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Politik

Die zweite Runde: Wie der Globale Süden die Kriege dieser Tage empfindet

0 Kommentare 7. November 2026 9 Minuten Lesezeit von Jochen Mitschka

Der größte Wirtschaftswachstum ist derzeit in den Schwellenländern zu beobachten, und das größte Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländern. Die wirtschaftliche Zukunft der alten Imperien liegt nicht in den alten Märkten der Industriestaaten, sondern in dem Aufbau der „neuen Welt“, der multipolaren Welt. Daher ist es nützlich zu verstehen, wie man dort die derzeit laufenden Kriege sieht.

Im Globalen Süden sieht man das Weltgeschehen derzeit nicht als Abfolge einzelner Krisen. Man liest es als Fortsetzung. Die erste Welle der Entkolonialisierung, von Bandung bis Windhoek, brachte formale Unabhängigkeit. Die zweite, so die Sichtweise, wird um die Frage geführt, ob diese Unabhängigkeit auch ökonomisch und militärisch Bestand hat. Ukraine, Westasien und Karibik sind aus dieser Sicht drei Schauplätze desselben Konflikts. Beginnen wir mit dem Krieg in der Ukraine.

Die „Entkolonialisierung“ Russlands

Russland ist ein Vielvölkerstaat, der stolz ist auf seine unterschiedlichen Kulturen. Trotzdem wird immer wieder behauptet, Russland wolle andere Länder erobern und unterjochen, und man müsse Russland entkolonialisieren. Derzeit findet ein Krieg in der Ukraine statt, der im Westen „unprovozierter Angriffskrieg“ genannt wird. Nun zum derzeitigen Stand.

Russland setzt seine Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur fort. Kiew meldete zuletzt, dass Atomkraftwerke ihre Leistung drosseln mussten, weil das Stromnetz getroffen wurde. Stundenlange Stromausfälle sind nun Alltag. Die für den Nachschub von NATO-Waffen und Munition wichtigen schienengebundenen Diesel- und Strom-Zugmaschinen wurden zum größten Teil durch Russland zerstört. Das behindert den Nachschub von Waffen und Munition an die östliche Front erheblich. Gleichzeitig melden die ukrainischen Streitkräfte täglich rund 260 Gefechte, mit Schwerpunkten bei Pokrowsk, Kostjantyniwka und Huljajpole. Nach ukrainischen Angaben liegt der Druck an mehreren Abschnitten gleichzeitig hoch. Military Summary berichtet, dass nach mehreren Tagen Ruhe während den Midtermwahlen, die russischen Streitkräfte wieder auf breiter Front langsam aber beständig vorrücken, nachdem sie zeitweise Positionen gegenüber einer Gegenoffensive ukrainischer Kräfte aufgegeben hatten, nur um sie dann langsam aber systematisch zu zermürben.

Die Stellungskriegs-Erzählung vom Ersten Weltkrieg, in dem sich nichts bewegt, passt nicht mehr, auch wenn sie immer noch im Westen gepflegt wird. Man sieht eine russische Armee, die erst Logistik und Strom zerstört und dann Raum gewinnt und den Nachschub aus NATO-Beständen systematisch aufreibt und deren militärische Innovationen im Krieg erstaunlich sind. Russland hat z.B. unter enormem Zeitdruck ein eigenes Satellitennetzwerk namens „Rasswet“ (Rassvet) aufgebaut, das vom privaten Raumfahrtunternehmen Buro 1440 betrieben wird. Die ukrainische Gegenwehr ist ohne Waffen, Aufklärung und Finanzen aus NATO-Staaten nicht denkbar. Aus Moskauer Sicht, und aus der vieler Beobachter im Süden, sowie nach Erklärung aus der Regierung in Kiew, ist es ein Krieg gegen die NATO bzw. gegen Kolonialmächte, den Ukrainer und Russen mit ihrem Leben bezahlen. Ein Krieg, dessen ultimatives und erklärtes Ziel, wenn auch nicht offiziell, die Zerschlagung Russlands in viele kleine, leichter durch den Westen beherrschbarer Teile ist.

Die NATO mit dem Stellvertreter Ukraine trifft ihrerseits die russische Ölindustrie so hart, dass Putin Treibstoffmangel einräumte. Auch stehen die gemeldeten russischen Vorstöße in Kämpfen, in denen beide Seiten hohe Verluste melden. Länder des Südens, welche noch durch westlich geschulte Führungen geprägt werden, sehen im Krieg allerdings auch eine „Verletzung der Souveränität“ der Ukraine, nicht nur einen Stellvertreterkrieg.

