
Gekaufte Wissenschaft: „Überall, wo wir nach Korruption gesucht haben, haben wir sie gefunden.“ Emily Kaplan
Emily Kaplan, Mitbegründerin der Broken Science Initiative, bestätigt, umfangreiche Korruption in Verbindung mit wissenschaftlichen Artikeln gefunden zu haben. Die Chefredakteure der weltweit angesehensten medizinischen Fachzeitschriften – BMJ, The Lancet – räumten öffentlich ein, dass sie der eigenen publizierten Forschung nicht mehr trauen. Man könne die Studien nicht reproduzieren, wisse teilweise nicht einmal mehr, wer sie tatsächlich durchgeführt habe. Und: „Überall, wo wir nach Korruption gesucht haben, haben wir sie gefunden.“
(Quelle) Das klingt nach der Art steiler These, die in sozialen Netzwerken schnell viral geht und ebenso schnell als „Verschwörungserzählung“ abgetan wird. Ein Faktencheck lohnt sich trotzdem – und das Ergebnis ist unbequemer, als es die Reflex-Einordnung „Fehlinformation“ nahelegt. Denn die zitierten Editoren haben das tatsächlich gesagt. Nicht in einem Interview am Rand, sondern in eigenen, namentlich gezeichneten Editorials der betroffenen Journale selbst.
Der Lancet-Editor: „Die Hälfte könnte schlicht unwahr sein“
Der prominenteste Beleg stammt von Richard Horton, seit 1995 Chefredakteur von The Lancet, einem der einflussreichsten medizinischen Fachjournale der Welt. In seinem viel zitierten Editorial „Offline: What is medicine’s 5 sigma?“ aus dem Jahr 2015 schrieb er, nach einem Symposium führender Forschungsinstitutionen zur Reproduzierbarkeit biomedizinischer Forschung, wörtlich:
Ein Großteil der wissenschaftlichen Literatur, vielleicht die Hälfte, könnte schlicht unwahr sein. Als Ursachen nannte er kleine Stichproben, winzige Effekte, methodisch ungültige explorative Analysen und offene Interessenkonflikte, gepaart mit der Jagd nach modischen, aber wenig bedeutsamen Trends – die Wissenschaft, so Horton, habe eine Wendung ins Dunkle genommen (Quelle: The Lancet, Vol. 385, 2015).
Bemerkenswert: Horton berief sich dabei auf eine anonyme Äußerung eines Teilnehmers des Symposiums, gemacht unter den sogenannten Chatham-House-Regeln – also unter der Bedingung völliger Vertraulichkeit gegenüber der Öffentlichkeit. Ein Klima, in dem führende Wissenschaftler offenbar nur dann ehrlich über den Zustand ihres Feldes sprechen, wenn niemand es ihnen zuordnen kann, ist selbst schon ein Befund.
Der BMJ-Editor: „Zeit, Forschung als betrügerisch anzunehmen, bis das Gegenteil bewiesen ist“
Noch expliziter wurde Richard Smith, von 1991 bis 2004 Chefredakteur des British Medical Journal (BMJ), Mitbegründer des Committee on Publication Ethics (COPE) und langjähriges Mitglied des UK Research Integrity Office. In seinem Essay „Time to assume that health research is fraudulent until proved otherwise?“ (BMJ Opinion, Juli 2021) zitiert er den Gynäkologen Ben Mol, wonach rund 20 Prozent der Daten in klinischen Studien schlicht erfunden seien. Smith verweist zudem auf eine Untersuchung des britischen Anästhesisten John Carlisle, der bei Studien mit verfügbaren Patientenrohdaten in der Fachzeitschrift Anaesthesia bei 44 Prozent falsche oder unplausible Datensätze fand. Smiths Fazit: Peer Review sei strukturell nicht in der Lage, Betrug zu erkennen, weil Gutachter grundsätzlich von der Redlichkeit der Autoren ausgehen. Retraktionen blieben die Ausnahme, selbst wenn Fälschung feststehe.
Das ist kein Einzelfall aus der Blogosphäre des BMJ. Bereits Smiths Vorgänger Stephen Lock äußerte in den 1980er-Jahren ähnliche Sorgen – wurde damals aber, so Smith rückblickend, als exzentrisch abgetan (siehe auch die Aufarbeitung bei The Print). Vierzig Jahre Vorlaufzeit für eine Erkenntnis, die heute als „Verschwörungstheorie“ gilt, wenn sie in einem Social-Media-Clip auftaucht – das ist bemerkenswert.
