Was treibt Deutschlands 800-Milliarden-Euro-Remilitarisierung an?

20. Juli 2026von 3,7 Minuten Lesezeit

Ideologische, wirtschaftliche und persönliche Interessen sind für die verhängnisvolle Entscheidung der herrschenden liberalen Elite verantwortlich. Sie wird dazu führen, dass Deutschland die USA als Russlands wichtigsten wahrgenommenen Gegner ablöst.

Die Financial Times berichtete Anfang Juli, dass „Deutschland 800 Milliarden Euro für die Aufrüstung in einem historischen Wandel aufnehmen wird“. Der größere Zusammenhang ist das Konzept „NATO 3.0“, das die USA derzeit umsetzen: Sie drängen die europäischen Bündnispartner dazu, mehr Verantwortung für ihre eigene Sicherheit zu übernehmen. In der Praxis bedeutet das, dass die EU die Eindämmung Russlands in West-Eurasien übernehmen soll – entsprechend dem neuen „Cordon sanitaire“, den Trump 2.0 im vergangenen Jahr um Russland errichtet hat. Deutschland soll dabei die Hauptrolle spielen.

Deutschland konkurriert derzeit mit Polen um die Führungsrolle in Mittel- und Osteuropa (MOE) und arbeitet dabei mit seinem ukrainischen Juniorpartner zusammen. Selbst wenn Polen es schaffen sollte, sich eine eigene Einflusssphäre zu sichern, sorgt Deutschlands geplante 800-Milliarden-Euro-Remilitarisierung dafür, dass das Land weiterhin eine Macht bleibt, mit der zu rechnen ist. Es ist bereits heute so, dass „die EU eine viel glaubwürdigere Bedrohung für Russland darstellt als umgekehrt“. Nun könnte Deutschland die USA als Russlands wichtigsten wahrgenommenen Gegner ablösen.

Der ehemalige russische Präsident und amtierende stellvertretende Vorsitzende des Sicherheitsrats, Dmitri Medwedew, warnte Anfang Mai vor der Bedrohung im Stil von 1941, die von Deutschlands Remilitarisierung ausgeht. Kürzlich argumentierte der führende russische Experte Dmitri Trenin, dass es inzwischen die EU – und nicht die USA – ist, die die Flammen des Krieges mit Russland schürt. Da Deutschland der de-facto-Führer der EU ist, ist es folglich das Land, das am stärksten dafür verantwortlich ist, NATO und Russland auf einen möglichen Zusammenstoß um 2030 zuzusteuern – genau wie es Moskau inzwischen für realistisch hält.

Die wichtigsten Triebkräfte hinter dieser Entwicklung sind ideologischer und wirtschaftlicher Natur. Die herrschende liberale Elite sieht ihr Theater des Neuen Kalten Krieges als einen Kampf zwischen „Demokratie und Diktatur“. Gleichzeitig überzeugt der militärisch-industrielle Komplex die vorsichtigeren Teile der Elite davon, dass massive Investitionen in diesen Bereich die Deindustrialisierung Deutschlands aufhalten könnten. Tatsächlich sind jedoch hohe Energiekosten und der Wettbewerb aus China die wahren Ursachen für diesen Trend.

Trotzdem hat die herrschende liberale Elite bereits beschlossen, mit Polen um die Führung in MOE und im europäischen Teil von „NATO 3.0“ zu konkurrieren – und zwar eindeutig auf Kosten der sozioökonomischen Stabilität des Landes. Britische Medien haben kürzlich festgestellt, dass „Deutschland still und leise auseinanderfällt“. Die Eindämmung Russlands – eines Landes, das absolut kein Interesse daran hat, das nuklear bewaffnete amerikanische Bündnisengagement für Artikel 5 auf die Probe zu stellen – hat heute Vorrang vor der Verbesserung der Lebensverhältnisse der deutschen Bevölkerung.

Das Festhalten der herrschenden liberalen Elite an dieser ideologischen Linie, von der einige fälschlicherweise glauben, sie sei der Schlüssel zur Wiederbelebung der schrumpfenden deutschen Wirtschaft, wird möglicherweise auch durch das erwartete Prestige beeinflusst, das mit dieser geopolitischen Rolle verbunden ist. Von ihren europäischen Kollegen dafür gefeiert zu werden – ganz zu schweigen von der öffentlichen Zustimmung der amerikanischen Elite, zu der sie aufgrund ihres Minderwertigkeitskomplexes aufblicken – ist ihnen persönlich wichtig.

