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Wissenschaft

Unsere sorgsam konstruierte Vergangenheit

3 Kommentare 5. Oktober 2026 5 Minuten Lesezeit von Gerd und Renate Reuther

Die Geschichten, die man uns in Schule und Studium erzählt hat, entsprechen nicht unserer Vergangenheit. Revolutionen und Aufstände wurden verschwiegen oder mit irreführenden Namen versehen.

Machthungrige Tyrannen und nicht deren Finanziers hätten Kriege angezettelt. Herrscher wären selbst bei vorzeitigem Tod an Krankheiten verstorben. Auftragsmorde und Aktionen unter falscher Flagge kennt unsere Geschichte nicht. Unsere offizielle Geschichte ist nur eine von vielen möglichen Erzählungen, die Herrschende zumeist in bestes Licht rückt. Von einer Chronik gesicherter Ereignisse kann keine Rede sein.

Die Kette von Ursachen und Wirkungen vergangener Ereignisse ist auseinandergefallen oder zerrissen worden. Für ein geschlossenes Narrativ fädelte man die Glieder der Kette so auf, dass sich die Vorkommnisse scheinbar auseinander ergeben. Selbst dreiste Erfindungen und Fälschungen sind zu diesem Zweck kein Tabu. „Covid-19“ war nicht die erste Fata Morgana. Nur so können sich Ereignisse wiederholen, ohne dass die Gefahren rechtzeitig erkannt werden. Die offizielle Geschichte ist das Fantasieprodukt der gegenwärtigen Sieger.

Unsere Geschichtschronologie kann schon deswegen nicht zutreffen, da archäologische Funde an Abfolge und Dauer der Vorkommnisse nichts geändert haben. Das hauptsächlich von zwei Männern vor etwa 400 Jahren erstellte Zeitraster basiert weiterhin auf den Vorgaben des Alten Testaments mit einem Schöpfungstag vor etwa 7000 Jahren.i Wieso sollten sich die Ereignisse der Jahrtausende so abgespielt haben, wie einige wenige Personen aus Schriften unklaren Alters herauslasen, ohne unser astronomisches Wissen oder datierte Bodenfunde?

Geschichtserzählungen sind immer deutlich jünger als die zugehörigen Vorgänge. Die Bibliothek der Narrative wurde in der Renaissance von Kirchengelehrten eingerichtet und im 19. Jahrhundert nach der Niederschlagung der sich mit Napoleon ausbreitenden französischen Revolutionsideen von Geisteswissenschaftlern sturmfest gemacht. Enzyklopädien und Lexika legten ab den 1810er Jahren Gespenster und Ungeheuer der Vergangenheit genauso fest wie deren Helden und Genies. Erst seither zogen das „Pestarzt“-Kostüm mit Schnabelmaske, der „Schwarze Tod“, das „Ewige Rom“ und Epochen wie „Gotik“, „Romanik“ oder „Humanismus“ in die Geschichtsbücher und das kollektive Bewusstsein ein. Heute erleben wir mit der digitalen Archivierung eine erneute Deutungsanmaßung, was in welcher Form für die Nachwelt verbleiben soll.

Der Chronisten-Trick

Die vermeintlich dokumentierten Zeitgeschehnisse auf Pergament hatten mit der Realität nicht mehr zu tun als die Archive öffentlich-rechtlicher Sendeanstalten. Beschriebene Pergamente erschufen eine Vergangenheit wie heutige Mediatheken. Die wenigsten Vorkommnisse wurden tages- oder wochenaktuell protokolliert. Aufzeichnungen datieren meist Jahrzehnte oder Jahrhunderte nach den vorgeblichen Geschehnissen. Eine typische Formulierung lautet: „Wie die Chronik des Lorscher Codex im zeitlichen Abstand von gut vierhundert Jahren Ende des 12. Jahrhunderts zu berichten weiß.“ii

Es ist irreführend, die durchweg kirchlichen Autoren als „Chronisten“ zu bezeichnen. Deren Erzählungen, die meist weit in der Vergangenheit beginnen, schildern Legenden und aus anderen Schriften Entnommenes ausführlicher und mit gleicher Sicherheit wie Begebenheiten, die sich vielleicht wirklich in ihrem Dunstkreis und ihrer Zeit ereigneten. „Annalen“ reduzieren sich auf Notizen, wenn sie die behauptete Lebenszeit des Autors erreichen. Liegt es daran, dann nicht mehr aus anderen Erzählungen abschreiben zu können? Von Authentizität kann bei „Berichterstattern“ in abgeschiedenen Klöstern ohnehin keine Rede sein.

