Was in Frankreich seit Mitte September auf der Straße liegt, ist keine „Jugendgewalt“ und kein „Integrationsproblem“. Es ist der erste offene Zahltag eines Gesellschaftsmodells, das jahrzehntelang auf Pump gelebt hat – auf Kosten derer, die jetzt 15, 16, 17 sind.
Die Bewegung begann am 17. September 2026 am Lycée Antoine-de-Saint-Exupéry in Créteil, südöstlich von Paris – eine Solidaritätsaktion von Schülern mit streikenden Lehrern, die auf Personalmangel aufmerksam machten. Innerhalb von zwei Wochen wurde daraus eine landesweite Bewegung.
Was die Zahlen hergeben:
- 400 bis 500 von landesweit rund 3.700 Gymnasien am Montag, dem 5. Oktober, ganz oder teilweise geschlossen
- Am Freitag zuvor: 735 Schulen betroffen, allein in der Region Île-de-France mehr als ein Drittel aller Gymnasien
- 24 Schulen wurden nach Angaben des Bildungsministers „in Brand gesetzt oder verwüstet“
- Rund 5.000 Festnahmen seit Beginn der Proteste, 85 bis 87 Prozent davon Minderjährige
- 78 verletzte Beschäftigte des Bildungsministeriums
- Sachschaden: nach Schätzungen mehrere zehn bis 30 Millionen Euro
- In Lens verlor ein 15-Jähriger durch eine Polizeigranate eine Hand
Dazu die strukturelle Vorgeschichte, die kaum jemand sauber aufschreibt: Zum Schuljahresbeginn 2025/26 waren landesweit rund 2.000 Lehrerstellen unbesetzt. Die Regierung will im Budget 2027 43 Milliarden Euro einsparen – auch bei Gebietskörperschaften, also genau dort, wo die Schulinfrastruktur hängt. Die Zinslast des Staates liegt bei fast 80 Milliarden Euro – mehr als das gesamte Bildungsbudget.
Das ist der Kern: Frankreich gibt mehr für seine Schulden aus als für seine Schulen.
Politik gegen die eigene Bevölkerung
Wer die Videos aus dem Lycée Paul-Éluard in Saint-Denis gesehen hat, weiß, worum es geht: Ratten im Treppenhaus, Kakerlaken, undichte Decken, Wände, die Wasser absondern, wenn man dagegendrückt. Klassenzimmer mit 35 Schülern. Kein fließendes Wasser auf manchen Toiletten. Ein Schulgebäude, dem die Feuerwehr 2025 die weitere Nutzung verweigern wollte.
Und das in einem Land, das gleichzeitig Milliarden in die Ukraine und in Aufrüstung pumpt, wie TKP-Kolumnist Gerald Markelt auf X vermerkt.
Der Konflikt um Politik
Markel hat in zwei viel gelesenen Threads und seiner TKP-Kolumne den entscheidenden Punkt herausgearbeitet, den die Feindbild-Prediger systematisch verdrängen (Thread 1, Thread 2):
- Die Protestierenden sind eben nicht „Migranten“. Es sind französische Staatsbürger in dritter Generation – und zunehmend auch Kinder „weißer“ Eltern, wie die Bilder zeigen.
- Die Konfliktlinie verläuft nicht zwischen Ethnien oder Religionen, sondern zwischen Generationen.
- Migration und Klima liegen bei jungen Europäern erst an vierter oder fünfter Stelle ihrer Sorgen. An erster Stelle: Zukunft, Wohnen, Arbeit, Perspektive.
Das deckt sich mit den strukturellen Daten: In den Banlieues liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei über 30 Prozent. In Frankreich insgesamt beträgt die Jugendarbeitslosigkeit der 15- bis 24-Jährigen mehr als 20 Prozent – gegenüber einem OECD-Schnitt von 11 Prozent. Fast 90 Prozent der jungen Menschen, die einen Job ergattern, können davon die Lebenshaltungskosten eines eigenen Haushalts nicht decken.
