Geheimnisvolle Andeutungen von Trump, abgeschossene Erkundungsdrohnen über dem Iran, abreisende Diplomaten, flüchtende reiche Saudis, und die Erklärung der Regierung in Sanaa, dass nach der Wiederaufnahme des Angriffskriegs von 2015 durch die Saudis, nun der Sturz der Monarchie, bzw. des Kronprinzen das Ziel sei. Derweil schrumpfen die finanziellen Möglichkeiten des Iran und die Wut drängt auf einen längst legitimierten Präventivschlag gegen die angreifende Koalition. Die Frage ist nicht ob, sondern nur wann dieser Kessel explodiert.
In neun Tagen wählen die USA ihren Kongress neu. Wer in diesen Tagen die Nachrichten aus dem Nahen Osten liest, bekommt den Eindruck, dass die Ruhe der vergangenen Wochen eine trügerische war. Einige Beobachter rechnen damit, dass der Angriffskrieg gegen den Iran noch vor dem Wahltag wieder aufflammt. Es gibt Indizien, die man ernst nehmen sollte, und andere, bei denen Vorsicht geboten ist. Betrachten wir die Situation genauer, da die Wirtschaft der EU und Deutschlands stark davon beeinflusst werden wird.
Drohnen, Andeutungen und ein brüchiger Waffenstillstand
Der Krieg begann am 28. Februar mit dem gemeinsamen Angriff der USA und Israels auf den Iran. Seither wurde verhandelt, gedroht, wieder verhandelt, und zwischendurch wurden Schiffe, Drohnen und Raketen verloren. Dass der Krieg nie wirklich zu Ende war, zeigt allein die Kette der Zwischenfälle in der Luft. Die Revolutionsgarden meldeten Ende Mai den Abschuss einer US-Drohne vom Typ MQ-9, es sollen inzwischen über 50 von teuren High-Tech-Drohnen vom Iran abgeschossen worden sein, und das Feuer auf weitere amerikanische Luftfahrzeuge. Im Juli folgten mehrere Meldungen, etwa über die Region Bushehr und Bandar Abbas. Am 31. August nannte Teheran einen weiteren Abschuss über der Straße von Hormus, und am 8. September reklamierte die iranische Armee den Abschuss einer MQ-1.
Das sind iranische Angaben, die „sich von außen meist nicht unabhängig prüfen lassen“, wie westliche Beobachter sagen, ohne das Gleiche zu erklären, wenn Pressemitteilungen des Pentagon verbreitet werden. Washington bestätigt Verluste selten. Aber die Häufung ist selbst eine Nachricht. Eine Luftmacht, die ihre Aufklärungsdrohnen immer wieder in den Luftraum eines Staates schickt, mit dem sie offiziell über einen Waffenstillstand spricht, bereitet entweder Zielauswahl vor oder sie testet Reaktionen. In beiden Fällen ist es kein Zeichen von Entspannung.
Dazu kommen die Andeutungen Donald Trumps. Wenn ein Präsident vor einer Wahl in Rätseln spricht, kann das Verhandlungstaktik sein, Wahlkampf oder Vorbereitung. Wer behauptet, es sei eindeutig das Letzte, weiß mehr, als er wissen kann. Wer behauptet, es sei sicher nicht das Letzte, ebenso.
Das Öl fließt – aber zu welchem Preis?
Trump sagt, das Öl fließe. Die Preise erzählen eine andere Geschichte. Brent lag Ende August noch knapp unter 89 Dollar, im Oktober bewegen sich die Erwartungen der Terminmärkte um die Marke von 100 Dollar: Auf der Prognoseplattform Kalshi wurde für den 16. Oktober eine Wahrscheinlichkeit von rund 63 Prozent für einen Preis über 100 Dollar gehandelt, für das Monatsende liegen die Erwartungen im Bereich von 95 bis 99 Dollar. Solche Wettmärkte sind kein Orakel, aber sie zeigen, wo Händler ihr Geld einsetzen. Zum Vergleich: Anfang des Jahres lagen die Prognosen der Banken noch bei 60 bis 65 Dollar, und die Erwartung eines Überangebots galt als Konsens. Am Sonntag-Nachmittag war der Preis für ein Barrel Brent-Öl auf 117 US-Dollar gestiegen.
