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Politik

Drei Jahre nach dem 7. Oktober: Was belegt ist, was offen bleibt – und wer die Aufklärung blockiert

2 Kommentare 7. Oktober 2026 10 Minuten Lesezeit von Jochen Mitschka

Rund 1.200 Tote, 251 Verschleppte – und seither eine Flut von Berichten, Armeeuntersuchungen und Zeugenaussagen, die das erste Bild vom „Überfall aus dem Nichts“ in wesentlichen Punkten verändert haben. Eine Bestandsaufnahme.

Am Morgen des 7. Oktober 2023 töteten Kämpfer der Hamas und anderer bewaffneter Gruppen nach israelischen Angaben rund 1.200 Menschen und verschleppten 251 Geiseln in den Gazastreifen die gegen oft jahrelang, teilweise ohne Verhandlung durch Israel inhaftierten Palästinenser ausgetauscht werden sollten. Unter den Toten waren nach israelischen Angaben mehr als 800 Zivilisten und rund 300 Soldaten. Wie viele der Toten durch eigenes Feuer starben, ist bis heute nicht beziffert (dazu unten mehr). Am Kern ändert das nichts: Menschen wurden in ihren Häusern, auf einem Festival und in Militärposten getötet, Zivilisten wurden entführt. Nichts entschuldigt die Entführung von Kindern. Bewaffnete Siedler sind keine Zivilisten sondern Kombattanten. Vorsätzliche Tötung von Zivilisten, egal von welcher Seite und Geiselnahme sind Kriegsverbrechen, und sie müssen so benannt werden.

Ebenso gilt: Das Bild der ersten Tage – ein Angriff aus heiterem Himmel auf einen ahnungslosen Staat, der sich anschließend nur verteidigt – hat sich in mehreren Punkten als falsch oder unvollständig erwiesen. Eine im Sommer 2024 erschienene Chronologie der Ereignisse („Gaza, Kolonialismus auf Drogen“) hatte einige dieser Punkte früh angesprochen: den auffallend schwach bewachten Grenzzaun, Warnungen ägyptischer Stellen, Hubschrauberfeuer auf Fliehende. Seither sind Belege hinzugekommen. Für manch andere damals geäußerte Vermutung gilt dagegen: Sie ist bis heute nicht bewiesen.

Es begann nicht am 7. Oktober

Falsch ist die Behauptung, dass der Konflikt am 7. Oktober begann. Die jungen Hamaskämpfer, welche aus dem quasi-Gefängnis Gaza ausbrachen, das unter einer Blockade Israels leidet, griffen Siedlungen an, die auf den Mauern ihrer Dörfer errichtet worden waren, aus denen ihre Vorfahren 1948 vertrieben worden waren. Seitdem hatte die ethnische Säuberung niemals aufgehört, auch wenn man das im Westen dementiert. Und auch Gaza ist bereits mehrmals bombardiert worden. Israel ignorierte weit über 60 UN-Resolutionen und mehrere IGH-Urteile, welche die Besatzung Palästinas für unrechtmäßig erklärten. Deshalb wird die Hamas, in der Mehrzahl der Länder, außer in ehemaligen Kolonialländern und von ihnen abhängigen Staaten nicht als Terrororganisation, sondern Widerstandskämpfer anerkannt. Lediglich 41 Staaten sehen die Hamas als Terrororganisation. Das mindert nicht mögliche Kriegsverbrechen der Gruppe.

Der Schießbefehl: Was dokumentiert ist

Am besten belegt ist der Einsatz der sogenannten Hannibal-Direktive, jener Regel, nach der die Entführung israelischer Soldaten „um jeden Preis“ verhindert werden soll – notfalls auf Kosten ihres Lebens. Offiziell galt sie als abgeschafft. Die Zeitung Haaretz berichtete im Juli 2024 anhand von Dokumenten und Zeugenaussagen, dass sie am 7. Oktober an drei Militäreinrichtungen angeordnet wurde, die von der Hamas überrannt worden waren – darunter ein Funkspruch, eine Angriffsdrohne zum Stützpunkt Erez zu schicken, obwohl dort Soldaten in der Gewalt der Angreifer waren.