Die „Wohnung unter 30″ ist längst eine Illusion. Die WG, einst Kulisse einer amerikanischen Sitcom, ist die reale Lebensperspektive einer ganzen Generation geworden.
Interessant dabei: Die herrschende Antwort der Regierung ist die alte Doppelstrategie – Dialog zeigen, hart zuschlagen. Justizminister Darmanin fordert, Eltern für die Schäden ihrer Kinder in Regress zu nehmen. Die Polizei setzt am Montag erstmals Überwachungsdrohnen ein. Und die Staatsführung verbreitet die Gegenerzählung: Die Jugend werde von Linksextremisten manipuliert.
Das ist die klassische Enteignung von Protest: Wenn man die Forderungen nicht erfüllen kann, erklärt man die Träger der Forderungen für fremdgesteuert.
Die verdeckte Repression
Man muss das aussprechen: Die Reaktion des französischen Staates ist nicht harmlos.
- 5.000 Festnahmen, davon 87 Prozent Minderjährige – nach Angaben von Mélenchon mehr als während der Mai-Revolte 1968. (n-tv)
- Tränengas gegen Minderjährige, Räumung von Blockaden ohne Rücksicht auf das Alter der Protestierenden.
- Amnesty International spricht von „unverhältnismäßigem Einsatz“ gegen Kinder; die Menschenrechtsliga prangert eine „weitgehende Abkehr vom Rechtsstaat“ an.
- Der Fall des 15-Jährigen von Lens, der durch eine Polizeigranate eine Hand verlor, steht exemplarisch für das, was passiert, wenn der Staat die Kontrolle über seine eigene Gewalt verliert.
Die französische Regierung reagiert auf einen Protest gegen marode Schulen mit Militarisierung und Drohnen. Das ist die eigentliche Nachricht – nicht die brennenden Mülltonnen.
Der TKP-Beitrag „Wenn wir nicht Frankreich werden wollen, müssen wir handeln“ hat den entscheidenden Satz schon formuliert: Was da in Frankreich passiert, kann in Bälde ganz Europa passieren – aber nicht, weil die Staatsmacht nicht genug auf Migranten draufhaut, sondern weil unser gesamtes Gesellschaftsmodell zu Lasten der Jungen aufgebaut ist.
Die politische Rechnung ist bereits sichtbar: Eine Studie der Fondation Jean-Jaurès schätzt, dass Mélenchon (LFI) aus einer Bewegung sozialer Wut bis zu 9 Prozentpunkte gewinnen könnte – aber Marine Le Pen bis zu 10.
Der Ruf zu einem landesweiten sozialen Aufstand am 17. Oktober zirkuliert bereits. Die Universitäten solidarisieren sich. 30 bis 40 Hochschulen beteiligen sich. Der Hochschulminister warnt selbst vor einer Ausweitung.
Frankreichs Schüler sind die Vorreiter. Ähnliches wird auch in anderen Ländern Europas passieren. In Spanien etwa wegen der horrenden Wohnungsmieten und -preise dank die Immobilienhaie, in Deutschland (vielleicht) wegen der Einberufungsbefehle und der Energiekosten. Alex Krainer prognostiziert Die Entwicklung hin zu Klassenkämpfen im Westen.
Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇
15 Kommentare
Die arab. Jugend, auch die in der dritten Generation, ist jedenfalls zutiefst antijxdisch. Weswegen sie offenbar primär von Linksextremen unterstützt wird, die wohl eigentlich eher rechtsextrem sind. Das ist Isr.kritik vermengt mit Neid jnd Hass. Es gibt aber auch eher Rechte, die das sympathisch finden…bei aller Kritik, besonders von N., pauschaler Hass ist auch nicht OK. Es gibt sehr viele J., besonders in Amerika, die Isr.s Politik kritisieren und es gab immer sehr feine Menschen unter ihnen. Denken wir zB an Stefan Zweig und Kritiker, etwa Arthur Köstler, und wunderbare Künstler…
Verstärkt sich das in EUropa, s. auch die Koalition der SED und der Islamisten in Berlin, dann hat das nichts Gutes. Statt zu plündern und zu mxrden, sollte man es doch noch einmal mit der Vernunft versuchen, ob man den Karren nicht doch noch aus dem Dreck ziehen könnte, mit vereinten Kräften. Freilich, der Wähler kommt wie immer zu spät, und viele Wahlen haben wir nicht mehr. Das nächste wären friedliche Demos aller Bürger á la Corona in Wien – alte und junge. Die Masse machts, nicht die Gewalt. Wir zünden keine Feuerwehrleute an, wir zerstören keine Autos, wir txten keine Polizisten…
Fällig wären Friedensdemos, Ende der Russlandsanktionen, wir wollen im Winter nicht frieren wegen der paar Oligarchen, die am Krieg verdienen und die überall in der EU ihre Marionetten installiert haben. Deswegen wäre eine Demo – raus aus der EU – auch sehr zu unterstützen.
@“Die arab. Jugend, auch die in der dritten Generation, ist jedenfalls zutiefst antijxdisch.“
Das sind aber sogar viele Yoden auch. Kürzlich erfahren – der Vorsitzende der britischen Green Party mit massiver Isr-Kritik ist yodischer Abstammung: https://de.wikipedia.org/wiki/Zack_Polanski
Schalom!
Hass und Kritik sind etwas Unterschiedliches. Ich habe ja auch geschrieben, dass es doch einige J. gibt, die Isr.s „Politik“ und Vorgehen gegen die Palästinenser kritisieren, besonders auch in Amerika.
Hingegen ist der Hass der muslimischen Jugend und ihrer linksextremen Unterstützer eher nicht bloß Kritik, sondern reiner Antidingsbums. Das ist halt so extrem, weil es um Religionen und Ideologien geht. Dem pauschalen Hass sollte man aber entgegentreten, statt ihn zu unterstützen, mein ich halt, denn man tut, wie Sie selbst festgestellt haben, auch vielen unrecht. Und nicht nur jenen, die Bibi nicht mögen, sondern vielen anderen auch…
Welches Gesellschaftsmodell? Die demographische Überalterung durch die Babyboomer, der Bevölkerungsschwund durch die Glücksspritze, der relative Mangel an preiswerten Ressourcen und eine Politik mit esoterischen Zielen fallen zusammen.
Die Folge ist Degrowth und ein Verlust der Industrieproduktion, auch wenn Blödsinn die Zahlen aufbläht. Und das merken bereits alle.
Der Gegenmainstream sieht dahinter ein neues Modell, das durch einen Great Reset eingeleitet werde. Das muss erst einmal funktionieren! Mit Zensur und Reiseverboten ist keine demokratische Entscheidung mehr möglich, von katastrophalen Auswirkungen würde man nicht einmal erfahren.
Den Alten ists egal, die machen das Kreuz immer an derselben Stelle. Die Jungen wollen eine Zukunft.
„die Jungen präsentieren der Macron-Politik die Rechnung“
Oh ja, die Jungen…
Echt
Der Schweizerische Verein WIR bringt es auf den Punkt genau:
„Bürgerproteste und bürgerkriegsähnliche Zustände werden als Fundament dienen, die Menschen weiter in ihren Grundrechten und der Bewegungsfreiheit auf lokaler Ebene einzuschränken und sie in ihren 15-Minuten-Städten wie in einer Haftanstalt gefangen zu halten. Bewegungsfreiheit wird es nicht mehr geben.“
Ausschnitt aus der Sendung Agenda 2030 – 17 Ziele der nachhaltigen Zerstörung:
https://www.kla.tv/Agenda2030/28306?utm_source=substack&utm_medium=email
„Die Protestierenden sind eben nicht „Migranten“. Es sind französische Staatsbürger in dritter Generation“
Doch, auch in dritter Generation sind und bleiben es Migranten – egal ob mit oder ohne französischen Pass, sie haben nunmal einen Migrationshintergrund, auf den die meisten auch mächtig Wert legen. In Dummland z.B. betonen Türken und Araber der zigsten Generation noch stolz, dass sie Türken bzw. Araber sind… Also, warum diesen Migrations-Status leugnen – sie selbst machen es doch auch nicht…
Auch Markel hat hier seinen blinden Fleck (wie jeder Mensch – ausser mir natürlich):
dieser Generationenbruch zieht sich durch etliche Themenbereiche. Prominentestes Bsp momentan ist Palästina.