Woher hatten die schreibenden Klosterbrüder eigentlich ihre Informationen? Waren sie Augenzeugen oder hatten Sie nur etwas gelesen oder gehört? Wieso hätten überhaupt Mönche politische Geschichte geschrieben? Wer gab ihnen den Auftrag? Warum kommen Angestellte des Kirchenkonzerns darin immer so gut weg und waren nie Täter, sondern allenfalls Opfer? Die Wertung des amerikanischen Philosophen George Santayana (1863-1952) trifft den Nagel auf den Kopf: „Geschichte ist ein Packen von Lügen über Ereignisse, die nie stattgefunden haben, erzählt von Personen, die nicht dabei waren.“

Oft genug wird es diese „Chroniken“ mit den gewünschten Fakten nicht gegeben haben. Dann blieb nichts anderes übrig, als die Schilderung einer fiktiven Person in den Mund zu legen und das Geschriebene rückzudatieren. Alter hatte immer seinen Reiz. In früheren Zeiten weit mehr als heute. Einer der Erfinder einer arkadischen Antike lässt uns durch eine seiner Figuren ausrichten: „Jene Zeiten liegen so fern von uns, dass viele Lügen erzählt werden können und niemand sie zu widerlegen vermag.“iii

Es war lukrativ, auf Ansprüche und Rechtstitel zu verweisen, die es schon länger gegeben hätte und damit nicht zu bestreiten wären. Schließlich ging es den Mönchsorden und dem Kirchenkonzern immer auch darum, sich mit „Chroniken“ auf Einkünfte und Privilegien zu berufen, die ihnen Vorgänger der aktuellen Herrschaft zugebilligt hätten. „Chronisten“ vor dem Jahr 1000 sollten bis zum Beweis des Gegenteils als Pseudonyme späterer Autoren gelten, die ihre Erzählungen rückdatiert haben. Beruhen große Teile unserer vermeintlichen Geschichte darauf, ist es nicht verwunderlich, wenn die Geschichte umso weniger zutrifft, je mehr Zeit verflossen ist.

Chronologie und Erzählungen unseres Geschichtsnarrativs sind mehr fiktiv als faktenbasiert. Halten wir uns im Folgenden an das Matthäus-Evangelium – wann immer es geschrieben wurde: „Es gibt nichts Verhülltes, das nicht offenbar gemacht, und nichts Geheimes, das nicht erkannt werden soll.“ (Matthäus-Evangelium 10,26) Wir müssen nur den Mut haben, den eigenen Verstand zu gebrauchen! Mehr zum Thema: „Tatort Gelehrtenstube. Weitere Ermittlungen in der Vergangenheit.“ Engelsdorfer Verlag 2026.

Referenzen

i Reuther G: Tatort Vergangenheit. Wie eine Fake Past unsere Zukunft diktiert. S. 28-32; Engelsdorfer; Leipzig 2025

iii Castiglione B: Il libro del Cortegiano. Deutsche Übersetzung: Das Buch vom Hofmann. DTV; München 1986


Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

Univ.-Doz.(Wien) Dr. med. Gerd Reuther ist Medizinaufklärer und Medizinhistoriker. Dr. Renate Reuther ist Historikerin. Zusammen haben sie vier Bücher verfasst.


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3 Kommentare

  1. Jurgen
    Antworten

    Übrigens fehlen ja schon im Mittelalter bereits ganze Jahrhunderte in der Abfolge.

    Und wer noch nichts über die Bauernkriege gelesen hat, sollte das tunlichst mal nachholen.