Der Journalist Ronen Bergman schrieb in Yedioth Ahronoth, die Armee habe am Mittag des 7. Oktober faktisch alle Einheiten angewiesen, die Rückkehr bewaffneter Gruppen nach Gaza um jeden Preis zu stoppen; rund 70 Fahrzeuge seien von Hubschraubern, Drohnen und Panzern zerstört worden. Oberst a. D. Nof Erez, früher Luftwaffe, beschrieb das Vorgehen der Besatzungen im Haaretz-Podcast als eine Art Hannibal im Massenmaßstab: Tausende Menschen in Fahrzeugen aller Art, mal mit, mal ohne Geiseln. Yedioth Ahronoth zufolge verschossen 28 Kampfhubschrauber im Lauf des Tages ihre gesamte Munition, darunter Hunderte Hellfire-Raketen und Bordkanonengranaten; erst allmählich seien die Piloten zu gezielterem Feuer übergegangen. Alle diese Berichte sind bei ABC zusammengefasst.

Belegt sind Befehle und Praxis, Fahrzeuge auf dem Weg nach Gaza um jeden Preis zu stoppen, in dem Wissen, dass sich Geiseln darin befinden konnten, sowie Todesfälle israelischer Zivilisten durch eigenes Feuer. Wer die große Zahl von Fahrzeugen sah, welche nur durch Hellfire-Raketen zerstört worden sein konnten, muss annehmen, dass die Opferzahl viel höher ist, als offiziell eingeräumt. Nach den Angriffen wurden mehr als 1.500 zerstörte Fahrzeuge aus der gesamten Region (darunter Privatwagen, Motorräder, Krankenwagen und auch zurückgelassene Pick-ups der Angreifer) geborgen und auf einem Gelände nahe dem Moschaw Tkuma im Süden Israels zusammengetragen. Was „Zur Erinnerung an Hamas Terror“ ausgestellt wurde, sollte eher zeigen, wie groß die Zerstörungskraft der israelischen Armee gegen die leicht bewaffneten Aufständischen war.

Nicht belegt ist ein ausdrücklicher Befehl, israelische Zivilisten als solche zu beschießen. Haaretz schrieb, man wisse nicht, wie viele Zivilisten und Soldaten durch diese Verfahren getroffen wurden.

Die Warnungen: Ein Plan, der bekannt war

Die New York Times enthüllte im Dezember 2023, dass israelische Militär- und Geheimdienste bereits mehr als ein Jahr vor dem Angriff einen rund 40-seitigen Plan der Hamas mit dem israelischen Decknamen „Jericho-Mauer“ besaßen. Er beschrieb den späteren Ablauf in weiten Teilen: Raketenbeschuss, Drohnen gegen Überwachungskameras und automatische Waffenstationen, Eindringen per Gleitschirm, Motorrad und zu Fuß. Die Führung hielt ihn für zu ehrgeizig, um realistisch zu sein. Im Juli 2023 warnte eine erfahrene Analystin der Einheit 8200 nach einer großen Hamas-Übung, das sei kein Fantasieszenario, sondern ein Plan, der einen Krieg auslösen solle. Ihre Vorgesetzten wiesen die Warnung zurück. Offizielle räumten gegenüber der Zeitung später ein, dass der Angriff bei ernsthafter Behandlung der Hinweise hätte abgeschwächt oder verhindert werden können.

Hinzu kommen Warnungen von außen. Ein ägyptischer Geheimdienstvertreter sagte, Israel habe wiederholte Warnungen vor „etwas Großem“ ignoriert. Wie konkret und wie hochrangig diese Hinweise waren, ist umstritten. Die Armee selbst kam in ihren Untersuchungen im Februar 2025 zu einem vernichtenden Ergebnis: Es habe in den zwei Jahren vor dem Krieg mindestens zehn Warnzeichen gegeben, der Geheimdienst habe seine Grundannahmen nie überprüft, selbst die Anzeichen in der Nacht davor seien nicht als Alarm erkannt worden, und der Generalstabschef habe von „Jericho-Mauer“ nichts gewusst. Persönliche Verantwortung wies die Untersuchung niemandem zu.

