalten haben, erkennen, dass der Staat ihren Erfolg primär als steuerbare Ressource betrachtet. Martin Armstrong bringt es auf den Punkt: Die produktive Klasse sucht den Ausgang.

Euronews berichtet, dass allein im letzten Jahr über 288.000 deutsche Staatsbürger das Land verlassen haben. Der Nettoabgang lag bei rund 97.000 Personen – der höchste Wert seit 2017. Dabei handelt es sich nicht mehr nur um Rentner auf der Suche nach Sonne. Es sind vor allem gut ausgebildete Fachkräfte, die das Land verlassen. Eine Umfrage von Indeed zeigt: 54 Prozent der Befragten mit einem Haushaltsnettoeinkommen von mindestens 6.000 Euro haben sich bereits im Ausland beworben oder den internationalen Arbeitsmarkt geprüft. Zwei Drittel erwägen einen längeren oder dauerhaften Aufenthalt im Ausland.

Die Gründe sind eindeutig: Höheres Einkommen (51 Prozent), bessere Lebensqualität (51 Prozent) und geringere Steuer- und Abgabenlast (42 Prozent). 70 Prozent der Befragten halten die Steuerbelastung in Deutschland im Verhältnis zum Einkommen für zu hoch. Leistung lohnt sich nicht mehr ausreichend.

Das Ende des Leistungsprinzips

Ein Vollzeitbeschäftigter am Mindestlohn (13,90 Euro/Stunde) verdient brutto rund 2.409 Euro monatlich. Nach Abzügen bleiben oft 1.700 bis 1.800 Euro netto. Das ist akzeptabel für eine Einstiegs- oder Hilfsarbeit. Das eigentliche Problem zeigt sich bei den Leistungsträgern: Ein Akademiker mit 70.000 Euro Bruttojahresgehalt behält oft nur etwa 3.500 Euro netto im Monat. Das ist kaum doppelt so viel wie beim Mindestlohn-Empfänger – trotz jahrelanger Ausbildung, höherer Verantwortung und deutlich größerem Einsatz.

Deutschland hat einen der höchsten Steuerkeile der Industrieländer. Ein Durchschnittsverdiener behält vom Arbeitgeberaufwand nur rund 50,70 Euro von 100 Euro netto. Die OECD beziffert den Steuerkeil für einen alleinstehenden Durchschnittsverdiener auf etwa 49,2 Prozent (OECD-Durchschnitt 35,1 Prozent).

Deutschland hat eine bürokratische Umverteilungsmaschine geschaffen, die beinahe die Hälfte des wirtschaftlichen Wertes der Arbeit verschlingt, bevor der Arbeitnehmer einen Euro sparen kann. Dann wundern sich dieselben Politiker, dass qualifizierte Deutsche sich keine Wohnungen leisten können, Kinder aufschieben und ins Ausland blicken.

Die USA bleiben das beliebteste Zielland, gefolgt von Großbritannien und der Schweiz. Die Vereinigten Arabischen Emirate und sogar Indien gewinnen an Attraktivität. Die Schweiz bietet höhere Gehälter und niedrigere Steuern, die Emirate verzichten weitgehend auf Einkommensteuer. Wer auswandert, nimmt nicht nur sich selbst, sondern auch sein Wissen, seine Steuerkraft und oft sein Kapital mit.

Deutschland importiert gleichzeitig Hunderttausende Zuwanderer – oft ohne vergleichbare Qualifikation. Das Ergebnis: Nettoabgang der Produktiven bei gleichzeitigem Zuzug von Personen, die das Sozialsystem belasten. Ein demografischer und wirtschaftlicher Selbstmord auf Raten.

Brüssel verschärft das Problem durch immer neue Regulierungen, Klimavorgaben und Energiepolitik, die die Wettbewerbsfähigkeit weiter senken. Die Abschaltung der Kernkraft, die Abkehr von günstiger russischer Energie und die Netto-Null-Ideologie haben die deutsche Industrie massiv geschwächt. Die Produktiven sollen die Zeche zahlen – und wandern deshalb aus.

