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Politik

Netanyahus Annexionspläne und die zerstörten Kirchen des Libanon

3 Kommentare 6. Juli 2026 6 Minuten Lesezeit von Dr. Peter F. Mayer

Benjamin Netanyahu hat in einem Interview mit Fox News behauptet, christliche Dörfer im Libanon hätten Israel um Annexion gebeten, weil Israel sie vor den „Fanatikern der Hisbollah“ schütze. Er stellte Israel als Beschützer der Christen im Nahen Osten dar und behauptete, nicht nur Christen, sondern auch Drusen, Sunniten und sogar einige Schiiten suchten diesen Schutz.

Diese Aussage steht in krassem Widerspruch zu den dokumentierten Zerstörungen christlicher Stätten durch israelische Streitkräfte im Libanon. Ein klassischer Fall von Täter-Opfer-Umkehr, wie man sie aus der imperialen Propaganda kennt — nur diesmal mit sakraler Kulisse. Am 5. Juli 2026 trat Benjamin Netanyahu vor die Kameras von Fox News und servierte dem amerikanischen Publikum bei Fox News Sunday Briefing eine Geschichte, die an Chuzpe kaum zu überbieten ist: Christliche Dörfer im Südlibanon hätten, so der israelische Premierminister, „tatsächlich darum gebeten, von Israel annektiert zu werden, weil wir sie vor den Hisbollah-Fanatikern beschützen, die sie töten wollen“.

Keine 24 Stunden später kam das Dementi — nicht etwa aus Beirut, sondern direkt aus den betroffenen Dörfern selbst. Der Bürgermeister von Rmeish, Hanna al-Amil, erklärte über den libanesischen Staatssender NNA, der Gedanke sei „absolut indiskutabel“. Fünfzehn christliche Ortschaften hätten bereits zwei Tage zuvor eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht, in der sie ihre „Loyalität zur nationalen Identität“ und ihre „Verbundenheit mit der libanesischen Flagge“ bekräftigten.

Die Realität: Kirchen als Zielscheiben

Während Netanyahu also den großen Beschützer der Christen mimt, sieht die Realität im Südlibanon fundamental anders aus. Die israelische Armee hat dort in den vergangenen Monaten systematisch christliche Sakralbauten zerstört. Keine Kollateralschäden. Keine Versehen. Systematisch.

Das Salvatorianerinnen-Kloster in Yaroun

Anfang Mai 2026 rückten israelische Bulldozer im Grenzdorf Yaroun an und demolierten Teile eines katholischen Klosters der Basilianischen Salvatorianerinnen. Die Ordensoberin Gladys Sabbagh bestätigte gegenüber Associated Press, dass das Kloster eine Schule beherbergte — geschlossen seit dem Krieg 2006 — sowie eine Klinik, die erst kürzlich ins nahegelegene Rmeich verlegt worden war (CBC News, 2. Mai 2026).

Die israelische Armee behauptete später, das Gebäude habe „keine religiösen Zeichen“ getragen und sei von der Hisbollah als Raketenstellung genutzt worden. Die katholische Kirche im Libanon wies das kategorisch zurück. Pater Abdo Abou Kassm, Direktor des katholischen Informationszentrums, stellte klar: „Das sind Orte des Friedens, der Liebe und der Bildung. Das sind keine Militärbasen.“

Die St. Georgs-Kirche in Derdghaya

Noch deutlicher war der Fall der melkitischen griechisch-katholischen St. Georgs-Kirche in Derdghaya. Das Gotteshaus, als libanesisches Kulturerbe gelistet, wurde 2024 von der israelischen Armee dem Erdboden gleichgemacht. Die Bilder gingen um die Welt — Schuttberge, wo einst ein Gotteshaus stand. AFP-Fotografen dokumentierten im Dezember 2024 einen einsamen Mann, der einen Weihnachtsbaum in den Trümmern aufstellte (Vatican News, 8. Mai 2026).

Der Rat der melkitischen griechisch-katholischen Bischöfe im Libanon fand dafür klare Worte: „Kirchen, Schulen und Häuser sind nicht nur Steine. Diese Orte anzugreifen bedeutet, die menschliche Würde selbst zu attackieren.“

Die entvölkerten Dörfer: Qawzah und Alma el-Chaab

Die christlichen Dörfer Qawzah und Alma el-Chaab wurden nicht nur beschossen — sie wurden dem Erdboden gleichgemacht und ihre Bewohner vollständig vertrieben. Was übrig bleibt, sind Geisterdörfer. Viele Libanesen sehen darin eine bewusste Strategie: Zerstörung in einem Ausmaß, das eine Rückkehr der Zivilbevölkerung unmöglich macht.

Symbolische Entweihung

Zur militärischen Zerstörung gesellt sich die symbolische Demütigung. Bereits im April 2026 sorgten Aufnahmen eines israelischen Soldaten für internationale Empörung, der im südlibanesischen Dorf Debel mit einer Axt auf eine gestürzte Jesus-Statue am Kreuz einschlug. Die Bilder verbreiteten sich viral — und mit ihnen die Erkenntnis, dass es hier nicht um „Präzisionsschläge gegen Terrorinfrastruktur“ geht, sondern um etwas viel Hässlicheres.

Die katholische Kirche im Libanon sprach von einer „Entweihung“. Der Vatikan verurteilte die Vorfälle. Und Netanyahu? Der spricht zeitgleich von Annexionswünschen der Christen.