Was hat den Preis nach oben getrieben? Neben der Unsicherheit um Hormus vor allem die Lage in Saudi-Arabien. Die Ansarallah, die größte Fraktion der Regierung in Sanaa, hat in den vergangenen Wochen mehrfach den Flughafen von Riad getroffen. Der ORF berichtete, dass die Miliz damit das Herz der saudischen Infrastruktur erreichen konnte und die Regierung von Kronprinz Mohammed bin Salman zunehmend in Bedrängnis gerät. Zugleich rief sie Anwohner saudischer Ölanlagen auf, sich davon fernzuhalten. Die Strategie wird in Sanaa mit der Formel „Blockade für Blockade, Flughafen für Flughafen“ beschrieben. Wie schwer die saudischen Anlagen im Einzelnen beschädigt wurden, lässt sich aus offenen Quellen nur begrenzt beurteilen. Riad hat jedes Interesse, Schäden herunterzuspielen, Sanaa jedes Interesse, sie zu übertreiben. Entscheidend ist: Eine Raffinerie, eine Ölpipeline, die man treffen kann, kann man wieder treffen.
Sollte der Preis auf 120 Dollar und darüber steigen, wie manche seit Langem prognostizieren? Möglich ist es, wenn der Krieg gegen den Iran wieder voll ausbricht und Hormus erneut zur Sperrzone wird. Gesichert ist es nicht. In einer Umfrage des Research-Hauses BCA unter Kunden erwartete im Sommer eine klare Mehrheit von 58 Prozent für Jahresende einen Brentpreis zwischen 80 und 100 Dollar, nur 21 Prozent rechneten mit 100 bis 120 Dollar. Diese Einschätzung stammt allerdings aus der Zeit vor der jüngsten Zuspitzung.
Der Bruch des Waffenstillstands und die Radikalisierung in Sanaa
Ein Schlüsselereignis liegt im Juli. Am 13. Juli wurde der Flughafen von Sanaa bombardiert. Die Ansarallah machte Saudi-Arabien verantwortlich und erklärte die Phase der Deeskalation für beendet. Für die Genauigkeit gehört dazu: Wie koreanische Medien berichteten, reklamierte die jemenitische Regierung, also die von Riad gestützte Seite, den Angriff für sich und erklärte, man habe die Landung eines iranischen Flugzeugs verhindern wollen. Allerdings hat die Marionettenregierung des abgedankten Präsidenten gar keine Jets. Saudi-Arabien selbst äußerte sich zunächst nicht. Die formale Verantwortung ist damit nicht eindeutig, die politische Verantwortung für die Eskalation ist es aus Sicht der Sanaa-Seite sehr wohl. Auf Seiten von Kritikern wird zudem darauf verwiesen, dass Trump dem Kronprinzen den Angriff laut einem Bericht des Portals Axios vorab politisch gedeckt habe. Das ist eine Behauptung aus zweiter Hand.
Nicht strittig ist, was danach geschah. Die Ansarallah schoss zurück, zunächst auf saudisches Gebiet im Südwesten, später bis nach Riad. Mit jedem Schlag verschob sich die Rhetorik. Sanaa-nahe Medien berichteten, dass Mohammed bin Salman an die Spitze der Zielliste gerückt sei; ein Politbüromitglied der Bewegung beschrieb den Konflikt demnach als Wahl zwischen zwei Möglichkeiten: Entweder regiere der Jemen [gemeint ist unter der Führung der Ansarallah] bald vom Boden Mekkas und Medinas aus, oder der Kronprinz regiere Sanaa von Riad aus. Das ist keine Verhandlungssprache mehr, sondern die Sprache eines Machtkampfes. Ein Regimewechsel in Riad ist damit zumindest erklärtes Ziel einer der Konfliktparteien.