  2. Jochen Mitschka
    Antworten

    Die Geschichte Thailands hat eine offizielle und eine verbotene Geschichtsschreibung. Daran kann man sehr schön erkennen, wie es überall auf der Welt zugeht, nur verdeckter.

    Von den Monarchen der Bangkok-Periode zeigten die Könige Mongkut
    (1851–1868) und Chulalongkorn (1868–1910) besonderes Interesse an
    der Vergangenheit, und zwar genau zu einer Zeit, als interne Reformen,
    der Druck der Westmächte und Reaktionen auf westliches Gedankengut
    die Vergangenheit infrage stellten und somit das historische Bewusstsein
    schärften.

    Dieses historische Bewusstsein in Thailand war ja von den Königen
    und ihren Vorfahren erst »geschaffen« worden. Wir wissen aus der
    Geschichte der Pharaonen, wie mühsam es war, mit Steinmetzen die
    Geschichte umzuschreiben. In Thailand war das einfacher, da in
    Kriegen Schriften und Geschichtsartefakte verloren gegangen waren.
    Im Jahr 1833, so die offizielle Geschichtsschreibung Thailands,
    fand König Mongkut eine Inschrift von König Ramkhamhaeng des
    Reiches Sukhothai, die aus dem 13. Jahrhundert stammen soll. Er
    brachte die Inschrift nach Bangkok und begann, die Epigrafik (In-
    schriftenkunde) zu fördern, die schon bald von ausländischen und
    thailändischen Lehrern weiterentwickelt wurde.

    Der erste Band über die Inschrift erschien im Jahr 1924, weitere
    folgten. Einige ausländische Forscher sehen die Steintafeln zwar als
    eine später entstandene Fälschung an, aber für Generationen von
    Schülern und Studenten war und ist diese Inschrift eine Kernaussage
    der Ewigkeit und der potenziellen Leistung der absolutistischen Mo-
    narchie. Ob die Steintafeln Fälschungen sind, obwohl Sie UNE-
    SCO-Ehren erhielten, oder nicht, darüber wird nicht nur in Thailand
    heftig, emotional und mit großem Einsatz gestritten – müsste doch
    im Fall einer Fälschung die Geschichte des Landes umgeschrieben
    werden.

    Die Könige sahen nun die Geschichtsschreibung auch als Werk-
    zeug an, territoriale Ansprüche zu erheben. So erhob zum Beispiel
    König Mongkut gegenüber Frankreich den Anspruch auf kambod-
    schanisches Gebiet und präsentierte eine Chronik, mit der er ge-
    genüber französischen Diplomaten seinen Anspruch zu belegen
    suchte.

    Sein Sohn Chulalongkorn zeigte ebenfalls großes Interesse
    an der Geschichtsschreibung. Oft bezog er sich auf die Geschichte,
    um seine Argumente zu untermauern. So zum Beispiel, um den An-
    spruch einer Blutlinie zu erhärten oder die Frage der Thronfolge zu
    klären.*

    Man erkennt sofort, wie groß der Einfluss der Politik und der
    Machtansprüche der jeweils Herrschenden auf die Geschichts-
    schreibung war. Dies drückte sich auch in der Anpassung der Ge-
    schichtsschreibung an die westliche Art aus. Man ging weg von der
    rein beschreibenden Form hin zu einer analysierenden und erklä-
    renden Geschichtssicht. Letztere war – nicht nur in Thailand – besser
    geeignet, Herrschaftsansprüche zu belegen. Einer der führenden
    Historiker jener Zeit wurde Prinz Damrong, dessen Arbeiten bis heu-
    te die Geschichtssicht der Schüler Thailands prägen und der auch im
    Ausland der meistzitierte Historiker Thailands ist.

