Wer in Deutschland zur Schule gegangen ist, hat Karl den Großen als großen Herrscher kennengelernt. Dass er im Jahr 782 bei Verden an einem einzigen Tag bis zu 4.500 gefangene Sachsen enthaupten ließ, steht in den fränkischen Reichsannalen, geschrieben von seinen eigenen Begleitern. Trotzdem gilt er als Vorbild. Henry Kissinger, den manche für einen der größten Kriegsverbrecher der Neuzeit halten, bekommt Universitätsabteilungen, die nach ihm benannt sind.
Das ist kein Zufall und keine Panne. Helden sind das Gegenstück zu Dämonen: Beide werden erschaffen, um darum herum Narrative zu begründen. Von dieser Beobachtung geht das Buch aus. Es fragt, wer solche Erzählungen heute herstellt, wer sie bezahlt und wozu sie gebraucht werden.
Die Leiter, die selten jemand als Ganzes betrachtet
Die These ist einfach, das Buch versucht sie über gut 300 Seiten zu belegen: Farbrevolutionen, Wirtschaftssanktionen und Bombenkriege sind keine getrennten Themen, sondern Stufen desselben Werkzeugkastens. Die sogenannten Nichtregierungsorganisationen liefern dabei die moralische Begründung. Wenn der Regierungswechsel auf der Straße nicht gelingt, folgen Sanktionen. Wenn die nicht reichen, folgt die Rechtfertigung für Stellvertreter- oder Bombenkriege.
Dass Sanktionen oft der Vorstufe zum Krieg dienen, ist historisch nicht neu. In dem Buch wird an die US-Sanktionen gegen Japan vor Pearl Harbor erinnert, und an die Sanktionen gegen den Irak, die nach Schätzungen 500.000 Kinder das Leben kosteten. Madeleine Albright hat die Opferzahl in einem Interview mit dem Satz abgetan, der Preis sei es wert gewesen. Neu ist nur, dass dieselbe Logik heute in der Sprache der Menschenrechte auftritt.
Wo die „Menschenrechte“ herkommen
Deshalb beginnt das Buch weit vor Syrien oder Nepal, bei der Geschichte der Menschenrechte selbst. Das früheste und lange wichtigste Menschenrecht war das Recht auf Eigentum, und Sklaven waren Eigentum. Als die Sklaverei endete, wurden die Sklavenhalter entschädigt, die Sklaven nicht. Ein Interview mit Rainer Roth, dem Autor von „Sklaverei als Menschenrecht“, schlägt die Brücke in die Gegenwart. Ich beschreibe dort ein Muster, das sich bis heute fortsetzt: Bei der Rettung von Banken und Konzernen wurden Kapitalbesitzer geschützt, nicht Sparer und Arbeitnehmer.
Das ist eine unbequeme Perspektive. Sie erklärt aber, warum „Menschenrechte“ in der Außenpolitik so verlässlich dort auftauchen, wo auch Kapital-Interessen im Spiel sind.
Der Werkzeugkasten
Im Kapitel „Der Werkzeugkasten“ geht es um die Institutionen. Der National Endowment for Democracy wurde 1983 vom US-Kongress als scheinbar private Stiftung gegründet und wird aus dem Bundeshaushalt finanziert. Sein Mitgründer Allen Weinstein sagte 1991 offen, vieles von dem, was die Organisation heute tue, sei früher verdeckt von der CIA gemacht worden. Dazu kommen IRI, NDI, das Konsortium CEPPS und USAID. Die methodische Vorlage lieferte Gene Sharp mit seinem Handbuch „From Dictatorship to Democracy“. Die serbische Bewegung Otpor, die im Jahr 2000 Milošević stürzte, arbeitete nach seinem Katalog von 198 Methoden und exportierte das Modell anschließend über CANVAS in mehr als 30 Länder.
Das Buch beschreibt diese Infrastruktur mit Namen, Zahlen und Programmen, nicht mit Andeutungen. Wer sie für legitime Demokratieförderung hält, kann das tun. Er sollte dann aber wissen, wie sie funktioniert.