Das Datum der nächsten Wochen ist bezeichnend. Verhandler der Ukraine, Russlands und der USA wollen sich ab dem 10. November in Abu Dhabi treffen. Danach könnte beim APEC-Gipfel am 18. und 19. November ein Treffen von Putin, Trump und Xi folgen. Verhandelt wird also nicht in Brüssel oder Berlin, sondern in der Golfregion, im Beisein Chinas. Die Ordnung wird nicht mehr nur vom Westen gesetzt. Im Jahr 2027 kann man ein Ende des Krieges erwarten. Wie an dieser Stelle seit Januar 2025 vorausgesagt.

Westasien: Vom Vernichtungskrieg zum Dominoeffekt

Wer den Krieg im Nahen Osten als Kette liest, beginnt in Gaza. Der Ökonom Dan Steinbock hat dafür den Begriff der „Auslöschungsdoktrin“ geprägt. Er beschreibt Zensur, Blockade, Zerstörung der Infrastruktur und gezielten Hunger als zusammenhängende Methode. Nach Gaza und den Nachbarstaaten ist der Iran in den Fokus gerückt.

Seit dem 28. Februar dauert der Krieg gegen den Iran an. Die USA blockieren iranische Häfen, Teheran stört die Straße von Hormus. Ein im Juni unterzeichnetes Rahmenabkommen hielt nicht lange. Nach der Wahlniederlage der Republikaner bei den Zwischenwahlen schließt Trump neue Angriffe nicht aus, nennt aber drei Optionen: Deal, mehr Wirtschaftsdruck oder Militäraktion. Die „New York Times“ berichtet, dass US-Luft- und Seestreitkräfte bereitstehen.

Dass es dabei um mehr geht als um das Atomprogramm, ist die allgemeine Meinung des Globalen Südens. Die Vorgänge erinnern an 1953. Damals stürzten CIA und MI6 den gewählten Premier Mossadegh, nachdem er die Ölindustrie verstaatlicht hatte. Die CIA hat ihre Rolle inzwischen in freigegebenen Dokumenten bestätigt. Ein Regimewechsel, der aus dem Iran wieder einen abhängigen Rohstofflieferanten macht, wäre in dieser Logik die Wiederholung.

Im Netz wird gefragt, warum Russland und China dem Iran nicht mehr helfen. Der Süden antwortet mit zwei Argumenten. Erstens: Iran will sich von niemandem abhängig machen, eine Schutzmacht würde diesen Anspruch unterlaufen. Das Misstrauen gegenüber jedem „Patron“ ist in der iranischen Politik imminent. Zweitens: Pekings Vorteile sind konkret. Teheran hat Schiffe aus China, Indien, Katar und dem Irak von einigen Restriktionen in Hormus ausgenommen. Das ist eine Art Handelsdiplomatie, die ohne Militärbündnis auskommt.

Und Teheran selbst eskaliert. Nach Angaben der britischen Schifffahrtsbehörde griff der Iran im Oktober mehr als 20 Schiffe an, eines wurde versenkt. Iranische Offizielle wollten Trump damit laut einem Bericht bei den Midterms „bestrafen“. Mit anderen Worten ist die Sperre der Straße von Hormus lediglich die Antwort auf einen Angriffskrieg, der die treffen soll, welche den Krieg begannen und ihn unterstützen. Die Behauptungen Trumps „das Öl fließt“, wird in erster Linie als Manipulationsinstrument des Ölpreises gesehen. Der Iran lehnt ein Zugeständnis beim Atomprogramm im Voraus ab. Zu oft wurden vertragliche Vereinbarungen durch Washington zerrissen, wenn es glaubte, bessere Konditionen erreichen zu können, die einen Regime-Change ermöglichen könnten. Trump brach den Atomvertrag JCPOA, als er sich nicht an die Ausstiegsformalien hielt, (im Westen „Ausstieg“ genannt), tötete die zivile Führung des Landes während Verhandlungen noch vereinbart waren, und interpretierte die Waffenstillstandsvereinbarung nach dem zunächst erfolglosen Angriffskrieg in provokativer Weise, so dass sie im Iran als Bruch empfunden wurde. Deshalb fordert der Iran nun erste Schritte durch diejenigen, welche den Angriffskrieg gegen das Land begonnen hatten.

