Für alle Eroberungen der Geschichte hatten die Eroberten nicht nur mit ihrem Wohlstand, sondern auch mit ihrer Gesundheit und ihrem Leben die Zeche zu bezahlen. Überall, wo Europäer an Land gingen, kam es zu einer Dezimierung der dortigen Bewohner. Das heutige amerikanische Vorgehen hat eine lange Tradition, die mit der Unabhängigkeitserklärung vor 250 Jahren nur den Kontinent wechselte.
Von Beginn der europäischen Eroberungsfahrten ab dem 15. Jahrhundert handelte es sich um Beutezüge. Nachdem die Portugiesen das Kap der Guten Hoffnung umschifft hatten und den Indischen Ozean befuhren, legten sie an, wo es sich zu lohnen schien. An Landgängen waren sie wenig interessiert. Die Kontrolle strategischer Küstenorte sollte ihnen immer genügen. Zwei Drittel ihrer kolonialen Gewinne resultierten aus Zolleinnahmen.i
Wer die geforderten Güter spätestens nach einer Kanonade an Bord brachte, hatte sich wieder für ein Jahr eine Galgenfrist erkauft. Durch die Abgabe von Eigentum konnten die Erpressten ihr Leben retten. Das Überleben hatte einen Preis bekommen.
Blutvergießen und die Vertreibung von Menschen waren keineswegs obligat, wenn mächtige Länder von anderen Gemeinwesen Abgaben verlangten. China kontrollierte im 15. Jahrhundert den Indischen Ozean, verzichtete aber auf Landnahmen. In sieben maritimen Machtdemonstrationen von 1405-33 hob Admiral Zheng He (1371-1433/5) mit einer beeindruckenden Seeflotte für seinen Kaiser Tribute ein. Man setzte auf Handel und Diplomatie. Nur bei der dritten Tour kam es zu Kampfhandlungen. Die Chinesen wollten weder Gesellschaften zerstören, noch ihre Kultur verbreiten. Die gewünschten Abgaben erhielten sie dennoch frei Schiff geliefert.
Den Abendländern war dagegen der Austausch von Kulturen zum gegenseitigen Vorteil fremd, seit die kirchliche Ideologie den Kontinent durchsetzt hatte. Die mit dem Christentum verknüpfte feudale Sozialstruktur, die sich bis heute unter wechselnden Namen hartnäckig hält, sieht in anderen Menschen lediglich abhängige Untertanen.
Während man selbst uneingeschränkt Besitz anhäuft, dürfen Eroberte Sachen und Rechte bestenfalls gegen Lizenzabgaben nutzen. Wo immer Europäer auftauchten, beanspruchten sie Eigentum und Verfügungsgewalt. Die Aggressivität brandmarkte 1604/5 schon ein Siedler in Französisch Amerika: „die Rachsucht und Wut vieler Christen war von der Art, dass man sich von ihnen mehr in acht zu nehmen hatte als vor ungläubigen Völkern.“ii
Der Kolonialismus ist eine Abfolge gigantischer Verbrechen europäischer Mächte im Zuge der Globalisierung der Weltwirtschaft, die seither überall regionale Systeme der Selbstversorgung zerstört. Der rigorose Abtransport des Wohlstands ging mit einer Enteignung und Versklavung der Eroberten einher.
Die Opfer werden im Schulunterricht und der offiziellen Geschichtsdarstellung kaum erwähnt. Lieber verschafft man sich mit Narrativen von eingeschleppten Kinderkrankheiten und entwicklungsbedürftigem Land eine nachträgliche Absolution.
Quellen
i Pelizaeus L: Der Kolonialismus. Geschichte der europäischen Expansion. 2. Auflage S. 67; Marix; Wiesbaden 2017
ii zitiert nach : Lescarbot M: Histoire de la Nouvelle-France. 2. Auflage; Jean Millot; Paris 1866
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Univ.-Doz.(Wien) Dr. med. Gerd Reuther ist Radiologe, Medizinaufklärer und Medizinhistoriker. Er hat eine reihe von Büchern veröffentlicht. Darunter „Heilung Nebensache. Eine kritische Geschichte der europäischen Medizin“, „Hauptsache krank?“ und „300 Jahre Immunisierungsversuche„.
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