Ein Funkspruch um 5.20 Uhr

Im Juli 2025 sagte der Golani-Soldat Shalom Shitrit (auch Sheetrit geschrieben) vor dem Reservisten-Lobbyforum der Knesset aus. Das ist kein offizieller Untersuchungsausschuss, sondern ein parlamentarisches Forum. Sein Stellvertretender Kommandeur habe am 7. Oktober um 5.20 Uhr am Außenposten Pega bei Be’eri per Funk durchgegeben, es sei ohne Begründung angeordnet worden, bis neun Uhr keine Patrouillen am Zaun durchzuführen. Er nannte das ungewöhnlich: Es gebe keinen Morgen ohne Patrouille. Der Angriff begann gegen 6.30 Uhr. Die Aussage ist bei The Canary und bei Great Reporter wiedergegeben.

Soweit erkennbar, wurde die Aussage bisher vor allem von alternativen Medien aufgegriffen. Eine Stellungnahme der Armee, die den Befehl bestätigt, erklärt oder dementiert, ist nicht bekannt. Zum allgemeinen Zustand der Grenzsicherung liegen außerdem Aussagen vor einer von Angehörigen gegründeten zivilen Untersuchungskommission vor: Überwachungssoldatinnen berichteten von defekten Kameras, fehlenden Waffen, mangelnder Ausbildung und fehlenden Anweisungen für den Fall eines Überfalls.

Die Untersuchung, die nicht stattfindet

Premier Netanjahu lehnte eine unabhängige Untersuchungskommission zunächst ab, solange der Krieg andauere. Später argumentierte er, die Richter seien ihm gegenüber voreingenommen. Die Regierung betont, das sei keine Ablehnung einer Untersuchung an sich. Im November 2025 beschloss sie stattdessen, ein Ministergremium unter Justizminister Levin solle Zusammensetzung und Auftrag einer „unabhängigen“ Kommission festlegen. Ein Gesetzentwurf für eine politisch besetzte Kommission passierte die vorläufige Lesung mit 53 zu 48 Stimmen; Kritiker, darunter Angehörigenverbände, werfen der Koalition vor, sich selbst zu untersuchen.

Der Oberste Gerichtshof erließ im Herbst 2025 eine Anordnung, wonach die Regierung begründen muss, warum sie keine staatliche Kommission einsetzt; es gebe, so die Richter, keinen echten Streit über deren Notwendigkeit. Die Regierung antwortete, das Gericht habe gar nicht die Befugnis, sie dazu zu zwingen. Selbst Generalstaatsanwältin Gali Baharav-Miara, die die Regierung sonst vor Gericht vertritt, hält die staatliche Kommission für den einzigen im Gesetz vorgesehenen Weg. Am 27. April 2026 gab das Gericht der Regierung zwei weitere Monate Zeit. Nun hat die Regierung dem Gericht mitgeteilt, ihr Gesetz werde erst nach der Wahl am 27. Oktober fertig; die Generalstaatsanwältin sprach sich Mitte August dafür aus, die Einsetzung der nächsten Regierung zu überlassen.

Laut einer Umfrage der Hebräischen Universität vom April wollen 72 Prozent der Israelis eine Untersuchung. Drei Jahre nach dem schwersten Sicherheitsversagen ihrer Geschichte gibt es keine Kommission mit vollen Befugnissen. Die zivile Kommission, die Hinterbliebene 2024 aus Protest gegründet haben, hat keine Zwangsmittel. Ausgerechnet im Wahlkampf wird die Untersuchung zum Thema selbst kleiner Parteien – Aufklärung hängt jetzt am Ergebnis der Wahl.