Kuba: Die Insel, die Afrika frei kämpfen half

Der dritte Schauplatz ist auch schon alt. Kuba steht seit den 1950er-Jahren im Visier Washingtons, und seit Januar gilt eine faktische Ölblockade. Nach dem US-Militäreinsatz in Venezuela fielen die Lieferungen aus Caracas weg, Tanker werden abgefangen. Seit dem 1. Mai drohen sekundäre Zwangsmaßnahmen gegen Firmen, die mit Kuba arbeiten. Stromausfälle dauern bis zu 22 Stunden täglich. UN-Experten warnten vor einem „stillen Gaza“ in der Karibik. Menschen starben weil medizinische Geräte nicht mehr betrieben werden konnten, und während Operationen unter dem Schein von Mobiltelefonen durchgeführt werden mussten.

Historisch ist Kubas Rolle im Süden nicht zu überschätzen. Kubanische Truppen hielten in Angola bei Cuito Cuanavale der südafrikanischen Armee stand. Cuito Cuanavale ist in westlichen Ländern umstritten. Je nach Standort gilt es als Niederlage, taktischer Rückzug oder Patt der Südafrikaner. Die anschließenden Verhandlungen führten jedenfalls zum Abzug Südafrikas aus Namibia und zu dessen Unabhängigkeit 1990. Wer in Windhoek oder Swakopmund über Kuba spricht, redet deshalb über Freunde, so wie über den Osten Deutschlands, die DDR, welche zahlreichen Widerstandskämpfern, aber auch vielen Kindern, Überleben und Bildung gewährte. Was die differenzierte Haltung Namibias zum deutschen Völkermord in der vordemokratischen Zeit erklärt.

Anders als in Venezuela führt der Druck bisher nicht zum Sturz der Führung. Er hinterlässt aber Spuren: Havanna hat auf US-Druck ein Reformpaket zur Öffnung der Privatwirtschaft beschlossen, und es gibt Gespräche mit Vertretern der USA. Ob das Pragmatismus im Sinne der chinesischen Entwicklung, oder schleichende Kapitulation ist, ist noch unklar. Die Wirtschaftskrise ist nicht allein Folge der Blockade, wenn auch Sekundärfolge. Die Berichte nennen ein marodes Stromnetz und gescheiterte Reformen. In Havanna brannten Barrikaden, das Unmut richtet sich auch gegen die eigene Regierung. Was aber nicht automatisch bedeutet, dass die Bevölkerung wieder die Mafiahochburg oder Bordell der USA werden will, wie vor der Revolution.

Dass die Abstimmung in der UN-Generalversammlung in diesem Jahr für Deutschland ungewiss ist, obwohl Berlin seit 2002 stets gegen das Embargo stimmte, sagt etwas über die zunehmende Rückbesinnung auf eine imperiale Geschichte Deutschlands in der politischen Führung des Landes, befürchtet man im Süden.

Der gemeinsame Nenner

Das sind nur drei Beispiele, die im Globalen Süden als Beweise angeführt werden, warum sich die Welt in der zweiten Phase einer Entkolonialisierung befindet. In der ersten Phase war es eine physische Befreiung von direkter Ausbeutung und Kontrolle, meist mit militärischen Mitteln. In der zweiten Phase, die nun gerade auf Hochtouren läuft, versuchen ehemalige Kolonien ihre Selbstbestimmung auch in wirtschaftlicher Hinsicht zu erkämpfen, stoßen dabei auf Sanktionen, Regimewechsel-Operationen und schließlich Kriege.

Während die ehemaligen Kolonialländer also vorwiegend eine Fortsetzung des Kampfes um Selbstbestimmung sehen, gehen viele westlichen Analysten eher von einem Kampf der Imperien um das Herzland nach Mackinder aus. Aber das ist Thema eines anderen Artikels. Beides überlappt sich in Westasien.

Verbindend ist jedenfalls der Einsatz wirtschaftlicher Mittel als Kriegsmittel: Blockaden, Sanktionen, Strafzölle, abgefangene Tanker. Der Süden erkennt darin die Fortsetzung kolonialer Praxis mit anderen Instrumenten. Wer Energie, Zahlungswege und Seewege kontrolliert, muss nicht mehr besetzen. Das erklärt auch, warum Staaten wie Indien, Südafrika oder die Golfmonarchien keine Seite wählen und Handel mit allen treiben. Sie sichern sich ab, bevor sie sich bekennen.

Bild: Screenshot von Video über die Ursprünge der Kriege in Westasien

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