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Image by Norbert from Pixabay

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9 Kommentare

  1. slowman 25. Juli 2026 um 10:23 Uhr - Antworten

    Vielem vermag ich zu folgen. Dass aber die Einkommenshöhe DER Maßstab für Lebensqualität sein soll, erschließt sich mir nicht.
    Da ist es nur folgerichtig, dass ausgerechnet die zwei Staaten, die in der westlichen Hemisphäre die größte Ungleichheit und die ausgeprägteste Inhumanität aufweisen, das bevorzugte Auswanderungsziel sind. Gated communities, Massen- und Altersarmut, elitäre Bildungs- und Gesundheitssysteme, korrupte Exekutive, gekaufte Parlamente, kolonial-imperialistische Außenpolitik, … the list goes on.
    Die institutionalisierte Egomanie, das Ersetzen eines (ohnehin nie verbalisierten und breit angenommenen) solidarischen Gesellschaftsvertrags durch eine ‚Supremacy of the Meanest‘, das ruiniert unsere Leben. In Europa ebenso wie in der angloamerikanischen Blase.
    Die entscheidenden Impulse zur Besserung in Europa (Demokratieversuche, gesellschaftliche Solidarität und Integration, Sozialstaat) kamen nach den Katastrophen der WK 1 und 2. Ich hoffe für meine Kinder und Enkel, dass uns diesmal der Wandel ohne vorhergehendes Desaster gelingen möge.

    • 1150 25. Juli 2026 um 10:43 Uhr - Antworten

      @,
      ……. ich hoffe für meine kinder und enkel, dass uns diesmal der wandel …….
      bestimmt, die eu hat dass beste, qualifizerteste personal und die passende biomasse dazu.
      nicht vergessen. wir schaffen das

  2. VerarmterAdel 25. Juli 2026 um 9:39 Uhr - Antworten

    …wenn nur das Heilige Klima bleibt, dann ist für den politischen Abschuam der Menschheit alles in Ordnung.

  3. Hello 25. Juli 2026 um 9:01 Uhr - Antworten

    „Die USA bleiben das beliebteste Zielland, gefolgt von Großbritannien und der Schweiz.“

    Für mich irgendwie erstaunlich: Die beiden verbrecherischsten, kriegsgeilsten Staaten des demokratischen Wertewestens USA und GB sind die beliebtesten Auswanderungsziele der deutschen Leistungsträger. Dabei soll das USA-Imperium im Untergang begriffen sein und GB nach dem EU-Austritt ohnehin am Hungertuch leiden.

  4. triple-delta 25. Juli 2026 um 8:56 Uhr - Antworten

    Es hat diesen Gesellschaftsvertrag nie gegeben.
    Aber es gab die DDR als Systemkonkurrenz. Der Wohlstand der Altbundesbürger beruhte auf der Funktion der BRD als Schaufenster für die armen Zomies auf der anderen Seite, an dem diese sich die Nase plattdrücken sollten. Mit 1990 war dieses obsolet geworden und der ganz normale neoliberale Kapitalismus zog in Deutschland ein. Bis 2000 reichte das Tafelsilber der DDR, danach ging es dann richtig los mit der Agenda 2010. Mit Merkel zogen dann US-amerikanische Interessen ins Kanzleramt ein und zogen bis heute nicht wieder aus. Das ist der eigentliche Grund für den Niedergang der Bundesrepublik. Die sprenung von Nordstream war da nur ein Zwischenfinale.

    • Hello 25. Juli 2026 um 10:24 Uhr - Antworten

      „Der Wohlstand der Altbundesbürger beruhte auf der Funktion der BRD als Schaufenster für die armen Zomies auf der anderen Seite, an dem diese sich die Nase plattdrücken sollten.“

      Diese Ansicht habe ich hier schön öfter vertreten (in anderen Worten). Diesmal geben Sie wenigstens zu, dass der Marxismus noch nie funktioneirt hat, sonst hätte es die „armen Zombies“ im vielgepriesenen Kommunismus ja nicht gegeben. Bisher war ja Ihre Stereotype Anmerkung immer nur gewesen: Der böse Kapitalismus ist an allem Schuld.

      Jedes noch so gut gemeinte System ist abhängig von den Menschen, die dieses System tragen – und die sind leider sehr oft habgierig, diktatorisch und verlogen, wie sich das im derzeitigen Raubtierkapitalismus ebenfalls zeigt.

    • Fritz Madersbacher 25. Juli 2026 um 18:18 Uhr - Antworten

      @Hello
      25. Juli 2026 um 10:24 Uhr
      „Der böse Kapitalismus ist an allem Schuld … , Menschen … sind leider sehr oft habgierig, diktatorisch und verlogen, wie sich das im derzeitigen Raubtierkapitalismus … zeigt“

