Eine Chronologie der Vertreibung, der gebrochenen Waffenstillstände und der Frage, die der Westen jahrzehntelang nicht stellen wollte.
Der 7. Oktober 2023 wird im westlichen Diskurs meist als Anfang erzählt — als ein Bruch, ein plötzliches Ereignis, das eine zuvor bestehende Ordnung zerstörte. Diese Erzählung hat eine Funktion: Sie verlegt den Ursprung des Konflikts in die Gegenwart und erspart die Frage nach dem, was davor lag.
Wer die Vorgeschichte kennt, weiß, dass Gaza keine isolierte Enklave am Rand einer friedlichen Region war, sondern das Endprodukt einer Kette von Ereignissen, die bis in die Mandatszeit und das Jahr 1948 zurückreichen. Wer diese Kette ignoriert, kann jeden Ausbruch von Gewalt nur als irrationalen Akt deuten — und muss sich nie mit den strukturellen Ursachen befassen.
Die folgenden Quellen dokumentieren diese Vorgeschichte im Detail. Sie sind unbequem, weil sie nicht mit der vertrauten Erzählung vom „Unabhängigkeitskrieg“ zusammenpassen.
Der Balfour-Brief und seine zweite Hälfte
Am 2. November 1917 versprach der britische Außenminister Arthur Balfour in einem Brief an Lord Rothschild, die Regierung Seiner Majestät werde „die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“ begünstigen. Dieser eine Satz ist weltbekannt.
Weit weniger bekannt ist der unmittelbar folgende Satz — jene Klausel, die ausdrücklich festhielt, dass „nichts getan werden soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte bestehender nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina beeinträchtigen könnte“. Die palästinensische Bevölkerung, damals die überwältigende Mehrheit, wurde in diesem Dokument nicht einmal beim Namen genannt. Sie erschien nur als „bestehende nichtjüdische Gemeinschaften“ — in ihrer eigenen Heimat.
Der vollständige Text der Balfour-Deklaration findet sich in der Jewish Virtual Library. In einem Middle East Eye-Artikel wird, argumentiert, dass genau diese zweite Hälfte der Seite nun zum ersten Mal ernsthaft gelesen werde.
Ein Imperium versprach einem Volk eine nationale Heimstätte in einem Land, das überwiegend von einem anderen bewohnt war, und sicherte diesem anderen gleichzeitig zu, seine Rechte würden unangetastet bleiben. Die Geschichte lieferte 1948 ihr Urteil über diesen Widerspruch.

1948: Nakba statt „Unabhängigkeit“
Für Israelis war 1948 das Jahr der Staatsgründung. Für Palästinenser war es die Nakba — wörtlich: die Katastrophe. Rund 750.000 Menschen flohen oder wurden vertrieben; hunderte Städte und Dörfer wurden entvölkert oder zerstört. Die detaillierte Chronologie der Ereignisse vom 15. Mai 1948 bis zum 20. Juli 1949 ist in der ICAH-Dokumentation nachlesbar, die ihrerseits auf der Interactive Encyclopedia of the Palestinian Question basiert.
Die Chronologie zeigt ein Muster, das in der öffentlichen Debatte kaum vorkommt: Die israelischen Streitkräfte nutzten die von der UNO vermittelten Waffenstillstände systematisch, um genau jene Operationen durchzuführen, die diese Waffenstillstände hätten verhindern sollen.
Der erste Waffenstillstand als Deckmantel
Der erste Waffenstillstand dauerte vom 11. Juni bis zum 8. Juli 1948. Laut der Chronologie nutzten die israelischen Streitkräfte genau diese vier Wochen, um „mit der massiven Zerstörung von Dörfern von Vertriebenen zu beginnen“ — darunter al-Mazar im Unterbezirk Haifa, Fajja bei Petah Tikva, Biyar Adas, Miska, Hawsha und al-Manshiyya bei Akko.
