Libanon: Die Vichy-Regierung und drohender Bürgerkrieg

27. Juni 2026von 6,4 Minuten Lesezeit

In der Vergangenheit hatte Israel bereits mehrmals die ethnischen Spannungen im Land genutzt, um den Libanon zumindest zeitweise zu besetzen. Dabei wurden Massaker an muslimischen Bevölkerungsgruppen begangen, welche von Israel unterstützt worden waren. Aber schließlich wurden die Verluste, welche den Besatzungstruppen durch den libanesischen Widerstand zugefügt worden waren, zu groß, und Israel musste sich wieder zurückziehen. Droht das gleiche Szenario?

Am Freitag, dem 27. Juni 2026, unterzeichneten die Botschafterin des Libanon und der Botschafter Israels in Washington ein Rahmenabkommen, das US-Außenminister Marco Rubio als ersten Schritt in Richtung Frieden feierte. Für viele Libanesen ist es das Gegenteil: Ein Dokument, das israelische Besatzungstruppen im Südlibanon ohne klaren Abzugstermin festschreibt – und ein Präsident, der diesen Zustand mit seiner Unterschrift legitimiert.

Der Mann aus Washington: Wer ist Joseph Aoun?

Joseph Aoun ist seit dem 9. Januar 2025 Praesident des Libanon – gewählt nach einem 27-monatigen Machtvakuum und zwölf gescheiterten Parlamentssitzungen. Was ihn ins Amt brachte, war weniger demokratische Überzeugungskraft als geopolitische Arithmetik: Die USA, Frankreich und Saudi-Arabien hatten massiv Druck ausgeübt, um den früheren Armeechef ins Präsidentenpalais zu bringen. Einer saudischen Quelle zufolge drohten die drei Laender dem Parlamentspräsidenten Nabih Berri damit, finanzielle Hilfe zu entziehen, sollte Aoun nicht gewählt werden.

Aoun war kein politischer Neuling im westlichen Sinne, sondern ein Militär mit engen Bindungen an Washington: Er hatte in den USA eine Ausbildung in Terrorismusbekämpfung absolviert und als Armeechef jahrelang US-Militärhilfe für die libanesischen Streitkräfte koordiniert. Für Iran-Experte Arash Azizi von der Universität Boston war Aouns Wahl ein weiterer Nagel im Sarg der Achse des Widerstandes – jenes von Teheran aufgebauten Netzwerks aus regionalen Verbündeten, zu dem traditionell auch die Hisbollah gehört.

In seiner Antrittsrede versprach Aoun eine neue Phase für den Libanon: Kampf gegen Korruption, Stärkung staatlicher Institutionen, Entwaffnung nichtstaatlicher Akteure. Er betonte, dass nur der Staat das Recht auf den Einsatz von Waffen habe und die israelische Besatzung im Südlibanon beendet werden müsse. Die Frage ist, ob er diesen Anspruch noch aufrecht erhalten kann.

Das Rahmenabkommen: Was steht drin – und was fehlt

Das in Washington unterzeichnete Dokument sieht ein Ende der Feindseligkeiten vor und schafft laut Libanons Botschafterin Nada Hamadeh Moawad einen ersten Schritt zur Wiederherstellung der libanesischen Souveränität.

Was es nicht vorsieht, ist ein konkreter, termingebundener Abzug der israelischen Streitkräfte aus dem Südlibanon. Stattdessen sollen in zwei Pilotprojekten libanesische Streitkräfte schrittweise die Kontrolle in besetzten Gebieten übernehmen – unter Aufsicht des US-Militärs, das prüfen soll, ob die Hisbollah die Gebiete nicht mehr nutzt.

Damit, so sagen Kritiker, sei der Weg für einen neuen Bürgerkrieg eingeschlagen worden. Denn nicht nur die schiitische Hisbollah und mit ihr verbündete andere Gruppen, sondern auch einige christliche Widerständlicher sehen darin einen Verrat. Denn die libanesische Armee ist weder ausgerüstet, noch geführt, um einen Abzug Israels aus den besetzten Gebieten zu erzwingen, und Israels Regierungspolitiker hatten deutlich gesagt, dass man nicht gedenke, abzuziehen.

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu ließ keinen Zweifel daran, wie er das Abkommen versteht: Das Wichtigste sei, dass Israel eindeutig an der Sicherheitszone im Südlibanon festhält. Er werde das Gebiet nicht verlassen, solange die Hisbollah nicht vollständig entwaffnet sei – eine Bedingung, die Israel de facto als Daueraufenthaltserlaubnis im Nachbarland definiert. Israels Verteidigungsminister Israel Katz hatte zuvor angekündigt, die Region bis zum Litani-Fluss, rund 30 Kilometer nördlich der israelischen Grenze, kontrollieren zu wollen.