    Mit den neuen Techniken des Westens gelangten aber auch Bü-
    cher und Schriften in den Grand Palace. Schon bald reichte der Platz
    nicht mehr aus, und bis zum Jahr 1932 hatte sich eine Sammlung von
    mehr als 200 000 Büchern ergeben, die in eine Büchereiorganisation
    geflossen waren. Während damals noch keine Zensur ausgeübt
    wurde, war der Kreis derjenigen, die Zugang zu den Büchern hatten,
    klein und stellte keine Bedrohung im Sinne einer das thailändische
    Narrativ gefährdenden Verbreitung anderer Ansichten dar. 1966
    flossen die Bücher in die neue Nationalbibliothek des Landes, womit
    auch die Kontrolle derselben institutionalisiert wurde.

    Bis zu dieser Zeit war das Studium der Geschichte eine Sache der
    thailändischen Elite gewesen. Der Stil hatte sich aber wie beschrie-
    ben verändert und wurde von im Ausland gebildeten Prinzen ge-
    prägt. Im Jahr 1933 jedoch, nach der Revolution, wurde die Ge-
    schichtswissenschaft institutionalisiert. Zunächst bestand ein großes
    Interesse. Mit zunehmender Beschränkung der Lehre und Forschung
    jedoch schwand das Interesse, bis sich Anfang des 21. Jahrhunderts
    nur noch kleinste Gruppen für das Studium der Geschichte interes-
    sierten.

    Diese neue thailändische Geschichtsschreibung, wie sie heute
    noch die Schüler und Studenten prägt, wurde im Wesentlichen von
    zwei Persönlichkeiten geprägt: von Prinz Damrong (1862
    –1943) und dem Nationalisten Luang Wichitwathakan (1898–1962).

    Prinz Damrong

    Prinz Damrong hatte sowohl eine thailändische als auch eine euro-
    päische Ausbildung genossen. Er war einer der Ersten, die »wissen-
    schaftliche« Methoden anwandten. Man sagt von ihm, er habe die
    Brücke zwischen europäischer und thailändischer Kultur und Wis-
    senschaft gebaut. In seiner Geschichtsschreibung dominieren als
    zentrale Themen das Königreich und die Monarchie, im Prinzip also
    die Geschichte seiner Familie. Historische Elemente wurden immer
    nur als Teil dieser beiden institutionellen Einheiten beschrieben.
    Damrong verwandte neue Methoden, aber nur, um damit alte
    Grundlagen neu erscheinen zu lassen. Er beschrieb seine Familie und
    nicht die Geschichte. Und das, obwohl Thailand längst Teil einer
    Region, ja einer sich globalisierenden Welt geworden war.

    Luang Wichitwathakan

    Luang Wichitwathakan stammte aus bescheidenen Verhältnissen
    und wurde innerhalb der Sangha geschult und gebildet. Einen gro-
    ßen Teil seines Wissens erarbeitete er sich als Autodidakt. Er verließ
    dann das Kloster und wurde zunächst Mitarbeiter im Außenministe-
    rium, von dort schickte man ihn an die Botschaft nach Paris und zu
    den Vereinten Nationen. 1931 veröffentlichte er sein erstes Werk
    unter dem Titel Prawattisat sakhon (»Weltgeschichte«, 12 Bände).
    Nach der Revolution von 1932 wurde er Sprecher der neuen Regie-
    rung. Dann arbeitete er bis 1962 unter verschiedenen Regimes, wo-
    bei er anscheinend immer dem jeweils Herrschenden zu Diensten
    war. Seine wichtigsten Positionen erhielt er unter den Diktatoren
    Phibun und Sarit, die er beriet und deren Geschichtsbild er umsetzte.
    Er war der erste Vertreter eines modernen thailändischen Natio-
    nalismus. Seit 1932 hatten verschiedene aufeinanderfolgende Re-
    gierungen versucht, eine neue Legitimation aufzubauen, nachdem
    die absolutistische Monarchie abgeschafft worden war, aber Demo-
    kratie sich nicht durchsetzen konnte. Luang war auch ein glühender
    Verfechter des thailändischen Nationalismus während des Krieges
    und trat als Sprecher diverser nationalistischer Bewegungen in Er-
    scheinung. Auf seine Werke baut die extremistische Volksallianz für
    Demokratie (PAD), wenn sie Territorialansprüche gegenüber Kam-
    bodscha erhebt.