Gescheitert und gelungen
Teil 2 behandelt gescheiterte Farbrevolutionen, Hongkong 2014–20 und den Iran. Hier legt das Buch Wert darauf, die Gegenseite fair zu referieren. Westliche Politikwissenschaftler halten das russische und chinesische Narrativ von der gesteuerten Revolution für Paranoia und sehen die Ursachen in Korruption und Wahlfälschung. Völkerrechtlich bleibt die Förderung einer Opposition unterhalb der Schwelle des bewaffneten Angriffs nach Art. 2 Abs. 4 der UN-Charta. Im globalen Süden sieht man dieselben Vorgänge naturgemäß anders. Das Buch erklärt beide Sichtweisen, weil das auch enthaltene Argument nur trägt, wenn der Leser die Einwände kennt.
Teil 3 beginnt mit dem jüngsten Beispiel, Nepal 2026. Dort stützt sich das Buch auf Recherchen von The Grayzone auf Basis geleakter interner Unterlagen. Danach investierte das IRI 2021/22 rund 350.000 US-Dollar in ein Jugendführungsprogramm, dessen Curriculum ausdrücklich Schulungen zur Organisation von Protesten enthielt. Die Proteste vom September 2025 kosteten 76 Menschen das Leben, das Parlament brannte, über 12.500 Häftlinge entkamen. Ein Jahr nach der Machtübernahme glauben laut Nepal Times nur noch 17,5 Prozent der Befragten, dass das Land in die richtige Richtung geht.
Gleichzeitig warnt das Buch im selben Kapitel vor dem viralen Vergleich zwischen Selenskyj und dem Rapper Balen Shah. Die beiden Fälle sind nicht gleich gut belegt, und wer sie unterschiedslos gleichsetzt, macht es den Verteidigern des Status quo leicht, berechtigte Fragen als Verschwörungstheorie abzutun. Das Buch versucht immer wieder auf nicht eindeutige Fakten lieber zu verzichten. Denn ein Buch, das alles glaubt, überzeugt niemanden, der nicht schon überzeugt ist.
Syrien als roter Faden
Den größten Teil des Buchs nimmt Syrien ein, weil dort nach meiner Auffassung alle Elemente des Regime-Change-Werkzeugkastens in bis dahin nie so deutlich dokumentiertem Ausmaß sichtbar wurden. Das Kapitel baut teilweise auf den Forschungen von Tim Anderson auf, dem Sydney-Wissenschaftler, der seinen Lehrauftrag verlor, nachdem er sich für die Rechte der Palästinenser eingesetzt hatte.
Ich zeichne darin die Phasen nach. Zuerst kommen die Sanktionen, deren Wirkung ein interner UN-Bericht beschrieb, über den The Intercept berichtete. Dann folgen die Planungen des Krieges, die „moderaten Rebellen“ und die Frage, wer die Waffen lieferte. Zur Rolle der US-geführten Koalition gehören auch ihr Verhältnis zu ISIS und die Berichte über die Ausbildung einer „Neuen Syrischen Armee“ nach dem Sieg über ISIS. Ein eigenes Kapitel gilt den Propagandisten, ein weiteres den Weißhelmen als Steigerungsform von NGOs im Dienst von Farbrevolutionen. Dort geht es auch um den Fall Bana Alabed und das Urteil des Landgerichts Hamburg im Streit zwischen dem „Stern“ und dem Blog „Blauer Bote“. Das Gericht ließ ursprünglich den Begriff „Fake News“ nur unbestraft, wenn dem Autor eine absichtliche Lüge aka „FakeNews“ nachgewiesen wird.
Und das Grundgesetz?
Der Teil, der Deutschland am direktesten betrifft, steht im Kapitel „Unterstützung von Farbrevolutionen vs Verfassung“. Artikel 26 des Grundgesetzes erklärt Handlungen für verfassungswidrig, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, „insbesondere“ die Vorbereitung eines Angriffskrieges. Das Wort „insbesondere“ ist der Schlüssel: Der Angriffskrieg ist nur der prominenteste Fall einer ganzen Reihe von Handlungen.
Das Buch schildert, wie der Generalbundesanwalt eine Anzeige wegen des Syrien-Einsatzes der Bundeswehr zurückwies, wie § 80 StGB zum 1. Januar 2017 gestrichen wurde und was die Nachfolgeregelung im Völkerstrafgesetzbuch tatsächlich leistet und was nicht. Der Befund:
Die Auslegung des Grundgesetzes liegt bei denjenigen, die selbst potenzielle Täter sind.