Was im Westen als Sicherheitszone bezeichnet wird, nennt die libanesische Regierung selbst eine Besatzung. Ministerpräsidenten Nawaf Salam hatte vor der Unterzeichnung wiederholt betont, sein Land könne kein Abkommen unterzeichnen, das keinen vollständigen israelischen Truppenabzug vorsehe. Dass das Abkommen nun dennoch kommt, zeigt: Entweder hat Aoun seinen Regierungschef überstimmt – oder beide haben die Rhetorik der Souveränität längst der Realpolitik der Abhängigkeit geopfert.

Der Widerstand antwortet: Hisbollah und Iran lehnen ab

Die Hisbollah-Miliz hatte an den Verhandlungen in Washington gar nicht teilgenommen und lehnt das Ergebnis kategorisch ab: Sie fühle sich nicht an das Rahmenabkommen gebunden. Hisbollah-Parlamentsmitglied Hassan Fadlallah sagte dem libanesischen Sender Al Mayadeen, das Abkommen könnte nur durch einen von den USA unterstützten Bürgerkrieg durchgesetzt werden. Hisbollah-Chef Naim Kassim bekräftigte: Israel habe keine andere Wahl und müsse den Libanon bedingungslos verlassen.

Für den Iran stellt der Libanon eine rote Linie dar. Politikwissenschaftler Trita Parsi vom Quincy Institute erklärte gegenüber CNN, Teheran werde keine weitere Waffenruhe wie in Gaza akzeptieren, die löchrig sei wie ein Schweizer Kaese. Der iranische Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf hatte betont: Ein strategisches Ziel des Iran sei der Abzug ausländischer Streitkräfte aus der Region, da diese nicht für Sicherheit, sondern für Instabilität sorgten. Die Unterzeichnung fällt genau in die Phase laufender Nuklearverhandlungen zwischen Teheran und Washington in der Schweiz – ein Timing, das von keiner Seite als zufällig gelten dürfte.

Verrat oder Pragmatismus? Die Frage, die den Libanon spaltet

Netanjahu bezeichnete das Abkommen als schwere Niederlage für den Iran – eine Formulierung, die in Beirut vielen wie ein Beleg dafür klingt, für wen das Abkommen eigentlich ein Gewinn ist. Denn während Aoun von der Wiederherstellung der Souveränität spricht, hält Israel fest: Die Sicherheitszone bleibt, die Entwaffnung der Hisbollah ist Vorbedingung fuer jeden Abzug, und das US-Militär überwacht den Prozess.

Der libanesische Staat wird zum Co-Vollstrecker einer israelischen Sicherheitsdoktrin.

Aoun steht damit vor einem Dilemma, das er sich mit seiner Wahl eingehandelt hat: Er verdankt seine Präsidentschaft jenen Mächten, die nun das Abkommen durchsetzen – den USA, Frankreich, Saudi-Arabien. Ihre finanzielle Unterstützung für den Wiederaufbau des kriegsversehrten Landes ist an politische Gefolgschaft geknüpft. Dabei weiß aber jeder, dass Israel den Wiederaufbau des Südens verhindern wird, denn die Zerstörungen wurden ausdrücklich damit begründet, die Rückkehr von Libanesen zu verhindern.

Gleichzeitig regiert Aoun ein Land, in dem die Hisbollah trotz aller Verluste noch immer in der Lage ist zu lähmen – wie der Chefredakteur von L’Orient-Le Jour, Anthony Samrani, warnte, sei sie verwundet, aber noch lange nicht besiegt.

Ob das Abkommen Bestand hat, ist offen. Die seit dem 19. Juni geltende Waffenruhe wurde von beiden Seiten wiederholt gebrochen. Noch am Donnerstagabend vor der Unterzeichnung hatte Israel erneut angebliche Hisbollah-Mitglieder im Südlibanon angegriffen.

Eine Vereinbarung, die von einer der wichtigsten Konfliktparteien nicht anerkannt wird, auf US-Militärkontrolle im eigenen Staatsgebiet beruht und keinen klaren Abzugstermin enthält, ist kein Friedensabkommen. Es ist ein Verwaltungsrahmen für eine Besatzung.

Zusammenfassung

Präsident Aoun begann seine Amtszeit mit dem Versprechen, den Libanon aus fremder Einmischung zu befreien. Nun hat er ein Abkommen mitgetragen, das israelische Truppen auf libanesischem Boden belässt, US-Militärkontrolle institutionalisiert und die Hisbollah als staatsgefährdende Variable definiert, die vor einem Abzug entmachtet sein muss. Für seine Unterstützer ist das Realpolitik in einer hoffnungslos asymmetrischen Lage. Für einen wachsenden Teil der libanesischen Gesellschaft – und für den Widerstand im Süden des Landes – ist es das, was es dem Wortlaut nach ist: ein Rahmenabkommen, in dem der Rahmen Israel gehört. Sie sagen, Aoun sei ein Vichy-Präsident. Und damit geht der Angriffskrieg gegen den Iran an der Front im Libanon weiter.