Kein Einzelphänomen: die „Papierfabriken“
Was Kaplan mit „wir wissen nicht einmal, wer die Forschung gemacht hat“ meint, lässt sich inzwischen sogar quantifizieren. Eine aktuelle, im BMJ veröffentlichte Studie hat mittels eines eigens trainierten KI-Modells 2,6 Millionen onkologische Fachartikel aus den Jahren 1999 bis 2024 auf sprachliche Muster hin untersucht, die typisch für sogenannte „Paper Mills“ sind – kommerzielle Anbieter, die auf Bestellung fiktive oder manipulierte Studien samt Autorenlisten verkaufen. Über 250.000 Arbeiten, knapp zehn Prozent des untersuchten Bestands, wiesen solche Verdachtsmuster auf (siehe die Zusammenfassung bei ScienceDaily sowie die Einordnung bei Inside Precision Medicine). Initiativen wie United2Act, ein Zusammenschluss aus Verlagen, Universitäten und unabhängigen „Sleuths“ (Wissenschaftsdetektiven), versuchen inzwischen mit mehrschichtigen Kontrollsystemen – Plagiatsprüfung, Bildforensik, Zitationsanalyse, Autorenverifikation – gegenzusteuern. Dass ein solcher institutioneller Abwehrapparat überhaupt aufgebaut werden muss, ist selbst der eigentliche Befund.
Ergänzend dazu der methodologische Klassiker von John Ioannidis, Epidemiologe in Stanford: Sein 2005 in PLoS Medicine erschienener Aufsatz „Why Most Published Research Findings Are False“ gilt bis heute als eine der meistzitierten Arbeiten der biomedizinischen Methodenkritik – zwanzig Jahre vor dem heutigen viralen Clip, aus dem Zentrum des akademischen Betriebs selbst.
Das eigentliche Problem: Anreizstruktur statt einzelner „böser Forscher“
Wichtig für die Einordnung: Keiner der zitierten Editoren behauptet, die moderne Medizin sei insgesamt wertlos oder bewusst inszenierter Betrug „von oben“. Ihre Kritik richtet sich gegen ein System von Anreizen – „Publish or perish“ an Universitäten, ein Peer-Review-Modell, das auf unbezahlter Arbeit überlasteter Gutachter beruht, ein Geschäftsmodell großer Verlage, das von Publikationsvolumen statt Qualitätssicherung lebt, sowie eine Forschungsfinanzierung, in der industrienahe Studien mit positivem Ergebnis systematisch leichter veröffentlicht werden als negative. Genau diese strukturelle Kritik wird im viralen Kurzclip auf einen plakativen Korruptionsvorwurf verkürzt – was ihn angreifbar macht, obwohl der zugrunde liegende Befund der Fachzeitschriften selbst unbestreitbar dokumentiert ist.
Warum das weltweit relevant ist
Die zitierten Editorials stammen aus Großbritannien, doch das beschriebene System – Impact-Faktor-Wettbewerb, globalisierte Paper Mills, industriefinanzierte Studien, strukturell überlastete Gutachter – ist international. Retraktionsanalysen zeigen Fälschungscluster in zahlreichen Forschungssystemen weltweit, was zeigt: Es handelt sich nicht um ein Randproblem einzelner Länder, sondern um eine strukturelle Schwäche des akademischen Publikationssystems insgesamt.
Wenn ausgerechnet jene Menschen, die an der Spitze der Torwächter-Institutionen stehen – die entscheiden, was als „gesicherte Wissenschaft“ gilt, bevor Ärzte, Regulierungsbehörden und Journalisten sich darauf berufen –, öffentlich ihr eigenes System infrage stellen, dann ist das keine Randnotiz. Es ist die eigentliche Nachricht, die im viralen Kurzclip verloren geht: Nicht dass „alles gelogen“ ist, sondern dass die Instanzen, die kollektiv als letzte Instanz gegen Falschinformation in der Medizin gelten, selbst öffentlich einräumen, ihre eigene Kontrollfunktion nicht mehr zuverlässig ausüben zu können.
The editors of the world’s most prestigious medical journals are
sounding the alarm, and nobody is listening. „We have peer reviewed,
high impact editors in most of the journals that are the most high
impact, saying that they don’t believe what is being published in those…— schutzhund (@schutzhundcaz) July 18, 2026
Bild: Screenshot von Vidoeausschnitt mit Emily Kaplan.
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Der Staat hat einer Studie, die wesentliche Themen (Kanzerogenität, Fertilität, Toxizität, Pharmakologie, Shedding, Langzeitfolgen) ausgelassen hatte und die ein völlig anderes Produkt getestet hatte (anderer Herstellungsprozess) dermaßen vertraut, dass er den Stoff obligatorisch gemacht hat.
Das ist langfristig nicht ohne politische Folgen denkbar.
„… Das ist langfristig nicht ohne politische Folgen denkbar.“
Wenn diese Sach-Informationen die breite Bevölkerung erreicht haben und (auf die BRD bezogen) das informationsfreiheitsgesetz nicht bis zur Zahnlosigkeit und Harmlosigkeit von denjenigen (Verbrechern aus der Bundes- und den LandesreGERungen in der BRD) gestutzt wurde, dass es zu nichts mehr zu gebrauchen ist, außer, Kritikern und Gegnern das Leben zur Hölle zu machen (Geheimdienstaufgaben-Änderung gemäß Neo-Staaasi-Chef Dobrindt).
Uralt – John Ioannidis_ 80% der Studien sind Schrott.
Wie – Wann – und Wo sollte da etwas besser geworden sein, nachdem sogar seine Familie schwerst bedroht wurde?