Der zweite Waffenstillstand und die „Säuberung“
Noch deutlicher wird das Muster während des zweiten Waffenstillstands (18. Juli bis 15. Oktober 1948). Die Chronologie dokumentiert, dass die israelische Armee unter Verletzung dieses Waffenstillstands Militäroperationen innerhalb oder nahe der Waffenstillstandslinien durchführte, um palästinensische Dörfer zu zerstören und ihre Bewohner zu vertreiben:
- Operation Shoter (24.–26. Juli): Angriff und Einnahme der Dörfer Ayn Ghazal, Jaba‘ und Ijzim im „Kleinen Dreieck“ südlich von Haifa
- Operation Nikayon — zu Deutsch: „Säuberung“ (24.–28. August): Besetzung des Küstengebiets westlich von Yibna und nördlich von Isdud
- Vertreibung der Beduinen im Negev von Ende August bis Mitte Oktober
Der Name der Operation ist keine Interpretation, sondern der historische Terminus technicus. Wer von „ethnischen Säuberungen“ spricht, verwendet keine politische Kampfvokabel, sondern die wörtliche Übersetzung einer militärischen Bezeichnung.
Die Operationen Yoav und Hiram: Waffenstillstand gebrochen, Gebiet erobert
Am 15. Oktober 1948 brach die israelische Armee den zweiten Waffenstillstand und startete die Operation Yoav (auch „Operation Zehn Plagen“) gegen die ägyptischen Streitkräfte. Die Chronologie beschreibt sie als die bis dahin intensivste Luftoffensive des Palästinakriegs, begleitet von Beschuss von See und Bodenangriffen an einer breiten Front.
Das Ergebnis war die Vertreibung Zehntausender Palästinenser nach Hebron oder Gaza sowie die Eroberung von:
- Bir al-Sabi‘ (21. Oktober)
- Bayt Jibrin (27. Oktober)
- Isdud (28. Oktober)
- al-Dawayima (29. Oktober) — wo laut Chronologie „ein Massaker verübt wird, um die Bewohner zum Verlassen zu bewegen“
- al-Majdal (4. November)
Parallel dazu startete die israelische Armee vom 28. bis 31. Oktober die Operation Hiram im Norden, besetzte Mittel- und Obergaliläa und vertrieb zwischen 50.000 und 60.000 Palästinenser. Israelische Truppen drangen dabei in den Libanon ein und besetzten mehrere libanesische Dörfer.
Am 4. November 1948 forderte die UN-Sicherheitsratsresolution 61 den Rückzug der Truppen auf die Stellungen vor dem 14. Oktober — also auf die Linien, die vor dem Bruch des Waffenstillstands gegolten hatten. Die Resolution 62 vom 16. November verlangte einen Waffenstillstand in allen Teilen Palästinas. Beide Resolutionen wurden durch die militärischen Fakten überholt.
Lidd, Deir Yassin und die Schlüssel der Großeltern
Der Middle East Eye-Artikel erinnert an zwei Orte, die zu Symbolen wurden:
- Deir Yassin — Monate vor der Staatsgründung wurde das Dorf zum Synonym für ein Massaker, das die Fluchtwelle maßgeblich beschleunigte. Eine Karte der zerstörten palästinensischen Dörfer bietet Al Jazeera.
- Lidd — im Juli 1948 wurden die Einwohner, deren Zahl durch Flüchtlinge aus umliegenden Dörfern angeschwollen war, zu Fuß durch die Sommersonne getrieben (dokumentiert bei Salon).
Als die Kämpfe endeten, durfte die große Mehrheit der Flüchtlinge nicht zurückkehren. Viele bewahrten die Schlüssel zu Häusern auf, die sie nie wiedersehen würden — und gaben sie an ihre Kinder weiter. Diese Schlüssel sind das materiellste Argument gegen die These, die Vertreibung sei ein bloßer Kollateralschaden gewesen. Wer einen Schlüssel aufbewahrt, geht davon aus, dass er ihn noch brauchen wird.
Die Faluja-Tasche: Waffenstillstand gebrochen, Dörfer geräumt
Ein besonders lehrreiches Kapitel liefert die sogenannte „Faluja-Tasche“. Das ägyptisch-israelische Waffenstillstandsabkommen vom 24. Februar 1949, unterzeichnet auf Rhodos, sah ausdrücklich die Rückkehr der in der Faluja-Tasche eingekesselten Truppen nach Ägypten vor. Die ägyptischen Einheiten — unter ihnen ein gewisser Gamal Abdel Nasser — hatten dort bis Kriegsende Widerstand geleistet.
Doch laut der ICAH-Chronologie zwangen israelische Einheiten zwischen dem 1. März und dem 21. April 1949 „2.000 bis 3.000 Dorfbewohner, die Faluja-Tasche unter Verletzung des israelisch-ägyptischen Waffenstillstandsabkommens zu verlassen“. Gleichzeitig schloss Israel die Besetzung des Negev bis nach Umm Rashrash (Eilat) ab.
