Der Krieg Saudi-Arabiens gegen den Jemen könnte für die EU-Wirtschaft zu einer Katastrophe eskalieren. Riad stockt seine Besatzungstruppen im Jemen auf 100.000 Mann auf, während die Stämme von Taizz beschließen, sie loszuwerden. Die Front aber läuft leider nicht so, wie es die Pressestellen beider Seiten gern hätten.
Manche Nachrichten sind so schön, dass man sie sich einrahmen möchte. Diese hier gehört dazu: Saudi-Arabien und die „international anerkannte“ Regierung des Jemen bereiten eine Großoffensive vor. Laut Reuters, wiedergegeben von Ynet, könnten mehr als 100.000 „jemenitische“ Soldaten mobilisiert werden. Gemeint sind vorwiegend von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten bezahlte internationale Söldner. Sie sollen am Boden kämpfen, unter saudischer Aufsicht und mit saudischen Luftschlägen und US-Aufklärung im Rücken. Zur Auswahl stehen ein begrenzter Küstenstoß um die Meerenge Bab al-Mandab oder ein Angriff an mehreren Fronten gleichzeitig, darunter Taizz.
Man beachte die Arbeitsteilung: Die Söldner sterben, Riad dirigiert und die Amerikaner schauen zu. Eine Besatzungsarmee, die sich „Truppen der Regierung“ nennt, ist eben nur eine Besatzungsarmee mit besserem Briefkopf.
Eine Regierung, die man „anerkannt“ nennt
Nun wäre es unhöflich, an dieser Stelle nicht die Sprachregelung zu würdigen. Die Regierung in Aden gilt als „international anerkannt“, die in Sanaa unter Führung von Ansarallah als „international nicht anerkannt“. Das klingt nach Völkerrecht, ist aber vor allem eine Frage der Gästeliste. Anerkannt wird, wer in Riad ein Büro hat. Nicht anerkannt wird, wer tatsächlich die Hauptstadt und den bevölkerungsreichen Norden verwaltet. Dass die anerkannte Regierung ihre Geschäfte von fremdem Boden aus führt und ihr Haushalt von saudischen Überweisungen lebt, gilt in der internationalen Gemeinschaft offenbar nicht als Schönheitsfehler. Erst vor Kurzem verbuchte das Kabinett wieder eine saudische Einzahlung von rund 60 Millionen Dollar.
Die Mobilmachung selbst ist übrigens amtlich. Verteidigungsministerium und Generalstab riefen auf Weisung von Präsidialratschef al-Alimi zur allgemeinen Mobilmachung auf. Die Rede ist von einer „vollständigen Mobilisierung“, bis die Mission erfüllt sei. Welche Mission genau, bleibt der Fantasie des Publikums überlassen.
Generalmobilmachung der Stämme von Taizz
Dazu passt ein Text, der derzeit in den sozialen Medien kursiert. Seine Aussagen, in aller Kürze:
- Die Stämme: Alle Stämme des Gouvernements Taizz, nicht bloß „einige“, hätten die Generalmobilmachung ausgerufen. Ziel sei es, die „saudischen Söldner“ zu vertreiben, und der Text spricht ausdrücklich von einem Befreiungskrieg gegen zwölf Jahre Besatzung.
- Die Söldner: Gemeint sind die Islah-Partei (der jemenitische Zweig der Muslimbruderschaft), die „Giants Brigades“, die „Nation Shield“-Kräfte und diverse gekaufte Banden. Sie hätten Löhne zurückgehalten („Willst du Sold? Dann nimm den Berg dort“), Hilfsgüter geplündert und seien sogar von eigenen Verbündeten bombardiert worden. Der saudisch gestützte Frontkommandeur Yusuf al-Sharafi sei nach Lahdsch geflohen, ein Stabschef der Notfallkräfte getötet worden.
- Die Front: Die Kräfte von Sanaa hätten das Rasin-Gebirge genommen, die Safiya-Kreuzung erreicht und damit die letzte Nachschublinie nach Aden gekappt. 255 Quadratkilometer seien in 24 Stunden gefallen, außerdem Masahin, die Mukarma-Höhen, Zakira, Bani Muhammad und Kuwayra. Turba stehe vor der Übergabe, Stammesführer verhandelten schon mit Sanaa.