Die Opferzahlen: Was das libanesische Gesundheitsministerium meldet

Das libanesische Gesundheitsministerium dokumentiert seit Monaten die zivilen Opfer der israelischen Angriffe. Die Zahlen sind — wie in jedem asymmetrischen Konflikt — schwer unabhängig zu verifizieren, aber die Tendenz ist eindeutig: Unter den Toten und Verletzten befinden sich überproportional viele Zivilisten, darunter auch Christen aus den südlichen Grenzdörfern.

Was in der westlichen Berichterstattung konsequent unter den Tisch fällt: Die Vorstellung, Israel führe einen „chirurgischen Krieg“ ausschließlich gegen die Hisbollah, ist eine Fiktion. Wenn Kirchen, Klöster und ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht werden, dann ist die Zivilbevölkerung nicht Kollateralschaden — sie ist Ziel.

Der mediale Blindflug

Dass diese Geschichte im deutschsprachigen Raum kaum Resonanz findet, ist bezeichnend. Während jedes noch so kleine Fehlverhalten anderer Nahost-Akteure seitenlang ausgewalzt wird, herrscht bei israelischen Übergriffen auf christliche Einrichtungen weitgehend Funkstille.

Dabei geht es hier nicht um irgendeine Marginalie. Es geht um:

  • Die systematische Zerstörung von UNESCO-gelistetem Kulturerbe
  • Die Vertreibung alteingesessener christlicher Gemeinschaften aus ihrer Heimat
  • Die widerlegte Behauptung, diese Christen wünschten sich israelische Annexion
  • Die Entweihung christlicher Symbole durch israelische Soldaten

Würde irgendein anderer Staat im Nahen Osten Kirchen niederwalzen und Jesus-Statuen zertrümmern — die Empörung wäre ohrenbetäubend. Bei Israel hingegen gilt: drei Tage Schlagzeilen, dann zurück zum Tagesgeschäft.

Was hier wirklich gespielt wird

Netanyahus Annexions-Rhetorik ist kein Ausrutscher. Sie ist Teil einer langfristigen strategischen Kommunikation, die darauf abzielt, die Besetzung südlibanesischen Territoriums zu normalisieren. Der Premierminister selbst erklärte bei einer Staatszeremonie am selben Tag, Israels Militär werde seine Präsenz im Südlibanon „so lange wie nötig aufrechterhalten, um die Bewohner des Nordens und alle Bürger Israels zu schützen“.

„So lange wie nötig“ — das ist diplomatischer Code für: auf unbestimmte Zeit. Vielleicht für immer.

Die christlichen Dörfer des Südlibanon sind in dieser Kalkulation doppelt nützlich:

  • Als menschliche Schutzschilde gegen Hisbollah-Angriffe (wer beschießt schon Kirchen?)
  • Als Propaganda-Kulisse für das westliche Publikum (seht her, wir beschützen die Christen!)

Dass die Christen selbst davon nichts wissen wollen, stört dabei nur am Rande.

Der Rat der melkitischen griechisch-katholischen Bischöfe hat die libanesische Regierung, die Vereinten Nationen und die internationale Gemeinschaft aufgerufen, Zivilisten, Eigentum und religiöse Einrichtungen zu schützen — „damit diese Dörfer nicht stillschweigend dem Vergessen anheimfallen“.

All das ist nicht neu, denn der Staat Israel  hat genau so begonnen:

Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇

Das Titelbild zeigt einen israelischen Soldaten, der im Südlibanon eine Statue von Jesus am Kreuz zerschlägt. (Screenshot/@ytirawi/X)

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3 Kommentare

  1. K Kaefer
    Antworten

    Ist einfach nur konsequent, sollte Niemanden wundern. Siehe z.B „Secret World Government or the Hidden Hand“ von Cherep-Spiridovich, zufälligerweise heuer exakt 100 Jahre alt .

  2. Varus
    Antworten

    Diese Aussage steht in krassem Widerspruch zu den dokumentierten Zerstörungen christlicher Stätten durch israelische Streitkräfte im Libanon.

    Mileikowski schafft es, sogar Trump mit wirren widersprüchlichen „Fake News“ zu toppen – grundsätzlich darf man überhaupt nichts davon glauben, was der Herr erzählt.

    Ungeschnittene bringen heute „Ist die MoU-Katze tot, lebendig oder im Koma?“ von Pepe Escobar – wenn die Amis sich zurückziehen, wird dann Isr weniger übermutig? „… wenn man es als eine – wenn auch noch werdende – Koalition betrachtet, die Iran, Pakistan, China, zentrale GCC-Mitglieder, die Türkei und Ägypten vereint, so ist dies bereits eine sich aus eigener Kraft bewegende Kraft, der gegenwärtig nicht viel entgegensteht; diese Koalition könnte, geschickt konstruiert, die USA bis zum Frühjahr 2027 aus Westasien verdrängen. …“

  3. Gabriele
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    Das Bild oben sagt alles aus über „Menschen“…. man versetze sich historisch zurück in eine Szenerie, die so ähnlich stattgefunden haben könnte… egal, ob man „gläubig“ ist oder nicht.
    Andere samt allem, was ihnen heilig ist, in den Dreck zu treten ist eine „menschliche“ Eigenschaft, um sich selbst zu erhöhen. So wie Vergewaltigung oder das Misshandeln von Frau und Kind primär etwas mit Machtgier und Selbsterhöhung zu tun hat. Interessant auf jeden Fall…
    Und wir glauben, heute wäre alles „besser“ – das Gegenteil ist richtig. Die Menschheit lernt nichts, sie wiederholt nur wieder und wieder ihre Geschichte. Das Böse ist präsent, weil es das Gute gibt (Yin und Yang) und derzeit scheint es wieder absolut auf dem Vormarsch.

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