Aus russischer Sicht wird Deutschland mit Abstand zu seiner ernsthaftesten Sicherheitsbedrohung in West-Eurasien. Kein verantwortungsbewusster Politiker sollte davon ausgehen, dass Deutschland von diesem Kurs abweichen wird. Ein Präventivschlag ist wegen Artikel 5 unrealistisch, und die durchschnittlichen Deutschen daran zu erinnern, dass sie nun aufgrund der Politik ihrer herrschenden liberalen Elite im nuklearen Fadenkreuz Russlands stehen, wird nichts ändern. Dennoch sollte niemand daran zweifeln: Würde die von Deutschland geführte EU Russland jemals angreifen, würde Russland mit Atomwaffen zurückschlagen.


Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

Andrew Korybko ist ein in Moskau ansässiger amerikanischer politischer Analyst, der sich auf den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat. Er veröffentlicht auf Englisch auf seinem Substack-Blog. Auf Deutsch exklusiv bei TKP.


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6 Kommentare

  1. Pusteblume 20. Juli 2026 um 16:58 Uhr - Antworten

    Von Staates Seite, jedoch nicht in meinem Namen, garantierter Kauf der Produkte namens Waffen und Munition. Schaffung eines Schatten-Arbeitsmarktes. Künstliches Drücken der Zahlen zu Menschen, die arbeitssuchend sind.

  2. Der Zivilist 20. Juli 2026 um 13:24 Uhr - Antworten

    Was treibt Deutschlands 800-Milliarden-Euro-Remilitarisierung an?

    Die Habgier der Habgieren.

  3. Glass Steagall Act 20. Juli 2026 um 12:50 Uhr - Antworten

    Der Unterschied zwischen Deutschland 1939 und Deutschland 2026 ist, dass die Klappe der Führung heute größer ist als das was dahinter steckt! Ich sehe für Russland keine wirkliche Bedrohung außer heiße Luft von einem zerrissenen Europa! Russland könnte heute jederzeit jeglichen Versuch Deutschlands mit Leichtigkeit abwehren! Wir hier machen uns lächerlich mit unserem Kriegsgerassel und sollten wieder zur Diplomatie zurückkehren! Alles andere ist lächerlich ungesund zugleich!

  4. VerarmterAdel 20. Juli 2026 um 11:28 Uhr - Antworten

    Glaubt der Autor ernsthaft, die Polituhren des Klimagottesstaates Deutsch hätten irgendetwas zu melden? Das ist lachhaft!

    Wer NS1 und NS2 praktisch ohne jeden Widerstand geschehen lässt, ist eine feige, rückgratlose, skrupellose, verlogene, landes- und volksverräterische Marionette der herrschenden Klasse, und das ist im Grunde überall so. Die ganze Welt wurde von Psychopathen unterwandert.

    „Governments are not in charge. They serve as front organisations for the transnational capitalist oligarchy—the parasite class. Governments and all the pointless party political shenanigans exist to maintain our misplaced faith in alleged “representative democracy”, which is the antithesis of democracy.“
    — We Have a Choice. – https://iaindavis.substack.com/p/we-have-a-choice

  5. K Kaefer 20. Juli 2026 um 11:11 Uhr - Antworten

    Naja, wie die Remilitarisierung Ds zu begründen ist hat sich ja mittlerweile rumgesprochen.

    Mit Krieg ist eindeutig mehr Geld zu verdienen als mit Friedensprojekten. Gegeneinander durch die Medien aufgehetzte Bevölkerungen bringen sich gegenseitig um, was den beschlossenen Bevölkerungsabbau beschleunigt. Was nach der Verwüstung übrigbleibt teilen sich die „Siegermächte“ auf, siehe auch die Leichenzerfledderung Deutschlands nach WK2. Da das so gut funktioniert hat gibt’s jetzt die V3.0. Triebkräfte sind das Anglo-Zionistische Finanzkapital, beheimatet in der City of London. Wichtige Nebenziele der zukünftigen Weltbeherrscher erledigen sozusagen automatisch dabei von selbst, landsläufig bekannt als win-win-Situation: die weitere Zerstörung des Christentums, immer schon ein Dorn im Auge bei gleichzeitiger Auflösung der Nationalstaaten auch durch die Islamisierung Europas, was vor ein paar hundert Jahren noch einmal abgewendet werden konnte. Und durch das unermessliche durch Tod, Vertreibung, Krankheit etc. erzeugte Leid erfüllen die Strippenzieher ihren Vertrag mit ihrem Herrn und Gebieter.

    Ein paar Details fehlen vielleicht aber das dürfte der Antwort auf die Frage sehr nahe kommem.

    • Pusteblume 20. Juli 2026 um 16:59 Uhr - Antworten

      Wieso konnte der Zionistische Sitz in London überhaupt erst entstehen?

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