Ein Video kursiert seit Ende August durch alternative und regierungskritische Kanäle: Colonel a.D. Lawrence Wilkerson, langjähriger Stabschef von US-Außenminister Colin Powell, spricht im Interview mit dem norwegischen Politologen Glenn Diesen davon, die USA hätten Europas politische, mediale und gewerkschaftliche Elite systematisch gekauft – mit CIA-Geld, unter Mitwirkung von SIS/MI6 und, mit Verzögerung, des Mossad. Wir prüfen die Aussagen.
Namentlich nennt Wilkerson die beiden NATO-Generalsekretäre Jens Stoltenberg und Mark Rutte. Das Gespräch ist mittlerweile in mehreren Sprachen transkribiert und kommentiert worden, unter anderem von Pressenza und Les mots ont un sens.
Was Wilkerson sagt
Wilkerson beschreibt ein jahrzehntelanges Programm, das nach seiner Darstellung ab 2002 – parallel zum Irak-Krieg, in dessen Vorbereitung er selbst involviert war – an Umfang gewann:
Milliarden Dollar seien über CIA und, als Instrument, über USAID geflossen. Gekauft worden seien laut ihm Chefredakteure, Gewerkschaftsfunktionäre, Abgeordnete sowie ganze Länder in ihrem politischen Apparat. Als Kronzeugen für den Erfolg nennt er Stoltenberg und Rutte, deren Aufstieg an die NATO-Spitze er als Frucht gezielter Förderung darstellt – er selbst sei, wie er sagt, „up close and personal“ an Stoltenbergs Aufstieg beteiligt gewesen. Bemerkenswert ist zudem seine Einordnung der aktuellen US-Politik: Er unterstützt, dass Trump und Außenminister Rubio USAID-Mitarbeiter auf unterer Ebene entlassen ließen, kritisiert aber die Entlassung hochrangiger Beamter – eine Differenzierung, die im viral verbreiteten Ausschnitt oft untergeht.
Für den strukturellen Kern seiner These – dass westliche Geheimdienste in der Nachkriegszeit gezielt Medien, Gewerkschaften und Parteien finanzierten – gibt es historische Präzedenzfälle, die unabhängig von Wilkersons Aussage dokumentiert sind, etwa die CIA-Finanzierung des „Congress for Cultural Freedom“ und verdeckter Programme im Nachkriegsdeutschland, dokumentiert im National Security Archive sowie in den Akten des US-Außenministeriums zu Informations- und Propagandaaktivitäten 1952–1954.
Was naturgemäß in einem solchen Gespräch fehlt
Wilkerson liefert im Interview keine Dokumente, Zahlungsnachweise oder Namen von Mittelspersonen für die konkrete Behauptung, Stoltenberg und Rutte seien persönlich gekauft worden. Was er beschreibt, ist im Kern ein Muster: Washington habe erkannt, welche Politiker „formbar“ (malleable) seien, und diese systematisch gefördert – etwa, indem Rutte laut niederländischen Medienberichten als Ministerpräsident betont israelfreundliche und russlandkritische Positionen einnahm, um sich für den NATO-Posten zu empfehlen. Wer da an das Verhalten deutscher Politiker denkt, liegt vielleicht nicht weit von der Wahrheit entfernt. Das ist etwas anderes als eine nachweisbare Bestechung im strafrechtlichen Sinn, auch wenn Wilkerson selbst wiederholt das Wort kaufen verwendet.
Auffällig ist außerdem: Weder Stoltenberg noch Rutte noch die NATO haben sich – soweit recherchierbar – bislang direkt zu den Vorwürfen geäußert. Das ist kein Beleg für ihre Richtigkeit, aber auch keiner für ihre Widerlegung; es zeigt vor allem, dass die Aussage bislang im Raum steht, ohne dass eine Gegenseite sie autorisiert bestätigt oder dementiert hätte.
Der Satz „Europa ist der 51. Staat der Vereinigten Staaten“, der oft an Wilkersons Zitat angehängt ist, stammt nicht aus dem verifizierten Transkript des Diesen-Interviews. Es handelt sich um eine gängige rhetorische Zuspitzung, die in der Rezeption des Videos kursiert, aber redaktionell von Wilkersons tatsächlicher Aussage getrennt werden sollte, um Zitat und Kommentar nicht zu vermischen.
Offene Fragen
- Erstens: Welches Eigeninteresse hat ein Mann, der einräumt, selbst „up close and personal“ an der Installation Stoltenbergs beteiligt gewesen zu sein, an dieser Offenlegung – Abrechnung mit dem eigenen Apparat, Distanzierung von der eigenen Verantwortung, oder beides? Saulus wird Paulus?
- Zweitens: Deckt sich das geschilderte Muster – Auswahl kompatibler Kandidaten statt plumper Bestechung – nicht eher mit dem, was Politikwissenschaftler gewöhnlich als Elitenförderung oder soft power bezeichnen, als mit Kauf im wörtlichen Sinn? Die begriffliche Zuspitzung ist journalistisch wirkungsvoll, aber analytisch nicht dasselbe.
- Drittens: Wie belastbar ist die Fristangabe „sechs bis achtzehn Monate, um diese Individuen loszuwerden“ – bezieht sie sich auf einen konkreten innenpolitischen Prozess in den USA und/oder der EU, oder ist sie eine unbelegte Prognose?
Zu beachten
Wer über Wilkersons Aussage berichtet, sollte daher zwei Ebenen sauber trennen: die strukturelle These (westliche Geheimdienste haben europäische Eliten gezielt gefördert und finanziert) – dafür gibt es historische Evidenz – und die personalisierte Zuspitzung auf Stoltenberg und Rutte, die bislang allein auf Wilkersons Autorität als Zeitzeuge beruht und noch keiner „unabhängigen Verifizierung“, wie westliche Experten so gerne sagen, standgehalten hat. Allerdings sollten europäische Politiker und ihre Karrieren angesichts dieses Geständnisses in der EU und der NATO nun aufmerksamer beobachtet werden.
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