Das Muster wiederholt sich: Ein Abkommen wird unterzeichnet, und die militärischen Fakten, die es eigentlich einfrieren sollte, werden unmittelbar danach zu Lasten der palästinensischen Zivilbevölkerung verändert.
Von 1949 nach Gaza: Wie aus einer Chronologie eine Enklave wurde
Die Waffenstillstandsabkommen von 1949 — mit Ägypten (24. Februar), Libanon (23. März), Jordanien (3. April) und Syrien (20. Juli) — schufen keine Friedensgrenzen, sondern militärische Waffenstillstandslinien. Das ägyptisch-israelische Abkommen stellte offiziell einen Streifen Palästinas „unter ägyptische Militär- und Verwaltungshoheit“ — den heutigen Gazastreifen.
Damit war Gaza von Anfang an kein normales Territorium, sondern das Produkt eines militärischen Arrangements. Die Flüchtlingsbevölkerung, die dorthin getrieben worden war, wurde nie in eine politische Lösung integriert. Aus dem Provisorium wurde ein Dauerzustand — über Jahrzehnte, über Besatzung, Blockade und wiederholte Kriege hinweg.
Wer den 7. Oktober verstehen will, muss diese Kontinuität sehen: Gaza ist nicht 2007 oder 1967 entstanden, sondern 1948/49 — als Auffangbecken für die Vertriebenen einer Katastrophe, die nie anerkannt, nie wiedergutgemacht und nie beendet wurde.
Der Green-Party-Beschluss: Die Grenze verschiebt sich
Ein aktuelles Ereignis markiert, wie sehr sich der Auffassungen der Realität verschoben haben. Auf ihrer Jahreskonferenz stimmte die Green Party of England and Wales mit 1.022 zu 813 Stimmen dafür, sich formell als antizionistisch zu positionieren. Der angenommene Antrag definiert Zionismus als ethno-nationalistisches Projekt, lehnt die Gleichsetzung von Antizionismus mit Antisemitismus ab und bekräftigt die Unterstützung für die palästinensische Befreiung, das Rückkehrrecht und einen einzigen demokratischen Staat auf dem gesamten historischen Palästina.
Britische Parteien haben Benjamin Netanyahu schon oft kritisiert. Sie haben die Zerstörung Gazas verurteilt, den Siedlungsausbau beklagt und ein Ende der Besatzung gefordert. Die Grünen haben eine andere Grenze überschritten: Sie stellen nicht mehr das Verhalten einer israelischen Regierung infrage, sondern die Ideologie, auf der der Staat errichtet wurde.
Dass dies ausgerechnet in Großbritannien geschieht, verleiht dem Moment sein historisches Gewicht. Großbritannien war kein Zuschauer bei der Geburt des zionistischen Projekts in Palästina — es war einer seiner wichtigsten imperialen Sponsoren. Das Mandat, unter dem Großbritannien das Land durch die entscheidenden Jahrzehnte regierte, in denen zionistische Einwanderung, Siedlung und Institutionen die Grundlagen des künftigen Staates legten, folgte direkt auf die Balfour-Deklaration. Diese folgte wiederum der Eroberung von Gaza durch britische Truppen am 7. November 1917. Im Ersten Weltkrieg wurde die Stadt in drei Schlachten um Gaza durch britisches Bombardement erheblich zerstört.
Die Meinungsverschiebung in Zahlen
Die Gaza-Kriege haben diesen Konsens zerbrochen. Nach YouGov sagten in den Wochen nach dem 7. Oktober 2023 je 19 Prozent der Briten, sie sympathisierten mehr mit Israel bzw. mit den Palästinensern.
Bis September 2025 hatte sich die Sympathie für die Palästinenser auf 38 Prozent verdoppelt — der höchste Wert im YouGov-Tracking — während die Sympathie für Israel auf 12 Prozent fiel. In zwei Jahren wurde aus einer gleichmäßig geteilten Öffentlichkeit eine, die drei zu eins für die Palästinenser Partei ergreift.
Die Definition des Staates
Der eigentliche Streitpunkt liegt tiefer als bei jeder einzelnen Regierung. Israels Nationalstaatsgesetz von 2018 erklärt Israel zum Nationalstaat des jüdischen Volkes, hält fest, dass nationale Selbstbestimmung im Land „einzigartig für das jüdische Volk“ sei, und erklärt jüdische Siedlung zum nationalen Wert, der gefördert werden soll.