- Die Antwort Riads: Wassertürme, Wohnhäuser, Polizeiwachen und die Umgebung von Entbindungskliniken. Das sei, was ein Aggressor tue, der verliert.
- Die Botschaft: Aus dem „Stellvertreterkrieg“ werde ein „Volkskrieg der Befreiung“. Die Stämme kämpften nicht für den Iran, sondern für Taizz.
Wer hier eigentlich nicht eingreift
Bemerkenswert ist das saudische Verhalten. Während Ansarallah die Stadt Taizz von ihrem südlichen Hinterland abschneidet und die Verbindung nach Aden bei Haijat al-Abd unter Druck steht, lässt die Luftwaffe des Königreichs erstaunlich viel liegen, was dort zu tun wäre. Böse Zungen behaupten, weil die sich mit Luftabwehr verteidigen könnten. Stattdessen werden anderswo Ziele bombardiert, in Sanaa und Saada, und, wie so oft, auch Infrastruktur. Wer Wassertürme und Kraftwerke zerstört, trifft nicht die Frontlinie, sondern die Menschen dahinter. Die Antwort aus Sanaa kam prompt: Laut The Cradle trafen Raketen und Drohnen am 3. Oktober eine Aramco-Anlage in Riad, nachdem Ansarallah binnen 24 Stunden rund 60 Luftschläge und Raketenangriffe auf Sanaa und andere Provinzen gezählt hatte.
Und dann sind da noch die Berichte über Al-Qaida-Kämpfer in Taizz, die mit US-Waffen unterwegs sein sollen. Belegt ist das von unabhängiger Seite nicht, es gehört in die Kategorie „Berichte“. Plausibel klingt es trotzdem für jeden, der die Geschichte kennt: In der Operation Golden Swords standen US-gestützte Regierungstruppen schon einmal Al-Qaida-Kämpfern gegenüber, und später standen sie auf derselben Seite, wenn es gegen die „Huthis“ ging. Die Verlässlichkeit der Kundschaft hat Washington im Jemen nie sonderlich beschäftigt.
Alte Bekannte: Al-Qaida auf der Gehaltsliste der „Anerkannten“
Wer glaubt, die Berichte über Al-Qaida-Kämpfer in Taizz seien eine Erfindung von Propagandisten, sollte in den Archiven der westlichen Presse nachlesen. Schon 2018 deckte die Nachrichtenagentur AP in einer Untersuchung auf, dass die saudisch geführte Koalition Absprachen mit Al-Qaida-Kämpfern getroffen hatte. Manche wurden dafür bezahlt, Städte zu räumen, andere in die Reihen der koalitionsgestützten Milizen aufgenommen, weil sie als hervorragende Kämpfer gelten. Die Siegesmeldungen über „vertriebene Terroristen“ verkündete man trotzdem mit stolzgeschwellter Brust. Zwei der vier wichtigsten Kommandeure an der Rotmeerfront sind laut einem Al-Qaida-Mitglied mit der Gruppe verbündet. Dessen Aussage stützt sich auf vier Mitglieder des Al-Qaida-Ablegers AQAP und zwei Dutzend weitere Gesprächspartner.
Besonders anschaulich ist das Beispiel Taizz. Dort kontrolliert der Salafisten-Warlord Abu al-Abbas mehrere Bezirke. Das US-Finanzministerium setzte ihn im Oktober 2017 wegen Al-Qaida-Verbindungen auf die Terrorliste, er bestreitet die Vorwürfe. Gezahlt wurde trotzdem weiter: Laut seinem Berater flossen weiterhin Gelder aus den Emiraten. Ein anderer Kommandeur, Adnan Rouzek, erhielt 12 Millionen Dollar vom jemenitischen Präsidenten für seine Truppe, und sein engster Mitarbeiter ist ein bekannter Al-Qaida-Mann. Rouzek bestreitet jede Verbindung, das Pentagon wies jede Mitschuld scharf zurück.