Der Völkermord-Vorwurf: Mehr als eine Randposition

Der Vorwurf betrifft nicht den 7. Oktober selbst, sondern den Krieg danach. Er ist längst aus der Nische heraus. Amnesty International kam im Dezember 2024 zu dem Schluss, Israel habe nach der Völkermordkonvention verbotene Handlungen mit der spezifischen Absicht begangen, Palästinenser in Gaza zu zerstören. Human Rights Watch sprach im selben Monat von Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Form von Ausrottung und von Völkermordhandlungen. Im Juli 2025 erklärten mit B’Tselem und Physicians for Human Rights Israel erstmals zwei große israelische Organisationen, Israel begehe in Gaza einen Völkermord – Amnesty nannte das einen Meilenstein. Am 16. September 2025 stellte die UN-Untersuchungskommission unter Navi Pillay fest, Israel sei für einen Völkermord in Gaza verantwortlich.

Die israelische Regierung weist den Vorwurf als Verleumdung zurück. Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, hatte den Begriff zum Zeitpunkt des Kommissionsberichts nicht verwendet. Er erklärte diplomatisch, dass nur ein Gericht verbindlich Völkermord feststellen könne. Im September 2025 reagierte Türk auf einen UN-Kommissionsbericht und erklärte vor Journalisten, dass die Beweise für einen potenziellen Völkermord zunehmen und man eine kontinuierliche Anhäufung von Kriegsverbrechen sehe. Israel müsse Maßnahmen zur Verhinderung eines Völkermordes ergreifen.

Also „rechtlich verbindlich“ entschieden ist nichts, das kann noch 10 Jahre dauern: Der Internationale Gerichtshof hat einstweilige Anordnungen erlassen, welche von Israel missachtet wurden, und das Hauptverfahren läuft weiter – die Schriftsatzfristen reichen bis Mai 2029, und Israel hat die Zuständigkeit des Gerichts bestritten. Für den Artikel am Jahrestag heißt das: Der Vorwurf ist gut dokumentiert und von seriösen Stellen erhoben, ein Urteil gibt es nicht.

Derweil sitzt Deutschland wegen der möglichen Komplizenschaft bzw. Nichtverhinderung eines Völkermordes oder Kriegsverbrechen vor dem IStGH auf der Anklagebank. Eine Verurteilung wegen der Verweigerung der Verhinderung eines MÖGLICHEN Völkermordes muss nicht abwarten, bis über einen Völkermord vor dem IGH entschieden wurde.

Zu hinterfragen

  • Wie viele Menschen starben am 7. Oktober durch israelisches Feuer – und auf wessen Befehl im Detail?
  • Wer entschied, warum die Warnungen von 2022 und 2023 folgenlos blieben, und was geschah in der Nacht davor?
  • Was steckt hinter dem Befehl, den Shalom Shitrit schildert – und warum äußert sich die Armee nicht dazu?
  • Wer entscheidet nach dem 27. Oktober, ob eine unabhängige Kommission eingesetzt wird?

Ohne diese Antworten bleibt der 7. Oktober für alle Seiten ein politisches Argument statt eines aufgeklärten Ereignisses. Ohne diese Antworten hat der 7. Oktober einen „seltsamen Geruch“. Und er bietet reichlich Stoff für Thesen und „Verschwörungstheorien“.

Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇


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2 Kommentare

  1. Leontinger
    Antworten

    Danke Jochen Mitschka für diese Zusammenfassung. Alle Punkte die sonst nie erwähnt werden, wie die Hannibal-Doktrin, sind wichtig! Ebenso wieviele Israeli vom israelischen Militär erschossen wurden.
    Ich hoffe sehr, dass Subjekte wie Netanyahu und Ben Gvir und andere ihrer gerechten Strafe zugeführt werden.
    Der ganze 7.Oktober Skandal gehört ehrlich aufgeklärt!

  2. Jakob
    Antworten

    Dazu – wiedereinmal – ein traumhafter (Achtung Ironie und Sarkasmus!) Bericht auf ORF.at

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