In einem Land, dessen indigene Bevölkerung Vertreibung, Exil, Besatzung und den stetigen Verlust ihres Landes erlitten hat, reserviert der Staat das Selbstbestimmungsrecht für ein einziges Volk und macht die Besiedlung dieses Landes zum nationalen Wert. Kein Regierungswechsel kann das hinwegerklären. Es steht in der Definition des Staates.
Ein Staat, der Selbstbestimmung für ein Volk reserviert, baut Ungleichheit in seine Fundamente ein. Ein Staat gleicher Bürger — palästinensischer und jüdischer — beseitigt sie.
Eine notwendige Unterscheidung
Um diese Definition infrage zu stellen, braucht es eine Unterscheidung, die zu oft verwischt wird: Das Judentum ist eine alte Religion und Zivilisation. Jüdischsein ist eine Identität von außerordentlicher Vielfalt. Der Zionismus ist eine moderne politische Bewegung. Israel ist ein Staat.
Sie sind nicht austauschbar. Ein Staat ist keine Religion, eine Ideologie ist kein Volk, und kein Staat erwirbt Immunität vor Prüfung, weil er beansprucht, für ein Volk zu sprechen, das Jahrhunderte der Verfolgung erlitten hat.
Zu behaupten, Antizionismus sei inhärent judenfeindlich, begeht genau die Gleichsetzung, die sie angeblich ablehnt: Sie presst Millionen vielfältiger jüdischer Menschen in eine einzige Ideologie und macht sie kollektiv für die Handlungen eines Staates verantwortlich. Viele Juden lehnen diese Gleichung ab, und jüdischer Widerstand gegen den Zionismus ist keineswegs neu.
Die Unterscheidung ist wichtig, weil Antisemitismus real ist und seine Geschichte in Nazi-Deutschland monströs. Genau deshalb sollte er weder verharmlost noch dazu benutzt werden, eine Ideologie jenseits jeder Prüfung zu stellen. Aber er darf auch nicht gegen die Palästinenser gerichtet werden, die selbst Semiten sind, so wie alle araber.
Was das für den 7. Oktober bedeutet
Die Vorgeschichte ist keine Entschuldigung für Gewalt — sie ist die Bedingung, unter der Gewalt überhaupt verständlich wird. Wer den 7. Oktober als isoliertes Ereignis behandelt, betreibt keine Analyse, sondern Geschichtslöschung. Er blendet aus, dass:
- Gaza 1948/49 als Auffangbecken für Vertriebene entstand,
- die Waffenstillstände von 1948/49 wiederholt gebrochen wurden, um palästinensisches Gebiet zu erobern und Dörfer zu räumen,
- die Flüchtlinge nie zurückkehren durften,
- und der Staat sich 2018 per Gesetz die Selbstbestimmung für ein einziges Volk reservierte.
Die Green-Party-Abstimmung zeigt, dass die Grenze des Sagbaren sich verschiebt. Zum ersten Mal wird in der westlichen Politik nicht nur die Regierung, sondern die Gründungsideologie selbst zum Gegenstand der Debatte. Damit wandert die Frage dorthin, wo sie hingehört: zurück nach 1948 — und zu der Frage, die westliche Politiker jahrzehntelang vermieden haben, ob die palästinensische Vertreibung eine tragische Folge der Staatsgründung war oder von der Art, wie diese Gründung geschah, nicht zu trennen ist.
Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇
3 Kommentare
„Wer die Vorgeschichte kennt, weiß, dass Gaza keine isolierte Enklave am Rand einer friedlichen Region war, sondern das Endprodukt einer Kette von Ereignissen, die bis in die Mandatszeit und das Jahr 1948“ und sogar in die Zeit davor „zurückreichen.“
Schon vorher haben zionistische Terrorgruppierungen die Region in Angst und Schrecken versetzt, Morde verübt, gebrandschatzt, d. h. im Grunde das gemacht, was ISrahellis am besten können und immer noch tun.
Die Chronologie der Vernichtung Palästinas kann man in diesem Artikel bis zum Jahr 2021 chronologisch aufgelistet verfolgen. https://mitschka.blogspot.com/p/die-geschichte-der-physischen.html
Danke Dr. Peter F. Mayer für eine weitere chronologische Darstellung nach Jochen Mitschka!
Diese Artikel tragen sehr zum Verständnis der verworrenen Lage Palästinas und Israels bei!
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