      Es ist zwar müßig, immer wieder darauf hinzuweisen, weil es nichts fruchtet, aber zur Beurteilung des verbreiteten Defätismus und um der gedanklichen Präzision willen sei es wieder einmal versucht.
      Der Kapitalismus war ein großer Fortschritt gegenüber dem Feudalismus und hat sich nur durch Revolutionen gegenüber den diversen feudalen ‚Ancien Régimes‘ durchgesetzt. Längst ist er zum imperialistischen Kapitalismus der Monopole (Banken, „industriellen Komplexe“), zum „Raubtierkapitalismus“ pervertiert, und die Menschen, die darin aufzuwachsen gezwungen sind, werden zu Egoisten geformt.
      Um ihn zu überwinden bräuchte es eine revolutionäre Perspektive und die fehlt den westlichen Gesellschaften nach etlichen Anläufen und zunächst erfolgreichen Versuchen im letzten Jahrhundert ebenso wie die revolutionären Kräfte dafür. Althergekommenes bürgerlich-egoistisches Denken, permanenter Druck und Infiltration von außen führten zum – im Sinne der „Raubtierkapitalisten“ – erfolgreichen Abbruch der gefährlichen, bei uns natürlich propagandistisch auf das Heftigste diffamierten sozialistischen Ansätze. Vieles dieser Indoktrination wird immer noch nicht durchschaut und erzeugt zwangsläufig Entmutigung.
      Was übrig bleibt, ist eine Wutbürgerei mit hilflosem Gequake, das höchstens einer noch schlimmeren Entwicklung den Weg bereitet. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft für die Menschheit konzentriert sich heute auf den überheblich so genannten „Rest der Welt“, der überall gegen den barbarischen Imperialismus aufsteht …

      • Hello 26. Juli 2026 um 7:11 Uhr

        Sehr geehrter Herr Madersbacher (ich meine es wirklich), das klingt für mich , als ob Sie mich belehren wollten, obwohl es hoffnungslos ist. Dabei stimme ich Ihnen vollkommen zu. Genauso wie ich diesmal auch triple-delta zustimme. Allerdings nehme ich auch wahr, was Varus/Hasdrubal immer wieder über den realen Sozialismus gesagt hat. Diese Bemerkungen kenne ich auch von FreundInnen meiner Mutter, die in der DDR lebten. Diese Bemerkungen habe ich von Leuten in der DDR gehört, als ich kurz nach der Wende Leipzig, Weimar, Erfurt, Meißen, Dresden und andere Städte besuchte. Ich kenne solche Bemerkungen von etlichen Ungarn und Tschechen. Solche Bemerkungen habe ich auch von tibetischen Flüchtlingen gehört, die durchaus nicht der Oberschicht angehörten. Aber Erzählungen von Flüchtlingen zählen ja nicht, die sind allesamt vom kapitalistischen Westen indoktriniert. Und genau dieses Wegschauen sehe ich als Indoktrination von der anderen Seite an. Auch dass eine geistig-religöse Ausrichtung immer nur zur Unterdrückung der Bevölkerung durch kirchlichen Feudalismus führt – auch das Indoktrination der anderen Seite. Das aber führt bei mir nicht zum Defätismus. Zu meinem Bedauern stelle ich allerdings fest, dass es im demokratischen Wertewesten derzeit nur wenige Menschen gibt, die genug gebildet und zur Diplomatie fähig sind. Genau diesen will man derzeit das Leben verunmöglichen durch Sanktionen etc. Im Unterschied zu uns scheint es in Russland wirklich ausgezeichnete Diplomaten mit hoher Bildung zu geben. Wenn ein deutscher Politiker meint, wenn man den Sozialstaat möchte, dann müsste man russisch lernen, dann kann ich nur antworten: Schade, dass ich nicht schon in der Schule russisch gelernt habe. Das Angebot war da.

        Ähnliches gilt für den Feminismus. Auch ich habe geglaubt, dass mehr Frauen in der Politik zu einer friedvolleren, verständnisvolleren Politk führen würde. Sehe ich mir heute die Frauen an der Macht an, dann werd ich „um den Schlaf gebracht“. Wenn so mancher Mann aber meint, die „Quotenfrauen“ seien an der derzeitigen politischen Misere verantwortlich, dann soll mir einmal dargelegt werden, welche „Quotenfrau“ einen besser geeigneten Mann verdrängt hätte. Ich sehe sie derzeit schlicht nicht, die geeigneten Männer.

        Der menschliche Geist kann Hervorragendes leisten, zu seinem Besten wie leider auch zu seinem eigenen Untergang.

  5. 1150 25. Juli 2026 um 8:46 Uhr - Antworten

    wer braucht die schon, tschüss und ab.
    seit 2015 bekommt europa endlich vermehrt massenweise bildungselitäre geistesgrössen –
    damit den gutundbessermensch*innen endlich eine gesunde gesprächsbasis gegenübersteht

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