Ich betrachte heute einmal das Positive: (junge) Menschen vereinen sich hinter Themen, unabhängig von Religion, Ethnie oder Klasse. Könnte ein gutes Omen sein…
Corona schon vergesssen? Da hat sich die überwältigende Mehrheit der Jungen auch vereint – zum Impfen. Auch interessant ist, dass viele politische Aktive dieser Generation, die die Corona-Politik nicht nur mitgemacht, sondern aktiv unterstützt haben, nun auch in der Palästinafrage aktiv sind, gegen die Zionisten. Sollte man bei aller berechtigten Israelkritik immer auch mitdenken.
Die Jugend ist nicht alleine leidtragend. Alle Generationen stöhnen unter dem Joch, was der Bevölkerung durch die Geldvergeudung der linkssozialistischen Globalisten aufgebürdet wird. Geldvergeudung für: (1) Den grünen Wahn (sinnlose CO2 Bekämpfung) (2) Die Massenimmigration der Unqualifizierten (3) Geldgeschenke an die USA (De-Industrialisierung, Pipelinesabotage, Zölle, Waffenkäufe) (4) Geldgeschenke an ukrainische Oligarchen (5) Verfehlte Energiepolitik.
Die Franzosen gehen auf die Strasse, die Deutschen leiden still, wie im 3. Reich.
@,
der deutsche leidet nicht
zumindest 3) betrifft aber vor allem das rechte Spektrum und wird durch 4) ergänzt und sicher noch massivst ausgebaut, wenn sie dann wirklich was zu sagen haben. Und natürlich Israhell massivst unterstützt werden mit freigewordenen Resourcen der anderen Punkte… womöglich ein wenig besser, aber andererseits auch nicht.
Apropos Israhell – die Ungeschnittenen bringen heute den Artikel „CIA-Bericht warnt: Israel könnte auf einen Bürgerkrieg und einen vollständigen Zusammenbruch zusteuern“. Ob es realistisch ist, wenn dort große Mehrheit will, was die Entität eben die letzten Jahre treibt?
@“Und das in einem Land, das gleichzeitig Milliarden in die Ukraine und in Aufrüstung pumpt“
Wie in Schland – doch Mattz bekommt bisher keine Rechnung. Auf schlechte Wahlergebnisse will er mit Verbot der Alternative reagieren.
Ähnlich übrigens in Großbritannien – gestern in den Ungeschnittenen: „Der Westen steht vor dem Chaos …“, wo ich u.a. lese: „… Die Ereignisse im Westen überschlagen sich, während immer mehr herrschende Eliten die Rhetorik hochfahren, um in den Krieg gegen Russland zu ziehen. Kürzlich stimmte in einer britischen Fernsehdebatte ein stramm gestreifter Konservativer der alten Garde mit einem Liberalen darin überein, dass sehr viele Menschen, die dem Plan nicht zustimmen, eingesperrt werden müssten …“
Wollen britische Jugendliche wirklich an die Ostfront?
ja in Schland wird die Rechnung noch brutaler ausfallen, nur muss sie erst noch wirklich gestellt werden. Und es werden andere folgen… und im Ösiland noch schlimmer, nur besser verdeckt und über 2 Ecken.
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