Ein früherer Berater des Gouverneurs von Taizz brachte die Logik auf den Punkt: Der Kampf gegen den vermeintlichen iranischen Expansionismus gehe aus Sicht der USA vor, auch vor dem Kampf gegen AQAP und der Stabilisierung des Jemen. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern eine Einschätzung aus der AP-Recherche, die man nur nachlesen muss. Dass nun in sozialen Medien Videos mit vermummten Bewaffneten auftauchen, die Al-Qaida-Kämpfer in Taizz zeigen sollen, ist damit nicht bewiesen, aber auch nicht abwegig. Die Aufnahmen sind unabhängig bislang nicht verifiziert. Der Hintergrund ist es sehr wohl.
Und die Stämme?
Der Text feiert die Stämme als geeinte Volkserhebung gegen Riad. Die Quellenlage erlaubt diesen Jubel nicht. Die Lage der Stämme ist deutlich widersprüchlicher, und der Text verschweigt das elegant:
- Al Jazeera berichtet aus eigener Beobachtung, die Kämpfe um Taizz dauerten seit Anfang September an, ohne größere Verschiebungen, die sich auf die Generalmobilmachung zurückführen ließen. Der Jemen-Redakteur des Senders sieht gerade in Taizz einen Zusammenhalt zwischen Stämmen, lokalen Kräften und Regierungstruppen und schätzt die Basis der Regierung in Sanaa dort als schwach ein.
- Die „offizielle“ Regierungsseite meldet, 71 Operationen gegen „Huthi-Ansammlungen“ in Taizz durchgeführt zu haben. Das ist eine Behauptung, aber sie spricht nicht für eine Armee, die sich bereits aufgelöst hat.
- Die „255 Quadratkilometer in 24 Stunden“ stammen aus einem Text, der sich selbst als Siegesmeldung versteht. Eine unabhängige Bestätigung gibt es dazu nicht. Der Nebel des Krieges ist noch zu dicht.
Das ändert nichts am Kern. Dass die Menschen in Taizz seit Jahren zwischen allen Fronten leben, dass Löhne ausbleiben und Hilfsgüter verschwinden, ist seit Langem dokumentiert. Dass sich die Stämme gegen saudische Kommandeure stellen, ist nicht unplausibel, denn Loyalität lässt sich nur begrenzt kaufen. Ob sie sich aber auf die Seite von Sanaa stellen oder einfach nur auf ihre eigene, ist offen.
Die Zusammenfassung
Eine Besatzungsmacht, die 100.000 Mann braucht, um die „international anerkannte“ Regierung in ihr eigenes Land zurückzutragen, hat ein Legitimationsproblem. Ein Bündnis, das gleichzeitig Wassertürme bombardiert und von „Befreiung“ spricht, hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Und wer als Gegenseite jeden Quadratkilometer in Siegesmeldungen verwandelt, noch bevor ihn ein Dritter gezählt hat, sollte sich fragen lassen, warum die Zahlen so seltsam rund klingen.
Fest steht, dass nicht nur die Menschen in den umkämpften Gebieten leiden, sondern dass, sollte Saudi-Arabien wirklich 100.000 Krieger bezahlen, der Krieg sich ausweiten wird, blutiger wird, und auch der Schiffsverkehr darunter leiden könnte. Was letztlich Frachtraten weiter steigen lässt und die „Supply-Chaines“ der EU beeinträchtigen dürfte. In einer Phase, in der die EU immer mehr Millionen in den Krieg gegen Russland pumpt.
Bild: Screenshot von Bericht über die Schlacht von Taizz (Fragezeichen im Titel, nicht auf dem Bild)
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Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 
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Saudi-Luftangriffe auf jemenitischen Markt: Mindestens sieben Tote
1 Kommentar
„Könnte für die EU-Wirtschaft zu einer Katastrophe eskalieren“. Ich glaube ich lese nicht richtig. Wir haben schon viel zu hohe Energiepreise und eine maximal steuer-, migranten- und oligarchengeile Bundesregierung. Was soll da noch schlimmer kommen?
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