Das Schlusskapitel „Aussichten“ stellt dazu eine Gedankenübung. Man solle sich vorstellen, das Buch seien die Notizen eines Geschädigten, der eine Anklage gegen einen vorbestraften Verdächtigen zusammenstellt, mit bekanntem Motiv, Kronzeugen und Teilgeständnissen. Und nun sei man Bundestagsabgeordneter und müsse entscheiden, ob die Bundeswehr gemeinsame Sache mit diesem Verdächtigen macht.
Was das Buch nicht ist
Es ist keine Gesamtgeschichte der Farbrevolutionen. Dazu gibt es wissenschaftliche Untersuchungen, auf die ich in der Endnote verweise. Mein Schwerpunkt liegt darauf, wie Geschichtsschreibung manipuliert wird und was gelungene und misslungene Beispiele über die Methode verraten.
Es ist auch keine leichte Lektüre. Die Quellen stehen mitten im Text, nicht im Anhang, und das mit Absicht. Die Informationen widersprechen dem, was Medien und Politik erklärt haben, und da soll der Leser nicht auf das Wort eines Autoren angewiesen sein. Jeder Link, jede Fußnote lädt zum Nachprüfen ein. Ein Stichwortverzeichnis hilft beim Springen, und für Bildungs- und journalistische Zwecke stellt der Autor weiteres Material zur Verfügung, das den Rahmen gesprengt hätte.
Wer mit der Erwartung kommt, bestätigt zu werden, wird an manchen Stellen aufgehalten. Wer mit der Erwartung kommt, Argumente zu prüfen, hat hier 353 Seiten Material.
Jochen Mitschka: „Helden, NGOs, Farbrevolutionen und humanitäre Kriege … und wie sie organisiert werden“, 1. Auflage 2026, Paperback ISBN 978-3-9506363-2-1, TKP Verlag.
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2 Kommentare
Im Buch fehlt wohl der Putsch in Polen – die Ungeschnittenen brachten gestern: „Polen gegen Europa: Der A_n_t_I_crist lässt auf sich warten“ mit einem Interview mit Dugin – ihm nach sollte das Verfassungsgericht in modifizierter Zusammenstellung Nawrocki absetzen, da dieser den „liberalen“ Globalisten im Weg steht. Westeuropa wurde restlos totalitär und wahnsinnig.
Der Westen sei suizidal und am Ende – was schon länger sichtbar sein müsste: „… In dieser Hinsicht bilden Russland, China, Indien, die islamische Welt, Afrika und Lateinamerika eine Art Archipel der Vernunft. Ja, auch in unserem Archipel gibt es Probleme, innere Spannungen und Widersprüche. Aber grundsätzlich sind wir nicht bereit, den gesamten Planeten zu zerstören, nur weil jemandem die Nerven durchgehen und jemand die Beherrschung verliert. Keine dieser großen Zivilisationen hat ein Interesse daran, Arm@gedd@n herbeizuführen. …“
Dramatische Lage und dennoch schaut man hier im Westen gerne weg.
Im „Zionistischen Einblick“ lese ich: https://www.tichyseinblick.de/daili-es-sentials/psychoterror-mit-27-bombendrohungen/ – „… Nahezu zeitgleich trafen E-Mails an 271 italienische Schulen ein. Der Absender gab sich als „Corpo delle guardie della Rivoluzione islamica“ (die italienische Bezeichnung für die iranischen Revolutionsgarden/IRGC) aus. Die Drohungen waren konkret formuliert: Die Absender behaupteten, einen Plastikbeutel mit Sprengstoff (Ammoniumnitrat/ANFO) und einem Fernzünder deponiert zu haben. …“
Offensichtlich eine False-Flag-Operation – wer möchte wohl die Bevölkerung Westeuropas gegen Iran und Muslime aufhetzen? Spoiler: Ein Herr im Nahen Osten erzählt seit Jahrzehnten alle paar Wochen, Iran stünde nur Tage vor der Entwicklung der Atombombe.
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