    War die Geschichtsschreibung von Prinz Damrong also durch eine
    Glorifizierung seiner eigenen Dynastie motiviert, so bezweckte die
    Geschichtsschreibung von Luang eine Rechtfertigung für nationalis-
    tische und diktatorische Politik. In seinem Essay zum Beispiel, in dem
    er die Franzosen beschuldigte, Thailand Kambodscha »gestohlen« zu
    haben, »übersah« er vollkommen den aufstrebenden Nationalismus
    in Laos und Kambodscha und vor allen Dingen die historischen Ge-
    gebenheiten der Khmer-Kultur.

    Luang Wichitwathakan wurde oft wegen seiner Methodologie
    verurteilt. Er war ein typischer Politiker, der Fakten und Genauigkeit
    -ignorierte. Seine Schriften basierten oft auf »Hörensagen« oder
    eigener Vorstellungskraft. Er glorifizierte die thailändische Rasse ins
    Extreme und ließ große Teile der Geschichte außen vor. Trotzdem
    oder gerade deswegen war und ist Luang Wichitwathakan sehr po-
    pulär. Er wird bis heute gern zitiert, und Teile seiner Werke werden
    heute noch gelehrt.

    Die Gegenposition: Chit Phumisak —————————————-

    So weit die offizielle Geschichtsschreibung, die noch heute von die-
    sen beiden Persönlichkeiten, Luang Wichitwathakan und Prinz Dam-
    rong, beherrscht wird. Aber es hat auch eine Gegenposition gege-
    ben, nämlich die von Chit Phumisak. Eine, die jedoch verboten, ver-
    folgt und ausgelöscht wurde.

    Diese Geschichtsschreibung war genauso einseitig wie die von
    Prinz Damrong und Luang, nur vertrat sie die Position der gesell-
    schaftlichen Gruppen, die bisher noch niemals beschrieben worden
    waren, deren Schicksal keinen der Geschichtsschreiber der Vergan-
    genheit interessierte: das einfache Volk.

    Chit Phumisak (1930–1966) war der Sohn eines kleinen Provinz-
    beamten, der in seiner Kindheit oft den Ort und die Schule wechseln
    musste, weil sein Vater versetzt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg
    zog er nach Bangkok und beendete seine High-School-Ausbildung.
    Seine Karriere als Schriftsteller begann während seines Studiums an
    der Fakultät der Künste der Chulalongkorn-Universität. Mitte der
    1950er-Jahre verlor die diktatorische Phibun-Regierung nach und
    nach an Popularität, Phibun wandelte sich vom Saulus zum Paulus
    und versuchte, durch demokratische Reformen und Erlaubnis der
    Redefreiheit an der Macht zu bleiben.

    Viele Artikel und Bücher von Chit stammen aus dieser Zeit, sodass
    Phibun indirekt und unbewusst als Förderer Chits angesehen werden
    kann. In dieser Zeit entstand auch Chits vielleicht wichtigstes Werk,
    Chomna Sakdina Thai (»Das Gesicht des thailändischen Feudalis-
    mus«). Es ist eine marxistische Analyse der thailändischen Geschich-
    te und stellt die Gegenposition zu allem dar, was bisher als Ge-
    schichte gelehrt worden war.

    Verständlicherweise wurde Chit Phumisak zusammen mit anderen
    Schriftstellern verhaftet, als Diktator Sarit die zaghaften Demokrati-
    sierungsbestrebungen Phibuns abwürgte und Letzterer ins Exil gehen
    musste. Sarit führte zwei erfolgreiche Coups im Jahr 1957 und 1958
    durch. Chit musste daraufhin 6 Jahre im Gefängnis verbringen, wo er
    aber ganz erstaunlicherweise einen großen Teil seiner bekannten
    Werke verfasste und es schaffte, diese aus dem Gefängnis zu
    schmuggeln. Sie wurden unter verschiedenen Pseudonymen veröf-
    fentlicht und bildeten den intellektuellen Unterbau für einen ent-
    stehenden Widerstand gegen die Art der thailändischen Herrschaft.
    Im Jahr 1964 wurde Chit seltsamerweise entlassen und floh in den
    Dschungel, wo er sich einer Guerillabewegung im Nordosten des
    Landes anschloss. 1966 wurde er erschossen.*