Bild: Joesph Khalil Aoun, Wikipedia

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6 Kommentare

  1. Jurgen 27. Juni 2026 um 20:42 Uhr - Antworten

    Welche Farbe hatte diese Farbrevolution im Libanon doch gleich? schwarz?

    • Jurgen 27. Juni 2026 um 20:43 Uhr - Antworten

      Schwarz – wie die Ölmafia.

  2. Jan 27. Juni 2026 um 19:18 Uhr - Antworten

    So wie Wohlstand symbolisch sein kann, kann auch Souveränität symbolisch sein. Gerade in Österreich kennt man sich damit aus.

    Auch die Befreiung durch die Iraner kann symbolisch sein. Ich jedenfalls würde jedem, der kann, raten, die Region bis auf Weiteres zu verlassen.

    Schauen wir mal, ob die Chinesen die Iraner zurück pfeifen? Ich könnte es mir vorstellen! Die Amis werden den Nutzen ihrer Freundschaft bald deutlich machen müssen. Den anderen Regionen in Großisrael muss ja bewusst werden, warum es günstiger ist, sich mit symbolischer Souveränität zufrieden zu geben.

    Vor dem Libanon liegt das Gasfeld Karisch, das vom britisch-griechischen Öl- und Gasförderer Energean mit 1,8 Mrd USD Umsatz ausgebeutet wird. Das ist zwar nur ein Bruchteil von dem, was der Schneekönig jährlich an Geschenken braucht, aber so ganz arm ist man dort auch nicht. Der Investitionsbedarf wird bei stabilen Rahmenbedingungen – das Gasfeld wird mit Israel geteilt – auf 3 Mrd USD geschätzt. Die Chinesen sind ja nicht dumm und dass die Iraner das können, ist eher unwahrscheinlich.

  3. Fritz Madersbacher 27. Juni 2026 um 14:13 Uhr - Antworten

    „Libanon: Die Vichy-Regierung und drohender Bürgerkrieg“

    Der Vergleich ist treffend. Welches Ende die Vichy-Kollaborateure genommen haben, kann jeder in den Geschichtebüchern nachlesen, welches Ende ihre Oberherrn ereilte ebenfalls …

    • therMOnukular 27. Juni 2026 um 16:38 Uhr - Antworten

      Das haben Sie schön gesagt.

      Und ist es nicht ein besonderer Witz der Geschichte, dass die USA zunächst versuchten, ausgerechnet ein loyales Volk gegen seine gewählten Vertreter zu mobilisieren, während man nun ausgerechnet eine unbeliebte (weil von den USA aufoktroyierte) „Regierung“ versucht, gegen eine sehr geschlossene Gesellschaft zu dirigieren?

      Am Ende werden die USA nicht nur jene Regierung des Iran gestärkt haben, die man eigentlich los werden wollte, sondern auch die „Regierung“ im Libanon, die man selbst installierte, verlieren und etwas wie die Hisbollah dafür erhalten.
      So sieht also 4D-Chess der Gesalbten aus….

  4. therMOnukular 27. Juni 2026 um 13:07 Uhr - Antworten

    Es macht einen großen Unterschied, ob man als Armee eine fremde Armee auf eigenem Boden gewähren lässt, oder ob man auf seine eigenen Landsleute schießt, um diese fremde Armee auch noch zu schützen.

    Von allen Beteiligten eines Bürgerkrieges hätte meinen Informanten nach also die „Regierung“ des Libanon die schlechtesten Karten. Denn abgesehen von ihr und den obersten, ausgesuchten Reihen des Militärs ist sich der ganze Rest doch sehr einig: es ist unser Land, nicht das der Nazionisten. Und der große Rest ist sich auch darin einig, dass man keinen Grund hat sich gegenseitig zu bekämpfen, keinen religiösen und auch keinen ethnischen. Und dieses Gefühl erstreckt sich bis nach Syrien – die Hisbollah führt aus, was sich die meisten Menschen denken und wünschen. Keiner im Südlibanon ist bisher auf die Idee gekommen, der Hisbollah die Schuld für die Verwüstungen zu geben, ALLE wissen wo der wahre Gegner sitzt.

    Ich denke auch hier wird wieder die Rechnung ohne den Wirt gemacht und der Wertewesten kalkuliert ein weiteres Mal auf Basis seiner Selbstherrlichkeit und Realitätsferne. Denn so, wie die iranische Regierung von der Bevölkerung gewählt und unterstützt wurde, so hat die libanesische Bevölkerung genug Gründe und Indizien, ihre „Regierung“ loszuwerden – der Wertewesten kalkuliert aber genau anders herum. Man schleudert also schlicht den nächsten Bumerang in die nah-östliche Prärie.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann. Benutzer haften für den Inhalt ihrer Kommentare.

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