Ob er realistisch ist, ist eine andere Frage. Der Politikwissenschaftler, dessen Analyse TKP kürzlich veröffentlichte, argumentiert, die größte Gefahr für MBS komme nicht vom Schlachtfeld, sondern aus seinem eigenen Machtapparat und seinem Zwang der Zentralisierung. Beides schließt einander nicht aus: Äußerer Druck macht innere Risse sichtbar. Und schließlich hatte der Kronprinz sich zahlreiche Feinde durch die „unfreundliche Machtergreifung“, manche sagen Putsch, unter der Elite des Landes gemacht.
Gerüchte brodeln
Dann sind da die Gerüchte, die derzeit kursieren. Piloten privater Flugzeuge, so heißt es, machten Überstunden, um reiche Saudis auszufliegen. Der britische SAS sei auffallend beschäftigt. Russland fliege geheimnisvolle Fracht in den Iran, die USA zögen Diplomaten ab. Aber nichts davon wird von „seriösen Quellen“ bestätigt. Das heißt nicht, dass sie falsch sind. Es heißt, dass man sie als Gerüchte erkennen muss.
Am Ende bleibt eine methodische Faustregel: Kriege kündigen sich selten durch ein einzelnes Gerücht an, aber manchmal durch viele kleine Verschiebungen. Wer sie sammelt, sollte jede einzeln prüfen, bevor er sie zu einem Bild zusammensetzt.
Schöpferische Zerstörung, anders als gedacht
Wenn Israel und die USA den Krieg gegen den Iran tatsächlich wieder entfachen, wäre das nach allem, was wir seit Februar gesehen haben, kein begrenzter Schlag. Der Iran hat in diesem Krieg alle Staaten des Golf-Kooperationsrats ins Visier genommen, in denen amerikanische Stützpunkte liegen. Hinzu kommt nun ein Gegner im Süden der Arabischen Halbinsel, der den Zugriff auf die Herzkammer der saudischen Ölwirtschaft hat. Eine neue Runde träfe also nicht nur Ziele im Iran, sondern die gesamte Energieinfrastruktur am Golf.
Damit schließt sich ein historischer Bogen. 2006 sprach Condoleezza Rice, damals US-Außenministerin, mit Blick auf den Libanonkrieg von den „Geburtswehen eines neuen Nahen Ostens“. Die Idee dahinter, dass aus Zerstörung eine neue, amerikanisch freundliche Ordnung entsteht, wird seither oft mit dem Begriff der „schöpferischen Zerstörung“ verbunden, den der Ökonom Joseph Schumpeter prägte und den neokonservative Strategen auf die Geopolitik übertrugen. Was nach der Irak-Invasion 2003 entstand, war keine Ordnung nach diesem Plan: Der Staat zerfiel, der Iran gewann Einfluss, und am Ende zogen die USA nach mehr als 23 Jahren ab.
Vielleicht ist das der eigentliche Punkt: Die Region, die ein neuer Krieg zerstören würde, würde nicht so neu entstehen, wie es sich in Washington jemand vorstellt. Zwischen Hormus, Riad und Sanaa sind Akteure entstanden, die sich nicht mehr einfach steuern lassen. Das gilt für Teheran, das mit Raketen und Drohnen zeigt, dass es Abschreckung beherrscht. Es gilt für Sanaa, das seine Reichweite bis in die saudische Hauptstadt demonstriert hat. Und es gilt für den Ölmarkt, der inzwischen auf jede Meldung aus der Region reagiert wie ein Seismograph.
Zusammenfassung
Viele Anzeichen deuten darauf hin, dass der Angriffskrieg gegen den Iran einerseits und der Krieg gegen den Jemen andererseits die ganze Region in Schutt und Asche legen könnte. Aber danach wird nichts mehr wie vorher sein. Selbst falls Israel Kernwaffen einsetzen sollte, wäre das nur die Garantie für seine eigene Zerstörung. Die Aussichten für die deutsche und die EU-Wirtschaft, die sich stark auf Vorlieferungen aus der Region fokussiert hatte, um sich „nicht abhängig von Russland und China“ zu machen, steht nun vor einem Dilemma. Wie zu erwarten war, könnte man sagen. Denn genügend Warnungen gab es.
Bild: Screenshot von Video über die Situation
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