    Chit komponierte auch Lieder und schrieb Gedichte für die Mas-
    sen, die gesungen und zitiert wurden, als sich Aufstände und radikale
    Studentenbewegungen bildeten. In der Studentenbewegung von
    1973 standen die Studenten vor der Wahl, Pridi Bonmayong oder
    Chit Phumisak zu ihrem Idol zu erheben. Sie respektierten zwar Pridi,
    entschieden sich aber für Chit, da Pridi ihnen nicht revolutionär,
    nicht radikal genug erschien. Chits Bücher wurden daraufhin immer
    wieder gedruckt und seine Lieder immer wieder gesungen, seine
    Gedichte gelesen. Sein Name ist bis heute ein rotes Tuch für die
    Herrschenden des Landes.

    Zurück zur Geschichtsbeschreibung Chits. Seine Arbeit war eben-
    falls stark durch westliche Einflüsse geprägt. Besonders die Rolle
    Amerikas in Asien in den 1950er-Jahren beschäftigte ihn intensiv.
    Deshalb warnte er in seinen Büchern vor dem Imperialismus und
    hinterfragte die Zusammenarbeit der thailändischen herrschenden
    Klasse mit den Ausländern. Chit sympathisierte mit anderen Asiaten,
    die gegen westliche Kolonisierung kämpften, und mit der unter-
    drückten Gesellschaft in ihren Ländern.

    In seinem bereits erwähnten Buch über den thailändischen Feu-
    dalismus behandelt er die Geschichte von der -Sukhothai-Periode im
    13. Jahrhundert bis zum Beginn des westlichen Einflusses im 19.
    Jahrhundert. Er teilte, wie Marx, die Gesellschaft in zwei Klassen: die
    Unterdrücker und die Unterdrückten. Die Unterdrücker sind jene,
    die er Sakdina (Feudalisten) nennt, denen die Produktionsmittel
    gehörten, unabhängig davon, ob es um Landwirtschaft oder
    Zwangsarbeit ging. Die Unterdrückten waren die Phrai (Fronarbeiter)
    und die That (Sklaven), die für die Sakdina arbeiten mussten. Inte-
    ressanterweise wurde in den Jahren 2009 / 2010 der Begriff »Phrai«
    für die Demokratiebewegung der Rothemden zu einem Wort, mit
    dem sie sich selbst klassifizierten und so aus dem Schimpfwort eine
    Auszeichnung machten.

    Es ist nicht so sehr der marxistische Ansatz, der Chits Arbeit
    kennzeichnet, als vielmehr die Tatsache, dass er überhaupt die Aus-
    beutung beschrieb, die bedingt war durch eine Klassengesellschaft,
    durch Anspruch auf exklusive Landnutzung, durch Zwangsarbeit und
    durch eine ausbeuterische Besteuerung.

    Hatten zuvor die Religion und dann die Dynastien der Könige im
    Zentrum der Geschichtsschreibung gestanden, so gelang es Chit, den
    Fokus auf die Massen zu richten. Seine Bücher sprechen von ihren
    Leiden und den vielen Arten, mit denen die herrschende Klasse sie
    zu ihrem eigenen Nutzen ausbeutete. Chits Geschichtsschreibung ist
    eine politische Waffe gegen die herrschende Klasse Thailands, und
    diese tut noch heute alles, um die Verbreitung seiner Schriften zu
    verhindern.

    1. Jochen Mitschka
      Antworten

      Übrigens KÖNNTE das Internet das in der Zukunft verändern. Diese Möglichkeit wird derzeit aber erfolgreich auf zwei Ebenen bekämpft:
      – Gesetze, Verordnungen, Sanktionen einerseits und
      – Diskreditierung durch Falschmeldungen von ClickBait/Werbeseiten einerseits und gezielten PR-FakeNews unter falscher Flagge angeblicher Opposition andererseits.

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